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Ökologie von innen

von Andreas Weber , erschienen in 47/2018

Bild

© Foto: Valentina Bosio-Raynard

Der Schnee, der mal in weichen Flocken, mal in kleinen Körnern vom Himmel treibt und sagt: Ich bin.
Ich schaue auf einen Busch, ganz kahl, vor der gelben Wand des gegenüberliegenden Hauses, vielleicht eine Zaubernuss oder eine Weide, mit leicht gedrehten Ästen, die in einem Fächer aufsteigen, und frage mich: Was fühle ich? Rührung, ist die ­Antwort. Freude über ein »und doch«, Freude, dass einer es geschafft hat. Und leichte Trauer über die Distanz, die dieser eine zu mir einnimmt. Dieser eine, der kleine, kahle, fast zweidimensionale Busch in der Pfeffer-und-Salz-Landschaft des leichten Schnees draußen ist ganz und vollständig abgeschlossen ein Du. Und er ist ebenso, ganz und vollständig umschlossen, ich. Vielleicht geht so eine Definition des Lebens als Koan: Ein vollkommenes, ganz in sich abgeschlossenes Du, das zugleich ganz und gar ich ist. Da ist das »und doch«, der Hauch der Melancholie im Glück. Ganz fremd, und doch in mir. Ganz in mir, und doch er selbst. Vielleicht ist das ein Schlüssel dazu, ein Ökosystem von innen zu ­verstehen, als Liebesgeschichte. Das will ich künftig versuchen. Als eine ­Geschichte von dem, was ich bin, weil es mir geschenkt wurde von dem, was ich nicht bin.
Das Moos auf dem Ast. Der Ast ist das Moos. Moos, fingerdick, seine Triebe jeweils aus grünen Wirbeln aufeinander geschoben, Sterne in verschiedenen Schattierungen von Grün. Der Ast zeigt sich der Welt als Moos, seine Oberfläche besteht aus der Weichheit, die von Tausenden von Packungen übereinandergeschachtelter Sterne hergestellt wird. Im ganz Ast-Sein verwandelt sich der Ast ins Gegenteil seiner selbst: Keine harte Rinde, sondern der allmählich anschwellende Übergang einer weichen Haut in die widerstandslose Leere des Raums. Neben dem Moos die Flechten, ebenfalls lappig, fransig, weich, ein Hinausgreifen in die Welt, in ihren zarteren Pastelltönen ein In-sich-Hineinrufen der Luft. Entfernt, über dem Grunewald, der erste frühe Schrei kurvender Kraniche.
Es wird mir immer klarer, dass das ökologische Problem in Wahrheit ein demokratisches Problem ist. Ist volle Gegenseitigkeit hergestellt, herrscht auch wirkliche Demokratie. Gegenseitigkeit auf allen Ebenen des Austauschs meint eben, Austausch nicht von vornherein allein als »sozial« misszuverstehen, sondern zu begreifen, dass Essen und Atmen, Lieben und Pflegen ebenfalls essenzielle Formen des Austauschs sind. Sowohl soziale als auch ökologische Probleme beginnen, wenn die Idee der Gegenseitigkeit als kosmisches Prinzip zerstört wurde. Timothy Morton bezeichnet dieses Denken als »Agrilogistik«. Diese nimmt seit der landwirtschaftlichen Revolution im Neolithikum in Kauf, dass die Idee der Gegenseitigkeit als kosmisches Prinzip zerstört wird, damit dem Menschen dienliches Leben um jeden Preis – selbst den des massenhaften Sterbens – erhalten werde.
Die unsichtbaren Tropfen ziehen das Licht an und geben es fein verteilt als ein magnetisches Grau wieder zurück. Es ist das weiße Rauschen der Fertilität: die Präsenz eines universellen Potenzials – oder vielleicht auch einer universellen Zuversicht – aus dem Drang, immer in die Gestalt zu finden. Die Luft, von winzigen Tropfen erfüllt, unerkennbar, unscheinbar, aber gegenwärtig, gegenwärtig wie Licht. Ich atme winzige Prismen ein, die alles enthalten, das Geschehene, diesen Moment, das, was noch kommen wird. Sie enthalten all das nicht in vollendeter Gestalt, sondern als Keim eines anderen, ein Mehr, das in dem Moment erscheint, in dem meine Lungenbläschen es berühren. Das Innerste unseres Atemorgans, unsere Oberfläche, mit der wir atmen (also uns mit der Welt austauschen), besteht aus feinsten mem­branösen Kugeln, aus Bläschen, die nichts anderes als zarte, runde Tropfen sind. An ihrer Haut lassen wir die Lichtprismen der fruchtbaren Feuchtigkeit in uns selbst eintreten. Wir verschmelzen mit der Welt, so wie eine schillernde Seifenblase mit der anderen verschmilzt. Die Umarmung zweier Globen, die zu einem werden, in dessen bunten Schlieren sich die Welt reflektiert, bis er lautlos zerplatzt.
Vor meinem Fenster sucht ein Grünspecht nach Ameisen. Das perfekte Rot seines Hinterkopfs, wie eine Typkarte für eine genormte Farbe. Ich bin so gerührt von seiner Erscheinung, ich muss lächeln und schlucken und weiß doch immer noch nicht genau, warum. Fressen als radikale Kommunion und graziöse Selbstbehauptung. Grünspechtglück. Meisengedanken. Kohlmeisen, die im Hintergrund unter der Hecke Blätter auf der Suche nach Essbarem wenden. Eine Heckenbraunelle klettert durch die kahlen Triebe und frisst die weißen Beeren der Sträucher. Eine der Kugeln passt gerade in ihren ganz aufgesperrten Schnabel.
Das Astwerk der Bäume draußen, das mir so viel sagt. Das ich so intensiv fühle. Fühlen: Die Art und Weise zu sein, wenn man zugleich das eine und das andere ist. Es geht darum, zu zeigen, dass Innenseite nicht nur eine Differenz ist. Lieben heißt, auf eine solche Weise eine Innenseite zu sein, dass diese Innenseite mehr wird, sich mehr mit Außen füllt.
Die schwarzen, vor Stille zitternden Äste, ganz sie selbst, die Spezies und das Individuum und ein Gesicht der vollkommenen Zugehörigkeit. Langsam versinkt das Licht hinter den zärtlich in den Raum greifenden Zweigen, hinter den Zweigen, die den leeren Raum an sich ziehen und mit Willkommen umfangen.
Jede Allmende, die gelingt, ist eine Liebesbeziehung.


Andreas Weber
bereichert unser Denken seit der ersten Ausgabe mit Artikeln wie »Es gibt keine Trennung« oder »Wild und gefährlich?« und durch ­Bücher wie »Alles fühlt« und »Sein und Teilen«.

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