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Drucken wie Gutenberg

In der »schwarzen Kunst« zu Hause

von Lara Mallien , erschienen in 06/2011

Martin Z. Schröder hütet als einer der letzten die Tradition des Bleisatzes und Buchdrucks mit manuell betriebenen Maschinen. Heute beherrschen diese Kunst außer ihm nur noch wenige alte Druckermeister. In der DDR der 80er Jahre zum Schriftsetzer ausgebildet, suchte Martin Z. Schröder später seinen Weg zu den Geheimnissen des Handwerks selbst.

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Auf dem Schreibtisch von Marin Z. Schröder klingelt das schwarze Telefon mit Wählscheibe. Der Verkäufer einer kleinen Papiermanufaktur versucht, einen neuen Kunden zu akquirieren. Nach kurzem Gespräch legt der Meister den altmodischen Hörer schnell wieder auf die Gabel. »Die kleinen Papiermanufakturen liefern nicht die Qualität, die ich brauche«, erklärt er seine ­Zurückhaltung. »Oft schicken die ein Bütten­papier, das schon vor 500 Jahren in besserer Qualität hergestellt wurde. Darauf kann ich mit Bleilettern nicht arbeiten.«

Die Herstellung von hochwertigem Druckpapier ist erst ab einer gewissen Größe der Fertigungsanlagen möglich, lernen Johannes Heimrath und ich gleich zu Anfang unseres Besuchs im »Institut für erfreuliche Drucksachen«. Je größer die Bottiche, desto besser. »Gutenberg hat sein Papier 1452 aus Italien bezogen. In Deutschland stellte damals noch kaum jemand überhaupt Papier her«, erzählt Martin. Sein kostbarer Rohstoff kommt heute aus Deutschland, Amerika, Italien, Belgien und Schottland. Ein exquisites Maulbeerbaum-Büttenpapier bezieht er aus Japan. In Martin Z. Schröders »Druckerey« gerät man in ein seltsames Zwischenreich, irgendwo zwischen der Moderne, in der Papier um die halbe Welt geschickt wird, und Gutenbergs Druckerei des 15. Jahrhunderts. Die schmalen Pfade im Souterrain zwischen Setzkästen, Druckmaschinen und Papierstapeln zwingen zu achtsamer Bewegung. »Ja, diese eine Druckmaschine wird mit Strom betrieben«, stellt uns Martin das größte Gerät vor. »Ein Original Heidelberger Tiegel aus dem Jahr 1952. Ich besitze ihn erst seit einem Jahr, bis dahin habe ich ausschließlich von Hand betriebene Maschinen verwendet.« Er geht zu einem gußeisernen Gebilde, das wie eine Kreuzung aus Stehpult und überdimensionaler Nähmaschine wirkt. Mit einem gewaltigen Pedal beginnt er, die Druckpresse anzutreiben. Fünf Tritte sind nötig, um einen Papierbogen zu bedrucken. Es sieht elegant aus, wie Martin das Gerät in Schwung hält – aber was für ein Krafteinsatz, wenn viele hundert Bogen bedruckt werden müssen, womöglich noch beidseitig und in mehreren Farben!
»Drucken hat mit Gefühl zu tun. Man arbeitet mit sensiblem Papier, das auf die Luftfeuchtigkeit reagiert, da gibt es Unwägbarkeiten. Ganz anders beim Setzen, das ist, wie mit einem großen Stabilbaukasten zu spielen, es passt immer alles zusammen«, so erklärt der Meister den Unterschied zwischen seinen beiden Handwerkskünsten. »Setzen ist Routine, ich kann dabei an irgendetwas anderes denken, oder, wenn ich einen guten Text setze, den Text neu und anders verstehen lernen. Das Setzen vollzieht das Schreiben in Zeitlupe nach. Oft erkenne ich grammatische Strukturen und Sinnzusammenhänge, die mir beim einfachen Lesen nie aufgefallen wären.« Bleisatz und Drucktechniken begleiten Martin seit seiner Kindheit. »In der Wuhlheide, wohin mich meine Mutter schickte, damit ich am Nachmittag nicht herumsaß, gab es im ›Pionierpalast‹ einen sehr freundlichen, älteren Drucker, der hatte genau so eine Maschine wie dieses Exemplar«, erzählt Martin und deutet auf ein kleineres, noch altertümlicheres Gerät. »Als ich vierzehn Jahre alt war, hat er uns beigebracht, wie man ein Buch macht. So arbeitet heute kaum noch jemand mit Kindern. Der Drucker zeigte uns alles nach dem Motto: So und nicht anders entsteht ein Buch. Heute lässt man Kinder eher etwas basteln oder selbst erfinden, aber ein Handwerk zu lernen, hat eine eigene Qualität – etwas Zwingendes, ohne dass irgendjemand Zwang ausübt. Das Handwerk selbst ist die Autorität. Die Kinder sehen das sofort ein, und man kann sich alle Pädagogik sparen. Ich habe auch immer wieder Kinder hier, und sie sind jedesmal begeistert.«

Vom Dissidenten zum Ziehvater
Pädagogik, eigentlich eher Antipädagogik – dieses Stichwort hat Johannes Heimrath und Martin Schröder gleich nach der Wende erstmals zusammengebracht. In unserem Verlag erschien damals der Reader »Kindheit, ein Begriff wird mündig. Miteinander wachsen, statt erziehen« als Ergebnis einer Konferenz über Kinder­rechte, die Martin im Jahr 1990 in Berlin mit namhaften Erziehungswissenschaftlern, Philosophen und Antipädagogen organisiert hatte. Heute, nach einer Unterbrechung von 20 Jahren, fragen wir ihn, wie er damals auf das Thema »Erziehung« gekommen sei.
Die Geschichte fängt mit Martins Schriftsetzerlehre in der DDR und seinem Militärdienst an. »Mit sechzehn Jahren hatte ich ziemlich genau eine Woche lang die einzige kommunistische Phase in meinem Leben. Ich war dem Staat so dankbar, dass ich eine Lehrstelle als Schriftsetzer bekommen hatte, dass ich mich über­reden ließ, mich für drei Jahre zum Militärdienst zu verpflichten. Mit achtzehn kam dann unweigerlich die Musterung. Zum Glück landete ich in einem relativ ruhigen Büro im Verteidigungsministerium, wo ich jeden Tag Westmedien wie die FAZ, die ›Welt‹ oder die ›Süddeutsche‹ mit einem Eingangsstempel versehen zum Verteidigungsminister tragen musste. Selbstverständlich habe ich regelmäßig Zeitungen mit nach Hause genommen, und selbstverständlich kam man mir auf die Schliche. Nach einem zweiwöchigen Arrest brachten sie mich zu einer Veranstaltung, auf der eine pathetische Rede gegen einen ›Staatsfeind‹ geschwungen wurde. Ich wurde auf die Bühne geholt, und man schnitt mir die Schulterstücke der Uniform ab. Ich wurde öffentlich degradiert. Da verstand ich erst, dass ich derjenige war, der zuvor mit ›Staatsfeind‹ gemeint war. Die Degradierung fand ich groß­artig. Ich hatte jeden Abend Bauchweh vor Lachkrämpfen über die Aktionen, mit denen ich die Vorgesetzten, die vor mir als Staatsfeind Angst hatten, zum Narren halten konnte. Ich schrieb laufend absurde Beschwerden, in denen ich die Vorschriften der Genossen gegen sie selbst richtete.«
Aber Martin erzählt auch davon, wie ausgelaugt und erschöpft er nach drei Jahren Militärdienst war. In dieser Situation trat Jakob in sein Leben, ein sechsjähriger Junge. Seine Mutter war allein­erziehend und fragte Martin, ob er sich vier Wochen lang um ihren Sohn kümmern könne, da sie verreisen wollte.
»Das Militär steckte mir damals tief in den Knochen«, erinnert sich Martin. »Da war es mächtig verwirrend, dass plötzlich ein ­kleiner Junge sagte: Wir machen das jetzt aber anders. Ich war fasziniert von seiner Art, die Welt zu sehen. Jakob brauchte dringend einen Vater. Als seine Mutter zurückkam, wurden wir zwar keine Familie, aber ich blieb Jakobs Ziehvater. Er wohnte nur ein paar Straßen weiter.« So wurde Erziehung für Martin ein zentrales Thema.

Versuche als Sozialarbeiter und Autor
In der Nachwendezeit fand Martin Arbeit als Schriftsetzer in einer Berliner Druckerei, aber er war sich mit Mitte zwanzig unsicher, ob das für den Rest seines Lebens sein Beruf bleiben sollte. Sein Chef redete ihm zu, er solle studieren – zum Druckerhandwerk würde er sowieso irgendwann wieder zurückfinden. Das Studium der Sozialarbeit fand Martin zwar langweilig, aber die Praktika als Sozial­arbeiter in einer Jugendstrafanstalt und in der Untersuchungshaft für erwachsene Männer waren für ihn spannende Erfahrungen, so dass er sich durchaus vorstellen konnte, in diesem Beruf zu arbeiten. Doch er fand keine Stelle. Stattdessen wurde er Journalist und freier Mitarbeiter diverser Tageszeitungen. Viele Jahre schrieb er über Literatur und literarisches Leben fürs Feuilleton. Sein früherer Chef sollte allerdings Recht behalten: Er war nebenbei längst zum Druckerhandwerk zurückgekehrt. Der ehemalige Chef war es auch, der Martin eine hundertjährige Druckmaschine von einem Kollegen besorgte, die dieser nicht mehr brauchte. Jetzt druckte er gelegentlich Visitenkarten für seine Professoren und Grußkarten für Freunde.
Während Martin einem Freund 2003 ein paar Wochen beim Ausbau einer Altstadtwohnung in London behilflich war, begegnete ihm mitten in dieser Metropole ein bemerkenswerter Ort: eine traditionelle Stuck-Gießerei. »Da habe ich mich darauf besonnen, dass ich Handwerker bin«, erinnert er sich. Zurück in Berlin ließ ihn das Bild dieser traditionellen Werkstatt mitten in der Großstadt nicht mehr los. Er fuhr mit dem Fahrrad durch die Straßen und suchte nach Räumen. Vom Journalismus hatte er ohnehin die Nase voll, die Zeitungen hatten kaum noch Aufträge für freie Autoren.

Das Gewicht der Vergangenheit
Auf Martins Schreibtisch liegt seine wohl aufwendigste Produktion des Jahres 2010. Es illustriert seine brillanten Fähigkeiten als Typograf: Ein zweiunddreißigseitiger Band mit Texten von Max Goldt, alles Erstveröffentlichungen, von Martin gestaltet, gesetzt und gedruckt. Der grandiose Titel: »Nackt in einem Märchenschloss voll wirklich schlechter Menschen«. Max Goldt und Martin Schröder pflegen seit Jahren eine Literaten- und Handwerkerfreundschaft. Ihr »Märchenschloss« wurde in einer limitierten Auflage von 2010 Exemplaren gedruckt und mit dunkelgrünem Garn in einer Fadenknotenheftung gebunden. Martin hat neun Monate dafür gearbeitet. Einer der Bögen des Buchs ist achtmal durch die fußbetriebene Maschine gegangen. Ich werfe einen Blick hinein und bleibe gleich an der genialen Goldt-Frage hängen: »Möchten Sie, dass ich Ihnen etwas Kompott in die Anorakkapuze schütte?« Wunderschön in Bleilettern gesetzt. Was für eine irrationale, aufwendige Arbeit! So viel Könnerschaft, Witz und Fantasie. Da hatten zwei Meister ihren Spaß. Lachend schaue ich aus dem Buch auf und treffe auf Martins schelmenhaften, klugen Blick. Ein bisschen ahne ich, wie sich seine Welt anfühlen mag.
»Was ich hier mache, ist Luxus, nicht Notwendigkeit – wenn man diesen kulturellen Luxus nicht ohnehin als Notwendigkeit ansieht. Es gibt bestimmte Effekte, die machen den Bleisatz aus, zum Beispiel die Wärme einer im Handsatz gesetzten Buchseite, die entsteht, weil jeder Buchstabe ein bisschen anders aussieht«, erklärt er sich. Klar, hier geht es nicht um den »Nutzen«, vielmehr um Haltungen, und die sind essenziell, kein überflüssiges Luxusprodukt. »Kürzlich habe ich Studenten in einem Kurs mit Versalien­ausgleich mit einem viertelpunktstarken Seidenpapier für eine Spatie gequält. Ein Student hat mir danach gesagt, er traue sich jetzt nicht mehr, am Computer flüchtig zu arbeiten, weil er das ›Gewicht‹ der Vergangenheit spüre.« Ich beginne zu verstehen, was den Zauber dieser Arbeit ausmacht, wie hier Meisterschaft zwischen Vergangenheit und Zukunft aufgespannt ist. »Ich werde noch in zwanzig Jahren die kursive Walbaum mit größter Begeisterung einsetzen«, schwärmt Martin. »Die Meisterschaft, die in so einer Schrift steckt, kann heute niemand mehr ermessen, es dauerte viele Jahre, bis sie von der Idee zum Guss kam. Ich kann mich an dieser Schrift gar nicht sattsehen.« Was Martin mit der alten Walbaum dann druckt, ist typografische Avantgarde.
Ginge seine Werkstatt unter, wenn er morgen vom Auto überfahren würde? »Es ist schon ein blödes Gefühl, zu wissen, dass ich einer der letzten praktizierenden Schriftsetzer bin. Ich kenne keinen gelernten Schriftsetzer in meinem Alter, der das kann, was ich kann. Aber wenn ich heute verunglücken würde, wäre hier nicht alles zu Ende. Denn ich habe ja Lars.« Lächelnd spricht Martin von seinem »Gehilfen«. Der hätte das Zeug, ein guter Drucker und Schriftsetzer zu werden, auch wenn er erst am Anfang steht. Aber wenn er wollte, könnte er sich vieles auch selbständig aneignen. Vielleicht würde er die Werkstatt einmal weiterführen. Hat der Meister seinen Schüler gefunden? Martin Z. Schröders Tradition fühlt sich jedenfalls sehr lebendig an. 

Hier geht es zur Druckerey:
www.letterpressberlin.com

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