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Blick über den Zaun

Der Schrebergarten als Erfahrungsraum.

von Helena Berger , erschienen in 38/2016

Was passiert, wenn sich in einer Kleingartenanlage Alteingesessene und junge Permakultur-Begeisterte begegnen?

Bild

© Foto: Helena Berger

Wer sich den Stadtplan, der in unserer Leipziger Küche hängt, genauer betrachtet, dem fallen schnell seltsame rechteckige Flächen auf: Es sind Kleingartenanlagen, von denen es allein in Leipzig 276 gibt. Die »Schrebergärten« entstanden in den Großstädten zu Beginn des Industriezeitalters als Erholungsorte und zur Selbstversorgung der Fabrikarbeiterfamilien. Heute gelten sie als Enklaven des Spießertums. ­Während ­allerorts hippe Stadtgarten­projekte mit krea­tiv zusammengezimmerten Hochbeeten wie Pilze aus dem Boden sprießen, erscheint der Lebensraum des gemeinen Schrebergärtnerehepaars ziemlich eintönig: schnurgerade Betonwege und dazwischen mit der Nagelschere gestutzter Rasen. Nach landläufigem Vorurteil verbringt man dort seine Wochenenden damit, über die festungsmauergleiche Liguster­hecke spähend die Nachlässigkeit der Nachbarn an der Unkrautfront zu bemäkeln. Schrebergärtner scheinen Welten von ihren modernen Artverwandten, den Urban-Gardening-Fans, entfernt zu sein, in deren Lebensraum immer ein Hauch von Rebellion in der Luft liegt und die gegen jegliche Form der Eingrenzung eine natür­liche Abneigung hegen. Eine unüberwindbare Kluft scheint sie zu trennen – dabei teilen sie die Lust am Gärtnern. Und geteiltes Glück ist doppeltes Glück, oder nicht?
Auf der Suche nach einem Experimentierfeld fürs Gemüse-
ziehen haben mein Freund und ich einen großen Schrebergarten am Stadtrand gefunden, der nur auf uns gewartet zu haben scheint. Bei unserem ersten Besuch werden wir mit fast überschwänglicher Herzlichkeit von einer quirligen Frau mit roter Pudelmütze begrüßt. Uschi ist seit 35 Jahren im Vereinsvorstand und zieht in der Saison ihre Datsche der Stadtwohnung vor. Mit einer Engelsgeduld sperrt sie uns jede leerstehende Laube auf. Die Gartenfreunde seien zu alt geworden, erzählt sie; viele Parzellen in der 85 Jahre alten Anlage seien verwildert. Es fehle an Nachwuchs, der den Erhalt des Vereins sichern könnte. Auf meine Nachfrage versichert sie kichernd, dass der Vorstand andere Sorgen habe, als sich um die Einhaltung irgendwelcher Paragrafen zu kümmern. Dank diesem schönen Willkommen verlieren wir schnell alle Vorbehalte.

Lebensräume und Sprachen verstehen
Zurück im städtischen Alltag fällt mir auf, dass ich selbst von unseren direkten Nachbarn recht wenig weiß. Von deren Lebensräumen zeigen sich mir nur die neben der Fußmatte stehenden Schuhe, die Gestaltung der Fensterbänke und das, was sie zur Mülltonne im Hinterhof tragen. Gärten erzählen noch viel mehr Geschichten über die Menschen, die sie bestellen. Da gibt es alles – von der chaotischen Heimwerkerin über den schrägen Gartenzwerg-Freak bis zum verträumten Apfelgärtner. Nach ein paar Tagen kenne ich in meiner Schrebergartenanlage die Leute, die sich voller Vorfreude auf den Frühling ans Werk machen. Der alte Paul erzählt stolz, dass er keinen Kunstdünger mehr brauche, seit ihm seine Enkelin das biologische Gärtnern nahegebracht hat, und mischt dabei zufrieden Pferdemist unter seine Beete. Immer mehr junge Gärtner interessieren sich für die Gartenanlage. Auch ein paar meiner Freunde haben schon ihr grünes Wohnzimmer gefunden. Eines Tages kommt der Nachbargärtner Klaus vorbei; der ehemalige Elektriker will unseren Siche­rungskasten überprüfen. Als ich ihn sieze, erwidert er: »Jetzt können wir doch ›Gartenfreunde‹ sagen!« Ich frage mich, ob der »Gartenfreund« – ähnlich wie der »Facebook-Freund« – ein formelles Verhältnis bezeichnet oder tatsächlich kumpelhaft gemeint ist. Egal – das Lernen einer neuen Sprache gehört wohl zum Überwinden meines angestammten Milieus dazu.
Jetzt sitze ich in der renovierten Laube meines Gärtchens, studiere Obstbaumschnitt- und Permakulturbücher und denke: Vielleicht ist es mit den Menschen wie mit der Mischkultur im Gemüsebeet: Veschiedene Lebensformen können sich gegenseitig ergänzen, was auch die Widerstandskraft und Produktivität des ganzen Systems stärkt. So berichtet mir der anfänglich wortkarge Herr Löffler über den Zaun von seinen Erfahrungen mit dem Kartoffelanbau – später taucht er auf, um mir fachmännisch zu erklären, wie ich die zu groß gewordene Fichte fällen müsse, und bietet seine Hilfe an. Da blitzt die Möglichkeit einer echten Begegnung auf. »Miteinander zu tun zu haben« geschieht eben immer nur durchs Tun!

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