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Anthropozentrismus aufgeben – Politische Debatten entideologisieren

von Anita Krätzer , erschienen in 47/2018

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Anthropozentrismus aufgeben
Dass der Mensch Teil, nicht Herr, der Schöpfung ist, sollte sich angesichts all der ungewollten Folgen menschlichen Handelns eigentlich herumgesprochen haben. Dennoch herrschen auch in der Ökobewegung anthropozentrische Sichtweisen weiter vor, was zu einer Fülle von fatalen Blindstellen, Realitätsverzerrungen und Fehleinschätzungen führt.
Wenn wir den (Über-)Lebenswert der Natur nach deren Nutzen für den Menschen bewerten, begehen wir einen doppelten Fehler: Zum einen negieren wir die Naturgesetze, die sich eben nicht an den egoistischen Interessen des Menschen ausrichten. Zum anderen ist das menschliche Wissen so begrenzt, dass wir noch nicht einmal den Nutzen einzelner Lebewesen für uns korrekt einzuschätzen vermögen. Man denke nur an die Verkennung der immensen Bedeutung der Insekten für unser Überleben!
Geradezu irrwitzig mutet die Bestrebung an, unserer gesamten Mitwelt einen monetären Wert beizumessen und das damit zu begründen, dass »die Gesellschaft« nur so die Werthaftigkeit der Natur würdigen könne. Dieses Greenwashing der Ökonomisierung allen Lebens macht sich zu eigen, was es zu kritisieren vorgibt, und beschleunigt durch unsere immensen Wissensdefizite über die Vernetztheiten allen Seins die Vernichtung unserer Lebensgrundlagen, statt sie, wie behauptet, zu schützen. Überleben werden wir nur, wenn wir endlich begreifen, was es heißt, Teil der Schöpfung zu sein, und wenn wir uns dann auch entsprechend verhalten.
 

Politische Debatten entideologisieren

Wenn wir die ungeheuren Herausforderungen, vor denen die Menschheit heute steht, meistern wollen, sollten wir endlich ­realitäts- und faktenbezogen statt ideologisch argumentieren und diskutieren. Das bedeutet, dass wir wieder lernen müssen, zuzuhören und immer wieder neu nachzudenken. Doch wer macht sich diese Mühe? Das weitverbreitete Bewerten von Meinungen, Haltungen und Vorschlägen mit scherenschnittartigen Freund-Feind-Schablonen geht an der Vielschichtigkeit der Realität vorbei und verhindert die gemeinsame Entwicklung zukunftsfähiger Alternativen. Wo Andersdenkende diskriminiert und verunglimpft werden und sofort Ausgrenzungsreflexe auslösen, stirbt jede lebendige Demokratie und macht besserwisserischer Herrschsucht Platz. Dort, wo bestimmte Gruppen die Deutungshoheit für sich beanspruchen, sich aber zugleich einer ehrlichen und tabulosen Auseinandersetzung mit der Realität verweigern, statt die eigenen Interpretationsmuster immer wieder auf ihre Realitätstauglichkeit zu überprüfen, kann sich kein repressionsfreier Diskurs entwickeln. Ein Beispiel liefern die alternativen Energien. So werden selbst die gigantischen Offshore-Windkraftanlagen weitgehend kritiklos als Alternative zu Kernkraft und Kohle befürwortet und gefördert, obwohl längst bekannt ist, dass oben die Vögel abrasiert werden und unter Wasser den Meeresbewohnern jegliches Hören vergeht, während gleichzeitig durch die Windräder die Luftströmungen verändert werden, was wiederum das Klima beeinflusst. Hier und in vielen anderen Bereichen einen ergebnisoffenen ­Dialog nach Kräften zu fördern und dabei die unterschiedlichsten Lager an einen Tisch zu bringen, halte ich für eine unverzichtbare Voraussetzung für wirklich wesentliche und tragfähige Zukunftsentwürfe.



Anita Krätzer
verfasste gemeinsam mit Franz-Theo Gottwald das Buch »Irrweg Bioökonomie« und warnte in unserer Ausgabe 35, »Bioökonomie«, vor den Gefahren der totalen Kommerzialisierung des Lebendigen.

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