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Über das wirklich Wesentliche – Eine kurze Suche

von Petrus Akkordeon , erschienen in 47/2018

Bild

© Foto: Humantouch

wenn man etwas finden möchte, dann ist es nötig, es entweder zu suchen oder zu warten, bis es zur gleichen zeit am gleichen ort wie man selber ist. wählt man zweiteren weg, so sollte man bereit sein, das gesuchte auch zu erkennen.
als die ritter den heiligen gral suchen sollten, wussten sie nicht wie, wo oder was er sei. nur dass man ihn nicht findet, wenn man ihn absichtlich sucht. so gaben sie ihren pferden die zügel hin und ließen sich tragen, bis das gute tier sie zu dem wunderbaren ziel getragen hatte.
was mag nun das wirklich wesentliche sein? das, was von so großem interesse in diesem augenblick sein könnte?
möglicherweise gehe ich vom ziel aus, denn ich suche nichts. doch klopfe ich mal an die wirklichkeit an.
ich bin ein wesen. alle sind wesen. du und deine katze und die blume sind wesen. vermutlich sogar wirkliche. wir kennen uns und reden miteinander. gemeinsam bauen wir uns das hier und jetzt. mehr wirklichkeit können wir kaum fassen.
und wesentlich?
was ist die innere form oder das, was unsere wesen ausmacht und zusammenhält? das wesen im wesen. hinter der tür ist meist noch eine tür und dahinter wieder eine. es genügt, die klinke zu drücken und in den nächsten raum zu gehen. manchmal klopft man vorher besser an. man weiß ja nie.
also hinter mir und dir, da stehen ich und du.
und wer sind wir? tiere.
man tritt als mensch in den ­nächsten raum und sieht sein tier. da steht, schwimmt, fliegt oder schwimmt es. war­um auch nicht? es hat ja nichts besseres zu tun. es ist so.
aber es ist dunkel. machen wir das licht an. das »licht« steckt auch im wort »wesentlich« und das »wesen« und das »ich«. also leuchten.
es fürchtet sich ja.
das arme tier. plötzlich leuchtet ein stern. wo doch vorher keiner war.
fürchte dich nicht.
wir setzen uns hin. machen uns klein. sind einfach und freundlich. ­strecken die arme aus und geben uns hin. ­warten.
mit der zeit wird das tier neugierig. es kommt näher. man gewöhnt sich schnell. wir beschnuppern uns. riechen, wie wir riechen.
ich bin ich.
sagt man.
und lächelt.
und fürchtet sich nicht.
so einfach. so einfach. so einfach.
man kennt nun das wesentliche im eigenen wesen.
noch eine tür?
wir halten uns fest. die ­wirklichkeit zieht durch uns durch. jemand scheint die fenster und türen nicht zu ­schließen.
halten und sein. sich und sein selbst. ein selbst, das nur durch ein anderes zum selber wird. wir schauen uns an. sagen worte. wollen nicht nur sein. auch lieben.
stehe neben dir und denke darüber nach, ob man jemand ist.
es berührt dich. ach warum nicht? schon, weil du da bist. es streichelt dir dein fell. es sagt es dir. weil du da bist. das ist genug.
ruhe dich aus.
du wirst geliebt.
und fürchte dich nicht.
und wieder weiter.
manchmal sterben.
wie nötig wir sterben.
auch um unsterblich zu sein.
fürchte dich nicht. wirklich, fürchte dich davor nicht.
hinter dem leben wächst eine wiese.
wir grasen schon darauf.
das gras lässt es freundlich zu.
wir müssten nicht. es müsste nicht.
wir sind so frei.
auch zu tun, was man nicht tun muss.
einfach so. so einfach.
du und dein tier. das du selber bist.
noch eine tür?
das wesen ist abwesend.
die stärkste form der wesenheit.
nicht da sein.
alles andere ist erträglich.
alles andere vergeht.
aber wenn es weg ist. ist es so sehr nicht mehr da. dass es dich nicht sein lässt. eine wunde. ein unendlich ­tiefes loch. man steht am rand und sieht hin­ein. es ist so sehr tief. also weint man.
nach einiger zeit.
nach einiger zeit weint man nicht mehr.
das loch ist ein meer geworden.
jetzt ist es gut, wenn man schwimmen kann.
ich fürchte mich nicht. auch wenn ich nicht gut schwimmen kann.
manchmal bin ich salz.
manchmal löse ich mich einfach auf.
später.
später spüle ich mich an einen strand.
einer aus salz und sand und etwas wasser.
ich schüttel mich.
rieche nach nassem mensch und tier.
so ist das eben.
ich sitze neben einer blume. ich ­spreche, und sie antwortet.
wir lächeln.
wir lächeln einfach weiter.
das ist wirklich wesentlich.


petrus Akkordeon
lebte als Hirsch und Haselstrauch auf Zeit. In Ausgabe 15 zum Thema »Spielen«
berichtete er über seine artübergreifenden Selbstversuche.

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