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Gemeinsame Lösungen für gemeinsame Probleme

Dieter Halbach sprach mit Jascha Rohr darüber, wie gemeinschaftliche Prozesse auch in der Politik möglich werden könnten.

von Dieter Halbach , Jascha Rohr , erschienen in 47/2018

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© Foto: Roland Wehking (IPG)

Das Institut für Partizipatives Gestalten (IPG) von Jascha Rohr und Sonja Hörster versammelt mehr als zehn Jahre Erfahrung in der Begleitung von gemeinschaftlichen Gestaltungsprozessen in unterschiedlichen Kontexten. Jetzt strebt das Institut danach, größere politische Prozesse mitzugestalten.

[Dieter Halbach] Wir sind beide der Ansicht, dass in unserer Gesellschaft gemeinschaftliche Prozesse fehlen und dass es in Lebensgemeinschaften und kooperativen Projekten Wissen und Erfahrungen gibt, die der Gesellschaft dienen könnten. Wo siehst du Möglichkeiten, diese Erfahrungen einzubringen?
[Jascha Rohr] »Gemeinschaft« heißt immer, sich mit anderen auseinanderzusetzen, sich in andere hineinzuversetzen und sich selbst in größeren Kontexten wahrzunehmen. Mein Wunsch ist es, das auf einer größeren gesellschaftlichen und politischen Ebene zu kultivieren, ein Verständnis für unterschiedliche Posi­tionen, Perspektiven und Wahrheiten zu entwickeln und aus ­diesem Verständnis heraus gemeinsam zu gestalten.

Bei den Jamaika-Verhandlungen für eine Regierungsbildung nach der letzten Bundestagswahl zum Beispiel hat das nicht funktioniert.
Es ist wichtig, Prozesse von Verfahren zu unter­scheiden. Prozesse sind Dynamiken, die ohne unser Zutun ablaufen, zum Beispiel die demografische Entwicklung, die Globalisierung oder die Energiewende. Prozesse sind nicht kontrollier- oder steuerbar. Verfahren sind dagegen methodische Abläufe, mit denen wir zum Beispiel etwas entwickeln oder beschließen. Ein kommunales Planfeststellungsverfahren, die Bundestagswahl oder die Brexit-Verhandlungen sind Verfahren. Verfahren können wir gestalten. Sie folgen einer eigenen Logik und widerspiegeln unsere Haltung. Ein gutes Verfahren sollte im Idealfall ein optimales Zusammenspiel mit dem Prozess ermöglichen.
Wenn man nun eine Koalitionsverhandlung gestaltet – ein Verfahren –, dann sollte sie methodisch so aufgebaut sein, dass sie dem äußeren Prozess angemessen ist. Bevor zum Beispiel alle anfangen, sich wegen Details die Köpfe einzuschlagen, wäre es sinnvoller, zu sagen: »Wir fangen noch einmal neu an und schauen, wo wir als Koalitionsgemeinschaft grundsätzlich hin wollen.« Um eine gemeinsame Ausrichtung zu ermöglichen, muss man sich persönlich kennenlernen, sich in­ die je anderen hineinversetzen und Beziehungen aufbauen. Warum nicht ein zwangloses gemeinsames Wochenende mit Kochen, Essen, Spaziergängen und Sauna? Danach kann ein Bogen gespannt werden, der die unterschiedlichen Identitäten hinter einer gemeinsamen Inten­tion versammelt. Daraus können dann Prinzipien sowie ganz konkrete Maßnahmen und Politikvorschläge abgeleitet und krea­tiv entwickelt werden. Aber zuerst kommt die Frage: Was ist das Gemeinsame, welche Intention und Vision teilen wir, die über das hinausgeht, was jede und jeder von sich aus mitgebracht hat?

Das hatte ich als Resümee sogar von einigen Verhandlungs­führern gehört.
Ja, da ist auch einiges passiert. Aber es wurde unterschätzt, wie wesentlich die Beziehungs- und Verständnisebene ist, um sich, insbesondere als heterogene Gruppe, gemeinsam auszurichten. Ich erinnere mich an ein Projekt für die Stadt Frankfurt. Über ein Jahr lang haben wir einen Schulentwicklungs­plan erarbeitet. Es waren gut 500 Beteiligte ­dabei – aus der Verwaltung, den Schulen, der Politik. Wir fingen in einer Atmosphäre an, in der niemand direkt mit dem anderen gesprochen hat. In der ersten Veranstaltung haben wir alle genötigt, sich an gemischte Tische zu setzen. Am Ende gab es von vielen die Rückmeldung, es hätte sie überrascht, dass es allen darum gegangen sei, eine gute Bildung für die Kinder zu ermöglichen. Das war ihnen vorher nicht klar gewesen! Alle dachten, sie seien jeweils die einzigen, denen das wichtig sei, und alle anderen blockierten das. Diese einfache Erkenntnis hat dann das ganze Jahr unsere Zusammenarbeit und die Ausrichtung der Ergebnisse getragen.

Wichtig scheint mir zu sein, dass man dieses übergreifende Ziel nicht nur deklariert, sondern im Prozess erfährt. Wie sind eure Erfahrungen mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen?
Wir kommen ja ursprünglich aus Permakultur- und Gemeinschaftskreisen und haben uns gefragt, ob die Art und Weise, wie wir dort arbeiteten, auch in anderen Zusammenhängen funktionieren könnte. Deswegen haben wir in den letzten zehn Jahren vieles durchprobiert: Wir haben in Unternehmen, in Nicht-Regie­rungsorganisationen und in Kommunen jeder Größenordnung gearbeitet. Wir haben alle gesellschaftlichen Milieus und Altersstufen erlebt. Dabei hat sich gezeigt, dass es möglich ist, tatsächlich mit allen Menschen partizipativ zusammenzuarbeiten. Die Grundlage dafür ist, dass fundamentale menschliche Eigenschaften berücksichtigt und Differenzen zugelassen werden. 

Gibt es bei diesen unterschiedlichen Gruppen so etwas wie eine Basisstrategie für eure Prozessbegleitung?
Ja! Erstens: ­Ergebnisoffenheit. Niemand kennt am Anfang die Lösung, aber der Prozess dahin wird spannend sein. Alle werden dazulernen, sich entwickeln und verändern. Dabei geschieht etwas Magisches.
Zweitens: Prozessorientierung und Verfahrensdesign: Nur wenn wir den Prozess verstehen und Teil von ihm werden, können wir ein passendes, maßgeschneidertes Verfahren entwickeln, in dem Antworten für die prozessrelevanten Fragen gefunden werden können. Drittens: kollaborative und gestaltungsorientierte Methodik. Wir glauben, dass es mehr Sinn ergibt, gemeinsame Lösungen zu entwickeln und zu gestalten, als zu verhandeln und zu diskutieren. Guck dir mal Bilder von Verhandlungen in den Medien an! Da sitzen Menschen mit Keksen, einer Flasche Wasser und einem dicken Stapel Papier um einen Tisch herum, und dann wird verhandelt. Vergleiche das mit dem Bild eines kreativen Inno­vationsworkshops, wo alles mit Post-Its vollgeklebt wird, wo Modelle gebaut und Pläne gezeichnet werden! Mit Methoden zu arbeiten, die Planer, Designer und Gestalter einsetzen, ist etwas völlig anderes, als sich in Diskussionen und Debatten zu verstricken, in denen es oft vor allem darum geht, wer recht hat.

Ein »kluger« Verhandler ist der, der den anderen über den Tisch zieht. Politik als Deal?
Du hast die Jamaika-Verhandlungen angesprochen. Auch was beim Brexit, bei den Klimaverhandlungen oder den Freihandelsabkommen abläuft, sind alles Verhandlungen in der Logik eines Marktplatzes. Jede Seite denkt: Wie kann ich das meiste für mich herausholen? Man nennt das tatsächlich auch »bargaining« – »feilschen» – und man kann froh sein, wenn darüber hinaus auch rational argumentiert wird. Um gemeinsam zu gestalten, muss man sich anders begegnen und anders miteinander arbeiten. Kokreation heißt eben nicht nur, rational Lösungen zu entwickeln wie ein Ingenieur, sondern dass wir uns als Menschen in unserem Kontext auf allen Ebenen begegnen, damit die Lösungen aus dem Prozess heraus entstehen können. Was passiert, wenn wir zusammenkommen – nicht, um miteinander zu feilschen, sondern um uns in einen gemeinsamen Prozess zu werfen? Auf welchen Werten und normativen Vorstellungen soll das basieren?

Wo siehst du Anknüpfungspunkte auf der politischen Ebene? Zeigen Vorbilder, dass ein anderes Vorgehen auch da möglich ist?
Ich habe kein einzelnes Vorbild, sehe aber vielversprechende Ansätze. Ich glaube, viele sind schon auf dem richtigen Weg unterwegs. Die Isländer haben beispielsweise ihre Verfassung online geschrieben. In Deutschland versucht die neue Partei »Demokratie in Bewegung« politische Prozesse anders zu denken und entwickelt neue Verfahrensansätze. Auch Mehr Demokratie e. V. fordert nicht mehr nur Volksentscheide, sondern macht kreative Verfahrensvorschläge. Die Qualität der Klimakonferenzen hat sich in den letzten Jahren verbessert. Anfangs dachte ich: 1000 Leute in einen Raum zu stecken, vorne ein Podest zu haben und dann Texte zu verlesen – so kann man keine Zukunft gestalten. Mittlerweile gibt es auch dort Workshops und Begegnungsräume, wo Lösungsvorschläge kokreativ entwickelt werden.

Die Frage, die allen Ländern für die gemeinsame Erklärung von Paris gestellt wurde, war: »Was könnt ihr zum Klimaziel beitragen?« Also eine kreative und keine restriktive Frage.
Die wissen alle, dass sie im alten Verhandlungsparadigma nicht weiterkommen, und suchen nach Lösungen. Sie sehen Akteure wie dich und mich. Sie fragen: »Wie ihr das macht, kann man so auch in unseren Institutionen arbeiten?« Ich bin sicher, dass es die EU in zehn Jahren nur dann noch gibt, wenn sie es schafft, transparenter und partizipativer zu arbeiten, indem sie neue kollaborative demokratische Verfahren entwickelt.
Wir haben dazu gerade ein spannendes Projekt mit der Schöpflin Stiftung durchgeführt, um herauszufinden, ob man den internationalen Handel in transparenten Verfahren gestalten kann. Die ernüchternde Erkenntnis: nicht ohne Paradigmenwechsel in den Institutionen! Aber wenn der kommt, stehen unsere konkreten Vorschläge bereit.

Wir haben gute Supervisorinnen in der Gemeinschaftsbewegung, Demokratieforscher usw. Was können wir zu dieser Entwicklung beitragen?
Auch in Gemeinschaften haben wir oft ein Problem: nämlich Homogenität und Identität. Wir müssen aber das Gemeinsame in heterogenen Gruppen entwickeln. Das klingt paradox und ist wohl die größte Herausforderung bei der Prozessbegleitung: das Gemeinsame schaffen, ohne alle gleichzumachen und in einen Topf zu werfen – kollektive Intelligenz ohne Kollektiv. Wir brauchen keine einheitliche Weltregierung, aber wir brauchen einen gemeinsamen globalen Gestaltungsprozess. Das war auch die Herausforderung bei Jamaika, und ich hätte mir sehr gewünscht, dass der Prozess gelungen wäre. Aber da sind wir anscheinend noch nicht. Wir müssen noch viel lernen und entwickeln. Vor allem müssen wir gut vorbereitet sein, wenn dieses Wissen abgerufen wird – und ich bin mir sicher: Das wird es!
Die Perspektivenvielfalt sollte sich meiner Überzeugung nach auch institutionell widerspiegeln: Um beispielsweise eine Strategie für nachhaltige Kommunen zu erarbeiten, kann das Globale Ökodorf Netzwerk (GEN) mit dem Städte- und Gemeinde­bund und mit großen Stadtentwicklungsfirmen zusammenarbeiten. Oder lass uns etwa Greenpeace oder den BUND mit Autokonzernen, Parteien und Forschungseinrichtungen zusammenbringen, um fünf Tage lang an einer neuen Mobilitätsvision zu arbeiten! Die haben nicht nur unterschiedliche Meinungen und Ideologien, sondern auch verschiedene Sprachen, Logiken und Arbeitsweisen. Da müssen alle Feindbilder abbauen und heilige Kühe opfern, aber nur so geht’s raus aus dem Feilschen und hin zum gemeinsamen Gestalten. Ich bin der Überzeugung: Das geht! Dafür müssen wir uns Kompetenzen aneignen.

Das erscheint mir als komplementär zu deiner Vision einer »Bundeswerkstatt« als dritter ziviler Kammer der Demokratie.
Richtig! Unsere Initiative der Bundeswerkstatt ging auch in diese Richtung, musste aber heftige Rückschläge einstecken und liegt gerade auf Eis. Man muss wissen, wie dick die zu bohrenden Bretter sind,  wenn man die grundsätzlichen Logiken und Haltungen der großen Institutionen und Systeme verändern möchte. Interessant ist aber, dass mich gerade jetzt, während wir monatelang ohne Regierung und mit irritierenden Koalitionsverhandlungen beschäftigt sind, viele Kollegen wieder auf die Bundeswerkstatt ansprechen. Vielleicht ist es Zeit für einen neuen Versuch.

Wie sieht in dieser Situation deine Strategie aus, und in welche Richtung wirst du weiterarbeiten?
Ich hoffe auf neue Gelegenheiten für Experimente. Statt von einer Minderheitsregierung spreche ich zum Beispiel lieber von einer Gesamtregierung, in der das ganze Parlament gemeinsame Regierungsverantwortung trägt, in aller Unterschiedlichkeit. Krisen sind ja auch immer eine Chance für Paradigmenwechsel. Gleichzeitig versuche ich selbst immer wieder, produktive Ideen und Verfahrensvorschläge in politischen Zusammenhängen einzubringen, zum Beispiel mit den »European Days of Democratic Innovation« für die EU oder eben dadurch, dass wir doch einen Prototypen für eine Bundeswerkstatt hinkriegen. Vor allem aber will ich unsere Erfahrungen und Kompetenzen so weiterentwickeln, dass wir große politische Prozesse begleiten können.

Danke, ­Jascha, für das ermutigende Gespräch.


Jascha Rohr
(41) ist Gründer der Permakultur Akademie und des Instituts für Partizipatives Gestalten. Er forscht an der Frage, wie wir in gemeinsamen Gestaltungsprozessen unsere eigenen Potenziale und die unserer Umwelten heben können.
www.partizipativ-gestalten.de
www.jascha-rohr.de

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