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Plünderungen

von Claus Biegert , erschienen in 47/2018

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© Foto: www.nuclear-free-future.com

Wir leben in einem großen Missverständnis. Weltweit ­holen wir uns alles, was wir brauchen, um unseren Lebens­stil aufrechtzuerhalten. Dabei zerstören wir alles, was wir brauchen, um unser Leben und das aller Mit-­Wesen auf dieser Erde aufrechtzuerhalten.

Während meiner Zeit als Dozent an der Deutschen Journalistenschule in München führte ich regelmäßig einen Workshop durch, der den Titel trug »Kein Thema«. In der Liste der Themen, die offiziell kein Thema sind, nannte ich den Abbau von Uran, der auf allen Kontinenten vergiftete und verstrahlte Regionen hinterlässt, da der Abraum (Wind und Regen preisgegeben) viel gefährlicher ist als das extrahierte Erz. In einem Jahrgang wussten von fünfzehn Studenten fünf, dass die Gewinnung von Uranerz »nicht unproblematisch« ist; diese Zahlen sind insofern von Bedeutung, als dass jährlich rund tausend Anwärterinnen und Anwärter sich um einen Studienplatz bewerben, hundert zur schriftlichen Prüfung zugelassen werden und davon dreißig ans Ziel gelangen. Nach meiner Darstellung der fatalen Folgen beim Uranbergbau rief eine Studentin, die Hände über dem Kopf zusammenschlagend: »Mein Gott, ich habe nie darüber nachgedacht, woher Uran eigentlich kommt. Ich bin immer davon ausgegangen, es sei einfach da.« Ich dankte ihr für diese Offenheit. Unser Gespräch führte dann vom Uran weg ins Globale, denn nichts, außer der Natur, ist einfach da! Was wir brauchen und verbrauchen, ist größtenteils das Resultat von Plünderung. Die Wachstumsgesellschaft ist im Grunde eine Gesellschaft brandschatzender Piraten.

Ein indianischer Begriff meldet sich immer wieder mal, schiebt sich in meine Gedanken, in letzter Zeit vermehrt: »Koyaanisqatsi«. »Ist das nicht der Kult-Film aus den 1980er Jahren, von Godfrey Reggio mit Musik von Philip Glass?«, werden vielleicht ältere Cineasten fragen. Stimmt! »Koyaanisqatsi« ist ein Wort aus der Hopi-Sprache. Die Hopi ­leben auf dem Colorado-Plateau, ihre kleinen Pueblo-Dörfer verteilen sich auf drei Mesas im Südwesten von Arizona. Sie hüten seit gut zweitausend Jahren eine Prophezeiung, aus ihr stammt »Koyaanisqatsi«. Die Prophezeiung wurde mündlich von Generation zu Generation weitergetragen, aber nie mit der Außenwelt geteilt. Dies solle erst geschehen – so die Anleitung, die der Prophezeiung gewissermaßen anhing – wenn »Kürbisse voll heißer Asche vom Himmel fallen und den Tod bringen«. Als die Kunde von den Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki zu den Hopi gelangte, sahen sie den Moment gekommen, mit ihren Warnungen an die Außenwelt zu gehen. Die Prophezeiung mündet in einen Zustand des Zusammenbruchs, aus dem nur ein klarer Kopf herausfindet: Koyaanisqatsi. Übersetzt: Zustand, der aus dem Gleichgewicht geraten ist und nach neuer Balance sucht. Woran können wir Koyaanisqatsi erkennen? Die Prophezeiung ist hier recht präzise: Der Mensch wird in den Weltraum reisen. Erdbeben werden dort sein, wo man sie nicht vermutet. Das Wetter wird sich verändern. Die Menschen werden kopflos umherlaufen. Die Kopflosen werden viele Richtungen als Orientierung vorgeben, aber der Weg wird ein Zickzack sein und nur weiter ins Verderben führen, denn sie erkennen nicht, dass sie selbst das Ungleichgewicht hervorgerufen haben. Je abhängiger wir von der von uns geschaffenen Zivilisation sind, umso geringer ist unsere Überlebenschance. Die Zahl derer, die eine Überlebenschance haben, wird klein sein. Es werden jene sein, die rechtzeitig erkannt haben, dass nur der Einklang mit den Kräften der Natur einen Weg in die Zukunft bietet.


Claus Biegert
schrieb »Von den weißen Wurzeln des Friedens« über irokesische Friedensstifter in Ausgabe 5 zum Thema »Wildnis«. Er begründete den Nuclear Free Future Award.

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