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Gesucht: Selbstversorger mit Selbst

Die Lektion der Aussteiger-Erfahrungen

von Dieter Halbach , erschienen in 06/2011

Als Selbstversorger in die Toskana zu gehen, war in den ­80er Jahren der Aussteiger-Traum schlechthin. Selten gab es ein gutes Erwachen. Nur wenige haben ihn zu Ende geträumt.

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»Ich wollte aussteigen, bin aber voll eingestiegen. Es wird zuviel! Wer hilft?« – Ich lese die Kleinanzeigen in der vierten Ausgabe von Oya, als Adresse ist Norditalien angegeben, und ein Seufzer steigt in mir empor. Wie gut ich diese Verzweiflung kenne! Aber dass es so etwas noch immer gibt? Wisst ihr denn nicht, was auf euch zukommt? Haben wir unsere Erfahrungen umsonst gemacht – oder sie vielleicht ungenügend aufgearbeitet?
Als Selbstversorger nach Italien gehen! Das war in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern eine Welle. Ihr ungeschriebenes Motto: Revolution pur – ich, jetzt, total, raus! – leicht angereichert mit einem Schuss »Dolce Vita«.
In seinem Buch »Auf dem Zahnfleisch durch Eden« beschreibt Henky Hentschel knallhart und selbstironisch die damalige Aufbruchstimmung für ein Leben in verlassenen Ruinen: »Es war uns egal. Es war uns so ziemlich alles egal, was uns hätte stören können […] Was war das schon gegen die graue Rechtwinkligkeit, aus der wir kamen?« Und auf die übliche Frage, ob Aussteigen nicht Flucht sei, hat er die übliche Antwort: »Es ist keine Flucht. Es ist das Gegenteil von Flucht. Die Menschheitsverbesserer und die Kämpfer an all diesen bescheuerten Fronten sind die Flüchtlinge. IHR seid die Flüchtlinge. Ihr flüchtet vor euch selbst, verstehst du?«
Mit 28 Jahren, nach einigen politischen Erfahrungen und ersten gemeinschaftlichen Versuchen, war auch ich naiv oder originell genug, auf ein »anderes Leben« in Italien zu hoffen. Meine damalige Freundin war schwanger, das Hüttendorf »1004« im Wendland geräumt, und ich hatte Angebote abgelehnt, zum bezahlten Bewegungspolitiker zu werden. Eine andere Berufsausbildung hatte ich jedoch nicht (na ja, ich war Soziologe). Was lag einem Universal- Dilettanten also näher als Selbstversorgung? Ich wollte Wirklichkeit, wollte die Utopie auf meiner Haut spüren, ein körperliches Verhältnis zur Welt haben. Selbstverständlich nicht in Kleinfamilie (die war eher konfliktreich und kam mit zunehmendem Babybauch immer näher), sondern in einer Dorfgemeinschaft. »Utopiagga« war eine der damaligen größeren Italien-Initiativen, ihr Mitbegründer Karl-Ludwig Schibel hatte zuvor ein Kommune-Buch geschrieben: »Die Revolution ist vorbei – wir haben gesiegt!« Doch dem war leider nicht so: Das große Ziel eines Dorfs rückte in die Ferne, und der Babybauch wuchs weiter. Wir beschlossen, noch bis zur Geburt im Sommer 1981 eine eigene Gemeinschaft zu gründen. Alte Mitkämpfer der Anti-Atombewegung meldeten sich. Auch sie hatten jetzt kleine Kinder und wollten weg. Wir wussten von den vielen alleinstehenden, verlassenen Höfen speziell in der Toskana und hatten ein Tal des Casentino, eine wilde Berggegend bei Arezzo, im Blick.

Der Zauber des eigenen Orts
Eine Woche nach der Geburt meiner Tochter nächtigten ich und ein weiterer frischgebackener Vater unter dem Bergkloster des ersten Aussteigers Franz von Assisi. Dort, am Platz unserer Träume, lagen wir unter den tausend Sternen eines großen Himmels, hatten große Gefühle und den Kaufvertrag in der Tasche. »Il Capanno« (die Hütte) hieß der Hof – und Hütte war zu diesem Zeitpunkt weit übertrieben. Eine Ruine inmitten von Dornen und endloser Wildnis, ohne Straße, ohne ziviles Umfeld sozusagen. Eben etwas für die echten Männer, die wir werden wollten. Als meine Freundin mit Kind später nachkam, flossen erstmal die Tränen: »Hier sollen wir leben?«
Ja, hier lebten wir. Ich beinahe zehn Jahre, meine Tochter und ihre Mutter bis zu unserer Trennung nach weniger als zwei Jahren, die meisten der Anfangsgruppe von zwölf Leuten blieben ungefähr drei bis sechs Monate. Viele kamen und gingen – ich blieb. Da war ein Zauber, der mich umhüllte und dort hielt.
Es war der Ort. Die unglaubliche Kraft, die uns aus diesem Ort zufloss. Die Selbstversorgung war nur eine Eintrittskarte, eine materielle Voraussetzung. Der Lohn war der Ort selbst. Wir waren auf eine wilde Art frei. Unser Luxus bestand darin, nicht weg zu müssen, um einkaufen zu gehen. Und wenn wir einmal den Supermarkt besuchten, waren wir stolz auf unseren Einkaufswagen, der nichts außer einer Fünfliter-Weinflasche enthielt (unser eigener Wein schmeckte leider nach Nagellackentferner …), während alle anderen ihre täglichen Warenberge wie Hochhäuser vor sich herschoben. In einem Gedicht beschrieb ich damals dieses Gefühl: »Wessen Brot ich ess’, dessen Lied ich sing’ … ah, ich schmecke es in meinem Gaumen – kein Blut und kein Geld klebt an unserem täglich Brot. Ein vollkommener Genuss.« Gewiss hatten wir unsere liebe Mühe mit der Bewirtschaftung der 16 Hektar Land. Ein Besucher scherzte einmal über die tägliche Routine: »Ganz Capanno ist ein einziger erweiterter Küchendienst!« Äußerlich gesehen, hatte er vollkommen recht. Gemüse anbauen, Kochen, Einmachen, Tiere halten, Geburtshilfe geben und schlachten, Brot backen, Käsen und Buttern, Zäune bauen, Land roden und pflügen, am Haus bauen und renovieren, Trecker reparieren, Getreide und Heu ernten, Bäume fällen und Holz machen, Wasserquellen finden … endlos! Unser Leben drehte sich zunächst nur um das nackte Überleben. Die Natur zahlte jeden Fehler zurück und vernichtete aus purer Laune (zusätzlich zu unseren eigenen Launen) auch schon mal unsere Ernte. Grausame Natur, wunderbare Natur – eine große Lehrmeisterin. Sie forderte eine physische und psychische Stärke und Kontinuität, die aus einer anderen, uns nicht mehr vertrauten Kultur kam. Woher die Kraft nehmen, die eigene innere, noch unbekannte Natur zu entdecken? Wie bei Geburt oder Tod betraten wir eine existenziell andere Welt – und waren doch gleichzeitig an unsere moderne Welt, unsere komplizierten Beziehungen, unsere Biografien gebunden.
Ein bisschen wurden wir auch zu Lebenskünstlern. In den späten Jahren bis 1990 – in der Zeit mit meinem Freund Hans Seidl, einem bayerischen Bauernsohn und urigen Philosophen – wurde unser Alltag und unsere Arbeit immer mehr zur Meditation. Wir veranstalteten agrikulturelle Feste, in denen wir unser bodenständiges Sein mal humorvoll, mal demütig feierten. Für unsere wachsende Gästeschar (mittlerweile zur zweiten Einnahmequelle geworden) spielten wir zum Beispiel »Die Tocscana Therapie« von Robert Gernhardt, ein groteskes Stück über die zunehmende Szene, die in der Toskana spirituelle und therapeutische Seminare besuchte. Ein anderes Mal hatten wir zu einer Kunstperformance eingeladen. Gemäß dem Spruch der indianischen Sängerin Buffy Saint Marie –»Warum trinkt ihr Wein, wenn ihr Wasser haben könnt?« – gab es nur Brot und Wasser. Die italienischen Gäste verstanden es nicht und zogen ab.
Auf diesem steinigen Weg hätte es sicher auch noch eine Weile weitergehen können. Wäre da nicht die Liebe und die Politik gewesen, das heißt ihrer beider Abwesenheit. Nach einer gewissen Zeit bildete sich bei mir die innere Einsicht, dass so ein Leben nur für erleuchtete Eremiten oder glückliche Ehepaare geschaffen ist. »Jedem Päarchen sein Poderchen« (kleiner Bauernhof) – das war das geflügelte Wort zu jener Zeit. Aus Gemeinschaften waren wieder Familien geworden, aus Familien Singles. Von 100 Hofprojekten waren in den 90er Jahren etwa 80 aufgegeben und oft wieder als Ferienhäuser verkauft worden. Der Rest der Verbliebenen waren oft vereinsamte Singles oder Kleinfamilien, die nicht mehr an ihre Träume erinnert werden wollten. Einige wenige Höfe waren mit viel Geld zu Seminarhäusern und Wellnesshöfen umgebaut worden.

Selbstversorgung als Egoismus?
Was waren die Ursachen dieses Scheiterns? Sicherlich vor allem die idealistische Einschätzung, dass Begeisterung reicht und alle ja dasselbe wollen. Es gab weder genügend praktische Erfahrungen noch planerische und ökonomische Kompetenz. Vor allem aber fehlte die soziale Kompetenz. Die kleinen Gruppen waren sich selbst überlassen, hatten keine methodischen Werkzeuge, um sich zu verständigen. Umgeben von der normalen italienischen Dorfbevölkerung gab es kaum unterstützende Strukturen wie ein Netzwerk von Therapeuten, Selbsterfahrungsgruppen oder Kulturzentren. Jeder Konflikt dieser sich neu (er-)findenden Menschen in ihren kleinen Gruppen musste auf die ganze Gruppe durchschlagen. Jede Trennung und jeder Beziehungskonflikt gefährdete das ganze Projekt. So kam es anstelle eines vielfältigen Netzwerks zu Vereinzelung. Da die Höfe meist in Privateigentum waren, entstanden Abgrenzung und Konkurrenz bis hin zu Hofverboten. Jeder für sich, alle gegen alle: Selbstversorgung als Egoismus! Es regierte das kleine Ich, nicht das große, verbundene Selbst. Das war – trotz einiger bleibender Freundschaften und Kooperationsversuche – die Struktur. Ironie der Geschichte: Genau diese Isolation war das Ziel der ursprünglichen Siedlungsstruktur. Damit sich die armen Pächter nicht gemeinsam gegen den Großgrundbesitz erheben konnten, wurden sie entgegen italienischer Lebensart mit dörflicher Piazza getrennt auf den Höfen gehalten. Noch bis in die 70er Jahre mussten sie bei der ­Mezzadria (Halbpacht) die Hälfte ihrer Produkte den städtischen Besitzern abliefern. Wir haben unsere Höfe direkt von diesen Besitzern gekauft – und uns damit unwissend in eine alte Knechtschaftsstruktur, wenn auch als kleine »Padronis«, begeben. Das Sein bestimmt eben doch das Bewusstsein – Karl Marx lässt grüßen.

Nach der Wende
Ich habe diese isolierte Struktur als meinen persönlichen Alptraum erlebt. Unsere Gruppe brach schnell auseinander, indem alle Paare sich trennten und nur jeweils der eine Teil blieb. Bevor die anderen leeren Höfe in unserer Umgebung Siedler fanden, waren wir schon geschwächt. So ging es auf beinahe allen Höfen zu. Das erhoffte Netzwerk entwickelte sich dagegen in Berlin – als Netzwerk der ausgestiegenen Aussteiger.
Auch ich trennte mich von meiner Frau, die bald darauf ohne Ankündigung mit meiner Tochter verschwand. Das Paradies hatte endgültig einen tiefen Riss bekommen, der direkt durch mein Herz ging. Doch trotz der Trennung von meiner Tochter (die ich jeden Winter in Berlin besuchte und die in den Ferien zu mir kam) schaffte ich es nicht, Italien zu verlassen und in die Stadt zurückzukehren. Aber dann kam die Wendezeit. Wir fuhren nichtsahnend durch die DDR zu unserem Winterasyl Berlin. Da winkten uns ausgeflippte Ostdeutsche auf der Autobahn zu. Welch überraschende, unerklärbare Verwandlung! Es dauerte etwas, bis wir verstanden hatten: Es war Revolution – die Mauer ist weg! Das war das Tor zu meiner Rückkehr. Der Traum einer großen Gemeinschaft und einer gesellschaftlichen Bewegung war wieder da. Bald arbeitete ich in Ost-Berlin für den neu gegründeten ostdeutschen Dachverband Ökodorf als Berater. Ein neues Abenteuer begann. Mein erster Rat bei allen Neugründungen war: Achtet auf das soziale Netzwerk, das euch umgibt! Schafft keine kleinen Inseln, sondern schafft gesellschaftliche Modelle. Holt euch Unterstützung von Profis.
Für mich und auch für meine neue Familie wurde das Ökodorf Sieben Linden unsere Heimat. Hier entstand das interne soziale Netz, das die Beziehungen und ihre Kinder trägt. Nach allem Schmerz kehrten Frieden und persönliches Wachstum bei mir ein. Auch wollte ich nicht mehr alles selbst machen müssen. Dennoch – die Jahre in Italien möchte ich nicht missen. Ich sehe sie als notwendige Lehrjahre: »Selbsterfahrung durch Selbstversorgung« – in meinen Augen ein wichtiger Teil der menschlichen Grundausbildung schon im Jugendalter (neben z. B. Reisen, Liebeskunde, Kunst, Gemeinschaftsbildung). Es bedeutet auch Respekt vor einer langen Phase unserer Menschheitsgeschichte, in der wir bäuerlich gelebt haben, und der Realität großer Teile der heutigen Welt zu gewinnen. Ich kann mich heute leichter in unterschiedliche Lebensstandards, Arbeitsbereiche und Menschen einfühlen als vor meiner Italien-Zeit. Wenn mich heute mehr die Tiefe als die Breite eines Themas interessiert, so basiert das im Ökodorf auf dem bewussten Erleben von Einheit in der Vielfalt in einer sozial differenzierten Gemeinschaft, wie sie uns in der toscanischen Land­idylle nicht möglich war. Hier gibt es die Chance, wie Rilke schreibt, »die Weite zwischen sich zu lieben, die ihnen die Möglichkeit gibt, einander immer in ganzer Gestalt und vor einem großen Himmel zu sehen«.
In diesem Herbst besuchte mich mein alter Freund Hans im Ökodorf. Mit ihm hatte ich meine beste Zeit auf dem Hof gehabt. Mit ihm hatte ich eine Ahnung davon bekommen, wovon Gary ­Snyder (siehe Oya 5) in seinem Gedicht »Tomorrow’s Song« spricht: »Wir nehmen das Werkzeug und schwingen im Takt / Seite an Seite / versprühen Geist und stilles Wissen / Auge in Auge / sitzen still wie Katzen oder Schlangen oder Steine / so ganz und bewahrend wie der blauschwarze Himmel. / Sanft und unschuldig wie Wölfe / schlau wie ein Prinz. / Bei der Arbeit und zu Hause bei uns.«
Hans musste nach meinem Weggang 1990 den Hof verlassen, da er kein Miteigentümer war. Jetzt betreibt meine Ex-Frau dort einen Ferienhof. Mit seiner Familie hat sich Hans eine neue Existenz als Busfahrer, Kleinbauer und mit einem Ferienzirkus aufgebaut. Er ist allseits von den Nachbarn anerkannt. Nach 20 Jahren will er in Italien ein neues Ökodorf aufbauen. Die Zeit ist reif dafür, sagt er. Das Bewusstsein in der italienischen Gesellschaft für andere ­Lebensweisen ist gewachsen. Seine neuen Mitstreiter sind junge Italiener. Die gealter­ten Siedler der ersten Stunde winken ab. Allerdings interessieren sich einige ihrer Kinder für die neuen Pläne. Nein, auch sie wollen nicht wie ihre Eltern leben, aber sie wollen ihre neuen Erfahrungen und die Werte ihrer Kindheit einbringen.
So führen unsere unterschiedlichen Wege wieder zum selben Ziel: eine große, vielfältige Gemeinschaft mit viel Kultur, Selbst­versorgung und einem möglichst großen »Selbst«. 

Nachklänge für Selbstsucher:
Internet
Ferien am Ort: www.capanno.de
Literatur
Henky Hentschel: Auf dem Zahnfleisch durch Eden. Wohin einer kommt, wenn er geht. Heyne Verlag, 1984 • Robert Gernhardt: Die Toscana-Therapie. Fischer TB, 2007 • Dieter Halbach: Gedichte vom Ort – Il Capanno 1981–1990. Eigenverlag, Bezug über d.halbach@siebenlinden.de

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