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Verschobene Grundlinien

von Harald Welzer , erschienen in 47/2018

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© Foto: Gregor von Glinski

Mich beschäftigt sehr, wie schnell eine Gesellschaft ins Rutschen kommen kann und wie sich meine komplette Aussicht auf die Zukunft verändert hat. Die Entwicklung seit dem Brexit und Trump, seit dem Rechtsruck in Europa und dem von mir nicht mehr für möglich gehaltenen Zynismus gegenüber den Flüchtlingen macht erstens klar, dass ein zivilisatorischer Stand nie als gesichert gelten kann. Und zweitens, dass ich naiv geglaubt habe, »wir« – also die im weitesten Sinn ökosozialelinksliberale­demokratieundfreiheitsliebende Fraktion – hätten die weitere Entwicklung auf unserer Seite. Das stimmt leider nicht, und zwar in mehrfacher Hinsicht.
Denn es ist ja nicht nur so, dass es eine Menge Menschen gibt, denen der Zustand sowohl der Gesellschaft als auch des Planeten scheißegal ist. Darüber hinaus gibt es einen massiven Affekt gegen diejenigen, denen beides nicht egal ist, und dieser Affekt hat sich politisch erfolgreich Bahn gebrochen. Damit habe ich nicht gerechnet. Und noch weniger habe ich damit gerechnet, wie schnell sich »Shifting Baselines« (verschobene Grundlinien), also die unbemerkte Veränderung von Wahrnehmungen und Deutungen tatsächlich vollziehen – obwohl ich am historischen Beispiel sehr intensiv darüber gearbeitet habe!
Aber wir müssen gerade im Hinblick auf Zuwanderung und Flucht, auf Asyl und Integration erschrocken feststellen, dass den Neurechten ein Agenda-Setting gelungen ist, dass bis tief in Koalitionsverträge und Alltagsbewusstsein hineinreicht. Ernsthaft werden jetzt »Heimat«-Ministerien eingerichtet, und Ausgrenzung wird regierungsamtlich. Bei all dem gerät auch noch die ökosoziale Frage völlig ins Hintertreffen: je mehr Heimat, desto weniger Nachhaltigkeit – eine groteske Entwicklung, die jeder Zukunftsfähigkeit Hohn spricht.
Aber zurück zu den verschobenen Grundlinien: Ich stelle überdies mit Schrecken fest, wie schnell zuvor undenkbare Gedanken sich in die Hirne im eigenen beruflichen und privaten Umfeld eindenken und ganz vernünftige Menschen extrem unvernünftige Dinge zu finden beginnen. Und als wäre das alles nicht genug, muss man auch noch feststellen, dass von sich für links haltender Seite mittlerweile ein totalitäres Denken sichtbar wird, dass man bisher dem gegenteiligen Lager zugeordnet hatte: Wie kann es im 21. Jahrhundert sein, dass Studierende fordern, ein Gedicht zu übermalen, das ihrer Ansicht nach schon deshalb frauenfeindlich ist, weil darin ein »Bewunderer« von Alleen und Frauen vorkommt? Dass »Bewunderung« eine »Diskriminierung« sei, darauf wäre zuvor nur Orwell gekommen; heute ist das avanciertes Bewusstsein sich progressiv dünkender Studis.
Was das bei Schwachen anrichtet, lässt sich am Präsidium der Alice-Salomon-Hochschule, dem Ort des perversen Geschehens, beobachten: Denn dort hat man so viel Angst vor den Studierenden, dass man beschloss, das Gedicht übermalen zu lassen. Da es dort aber ausgerechnet steht, weil es die Hochschule selbst prämiert hat, beschloss man, dass auch alle künftig prämierten Gedichte nach fünf Jahren übermalt werden sollen. Das entspricht strukturell einer Argumentation für Bücherverbrennung, die sich dadurch rechtfertigt, dass dieses Jahr eben die Bücher des einen, im nächsten Jahr dafür die eines anderen verbrannt werden.
Was mich bei all dem fertigmacht, ist die völlige Absenz von rechtsstaatlicher Haltung. Und wo die verlorengeht, gibt es – das lehrt die Geschichte – kein Halten mehr. Auf wen ist also Verlass? Diese Frage kann man nur praktisch beantworten. Auf die, die ihre Mäntelchen nicht in den Wind hängen, der so machtvoll aus der totalitären Zukunft ruft. Aber die müssen sich jetzt zeigen, indem sie politischer werden, sich also verletzlich machen. In die Konflikte gehen, sich angegriffen fühlen, Gegenöffentlichkeit herstellen. Noch haben die Anderen nicht gewonnen, aber ihre Chancen stehen besser als noch vor einem Jahr. Wir müssen lernen, die Angriffe auf die Demokratie und auf die freiheitlichen und rechtlichen Standards, die unsere Welt zusammenhalten, persönlich zu nehmen.


Harald Welzer
teilte seine Analysen und unverblümten Ansichten mit uns in »Die perfekte Welt ist nicht erstrebenswert« in Ausgabe 17 zum Thema »Gewalt« und in »Kapitel 7« von Ausgabe 40.

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