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Psychiatrie-Verarbeitung in Eigenregie

Das offene Haus des Selbsthilfevereins »Durchblick« in Leipzig.

erschienen in 37/2016

Die oft hierarchischen Verhältnisse in der psychosozial-psychiatrischen Versorgungslandschaft auf den Kopf zu stellen, mag realitätsfern anmuten – doch im »Durchblick e. V.«, einer Interessengemeinschaft für Psychiatriebetroffene, ist dies seit bald 27 Jahren tägliche Praxis.

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© Foto: Diana Stegemann

Im Leipziger Durchblick e. V. organisieren sich seit dem Mauerfall Psychiatriebetroffene, um für ihre Interessen einzutreten. Über die Jahre hat der Verein ein breites Angebot aufgebaut: von Kreativwerkstätten über eine Beratungsstelle, Übergangs- sowie betreutem Wohnen bis hin zu einem Psychiatriemuseum.

Was heißt es eigentlich, von der Psychiatrie »betroffen« zu sein? Es bedeutet schlicht, im eigenen Leben mit dem psychologisch-psychiatrischen Gesundheitswesen in Berührung gekommen zu sein, sei es bei einem stationären Aufenthalt auf einer psychiatrischen Station, beim Besuch einer Tagesklinik oder während einer ambulanten Psychotherapie. Vereine wie Durchblick verdeutlichen, dass selbst unsere so fortschrittlich scheinende, mehrstufige psychi­a­trische Regelversorgung Lücken hat und Wunden hinterlässt.

Ort der Vielfalt
Der etwas ältere Mann am Küchentisch wird immer wieder angeschrien. Er bleibt ganz ruhig, obwohl jede und jeder ihn anschreit, sobald sie oder er in der Warteschlange fürs Mittag­essen an die Reihe kommt. Der Schwerhörige trägt die Namen in eine Liste ein und kassiert. Das Essen ist günstig – schlappe 2,50 Euro kostet eine volle Mahlzeit. Heute gibt es Schnitzel mit Kartoffeln und Rosenkohl. Mit ihren Tellern finden sich Vorstandsmitglieder, Gäste und Angestellte bunt durcheinandergewürfelt an den Tischen ein. Angesichts des weichgekochten Rosenkohls entbrennt eine Diskussion zwischen Ost- und Westsozialisierten über die richtige Zubereitungsweise. Dann folgen ernstere Themen: Die Verwüstung, die rechtsradikale Hooligans im Leipziger Stadtteil Connewitz am Wochenende angerichtet haben, und der erneute Legida-Aufmarsch. Zwei Mitarbeiterinnen haben es auf der Anti-Legida-Demo zu plötzlichem Ruhm gebracht – sie sind in der »Bild« gelandet. Der Reporter hätte sich nicht als solcher zu erkennen gegeben; scherzhaft rühmt man sich mit der unverhofften Bekanntheit.
Nach und nach leeren sich die Tische wieder. Im Vereinsgebäude stellt sich ein reges Treiben ein. Aus Büros dringen Laut­fetzen angeregter Gespräche – die Türen stehen wie selbstverständlich offen. Menschen durchkreuzen den Flur, einige suchen die Büroräume auf und stellen Fragen. Der Umgang miteinander ist ungezwungen und lebendig.
»Ich finde hier Gleichgesinnte und fühle mich aufgehoben«, sagt Sylvia. Der Durchblick ist für sie seit vielen Jahren ein wichtiger Zufluchtsort. »Er hilft mir immer wieder, zu Hause rauszukommen und somit eine Tagesstruktur aufrechtzuerhalten.« Als die 64-Jährige von sich erzählt, werde ich traurig und empfinde gleichzeitig eine große Achtung vor ihr, da sie trotz oder vielleicht auch gerade wegen ihrer von Krisen geprägten Lebensgeschichte eine liebevolle Zuwendung ausstrahlt. Ihr Vater hätte nicht gewollt, dass sie geboren würde, und deshalb ihre Mutter geschlagen. Auch nach der Geburt ging es heftig weiter: »Meine Eltern haben mich eingesperrt: ein ganzes Jahr Stubenarrest. Stell’ dir das mal vor!« In ihrem späteren Leben hatte Sylvia immer wieder mit Depressio­nen und Ängsten gerungen. Nach einigen Klinikaufenthalten war sie 1998 auf Anraten ihres Psychiaters zum ersten Mal in den Durchblick gekommen. Sie bekam für einige Jahre einen Job im Vereinsbüro. Auch in dieser Zeit ging es ihr manchmal nicht gut. »Ich bin dann heulend hierher gefahren«, erinnert sie sich. »Wo kannst du sonst? Hier war das kein Problem.« Momentan hat sie eine Nebenverdienststelle im Durchblick, um sich ein bisschen Geld zu ihrer Rente dazuzuverdienen. Sie sei so eine Art Mädchen für alles, nehme Anrufe entgegen und protokolliere Sitzungen. Neben diesen Tätigkeiten ist Sylvia auch künstlerisch aktiv. Im Durchblick wurde ihr eine dreijährige Ausbildung zur Grafikdesignerin angeboten. An der Wand hinter ihrem Arbeitsplatz ist eine Auswahl ihrer Kunstwerke zu sehen. Für einige Bilder hat sie in Zeitschriften abgebildete Frauen minutiös übercollagiert und ihnen so ein alienhaft-mystisches Aussehen verliehen. »Zweimal habe ich schon ausgestellt«, erzählt Sylvia zufrieden.

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© Foto: Josh Kern


Die Kunst war schon in der Zeit vor der Vereinsgründung identitätsstiftendes Merkmal der Initiative. In den 1980er Jahren eröffnete die Grafikerin Rosi Haase in der Psychiatrie in Leipzig-Dösen einen Mal­zirkel. Daran nahmen auch Besucherinnen und Besucher der »Schitzeria« – ein informelles Selbsthilfeangebot von Psychiatrie­betroffenen – sowie des »Schitzo-Treffs« des Künstler- und Studentencafés »Corso« teil. Aus diesen Kreisen fanden sich nach der Wende Menschen in der »Basisgruppe Psychiatrie« des »Neuen Forums« zusammen und gründeten den Durchblick e. V. Bis heute stellt die Galerie des Vereins Werke von Menschen mit und ohne Psychiatrie-erfahrungen im In- und Ausland aus. Wichtig ist, dass alle Angebote für jede und jeden zugänglich sind, seien es die Keramikwerkstatt oder die Literaturgruppe »Kauderwelsch«. Der Durchblick soll kein Ort sein, in dem Psychiatriebetroffene unter sich bleiben, sondern ein Ort der Vielfalt.

Aufarbeitung
Dass ein Verein wie der Durchblick existiert, wurde erst mit der Wende möglich. Zu DDR-Zeiten waren »psychische Erkrankungen« aufgrund ihres Makels für die idealiter allseitig entwickelte sozialistische Persönlichkeit nicht gerne gesehen. »Selbstorganisation war zur Zeit einer absoluten staatlichen Kontrolle nicht denkbar«, erklärt Martin. Er beaufsichtigt gelegentlich das sächsische Psychiatriemuseum, das sich in der ersten Etage des Vereinsgebäudes befindet. Die Dauerausstellung »Wahn und Sinn« zeigt die Geschichte der Psychiatrie aus Sicht der Betroffenen.
»Mich berühren die Schicksale der Menschen; oft geht es um abgebrochene Lebensentwürfe und enttäuschte Hoffnungen«, sinniert Martin. Für ihn hat das seit 2001 bestehende Museum eine besondere Atmosphäre. Wenn weniger los ist, genießt er es, in den ausliegenden Büchern zu ­lesen. Heute wimmelt es aber von Besuchern, und Martin fragt in die Runde, wer an einem kurzen Film über die »Netzbehandlung« – eine Fixiermethode, die noch bis Ende der 1970er Jahre in der DDR praktiziert wurde – Interesse hätte. Der Auschnitt aus einem 1985 für die damalige Karl-Marx-Universität Leipzig erstellten Lehrfilm zeigt eine Nachstellung, bei der ein Patient in ein Netz eingezurrt wird, bis er sich kaum noch bewegen kann. Anschließend werden ehemalige Patienten und Klinikmitarbeiter zu ihren Erfahrungen und Motivationen befragt. Die Dokumentation veranschaulicht das Bemühen um eine Verbesserung der Zustände innerhalb der DDR-Psychiatrie.

Psychiatriekritik und Engagement
Was sind heute die Schattenseiten der Psychiatrie? Zu dieser Frage finden sich im Durchblick unterschiedliche Positionen. Viele hier haben negative Erfahrungen gemacht: einige vor vielen Jahren, andere erst kürzlich. Selbstverständlich hat sich die psychiatrische Praxis über die Zeiten hinweg gewandelt. Beeinflusst durch die Psychiatrie-Enquête von 1975 und darauffolgende Reformen in Westdeutschland, hat sich der isolierend-verwahrende Charakter der Psychiatrien auch im Osten schon vor der Wiedervereinigung zu einem humaneren, rehabilitationsorientierten Versorgungs­modell hin verändert. Nichtsdestoweniger gehören direktive bis autoritäre Umgangsweisen, Zwangsbehandlungen sowie das Einsperren auf geschlossenen Stationen weiterhin zur alltäglichen Praxis. ­Einige Patientinnen und Patienten geben in Datenerhebungen an, dass derartige Vorgehensweisen für ihre Genesung notwendig gewesen seien. Andere machen aber auch traumatisierende Erfahrungen, in denen sie sich um ihre »Psychosen« oder andere besondere Zustände betrogen fühlen – ihre als authentisch und wesentlich empfundenen Gemütszustände werden durch Psychopharmaka weggedämpft und unerfahrbar gemacht. Dass psychische Krisen für die eigene Biografie oft von transformativer Bedeutung sind, dass sie etwas Wichtiges mitteilen und sinnstiftend genutzt werden können, wird in der Psychiatrie nach wie vor unzureichend beherzigt. Der Fokus liegt auf der »objektiven« Linderung von Symptomen, nicht auf dem subjektiven Krisenerleben des jeweiligen Menschen. Diese Diskrepanz führt immer wieder zu Konflikten zwischen Behandelnden und ­Behandelten.
Um sich für Letztere einzusetzen, koordiniert der Durchblick unabhängige Fürsprecher für Patientinnen und Patienten, die zwischen ihnen und der Ärzteschaft vermitteln. Diese Art der Zusammenarbeit wird auch von Seiten des Psychiatrie­personals begrüßt: »Wir haben heute andere Zustände in der Psychiatrie, aber es ist nicht so, dass wir am Ziel unserer Wünsche sind«, meint Martin. Eine aktuelle Gefahr sieht er in der zunehmenden Ökonomisierung der Gesundheitsversorgung. Diese Entwicklung drohe die Menschen zum Kostenfaktor herabzuwürdigen.

Durch stürmische Zeiten
Von Wirtschaftsfragen kann auch Christina ein Lied singen. Sie ist fast von Anfang an im Durchblick dabei. Der damals ein Jahr alte Verein bot ihr eine auf zwei Jahre befristete Stelle als Geschäftsführerin an. Danach sollte eine psychiatriebetroffene Person den Posten übernehmen. Die Erfahrung zeigte dann aber, dass einige der mit der Geschäftsführung verbundenen Tätigkeiten sehr belastend sind. Also blieb Christina. »Es gibt Zeiten, da arbeite ich 60 bis 80 Stunden in der Woche – die sind auch notwendig«, sagt sie; hauptsächlich in Abrechnungsphasen und bei Jahresabschlüssen sei dies so. Grundsätzlich ist es Vereinscredo, Stellen bevorzugt an Psychiatriebetroffene zu vergeben. Auch der Vorstand, der alle zwei Jahre durch die derzeit 92 Vereinsmitglieder gewählt wird, besteht  – der Satzung gemäß – mehrheitlich aus solchen Menschen. So wird das emanzipatorisch-selbstermächtigende Moment, das den Verein ausmacht, garantiert: Psychiatriebetroffene entscheiden hier selbst, wer wie für sie arbeiten soll, welche Hilfsangebote und Aktivitäten sie für sich schaffen.
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© Foto: Josh Kern


Dass diese Art der Selbstorganisation nicht problemlos verläuft, ist im Durchblick kein Geheimnis. Einmal schlitterte der Verein um Haaresbreite an der Insolvenz vorbei. Auch das letzte Jahr ist nicht konfliktfrei über die Bühne gegangen: Es kriselte im betreuten Übergangswohnen. Ein Bewohner musste in den Maßregelvollzug zurück, ein anderer ist wieder auf der Straße gelandet. Wegen Drogenkonsums und Randale sei die Situation nicht anders zu bewältigen gewesen. Christina und eine Kollegin wurden vom Vorstand beauftragt, den Bereich wieder instandzusetzen. Das habe zu viel Missmut geführt und werde auch noch immer heiß diskutiert. »Mir wurde empfohlen, eine Auszeit zu nehmen« seufzt die Geschäftsführerin. »Doch dann hat sich Mäcki als Mitarbeiter beworben. Der ist psychiatriebetroffen und war genau der Richtige – eine glückliche Fügung.«
Jetzt läuft das Übergangswohnen wieder. Dass es im Durchblick auch in Zukunft immer wieder einmal chaotisch zugehen wird, ist ein akzeptiertes und für die meisten auch ein positives Merkmal des Vereins. Durch das basisdemokratische Fundament ist gewährleistet, dass man sich mit allen Positionen und Bedürfnissen auseinandersetzt – das hält den Verein jung und dynamisch. Obwohl diese sehr direkte Auseinandersetzung immer wieder Kraft kostet, ist sie essenziell. Der Verein bietet damit eine Alternative zur konventionellen Versorgungslandschaft; die Menschen nehmen hier mutig das Ruder selbst in die Hand. ­Dem Durchblick e. V. ist nur zu wünschen, dass er es weiterhin schafft, aus den inneren wie auch aus den sich von außen stellenden Herausforderungen gekräftigt hervorzugehen. •

Josh Kern (31) hat Psychologie und Philosophie studiert. Er lebt in Berlin und tobt sich gerne auf Contact Jams aus.

Einblick in die Durchblick-Arbeit:
www.durchblick-ev.de
www.psychiatriemuseum.de
www.kunst-ist-verrueckt.de

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