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Wie das Leben spielt

Leserinnen und Leser schickten der Oya-Redaktion ­Geschichten von nachbarschaftlichen Begegnungen mit Menschen, die nicht aus den eigenen Kreisen stammen.

erschienen in 38/2016

Bild

© Foto: www.robertvolkmer.de

Der große Garten
Eines Tages entschloss ich mich, mir im Großelternhaus ein Zimmer einzurichten. Meine Mutter lebte dort, und ich wollte ihr näher sein – nicht mehr nur zu Besuch. Meine Großeltern hatten das Haus vor fast hundert Jahren zusammen mit anderen gebaut und waren in die eine Hälfte eingezogen. In der anderen Hälfte wohnten meine ganze Kindheit lang dieselben Nachbarn, bis sie starben. Fremde kauften das Haus, meine Großmutter blieb. Sie war schwerhörig und bettlägerig. Ihr Verhältnis zu den Nachbarn war nicht so vertraut wie mit den früheren Bewohnern der anderen Haushälfte, doch ich machte mir keine Gedanken darum. Denn ich zog weit weg – für drei Jahrzehnte nach Mecklenburg.
Als ich zurückkam, war meine Großmutter schon gestorben, und jetzt, nach dem Tod meines Vaters, wohnte meine Mutter dort. In der anderen Haushälfte lebte nur noch die Nachbarin, ihr Mann war gestorben; meine Mutter und sie waren etwa im gleichen Alter. Ich verstand nicht, wieso die beiden Frauen nichts gemeinsam unternahmen. Eines Tages klingelte ich bei der Nachbarin. Ich erzählte ihr, dass ich jetzt öfter da sein würde, und fragte, wie es ihr gehe. Sie wirkte zugewandt, so dass ich mich traute, sie nach dem Grund der Distanz zu meiner Mutter zu fragen.
Zuerst druckste sie herum, aber plötzlich quoll es aus ihr heraus: Meine Großmutter habe immer so laut Fernsehen geguckt, das habe sie und ihren Mann ohne Ende genervt. Den Ärger über meine Großmutter hatte sie auf meine Eltern übertragen. Ich war fassungslos, wie jemand über so viele Jahre so etwas mit sich herumtragen konnte – und traurig, dass meine Eltern nie das Gespräch darüber gesucht hatten. Stattdessen war im Garten ein hoher Holzzaun gewachsen.
Eines Tages fegte ein Sturm über die Stadt und riss so ziemlich alles Lose mit sich. Der hohe Holzzaun fiel teilweise um – was tun? Meine Mutter und ich hatten nicht die Kraft, alles wieder aufzurichten. Als meine Söhne zu Besuch kamen, bauten wir den ganzen Zaun ab. Wie schön war nun der Blick in Nachbars Garten! Unser Garten wirkte mit einem Mal heller und größer. Die Hunde der Nachbarin genossen die neue Freiheit und fegten zu uns her­über. Sie selbst kam ihnen nach, als meine Mutter allein im Garten stand. Die beiden Frauen unterhielten sich, und mit der Zeit zog Freundlichkeit zwischen den Nachbarinnen ein. Als ich vorschlug, statt des Zauns eine Hecke zu ziehen, waren sich die beiden Frauen einig darüber, dass diese nicht zu hoch sein dürfe. Bisher haben wir noch nichts gepflanzt … • 
Angela Kuboth, Lauta


Bus fahren und Feste feiern
Wir leben in einem konservativen Außenbezirk Stuttgarts, in Sillenbuch. Unser Stadtteil wird von einer höllisch lauten Durchgangsstraße zweigeteilt, untertunnelt von der U-Bahn. In Neu-Sillenbuch oben auf der Filderebene wohnen eher die Reichen, und bei uns in Alt-Sillenbuch, das bis auf halbe Berghöhe steil in Richtung Rohracker abfällt, die normaleren Menschen, die Alten und die Familien mit kleinen Kindern. Hier verkehrt alle halbe Stunde ein Bus nach oben zur U-Bahn und zu den Einkaufsmöglichkeiten. Falls er gut durchkommt, ist er manchmal sogar pünktlich, wenn es hingegen ordentlich schneit, fährt er gar nicht. Dieser Bus ist unser Kommunikationszentrum. Die Busfahrer wissen alles und kennen alle: die Liebesgeschichten der Teenager, wer gerade gestorben ist und warum letzthin die Polizei in der Straße war. Die meisten, die regelmäßig mit diesem kleinen Bus fahren – ein größerer würde nicht durch die engen Straßen passen –, grüßen sich, und tatsächlich lernte ich auch die eine oder den anderen näher kennen, mit denen ich sonst nie ein Wort gewechselt hätte: die SPDlerin, die regelmäßig bei den Wahlen hilft und ansonsten Zeitungen austrägt; den Rentner, der in einem Kammerorchester Geige spielt; die Mutter, die abwechselnd bei ihren drei Töchtern in verschiedenen Teilen der Republik lebt; die Katzenfreundin, die früher Sekretärin beim Bischof war. Selbstverständlich sprechen auch mich die Menschen regelmäßig an, denn meine Flyer liegen oben im Bioladen »Naturgut« aus: »Sagen Sie, Sie sind doch die Frau, die immer die Kräuterführungen bei uns macht …« Manchmal werde ich auch Kräuterfrau oder Kräuterhexe genannt.
Im vorletzten Jahr haben ein paar Nachbarn das ­wahrgemacht, was mein Mann und ich schon länger überlegt, aber dann doch nicht umgesetzt hatten: Sie haben ein Straßenfest mitten im Dezem­ber organisiert. Vor vier Monaten fand es nun schon zum zweiten Mal statt – mit Glühwein und Kinderpunsch, Würstchen und ähnlichem. Ein Nachbar räumt dafür seine Garage aus, ansonsten gehen wir davon aus, dass im Dunkeln sowieso kein Auto den Weg braucht, der zu den Gärten führt. Diejenigen, die das Essen beschaffen, bekommen ihre Auslagen zurück. Unser Straßenfest ist nun die Gelegenheit, all diejenigen kennenzulernen, die weder mit dem Bus fahren noch im Bioladen einkaufen – und es klappt wunderbar. Nun grüßen wir uns also auch mit den Autofahrern und den Nicht-Bio-Leuten. Es fühlt sich an wie in einem Dorf – in einer Großstadt mit 600 000 Einwohnern! • 
Barbara Pfeifer, Stuttgart



Scheibenschießen
Ich stehe am Fenster meines Wohnzimmers in Wies, einem kleinen Dorf im Südschwarzwald. Auf der anderen Seite der Straße sitzt ein Maler im Eingangsbereich des Dorfgemeinschaftshauses vor seiner Staffelei, anscheinend unempfindlich gegen die Kälte, die ein Sturmwind durch den Ort jagt. Konzentriert arbeitet er, und ich beschließe, hinauszugehen, um ihn zu begrüßen.
»Mahmut«, spreche ich ihn an, »schön, dass du wieder malen kannst!«. Ich ernte ein Lächeln und eine Antwort in gebrochenem Deutsch. Mehrere Wochen hat er gebraucht, um nach seiner Flucht aus Syrien wieder malen zu können. Fünf Familien aus dem Irak und Syrien sowie einige aus Gambia und Namibia leben dicht an dicht mir gegenüber. Mahmut will für eine Kunstaustellung arbeiten; er ist Kunsterzieher und der Einzige hier, der etwas Deutsch kann. Der ältere Mann kümmert sich um so vieles: dolmetschen, Kinder beruhigen, mit ihnen malen, mit Helfern und Sicherheitskräften alles Erdenkliche in Gang setzen und am Laufen halten.
Wann immer ich die Flüchtlingsunterkunft betrete, wechseln Großartiges und Erschütterndes wie in einer Dusche, die ständig von kalt auf heiß wechselt. Kinder laufen barfuß im Schnee, ich suche nach Socken. Wir stricken, kochen, malen, betrachten die Flugzeuge, Panzer und die Toten auf manchen Bildern. Herzlich werde ich zum Essen eingeladen, und es dauert, bis ich es schaffe, zu ­sagen, dass ich Vegetarierin bin. Aber das ist kein Problem. Tabouleh und Reis schmecken köstlich.
Ein langer Zug von Menschen bewegt sich in der Dämmerung bergaufwärts, etwa dreißig fremdländische Menschen sind dabei. Mit gemischten Gefühlen bewege ich mich zwischen den Einheimischen und den Frauen mit Kopftuch samt deren Kindern und Männern. Auf dem Berg leuchten zwei riesige Feuer in die Dunkel­heit, die örtliche Feuerwehr hat alles für das alte alemannische Ritual und Volksfest »Schiibe schieße«, das Scheibenschießen, vorbereitet. Gerade noch hatten wir erfahren, dass in einem der Nachbardörfer rechtsradikale Jugendliche ein Flüchtlingsheim beschimpft hatten. Wie wird es hier oben auf dem Berg sein? Die ersten Dörfler haben ihre Holzscheiben im Feuer zum Glühen gebracht und schießen sie über die Holzstände weit hinaus in die Nacht. Auch diejenigen, die kein Deutsch sprechen, versuchen ihr Glück. Ich staune, wie sie Scheiben ergattern und zum Fliegen bringen, ja sogar den Kinderwettbewerb mitmachen.
Meine Tochter und ich wollen heim und nehmen ein paar von den jüngeren Syrerinnen mit. Wir rutschen lachend über den Schnee. Zu Hause denke ich daran, welch langen Weg wir zu gehen haben – meine neuen Nachbarn und alle, die mit ­ihnen zu tun haben. Mahmut wird Bilder malen, die diesen Weg ­bezeugen, einen Weg voller Zweifel, und doch von grandioser ­Schönheit! • ­
Maria Giovanazzi, Kleines Wiesental-Wies


Das Grüßen
Ich hatte im Sommer 2015 mehr und mehr Sorge und Angst und wusste, dass ich jetzt in Kontakt mit aus Syrien geflüchteten Menschen treten muss, um meine Ängste einem »Realitätscheck« zu unterziehen. Wochen und Monate schlich ich um diese Aufgabe herum. Wie sollte ich anfangen? In ein Flüchtlingsheim gehen? Ich, als Frau, alleine? So geht das nicht, dachte ich damals.
Ich merkte, dass ich mit diesen Schwierigkeiten zuerst den Kontakt zu Menschen in meinem Umfeld suchen musste, und sprach immer wieder mit Freundinnen und Freunden über meine Hilflosigkeit und Sorgen.
Nach und nach entwickelte sich mit verschiedenen Menschen, mit denen ich Frauen-Männer-Arbeit praktiziere, eine Idee. Was wir in unserer Praxis tun, nämlich dass Männer Frauen kollektiv eine Frage stellen und umgekehrt, könnten wir doch auch für einen Austausch zwischen Deutschen und Geflüchteten ausprobieren. Warum nicht so ein Format für Verständigung zwischen unterschiedlichen Kulturen nutzen?
Im Herbst begann dann unser Pilotprojekt in Bad Belzig bei Berlin. Damals traute ich mich als deutsche Frau noch nicht, einem Menschen aus der arabischen Welt in die Augen zu schauen. Deshalb lautete meine allererste Frage: »Was bedeutet es für euch orien­talische Männer, wenn ich als deutsche Frau euch in die Augen schaue? Ist es gleich eine Aufforderung zu intimer Nähe?« Als Antwort höre ich: »Nein, sondern, dass du ehrlich zu mir bist.«
Seitdem hatten wir mehrere Treffen, in denen Geflüchtete und Deutsche sich kollektiv in Tiefe und Wahrhaftigkeit begegnen und wirklich miteinander sprechen. Mittlerweile weiß ich, was die Menschen aus Syrien alles durchgemacht haben. Im Alltag schaue ich jetzt den dunkelhäutigen, jungen Männern hier in unserer kleinen Stadt auf der Straße nicht nur in die Augen, sondern möchte meine Freundlichkeit signalisieren und grüße rundheraus alle kurz nickend auf der Straße, auch wenn ich sie nicht kenne.
Das hatte erstaunliche Auswirkungen: Als zugezogene Westdeutsche in unserer ostdeutschen Kleinstadt klaffte auch immer schon ein großer Graben zwischen mir und den Alteingesessenen, aber darüber hatte ich mir noch nie große Gedanken gemacht. So war es eben, so ist es eben: Menschen aus Ost und West sind eben verschieden. Was passiert jetzt nach meinen Erfahrungen mit den Geflüchteten? Auch meine ostdeutschen Nachbarn grüße ich plötzlich öfter, und ich werde immer öfter freundlich zurückgegrüßt –
was für ein schönes, neues Lebensgefühl hier für mich in meinem kleinen Städtchen! • 
Tatjana Bach, Bad Belzig


Männe
Männe fiel uns erst auf, als er krank wurde und die Leute im Dorf darüber redeten. Er war obdachlos und lebte von Gelegenheitsarbeiten. Ein Rentner hatte ihm seinen verglasten Eingang – etwa drei Quadratmeter – zur Verfügung gestellt; dort schlief er nachts auf einer Liege. Sonst besaß er nichts. Nun konnte Männe nicht mehr, noch nicht einmal mehr aufstehen, und damit war er zu einer öffentlichen Angelegenheit geworden.
Wir haben das dann mit der Krankenkasse geregelt, Männe wurde versichert und konnte den Arzt holen. Sein früherer Arbeit­geber, ein Schlachtermeister aus dem Nachbardorf, musste die Sozial­versicherung der vergangenen Jahre nachzahlen und war darüber so erbost, dass er mit seinem Auto auf unseren Hof gebraust kam und uns Prügel androhte. Für die vorgezogene Rente reichte es nicht, so bekam Männe Sozialhilfe. Damals war er fünfzig Jahre alt.
Wieder auf den Beinen, begann Männe, sich im Dorf neu einzurichten. Er bezog die zwei leeren Zimmer im Obergeschoß des Hauses, in dessen Veranda er zuvor genächtigt hatte – jetzt konnte er sie ja bezahlen –, organisierte Möbel, baute Küche und Dusche ein. Er nahm seine Gelegenheitsarbeiten wieder auf, spaltete und hackte Holz, fällte Bäume, fuhr Kies und senste die Obstwiesen. Männe war ein Meister im Sensen. Mit acht Geschwistern aufgewachsen, hatte er früh die Schule verlassen und sich als Landarbeiter und Lohn­mäher auf der Domäne verdingt – bis die Maschinen ihn überflüssig gemacht hatten. In schier unglaublicher Schnelligkeit und Präzision legte er das Gras in schnurgerade Reihen.
Mit der Zeit begann Männe, im Dorf ungenutzte Nischen auszufüllen. In einen leeren Schuppen unseres Nachbarn baute er sich Kaninchenställe ein. Ein angrenzender Verschlag und der nach hinten gehende Hof wurden zu Stall und Auslauf für Hühner erweitert. Es folgten die Umzäunung einer Obstwiese für Schafe, einer weiteren für Puten. Ein Teil der Scheune diente schließlich der Aufzucht von Hähnen, die bald eine wachsende Abnehmerzahl fanden.
Männe hatte diese Orte nicht für sich in Besitz genommen – im Gegenteil: Indem er sie nutzte, machte er sie gleichzeitig zu öffentlichen Räumen und füllte sie so mit neuem Leben. Wo vorher nur ein Baum vor einem leeren Schuppen gestanden hatte, entwickelte sich ein dörflicher Treffpunkt. Unter der Walnuss gab es Bank und Tisch, und alle, die kamen, verweilten, quatschten und wurden dabei mit reichlich Bier versorgt. Die Kinder liebten Onkel Männe. Unsere verbrachten ganze Tage dort, beim Spielen mit den Kaninchen und Meerschweinchen, beim Herumstreunen mit den Hunden durch die Obstwiesen.
Eines Tages sprach mich eine Frau auf der Straße an. Ob ich denn wüsste, dass Männe auch Kinder hätte. Nein, davon hatte er noch nie etwas verlauten lassen. Und dann erzählte sie mir eine längere Geschichte, wie Männe einmal mit seinem Trecker, ohne sich um die Tür zu kümmern, in eine Wirtshausstube gerast sei, um seine Frau herauszuholen, die dort mit ihrem Liebhaber saß. Ah, ja. Und ob ich denn auch wüsste, dass Männe schon einmal ein Jahr lang im Gefängnis gesessen hätte. Ah, nein, und wieso? Weil er sich an seiner Tochter vergriffen hatte, aber sie konnten ihm nichts nachweisen und so mussten sie ihn wieder laufenlassen. Die folgende Irritation währte nur Sekundenbruchteile, dann war klar, dass diese Schilderungen an unserem Verhältnis zu Männe nichts ändern würden. Einige Male sprach Männe dann doch noch über seine Kinder, die jetzt irgendwo im Hessischen lebten. Gesehen hat er sie bis zu seinem Tod nicht mehr.
Ende des Monats tauchte Männe regelmäßig in unserer Küche auf, trank sein Bier und lieh sich zwanzig Mark. Zurück kam das Geld nie, aber gemäß einer nie gemachten Verabredung wurde danach auch nicht gefragt. Irgendwann fand sich dann ein Eimer mit Tauben vor der Werkstatttür oder ein abgezogenes Kaninchen.
Einmal saßen wir abends im Gasthaus, da kam einer der Dorfhonoratioren auf uns zu. Habt ihr schon einmal bemerkt, hob er an, wie Männe sich hier aufführt? Versäuft sein ganzes Geld und prahlt dann herum, bei euch bekäme er auch was, ohne zu arbeiten. Etwas vorwurfsvoll klang es, so als würden wir die natürliche Ordnung durcheinanderbringen, die Preise verderben, das Leistungsprinzip untergraben. Auf dem Nachhauseweg dachte ich, dass Männe doch wesentlich mehr zu einer positiven dörflichen Identität beiträgt als die meisten anderen. Das Dorf müsste froh sein, dass es ihn hat, und mehr Respekt und Dankbarkeit wären durchaus angebracht.
Männe starb ganz plötzlich an einem Weihnachtsabend, knapp ein Jahr, bevor er seine Rente bekommen hätte. Nun bleibt das Gartentor geschlossen, und beim Nachbarn steht wieder ein Baum vor einem Schuppen. • 
Marion Schole, Dassel


In der Stadt
Seit fast fünf Jahren wohne ich nun in einer Stadt und weiß immer weniger, was Nachbarschaft eigentlich bedeutet. Auf dem Dorf habe ich sehr viele der Dorfbewohner als Nachbarn angesehen, die sich grüßten, sich beim Abdecken des Dachs halfen, im Verein waren und den Namen der anderen kannten. In der Stadt habe ich gerade bei jungen Leuten erlebt, dass sich nicht einmal die Bewohner desselben Hauses, des nächsten Hauses oder derselben Straße grüßen. Ich wäre schleichend meinen Nachbarn sicherlich noch gleichgültiger geworden, wenn da nicht die eine oder andere Begegnung wäre, wenn ich nicht zum Beispiel die 90-jährige Frau von gegenüber freundlich grüßen und mit ihr ein kleines Pläuschchen halten dürfte. Sie erzählt mir, dass sie einsam sei, weil all ihre Freunde schon gestorben sind, und wie sie herausgefunden hat, auf welche Weise sie ihre Strumpfhose noch selbst anziehen kann. Ich kann ihr den Rollator die Treppe zur Straße hinuntertragen, ihr ein wenig von meinem Leben erzählen oder sie aufmuntern. Sie schenkt mir ein liebes Lächeln, einen Teil ihrer Lebenserfahrung.
In der Stadt nehme ich auf ganz andere Weise am Leben meiner Nachbarn teil als auf dem Dorf, wo es um Hilfe beim Rasenmähen, Kühe treiben oder um anderweitige, konkrete Aufgaben ging. Auf dem Land wurde für mich die »Nachbar-Schaft« durch ein »Schaffen mit den Nachbarn« bestimmt. In der Stadt erlebe ich viel feinere Beziehungen im Spannungsfeld von »sich ignorieren« bis dazu, dem anderen zuzuhören oder zu spüren, was sein Leid ausmacht, was ihm Freude oder Angst bereitet. Das Leid scheint mir in der Stadt offensichtlicher, intensiver, und ich muss aufpassen, dass ich es nicht unbewusst aufsauge und mich davor schützen muss. Ich ahne, dass dieses »sich schützen müssen« ein Vorwand sein kann, die Nachbarn zu ignorieren.
Ich nehme die unbekannte Kassiererin wahr, wie sie pflichtbewusst jeden Kunden grüßt, eilig, ohne aufzusehen. Also blicke ich sie an und frage sie, wie lange sie heute noch arbeiten muss. Ihr erschöpftes Gesicht wacht auf, sie lächelt, während sie die nächsten Produkte langsamer über den Scanner schiebt, weil ich sie langsam einpacke, um ihr ein paar Sekunden Entspannung zu schenken. Ich meine, dass sie mich beim nächsten Besuch an der Kasse wiedererkennt und wieder Kontakt mit mir aufnimmt. Natürlich kann ich mir das nur einbilden, aber es scheint mir wesentlich.
Bei meinem Besuch heute im Blumenladen kurz vor Ladenschluss kam ein Mann herein und benahm sich nicht wie jemand, der Blumen kaufen will. Ich beobachtete ihn, bis er den Laden verließ und vor dem Schaufenster wartete. Auf meine Frage an die Verkäuferin, ob sie den Mann kenne, verneinte sie. Ich schilderte meinen Eindruck, dass er sich kurz vor Kassenschluss eigenartig benehme. Ja sagte sie, für solche Fälle habe sie einen Besenstiel parat stehen. Ich spürte ihre Angst und fragte, ob ich noch bleiben solle. Kurz nachdem sie dankend erwiderte, dass ihr Ehemann gleich käme, sahen wir die verdächtige Gestalt in einen Bus einsteigen. Ich verabschiedete mich und hörte ein tiefes, aus dem Herzen kommendes »Dankeschön«. Das war echt, keine Einbildung, sondern ein »Beziehung im Alltag schaffen«, es war ein »Nachbarn schaffen« – Nachbarschaft in der Stadt. • 
Eberhard Hasper, Bremen


Layla
Nachbarn? Georg Christoph Lichtenberg behauptete, der nächste Nachbar wohne in uns: »Ein gewisser Freund, den ich kannte, pflegte seinen Leib in drei Etagen einzuteilen: den Kopf, die Brust und den Unterleib. Und er wünschte öfters, dass sich die Nachbarn der obersten und der untersten Etage besser vertragen könnten.«
Ich habe mein ganzes Leben so gelebt, freundlich zu grüßen und einen großen Sicherheitsabstand einzuhalten. Auf meiner Terrasse zum Kennenlernen einen Kaffee trinken? Das kam gar nicht in Frage, das gab es nie! Jetzt aber bin ich stolzer Hunde­besitzer beziehungsweise nach gut 15 Jahren als bekennender ­Katzensklave werde ich jetzt auch noch von einem Hund besessen, von »Layla«. Gleichzeitig bin ich besessen von ihr.
Was hat das mit Nachbarn zu tun? Ganz einfach, Layla entscheidet über guter Nachbar, böser Nachbar – und das bei jedem Spaziergang aufs Neue. Wegen ihr werde ich immer wieder angesprochen: »Ist das ein Rüde? Nein? Gott, ist die süß. Wir hatten bis vor kurzem auch einen Hund …«
Und wo bleibt meine Sicherheitszone? Wie soll ich solchen Nachbarschaftsannäherungsversuchen standhalten? Irgendwann kommt die unausweichliche Aufforderung am Gartentor: »Ach, Herr Gschwendtner, kommen’s ruhig rein.« Der Nachbarshund ­Filou, ein riesiges schwarzes Kuschelmonster, rennt über den ­Rasen, Layla hätte sicher Spaß mit ihm. Sie hechelt und guckt mich an. Ich schmelze dahin, und schon bin ich drin im fremden Garten.
»Möchten Sie einen Kaffee? Um diese Zeit trinken wir jeden Tag im Garten einen Kaffee.«
Wo ist meine Sicherheitszone? Früher wäre mir das nicht passiert. So aber habe ich ein paar Freunde mehr. Ein wenig Offenheit schadet nicht – auch ohne Hund! • 
Wolfgang Gschwendtner, Rosenheim


Herz am Revers
Es war ein paar Tage vor den Wahlen. Die NPD hatte in Bad Belzig einen Stand am Marktplatz beantragt, wo sie Wahlwerbung machen wollte. Die Belziger Alternativbewegung rief zu einer Gegendemo auf. Viele Menschen ließen sich mobilisieren und stellten sich an einem Stand der Grünen dem Stand der NPD gegenüber. Parolen wurden gerufen und entsprechend zurückgeschimpft, ­Klischees dominierten auf beiden Seiten.
Ich entschied mich, mit den Menschen am NPD-Stand zu sprechen, und fragte die Leute, was sie wollten. Mich interessierte, ob wir nicht im tiefsten Grunde gleiche Werte finden könnten – Werte, die diese Menschen mit mir gemein haben, aus denen sie aber andere Schlüsse ableiten. Während ich mich näherte, folgten andere vom Stand der Grünen, ermutigt von meinem Beispiel, schauten und schimpften. Es war nicht leicht, ein tiefergehendes Gespräch anzufangen, die Menschen hinter dem Stand schützten sich.
Ich ließ mich nicht irritieren und konnte Gemeinsames finden: Zum Beispiel wollten die Leute am NPD-Stand genau wie ich die Natur schützen und dafür sorgen, dass es den Menschen gutgeht, dass Ehrlichkeit herrscht und eine Art des Füreinander-Einstehens. Sie zogen nur engere Grenzen, wollten Natur in Deutschland schützen und deutsche Menschen fördern etc. Ich sagte ihnen, dass ich viele ihrer Werte teile, nur dass ich nicht glaube, sie auf ihre Art vertreten zu können und wollen. Naturzerstörung ist grenzüberschreitend, Deutschland ist keine isolierte Insel, wo es sich gut leben lässt, wenn drumherum alles zusammenbricht.
Ich bemerkte, dass einige Ältere von ihnen in der DDR sozialisiert waren und so eine Mischung von sozialistischen und rechten Einstellungen hatten. Diese Männer waren sehr verletzt, als die Gegendemonstranten alte Arbeiterlieder anstimmten. Es wurde klar, dass sie diese Lieder in ihrer Jugend gesungen hatten und sie ihnen viel bedeuteten. Sie jetzt als Lieder, die gegen sie gerichtet waren, hören zu müssen, war schmerzhaft – noch dazu von Menschen, die wahrscheinlich noch nie in Fabriken gearbeitet hatten.
Mit der Zeit kam ich mit einem Jüngeren intensiver ins Gespräch. Wir gingen einige Schritte beiseite, unterhielten uns, und er begann, mir von seiner Freundin zu erzählen. Immer wieder wies er andere ab, die mit Springerstiefeln und Bürstenfrisur aufblickend zu ihm kamen und etwas wissen wollten, denn er wollte in unserem Gespräch nicht gestört werden. Ich erklärte ihm, dass ich in einer Gemeinschaft lebe. Das fand er interessant. Ich trug einen Button vom Tisch der Grünen mit einem Herz, in dem die Welt abgebildet war – für mich sei das ein Beispiel, dass wir für die ganze Welt denken müssten, erklärte ich ihm. Am Ende des über einstündigen Gesprächs nahm er seinen Mut zusammen und durchschritt die Grenzen der Gegendemo, ging zum Grünen-Tisch, griff sich einen dieser Buttons und steckte ihn sich an das Revers seines schwarzen Hemdes. Wir verabschiedeten uns, nachdem er mir seinen Namen gegeben hatte. Später fand ich heraus, dass ich mit einem der NPD-Kader Brandenburgs gesprochen hatte. Ich weiß nicht, ob ich etwas ihn ihm erreicht oder gar verändert habe. Auf jeden Fall war das Gespräch mit ihm viel spannender, als zehn Meter vom NPD-Tisch entfernt Parolen zu rufen. • 
Achim Ecker, Bad Belzig


Der erste Schritt
Ich wohne schon lange in einem schönen, alten Wohnviertel in München. Jahrelang musste ich zusehen, wie ein kleiner Laden nach dem anderen einging. Auch in der Bäckerei bei mir um die Ecke wechselten die Pächter häufig und in immer kürzeren Abständen. Am Ende übernahm ein junges, türkisches Ehepaar den Laden. Die beiden taten sich sichtlich schwer, weil sie nie ausgeschlafen waren. Sie arbeiten auch heute noch sieben Tage in der Woche und manchmal vierzehn Stunden am Tag. Ich habe das länger beobachtet und mir Gedanken gemacht. Immer, wenn ich Brot holen wollte oder einen Kaffee brauchte, hoffte ich, sie würden bleiben und den Laden nicht aufgeben.
Einmal, als das Thema »Schweinegrippe« die Medien beherrschte, war alle Welt erkältet, und viele hatten Angst. Im Laden des türkischen Paars lagen die üblichen Boulevard-Blätter mit einer Schlagzeile zur Schweinegrippe aus. Ich wollte nicht über das Wetter reden und fragte spontan ein bisschen frech: Was passiert, wenn ein Moslem die Schweinegrippe bekommt? Die Verkäufer mussten spontan lachen. Daraufhin haben sie erzählt, das sie Kurden seien, Jesiden, keine Moslems. Sie ließen durchblicken, dass sie nach Deutschland gekommen waren, weil ihr Dorf von Milizen zerstört worden war. Recht viel mehr weiß ich auch heute noch nicht.  
Mittlerweile sind wir befreundet, und ich könnte noch mehr Nachbarschaftsgeschichten von ihnen erzählen. Aber die Frage mit der Schweinegrippe war der Anfang. Ich konnte ihre Reaktion nicht voraussehen. Dieser Kontaktversuch hätte ebenso schiefgehen können. Aber – wer den ersten Schritt tut, trägt das Risiko!
Nun könnte es sein, dass Sie diese Geschichte in Oya gar nicht drucken können. Dass ich sie erlebt habe, war noch vor Charlie Hebdo und den Schlagzeilen über den »Islamischen Staat«. Inzwischen gibt es noch mehr Tabus, noch mehr Zögern – wer traut sich noch, spontan einen Witz zu machen, der als Diskriminierung missverstanden werden könnte? Meine Bemerkung war sicherlich nicht besonders elegant, aber ich habe gelernt, dass ein erster, spontaner Schritt eine vertrauensbildende Maßnahme sein kann, die in die Zukunft führt. Das gilt für alle Nachbarschaften. • ­
Edelgard Stadler, München


Allah ist groß
In meine Praxis für Ernährungsberatung kommt eine muslimische Patientin. Bei der Anamnese erzählt sie von ihren Kindern und fragt, ob ich auch welche hätte. »Vier«, erwidere ich. »Zwei davon sind allerdings geschenkt. Die hat mein Mann mit in die Ehe gebracht.« Da geht ein Leuchten über das Gesicht der Frau: »Dafür kommst du in den Himmel! Wir Muslime glauben, dass eine Frau, die das Kind einer anderen großzieht, ins Paradies kommt. Und du hast sogar zwei davon!«
Wir freuen uns, einander begegnet zu sein. Die eine, weil sie bis dahin noch nichts von ihrem Glück wusste, die andere, weil sie mit einer Frau zusammensitzt, die mit Sicherheit ins Paradies kommen wird. Dann jedoch fällt mir ein: »Oh schade, ich bin doch ­Christin!« – »Das macht nichts«, beruhigt die andere, »das ist Allah egal!« • 
Marianne Reiß, Braunschweig



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