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Die Saat geht auf

Ökodörfer auf der Klimakonferenz COP23 in Bonn.

von Kosha Anja Joubert , Ousmane Pame , Rob Wheeler , erschienen in 47/2018

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© Foto: GEN Photo Archive

Das Global Ecovillage Network (GEN) nahm im vergangenen Novem­ber mit einer Delegation von zwanzig Gemeinschaftsvertretern aus der ganzen Welt an der Klimakonferenz COP23 in Bonn teil. Es war bereits das dritte Mal, dass das Netzwerk mit einem Stand und diversen Veranstaltungen auf den Beitrag der Ökodörfer und Gemeinschaften für den Klimaschutz aufmerksam machte. Zur zentralen Frage der Konferenz, nämlich wie denn die in Paris beschlossenen Klimaziele umzusetzen seien, hatten sie ­einiges beizutragen und stießen damit auch auf ein wachsendes Interesse.
Im Verlauf von Veranstaltungen wie »Der Beitrag von Ökodörfern für Regeneration und Klimaschutz« oder »Die Umsetzung des Pariser Abkommens« wurden verschiedene Ansätze vorgestellt, die die Mitwirkung von Gemeinschaften, Dörfern und urbanen Nachbarschaften in den Mittelpunkt eines gesellschaftlichen Wandels setzen. Besondere Aufmerksamkeit erfuhr das prozess­orientiert ausgearbeitete Ökodorf-Entwicklungs-Programm (EDP) bei Regierungsvertretern von mehr als 20 Ländern, darunter Deutschland.
Nach Einschätzung von Stella Veciana, der Vertreterin des deutschen Ökodorfs Sieben Linden, spiegeln sich jedoch die ­Impulse von Pionieren des Wandels – wie Ökodörfern oder Transition Towns –, die an der Umsetzung des Klimaschutzes bei sich vor Ort arbeiten, in den offiziellen Verhandlungen noch kaum wider. Sie berichtet: »Leider sind die vielen Tausend wunderbaren sozial-ökologischen Initiativen noch nicht einflussreich genug, um die notwendige Transformation hin zu einer regenerativen Entwicklung herbeizuführen.« Daher schlägt Stella eine inten­sivere Zusammenarbeit vor, bei der die Akteure des Wandels ihre Erfahrungen an politische Entscheidungsträger vermitteln und die Sinnhaftigkeit von Maßnahmen zum Klimaschutz gemeinsam diskutiert werden kann.
Zur Veranschaulichung der Erfahrungen, die während der Klimakonferenz gemacht wurden, dokumentieren wir hier zwei Berichte von Teilnehmern aus Europa und Afrika.

Rob Wheeler, GEN-Vertreter bei der UNO, erzählt
Die zwei aufregendsten Erfahrungen bei der COP23 waren für mich das große Interesse von vielen Delegierten an der Entwicklung von Ökodörfern sowie die vereinbarten Umsetzungsschritte für das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Abkommens. Ich nahm auf Seiten der Regierungen eine zunehmende Absicht wahr, dieses Ziel tatsächlich zu erreichen. Zum Beispiel hörte ich immer wieder von Anstrengungen, auf 100 Prozent erneuerbare Energie zu setzen sowie CO2-Neutralität durch regenerative Landwirtschaft (Binden von Kohlenstoff in Pflanzen und Böden) sowie Rückhaltesysteme für Wasser, die natürliche Landschaften erhalten können, zu erreichen.
Zu den vielversprechendsten Aktionen gehören für mich die Bemühungen der Gouverneure der drei westlichsten US-Bundesstaaten, die Treibhausgasemissionen zu senken und auf erneuer­bare Energien umzustellen. Dies bedeutet einen Sichtwechsel, der weit über das hinausgeht, was bisher in den USA auf Regierungsebene getan wurde.
Persönlich am meisten berührt hat mich jedoch ein Film zu den Herausforderungen des kleinen Inselstaats Kiribati, dessen Territorium sich über eine Vielzahl von Inseln im Pazifik ­erstreckt. Der Film versetzte mich in die Lage der Inselbewohner: Stell dir vor, dass die Region, in der du mit deiner Gemeinschaft lebst, aufgrund des Klimawandels vom steigenden Ozean überspült wird. Du musst alles zurücklassen, was du von deinen Vorfahren geerbt und seither gepflegt hast: Felder, Gärten, Häuser, Friedhöfe, alles, was du kennst und liebst – auch die Beziehungen zu Nachbarn, zur Familie und zu Freunden –, vielleicht sogar uralte kulturelle Traditionen. All das ist für immer verloren.
Das ist kein Unglück, das irgendwann in der Zukunft passieren könnte. Schon heute fegen Sturmfluten über die Inseln, Salzwasser vergiftet das Land, Pufferzonen an der Küste und Stützmauern im Meer werden zerstört. Für die Menschen in Kiribati ist der Klimawandel bereits bittere Realität.
Eine Vision der Welt hingegen, wie sie durch Verbreitung der Ökodorf-Praxis entstehen könnte, stellt für mich eine Zukunftsmusik mit einem hoffnungsvolleren Klang dar.
Das bringt mich zurück zum wachsenden Interesse an GEN und dessen Ansatz für nachhaltige kommunale Entwicklung. Ich erinnere mich an den Morgen, an dem Kosha Joubert und Yvette Dzakpasu (die Direktorinnen von GEN) etwas zu essen besorgten, während ich an unserem Stand blieb. Zehn Minuten später kehrten sie mit einer Delegation aus Sambia zurück, die sie beim Anstehen getroffen hatten. Das führte zu einem spontanen halbstündigen Treffen und später noch zu einem Interview, das im sambischen Fernsehen ausgestrahlt wurde. In Sambia ist GEN in ein von der schottischen Regierung finanziertes Projekt involviert, bei dem Schulen in den grünen Mittelpunkt nachhaltiger Dorfentwicklung gesetzt werden.
Kosha und unser Team trafen sich zudem mit Regierungsvertretern aus Simbabwe, Marokko, Jordanien, Mosambik, Armenien, Sierra Leone, Burkina Faso, Gambia, Tansania, Ghana, aus dem Senegal, dem Kongo, von den Philippinen, der Elfenbeinküste und auch aus Deutschland, um zu erforschen, ob und wie nationale Ökodorf-Entwicklungsprogramme in diesen Ländern umgesetzt oder weiter verbreitet werden können.
Ich repräsentiere GEN seit 15 Jahren bei den Vereinten Nationen in New York; noch nie zuvor durfte ich ein solches Interesse an dem erleben, was wir zu bieten haben! Es gibt eine große Bereitschaft, darüber nachzudenken, wie nachhaltige Dorfentwicklung im Sinn von GEN etwas Positives in der Welt bewirken könnte. Nun hoffe ich, dass GEN und wir alle, die in Ökodorf-Gemeinden leben, dazu beitragen werden. Die Welt und unsere Regierungen suchen nach Lösungen. Wir haben Lösungen. Jetzt müssen – dürfen – wir unser Wissen wirklich teilen!
Wir haben den Regierungsvertretern gesagt, dass viele Ökodorf-Gemeinschaften Kohlenstoff in Pflanzen und Böden durch regenerative Landwirtschaft und die Wiederherstellung der natür­lichen Umwelt binden. Die europäischen Ökodörfer sollten nun strategische Pläne entwickeln, um so bald wie möglich CO2-Neutralität zu erreichen. Viele – wenn nicht die meisten von uns – essen bereits bio, lokal und vegetarisch oder zumindest wesentlich weniger Fleisch als der Durchschnitt; wir kompostieren und recyceln unsere Abfälle. Das ist ein guter Anfang. Jetzt gilt es, herauszufinden, wie wir unseren Transport nachhaltig gestalten, unser Konsumverhalten weiter reduzieren und die Biodiversität regenerieren können. Diese Arbeit ist in den Industrieländern Europas und Nordamerikas besonders wichtig.
Wir sind nun mit mehr als 20 Regierungen im Gespräch über eine Zusammenarbeit zur Initiierung nationaler Ökodorf-Entwicklungsprogramme. Die Ergebnisse aus Forschungsprojekten über 30 Ökodörfer weltweit liegen unter dem Titel »Ecovillage Impact Assessment Survey« (Untersuchung über die Wirkung von Ökodörfern) vor. Jetzt ist es an der Zeit, sicherzustellen, dass diese Programme und Aktivitäten in der Realität möglichst vieler Länder verankert werden!

Die Perspektive von Ousmane Pame, Präsident von GEN Afrika
Während der gesamten COP23 sprach sich GEN wie eine vielseitige und harmonische Familie mit einer starken Stimme ­dafür aus, Basisgemeinschaften in die globale Reflexion und das Handeln gegen Umweltzerstörung einzubeziehen. Immer mehr afri­kanische Regierungsbeamte wenden sich bei der Suche nach Unterstützung und Partnerschaften für ganzheitlich-regenerative Entwicklungsprogramme in ihren am stärksten gefährdeten ­Regionen an GEN. Während der COP23 wurden ernsthafte Gespräche unter anderem zwischen dem Ökodorf-Netzwerk und Sierra Leone, der Elfenbeinküste und dem Senegal geführt. Das ist eine sehr ermutigende Entwicklung.
Die Stärke von Ökodörfern liegt darin, dass sie Gemeinschaft stiften. Heute haben wir in ganz Afrika viele solcher kleinen Gemeinschaften, die die Verwüstung gestoppt und in ehemals zerstörten Landschaften Überfluss geschaffen haben. Sekem (Ägypten), Diara (Senegal) und Salayel (Mauretanien) sind gute Beispiele dafür, was Gemeinschaften tun können, um die Umwelt wieder aufzuforsten, die Biodiversität zu unterstützen und gleichzeitig den Wohlstand, das Glück und die Lebensqualität ihrer Mitglieder zu steigern. Ökodörfer sind in der Lage, ihre stark beeinträchtigte Umwelt mit vergleichsweise geringem finanziellen Aufwand und geringer externer Unterstützung zu erneuern. Auch etwa in Namibia, in Simbabwe und im Senegal sind Ökodorf-Gemeinschaften mit den typischen Herausforderungen von heute konfrontiert; mit Hilfe von ganzheitlichen und partizipativen Prozessen gestalten sie die Welt von morgen.
COP23 war für mich eine intensive Zeit der Vernetzungsarbeit mit Regierungen, gleichgesinnten NGOs, Experten und kommunalen Führern. Ich hoffe, dass diese Verbindungen zu einer produktiveren Zusammenarbeit in Bezug auf Knowhow-Transfer und Aufbauhilfe zwischen Institutionen und Gemeinschaften führen werden. Ich hoffe, dass das Panafrikanische Ökodorf-Entwicklungsprogramm mehr Unterstützung von europäischen und afrikanischen Regierungen sowie von internationalen Institutionen erhalten wird. Denn Ökodorfstrategien und -Initiativen sind unerlässlich, um gegen Armut, Migration, Konflikte und die Zerstörung natürlicher Ressourcen anzugehen!

Kosha Joubert beschreibt die nächsten Schritte
Seit Jahren arbeiten wir daran, Ökodorfstrategien zu verbreiten. Letztlich werden jedes Dorf und jede Stadt nachhaltig ökologisch werden müssen, wenn die Welt zukunftsfähig werden soll.
In den letzten Monaten des vergangenen Jahres bin ich nach Brasilien, Armenien, Mosambik, China und Nigeria gereist und stieß überall auf ernsthaftes Interesse, nationale Ökodorf-Entwicklungsprogramme aufzulegen. Mit Armenien und Mosambik verhandelt GEN gerade die Verträge für eine Zusammenarbeit. Sierra Leone, Burkina Faso und die Elfenbeinküste haben mit der Umsetzung schon begonnen und warten nun auf den Besuch eines GEN-Teams, um die Prozesse zu unterstützen und zu vertiefen. Im Moment fehlen hierfür noch die nötigen finanziellen Mittel. Das deutsche Auswärtige Amt unterstützt uns schon seit Jahren – doch wird es wegen den Verzögerungen bei der Regierungsbildung noch einige Monate dauern, bis der neue Haushalt beschlossen ist und wieder Gelder zur Verfügung stehen. In dieser Situation ist GEN auf breite private Unterstützung angewiesen, damit die wichtigen Kontakte gepflegt werden können.


Kontakt und weitere Informationen
Wer sich im Rahmen von GEN engagieren möchte, kann sich unter folgender Mailandresse an Kosha Joubert wenden (sie spricht Deutsch): welcome@ecovillage.org
Die offiziellen Seiten des Bonner Gipfels: www.cop23.de
www.ecovillage.org/climatesolutions
www.ecovillage.org/region/gen-africa
www.ecovillage.org/our-work/advocacy/cop23

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