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Sterile Arbeit

Lohnarbeit humanisieren zu wollen, ist aussichtslos.

von Marianne Gronemeyer , erschienen in 48/2018

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Über die Arbeit sind die Meinungen geteilt, aber nicht so, dass die einen sie für einen wahren Segen halten und die anderen sie als lebensvergällendes, wenn auch notwendiges Übel betrachten, je nachdem, in welche Arbeitsverhältnisse es sie verschlagen hat. Es ist vielmehr so, dass der Riss der geteilten Meinung mitten durch ein und dieselbe Person geht. Einerseits steht der drohende Verlust der Arbeit sehr hoch oben auf der Rangliste der Befürchtungen, von denen Menschen heimgesucht werden. Weder der Klimawandel noch Kriegsgefahr können da mithalten, allenfalls unmittelbare gesundheitliche Gefährdung. Andererseits ist Arbeit die meistgehasste Zumutung, die man sich gefallen lassen muss. Wie lässt sich diese Gleichzeitigkeit widerstrebender Gefühle zu erklären? Hat der Arbeitsverächter Paul Lafargue – Schwiegersohn von Karl Marx – recht, wenn er die »Liebe zur Arbeit«, die sich sogar zur »Arbeitssucht« steigern könne, eine »geistige Verirrung« nennt? Ich denke, Lafargue verkennt in seiner Streitschrift, die das »Lob der Faulheit« singt, dass es bei der angeblichen Arbeitssucht gar nicht um Arbeit, sondern um Geld geht – also um den schieren Lebensunterhalt, der sich heute mehr noch als zu seinen Zeiten nur durch Lohnarbeit sichern lässt.
Moderne Lohnarbeit aber bleibt alles schuldig, was die menschliche Arbeit segensreich machen könnte. Sie speist sich aus vielen Quellen, ohne die sie gar nicht zustandekäme: Sie bedient sich der Stoffe der Natur, die zu etwas anderem, als sie es von sich aus sind, verarbeitet werden. Sie greift auf das kulturelle Erbe zurück, das uns von denen hinterlassen wurde, die vor uns waren, zum Beispiel auf die Sprache, die zur Verständigung unerlässlich ist, oder auf den unermesslich vielgestaltigen Schatz an Werkzeugen, die uns unsere Arbeit erleichtern oder sie überhaupt erst ermöglichen. Sie belegt die Erfahrungen, Fertigkeiten und die Fantasie, die jeder und jede einzelne im Lauf des Lebens erworben hat, ebenso mit Beschlag wie die Gütemaßstäbe, die über viele Generationen hinweg durch Bewährung und Übereinkünfte herausgebildet wurden. Sie verlässt sich auf die Bereitschaft der Menschen, gut und hart zu arbeiten – wir nennen das heute »Motivation«; früher war das wohl eher eine Mischung aus herber Notwendigkeit und Hingabe, Freude an dem, was unter den Händen oder vom Kopf her vor den eigenen Augen entstand. Sie profitiert von dem, was in einer Gesellschaft an Regeln, Normen, Gewohnheiten, Riten und kollektiven Erinnerungen, die den sozialen Zusammenhalt gewährleisten, herausgebildet wurde. Schließlich sind zu jeder Arbeit auch diejenigen, die Nutzen aus dem ziehen, was sie hervorbringt, nötig. All die genannten Quellen versiegen jedoch, wenn die Lohnarbeit die Rückerstattung von etwas, das ihr zugute kam, schuldig bleibt. Moderne industrielle Arbeit ist weder willens noch fähig, solche Rückerstattung zu leisten. Sie schafft ein steriles Klima der ökonomischen Rationalität, der technischen Perfektion, kurz: der Effizienz, des größtmöglichen Ausstoßes von Produkten in der kürzestmöglichen Zeit. Die Sprache verkümmert zu einem funktionalen »Uniquak« (Ivan Illich); Geschicklichkeit, Fantasie und Könnerschaft werden ersetzt und überboten durch die Perfektion der Maschinerie; Gewissenhaftigkeit und unbestechliche Gütemaßstäbe werden abgelöst durch einen fraglosen Gehorsam gegenüber den Maschinen. Wir müssen uns klarmachen, dass, wenn die Rückerstattung an die Quellen der Arbeit ausbleibt, der Mensch selbst auf dem Spiel steht.
Welche Konsequenz wäre daraus zu ziehen? Es ist illusorisch, zu glauben, die derzeitige Arbeitswelt ließe sich humanisieren. Es gehört zu ihrer Funktionslogik, dem Effizienzdenken Vorrang vor allem anderen zu geben, und sei es um den Preis, ihre eigenen Existenzbedingungen zu ruinieren. Wir müssten über Desertion nachdenken, Systemdesertion. Natürlich sind wir mit Haut und Haaren der Arbeit für Geld ausgeliefert. Aber wir könnten uns daran erinnern, dass jeder Euro, den wir nicht brauchen, einen winzigen Zugewinn an Freiheit bedeutet. Das heißt, wir könnten versuchen, dem Arbeitsmarkt als Produzenten so viel Kraft, Zeit und Fantasie, und dem Supermarkt so viel Geld wie möglich zu entziehen, um kleine Spielräume für das, was ich »rückerstattende Arbeit« nenne und was Ivan Illich »Eigenarbeit« nannte, zu gewinnen. In Illichs Schrift »Vom Recht auf Gemeinheit« von 1982 heißt es: »Eigenarbeit sagt immer ›Danke, nein!‹. Sie blickt über die warenintensive Gesellschaft hinaus: nach vorn, nicht zurück. Entwicklung hieß seit einigen Jahrzehnten der Ersatz von Unterhaltswirtschaft durch Ware: Eigenarbeit soll der Ersatz von Ware durch eigene Tätigkeit heißen.«

Marianne Gronemeyer
(67) erforscht seit vielen Jahren lebensförderliche Arbeits- und ­Wirtschaftsweisen. 1981 lernte sie Ivan Illich kennen und ist heute im Rat der Stiftung Convivial. www.marianne-gronemeyer.de

Mehr kluge Arbeitskritik lesen
Marianne Gronemeyer: Wer arbeitet, sündigt … Ein Plädoyer für gute Arbeit.
Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2012

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