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Lebensfäden

Ein ost-westliches Stickprojekt verbindet Frauen und ­Handarbeits­techniken aus Afghanistan und Europa.

von Matthias Fersterer , erschienen in 06/2011

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 Afghanistan – kaum ein Land vermag so verheißungsvolle und so schreckliche Assoziatio­nen zu wecken. Verheißungsvoll, weil Generationen von Händlern, Künstlern und Aussteigern exotischen Verlockungen in das Land am Hindukusch folgten. Schrecklich, weil das Land geschunden und die Bevölkerung schwer traumatisiert ist: 1979 marschierten die Sowjets ein, dann folgten Bürgerkrieg, die unheilvolle Taliban-Herrschaft und der Einzug der US-Armee im Jahr 2001 – drei Jahrzehnte des Kriegs, der Unterdrückung und der Fremdherrschaft. Nur selten sind ermutigende Berichte aus Afghanistan zu hören. Eine Ausnahme ist ein kleines deutsch-afghanisches Stickprojekt in Laghmani, einem Dorfverbund nordöstlich von Kabul, am südlichen Rand des gebirgigen Panjshir-Tals.
Gebirgig ist es auch im Dreiländereck zwischen Baden, Elsass und Ostschweiz, wo ich Pascale Goldenberg besuche. Die grün bewaldeten Mittelgebirgskuppen haben wenig Ähnlichkeit mit den von Braun- und Grautönen dominierten Gebirgszügen im Hindukusch, die ich von Fotos kenne.
In einem dörflichen Vorort von Freiburg begrüßt mich eine patente und lebenslustige Frau. Die gebürtige Pariserin spricht mit französischem Zungenschlag, sanft und doch bestimmt. Die Mutter von vier Söhnen verdient ihren Lebensunterhalt mit Erwachsenenbildung in Textilgestaltung. Nach dem Studium der Geologie kam sie in Kontakt mit Patchwork- und Quiltkreisen, eine sehr traditionell geprägte Szene, wie sie bemerkt. Die Autodidaktin ließ sich jedoch nicht beirren und schlug schon bald eigene Wege ein, etwa indem sie erotische und politische Themen künstlerisch umsetzte.

Selbsthilfe durch Selbermachen
Als Goldenberg über die Deutsch-Afghanische Initiative erfuhr, dass die Handarbeitsfähigkeiten der Afghaninnen während der Kriegsjahrzehnte brachgelegen hatten, reifte in ihr die Idee zu einem Selbsthilfeprojekt heran. Ihr 2003 initiiertes Stickprojekt sollte afghanischen Frauen ermöglichen, sich durch den freien Umgang mit Formen, Farben und Motiven auszudrücken und ein Einkommen für sich und ihre Familien zu erwirtschaften.
Die ersten Stickversuche waren »katastrophal«, erinnert sich Pascale Goldenberg. Doch über mehrere Monate hinweg gelang es mit Hilfe zweier Sticklehrerinnen vor Ort, die Kenntnisse der Frauen wiederzubeleben. Heute lobt sie den Ideenreichtum, die innovativen Techniken und das Spiel mit den Farben: »Die Stickereien entwickeln sich, die Muster werden spannender und erzählen tolle Geschichten.«
Sie bringt einen Stapel bestickter Tücher herbei. Auf jedem Tuch befinden sich zwei bis drei Dutzend handbestickte Quadrate. Flink schlägt sie Schicht um Schicht um, blättert in dem Stapel wie in einem Buch. Zu jedem Tuch und zu jeder Stickerei kann sie eine Geschichte erzählen. Etwa von der tapferen Dorfvorsteherin Shabana, die mehrere psychisch kranke Familienmitglieder pflegt, oder von der schwermütigen Fasila, die nach dem Tod ihres blinden Ehemanns, der ihr Großvater hätte sein können, aufblühte. – »Die Frauen haben so viel Power, trotz allem, was sie erlebt haben«, erzählt sie bewundernd.
Neben abstrakten und ornamentalen Mustern zeigen viele Stickereien Menschen- und Tiermotive. Dies sei keine Selbstverständlichkeit, betont sie. Angesichts des strengen Bilderverbots unter den Taliban, die Verstöße mit drakonischen Strafen ahndeten, habe sie dies als »regelrechte Revolution« empfunden. Auch häusliche Szenen sind zu sehen – kein Wunder: Der Alltag der Afghaninnen ist geprägt von Feld- und Hausarbeit und familiären Verpflichtungen.
Das Stickprojekt bietet den inzwischen über zweihundert Stickerinnen zwischen zwölf und fünfzig Jahren ein regelmäßiges Einkommen und eine Möglichkeit zur freien Entfaltung. Wer teilnehmen möchte, muss sich einer Prüfung unterziehen. Nach anfänglichem Misstrauen akzeptieren die Männer, dass die Frauen das Geld nach Hause bringen, »obwohl sie sich kaum vorstellen können, dass Frauen überhaupt einen Lohn erhalten – schon gar nicht für Handarbeit«, erzählt Goldenberg mit sanfter Empörung. Das regelmäßige Einkommen ermöglicht den Frauen, Nahrungs- und Holzvorräte für sich und ihre Familien anzulegen – das Lebensnotwendige ist noch lange keine Selbstverständlichkeit in Afghanistan. Was die heilsame Wirkung der Arbeit mit Farben und Formen betrifft, will sie sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, ist jedoch überzeugt: »Das spielerische Zu-sich-kommen-Können kann nur guttun.«
Die Frauen erfinden ihre Motive selbst, vorgegeben ist nur das Format – Quadrate mit einer Größe von etwa acht mal acht Zentimetern und, je nach Alter, Begabung und Lebensumständen, die Anzahl an Quadraten, die jeder Frau abgekauft werden. Um Kinderarbeit vorzubeugen, werden junge Mädchen mit nicht mehr als zehn Stickereien pro Quartal beauftragt. In Europa wird ein besticktes Quadrat für durchschnittlich sechs Euro verkauft, die Hälfte fließt sofort zurück nach Afghanistan, ein weiterer Anteil folgt später. Vom Rest werden die Projektkosten bestritten.

Fäden verbinden Kulturen
Doch damit ist es noch nicht getan: »Von Anfang an wusste ich, dass ich keine Fertigprodukte vertreiben wollte«, erzählt Pascale Goldenberg. Obwohl die Stickereien in sich geschlossen sind, handelt es sich um halbfertige Erzeugnisse, die die Käufer in Europa zur Weiterverarbeitung und zur Auseinandersetzung mit Kultur und Menschen einladen sollen. Die Stick-Quadrate inspirieren europäische Hand­arbeiterinnen zu textilen Kunstwerken wie Quilts und Patchworks oder zu Gebrauchsgegenständen wie Taschen, Postkarten oder Buchhüllen. Dabei werden nicht nur verschiedene Kulturen, sondern auch vielfältige Handarbeitstechniken wie Patchen, Quilten, Filzen und Sticken miteinander verbunden. Sie organisierte die beiden Ausstellungen »Fäden verbinden Frauen« und »Afghanistan – Inspiration« und verkauft stolze 3000 bis 4000 Stickereien pro Quartal.

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Auch an ideeller Anerkennung mangelt es nicht: 2008 wurde Goldenberg von der schwedischen Mode-Designerin Gudrun Sjödén (rechts) zur »Farbstärksten Frau des Jahres« gekürt. Nur in Afghanistan selbst ist das Interesse gering. Handarbeit gilt als altmodisch, höher geschätzt werden bedruckte oder maschinell bestickte Stoffe aus Pakistan. Für die Zukunft wünscht sich Pascale Goldenberg, dass die Stickereien auch in Afghanistan Anerkennung finden.
Unterstützt wird ihre Arbeit durch Sachspenden der Freiburger Firma Madeira, die von Beginn an Garne zur Verfügung stellte, und die Mithilfe vieler Kollegen und Freundinnen, die inzwischen ein festes Team bilden, das Goldenberg dabei hilft, die Stickereien für den Verkauf vorzubereiten. Während sie den afghanischen Stickerinnen ein regelmäßiges Einkommen ermöglicht, ist Pascale Goldenberg selbst gegen eine geringe Aufwandsentschädigung tätig. »Wir leben bescheiden, sind nicht auf große Ferienreisen aus. Wir stecken unseren Bedarf zurück«, räumt sie ein. Es sei jedoch ein Opfer, dass sie kaum noch dazu komme, selbst künstlerisch tätig zu sein. »Ich kann diese Frauen nicht im Stich lassen«, fügt sie hinzu.
Ob das mit der Verantwortung, die eine Meisterin ihren Schülerinnen gegenüber empfindet, zu tun hat oder mit persönlichem Ehrgeiz? Wichtig ist auf jeden Fall, dass Pascale Goldenberg weitermacht und Frauen ermöglicht, Fäden von hier nach dort und wieder zurück zu spinnen. Es sind Fäden, die Leben bedeuten, die Menschen und Orte verbinden und zusammen ein Gewebe ergeben, das viel mehr als die Summe seiner Teile ist: ermutigend, farbenfroh und verheißungsvoll.

Sticken auf Afghanisch:
Literatur
Pascale Goldenberg: Fäden verbinden. MaroVerlag, 2009
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