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Planetinnenliebe

von Ute Scheub , erschienen in 47/2018

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© Foto: privat

»Alle reden vom Wetter – wir nicht«, lautete vor fünfzig ­Jahren eine Parole der Studentenbewegung. Heute redet ­niemand mehr vom Wetter, obwohl es so politisch ­geworden ist wie nie zuvor. Die Anzeichen des kommenden Klima­extremismus – Klimawandel ist ein verharmlosendes Wort dafür – sind unübersehbar: »Jahrhundertstürme« im Vierteljahrestakt. Europaweit gestörter Wasserhaushalt aufgrund von Erosion, Abholzung und Versiegelung. Bei manchen Wetterlagen geht verdunstetes Mittelmeerwasser bei uns als Starkregen nieder, Spanien und Italien trocknen aus. Aprilwetter im ganzen Jahr. Kein einziges stabiles Sonnenhoch in Deutschland 2017. In den Medien wird das nur unzulänglich thematisiert. Was für eine ­gigantische Verdrängungsleistung!
Aber ich weigere mich, die Hoffnung aufzugeben. Die Erde ist nicht verloren! Es gibt so viele leuchtende Beispiele von Menschen, die verwüstete Land(wirt)schaften mit großer Kraft re­generiert haben. Um nur ein paar zu nennen: Der Permakulturhof Bec Hellouin in der französischen Normandie erwirtschaftet auf vergleichsweise winziger Fläche zehnmal so viel wie ein konventioneller Betrieb und baut dabei Humus auf, speichert CO2 und bietet ein Refugium für bedrohte Arten. Die Demeter-Farm SEKEM ließ einen Teil der ägyptischen Wüste buchstäblich aufblühen und schuf Beschäftigung für rund 4000 Menschen. Die Chinesin Yin Yuzhen forstete mit ihrem Mann ein Wüstengebiet so groß wie Andorra auf. Das Ithaka-Institut im schweizerischen Wallis bringt die klimafreundliche Terra-Preta-Technik in Länder wie Nepal und lässt auf seinem Forschungsweinberg viele Schmetterlingsarten wieder flattern. Sie finden dort Asyl in ­Insektenhotels, verschiedenen Baum- und Strauchsorten, Blumen zwischen den Rebstöcken. Seltene Arten kehren zurück, Taubenschwänzchen und andere Insekten fühlen sich wohl.
Die Regenerationskraft der Natur ist gigantisch, wenn man ihr nur Raum lässt! Das ist die gemeinsame Erfahrung dieser Initiativen – auch der Ökodörfer, die sich im internationalen Global Ecovillage Network (GEN) zusammengeschlossen haben. Mein Wunschtraum: Zusammen mögen sie wie grüne Akupunkturpunkte wirken, die dem geschundenen Planeten – oder der »Planetin«, wie Oya schreibt – neue Energie zuführen.
Ich muss mir das selbst immer wieder sagen, denn an manchen Tagen könnte ich verzweifeln. Was soll aus Kindern werden, die in diesem Jahr geboren werden? Werden sie in einer Welt ständiger Kriege um die letzten Ressourcen aufwachsen? Dann halte ich mir selbst die Wende von 1989 vor Augen, die so überraschend ein Angst-Regime samt Atomkriegsgefahr beseitigte. Krisenzeiten bringen ungeahnte Lösungen hervor, das ist fast so sicher wie unser Atmen. Manchmal stelle ich mir vor, wie vielleicht schon in zehn Jahren ganz verschiedene planetenliebende Bewegungen Regierungen vor sich hertreiben und neue Wirtschaftsweisen praktizieren. Die Probleme sind global, aber die ­Lösungen immer lokal.
Immer wieder beobachte ich Bewusstseinssprünge. Bis vor Kurzem konnte ich mir den Mund über das Insektensterben fusselig reden. Niemand schien sich dafür zu interessieren, es ging ja bloß um kleine Krabbler. Jetzt aber hört und liest man überall die Windschutzscheiben-Geschichte: Früher sei diese nach einer Landpartie mit dem Auto vollgeklebt gewesen mit Insekten, nun töte Glyphosat die meisten … Die von Oya mitangeschobene Anti-Pestizid-Bewegung hat eine Art mediale Hegemonie errungen. Selbst Bundesagrarminister Christian Schmidt wurde defensiv und betonte im Deutschlandfunk, in seiner Dienstzeit sei der Einsatz von Glyphosat um ein Drittel gesunken. Und: Gerade weil die Regierungspolitik so versagt, entsteht eine neue Graswurzelbewegung, die die Sache selbst in die Hand nimmt. Rund hundert deutsche Kommunen verzichten bereits auf den Einsatz von Glyphosat auf öffentlichen Flächen, manche sogar auf alle Pestizide.
Es ist manchmal rätselhaft, wie solche Bewusstseinssprünge entstehen. Vielleicht schlägt mediale Quantität um in Qualität, vielleicht ist es aber auch das Resonanzprinzip. Wenn wir uns für etwas starkmachen, entsteht Resonanz, also Schwingung, also Verbindung. Diese Verbindung und Verbündung ist nicht banal, sondern das Urprinzip aller Veränderung. Auch Evolution besteht im Kern aus der Verbündung lebendiger Einzelorganismen. Und unsere schönste Aufgabe als Menschen ist es, »das Lebendige ­lebendiger werden zu lassen«, wie es der 2014 verstorbene Physiker Hans-Peter Dürr formulierte. Als Yin Yuzhen die Wüste aufforstete, kamen der Regen und die Schmetterlinge zurück. Tätige ­Lebendigkeitsliebe durch Begrünung, Aufforstung, Humusaufbau und Artenvielfalt kann Wasserkreisläufe regenerieren und auf längere Sicht sogar das Wetter verbessern. Und die Menschen.
Es ist so wichtig, einander unsere Herzensanliegen zu schildern, einander zu besuchen und zu bestärken. Wir brauchen die sinnliche Erfahrung, nicht allein zu sein – auch, um die Angst vor dem kommenden Ungewissen zu teilen, um sie klein zu halten. Mein Hausarzt sagt: Angst ist ein Scheinriese. Je näher man der Angst kommt, desto kleiner wird sie, desto mehr Macht verliert sie über uns. Ich hoffe, dass wir diesen Wandel kollektiv erleben werden!


Ute Scheub
schrieb über »Bodendemokratie« in Ausgabe 43, die von Humus und Kompostklos handelt, verfasste das Buch zur Kampagne »Ackergifte? Nein Danke!« und mit Stefan Schwarzer »Die Humusrevolution«.

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