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Fühlen wie ein Wald

Die Autorin und Wildnislehrerin Susanne Fischer-Rizzi

von Wolfram Nolte , erschienen in 05/2010

Susanne Fischer-Rizzi, bekannt als Wildnislehrerin, war ich viele Jahre nur in ihren zahlreichen Büchern begegnet. Mich verblüffte die Spannweite ihrer Themen: von »Himmlische Düfte« über die »Medizin der Erde« bis hin zu »Geheimnisvolle Beziehung zwischen Mensch und Tier«. Und jüngst noch der Renner »Wilde Küche« über das Kochen am Feuer. Wer ist diese wilde Frau, die so viel mitzuteilen hat?

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Es ist einer der ganz schönen Herbsttage. Die Luft ist frisch und doch noch spätsommerlich warm. Zu dritt sind wir unterwegs in den kleinen Ort im Allgäu, wo Susanne wohnen soll. Ohne ihre Skizze hätten wir nach ihrem Haus lange suchen müssen. Wir folgen einer schmalen Straße, die sich in Kurven aus dem Ort windet, und nach einigen Kilometern lässt sich zur Rechten ein mit Holz verkleidetes Haus versteckt hinter üppigem Grün erahnen. Ob es das wohl ist? Ein kleines Eichhörnchen kommt uns auf der Straße entgegen, als ob es uns begrüßen wollte, verneigt sich kurz und verschwindet im Wald. Wenn das kein Willkommen ist! Da sehen wir auch schon jemanden einladend winken.
Werden uns jetzt weitere wilde Tiere, wie Wölfe oder Uhus, die oft auf Fotos mit Susanne zu sehen sind, entgegeneilen? Nein, es ist ein idyllischer Platz, der uns freundlich empfängt. Ebenso seine Lebewesen: eine ungewöhnlich große Katze und die riesige Hündin Lucy sowie viele originelle Hühner, einige mit Punkfrisur. Uns begrüßt eine sehr lebendig wirkende Frau in den besten Jahren mit neugierigen und lachenden Augen. Sie hat wirklich etwas Wildes in ihrem Gesicht. Weil es so indianisch aussieht?
Ja, sie lebe im Allgäu, weil die Natur hier noch so stark sei. In den Bergen gebe es noch richtig wilde Plätze wie sonst nur in Kanada. Ihr sei es wichtig gewesen, gleich in der Natur zu sein, wenn sie aus der Haustür tritt. Außerdem seien die Allgäuer sehr naturverbunden. In jedem Dorf gebe es noch Gesundbeter, so würde auch sie als Kräuterfrau anerkannt. Dabei lacht sie zufrieden.
Bei Pflaumenkuchen mit Sahne will ich mich behutsam dem Thema »Wildnis« nähern. Ich frage Susanne, die Pionierin der Aromatherapie in Deutschland, warum Düfte sie so interessieren, und bin sofort mittendrin im Thema.
»Die Natur spricht mit den Düften zu den Menschen. So wie es riecht – so fühlt sich Mutter Erde und teilt das über ihre Düfte mit. Der Geruchssinn ist der älteste und wildeste. Er wird nicht vom Verstand kontrolliert und beeinflusst unsere Gefühle von ­Antipathie und Sympathie, unsere Sexualität, sogar unsere Erinnerungen. Wir sind dieses Sinns entwöhnt. Aber wir brauchen ihn, er verfeinert unsere Wahrnehmung, um die Sprache der Natur zu verstehen. Sensibilität für diese Sprache zu vermitteln, ist das Wesentliche meiner Arbeit. Eine der besten Methoden dafür ist das ­›Coyote Teaching‹.«
Wie bitte? Statt einer Erklärung erzählt sie uns eine unglaub­liche Geschichte, die Geschichte ihrer »Initiation«:
Vor etwa 10 Jahren war sie mit einer zehnköpfigen Gruppe mit Kanus unterwegs auf einem der großen Flüsse in Kanada. Eine Indianerin sollte die Gruppe mit ihrem Wissen über die Wildnis begleiten. Eines Abends machten sie am Ufer übermüdet Rast, ohne den Platz genauer zu untersuchen. Plötzlich hörten sie Schreie aus einem der Zelte. Ein mächtiger Schwarzbär, angelockt vom Essensduft, war in das Zelt eingedrungen und hatte zwei Frauen schon schwer verletzt. »Unser Geschrei und die verschiedensten Wurfgeschosse halfen nicht. Doch plötzlich stürzte die Indianerin laut schreiend mit einem Paddel auf den Bären los. Der Bär ließ von seinem Opfer ab, schien ihre Kraft zu spüren und machte sich davon. Am nächsten Tag blieb ich mit der Indianerin und den beiden schwerverletzten Frauen auf einer kleinen Insel zurück, während die anderen Hilfe holten. Plötzlich sahen wir, wie sich aus dem Wald ein mächtiger, schwarzer Körper löste und schnell durch den Fluss auf uns zuschwamm, so schnell, dass uns Panik ergriff. Die Indianerin stimmte ein Lied an und forderte uns auf, mitzusingen. Es war ein Lied, das vom großen Geist erzählte, der alles miteinander verbindet. Der Bär lauschte und kehrte um. Ich war so beeindruckt, dass ich spontan beschloss: Das will ich von ihr lernen.«

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In der Schule des Koyoten
Diese Indianerin wurde ihre erste Lehrerin. Der Medizinmann aus ihrem Stamm gab Susanne den Auftrag, ein Buch über die Seelenverwandtschaft von Mensch und Tier zu schreiben. Danach ging sie in die Lehre bei Indianern verschiedener Stämme. Doch das Wichtigste waren wohl das Coyote Teaching und das Wildniswissen, das sie von Tom Brown jr. und vor allem von seinem Schüler Jon Young lernte. Tom Brown, ein ganz normaler weißer Amerikaner, will dieses Wissen von einem Apachen erhalten haben, den er Grandfather Stalking Wolf nennt und der dieses jahrzehntelang von vielen Stämmen gesammelt hatte.
Ich bin neugierig, was das Coyote Teaching und das Wildniswissen beinhalten. Es gehe darum, die Sprache der Vögel zu verstehen, um Fährtensuche, um den Weitwinkelblick, um den Fuchsgang, auch um Meditation. – Mein Verstand will mehr wissen. Susanne lacht. Beim Coyote Teaching ginge es nicht um ­Daten – auch wenn man viel Wissenswertes lerne –, sondern vor allem um die Schulung der Wahrnehmung. Die Neugier soll geweckt, und die Menschen sollen inspiriert werden, Fragen zu stellen. Dafür gebe es viele Übungen. Aber das Wichtigste sei die Art der Weitergabe, man lerne, ohne zu merken, dass man lernt.
Aha, ich erinnere mich dunkel: Der Koyote ist in der indianischen Mythologie der große Trickster, der Schelm, der die Wahrnehmung der Menschen auf ungewöhnliche Weise oft unbemerkt öffnet. Näheres könne ich bei Jon Young nachlesen, rät Susanne (siehe auch Seite 60). Von ihm hätte sie viel gelernt und sei auch bei vielen seiner Workshops einbezogen gewesen. Voller Begeisterung erzählt sie uns, wie es sich anfühlt, »wenn du in die ›Base Line‹, in die harmonische Grundstimmung mit der Natur kommst«. Es hält sie kaum auf ihrem Stuhl, ihre Augen funkeln, und ihre Stimme wird eindringlich: »Du könntest schreien vor Glück. Wenn du die Sprache der Vögel verstehst, weißt du, wie der Wald sich fühlt. Du fühlst dich zu Hause. Die Tiere laufen nicht mehr vor dir weg. Wir könnten drei Wochen in den Wald gehen, und es würde uns an nichts fehlen.«
Ich habe den Eindruck, sie würde am liebsten aufstehen und geradewegs in den Wald gehen, und ich muss gestehen, ich würde ihr folgen.

Eine alteuropäische Daostin
Als mir bewusst wird, dass wir bis jetzt nur über die letzten zehn Jahre ihres Lebens gesprochen haben, frage ich mich, wie sie wohl in der Zeit davor gelebt hat. Ganz anders?
Susanne ist 1952 in Stuttgart geboren. Ihr Vater hat sie immer wieder auf seinen Spaziergängen in den Wald mitgenommen. Von ihrer Mutter lernte sie, die Tiere zu lieben. Ihr Großvater machte sie mit der Welt der Heilpflanzen vertraut.
Schon in ihrer Kindheit interessierten sie Winnetou und Leder­strumpf. Aber richtig interessant wurde es für sie, als sie ein Buch von Rolling Thunder, einem noch lebenden Indianer in den Händen hielt. Vor ihrem Abitur hat sie ein halbes Jahr in einem Zelt im Wald gewohnt. Gleichzeitig interessierte sie sich für die Weisheitslehren Asiens. Als Fünfzehnjährige nahm sie an Yoga-Kursen teil, und nach dem Abitur verbrachte sie eineinhalb Jahre unter anderem in tibetischen Klöstern und in einer ayurvedischen Klinik. Dort half sie bei der Zubereitung von Kräutern für Lepra-Kranke. Hier tat sie ein Gelübde: »Wenn ich nach Europa zurückkomme, will ich anderen helfen!«
Sie besuchte in München eine Heilpraktikerschule und beschäftigte sich intensiv mit dem alten europäischen Heilpflanzenwissen. Während dieser Zeit hörte sie von dem daoistischen Weisen Gia Fu Feng und reiste zu ihm nach Colorado in den USA.
»Bei Gia Fu Feng lernte ich die feine daoistische Art, sich mit der Natur zu verbinden, mit dem Fluss der Lebensenergie zu gehen. Ich übte mich in ›Wabi-Sabi‹: die Schönheit in der Hülle des Unscheinbaren, Unvollkommenen und Vergänglichen zu erkennen.«
Wie passt das alles in ein einziges Leben? staune ich. »Ja, ich bin eben eine buddhistische Daostin, die aus ihren alteuropäischen Wurzeln Kraft schöpft und die Wildnis liebt«, entgegnet sie mir ­lachend – »das passt doch gut zusammen«.


Wildnis ist überall
Aber wie ist das mit den Menschen in den Städten? Wie können die überhaupt noch Natur erleben? Wird die Natur nicht immer weiter von unserer Zivilisation zurückgedrängt?
»Ich glaube fest daran, dass das Leben sich immer einen Weg sucht – egal, was wir machen. Aber auch in der Stadt kann man mit der Natur leben. Guerilla-Gardening ist zum Beispiel eine gute Möglichkeit, die Natur in die Stadt zurückzuholen.«
Zivilcourage und brennende Liebe zur Natur, betont sie, könnten uns retten. Aus dieser Verbindung entstünde die Verantwortlichkeit, die wir dringend brauchen. Nicht nur für unseren Platz, sondern für die ganze Erde – besonders für die Menschen in der Dritten Welt, auf deren Kosten wir leben. Liebe zur Natur, Spiritualität und politisches Engagement gehören für sie zusammen.
»Für mich ist Wildnis kein exotischer Ausflug oder eine romantische Sehnsucht, sondern tägliche Realität. Was ist ein Löwenzahn, der durch den Beton bricht, anderes als Wildnis? Hier spricht die Natur in einer archaischen Sprache zu uns: Lass dich nicht unterkriegen! Verbinde dich mit dem Lebendigen!«
Und in jedem von uns gebe es eine innere Wildnis, der wir uns öffnen müssten. »Die inneren Spuren zu lesen, gehört auch zum ­Koyoten-Wissen. Sich selbst auf die Spur zu kommen, hilft im schrecklichsten Alltag, in einer harmonischen Grundstimmung zu bleiben und bewusst handeln zu können.«
Für die kommenden Jahre sieht Susanne es als ihre wichtigste Aufgabe an, ihr Wissen an ihre Schülerinnen und Schüler weiterzugeben. Einige leben jeweils für mehrere Wochen bei ihr, helfen auch im Haushalt, Garten und Büro. Sehr bewegt erzählt sie, wie sie die Wirkung dieses Weitergebens kürzlich hautnah erleben durfte: »Ich hatte mir zu Hause vier Rippen gebrochen und konnte mich nicht mehr bewegen. Zwei Schülerinnen haben mich gefunden. Sie haben sich neben mich gelegt und gaben mir ihre Energie. Da habe ich mich in eine sehr alte Zeit zurückversetzt gefühlt, wo es keine Krankenhäuser gab, sondern nur die körperliche Nähe heilen konnte. Eine Schülerin hat Kräuter gesammelt und eine Medizin bereitet, die meine Schmerzen erträglich machte. Ich brauchte kein Morphium, und nach vier Wochen war ich wieder einigermaßen auf den Beinen. Es war so schön, dass mich meine Schülerinnen durch das, was sie hier gelernt hatten, heilen konnten.«
Susanne lädt uns noch zu ihrer »wilden Küche« ein: Pizza ­backen am Lagerfeuer. Denn Kochen und mit Leuten zusammen­zusitzen sei »Gottesdienst am Leben«.
Leider müssen wir aufbrechen, ich fühle mich auch so reich beschenkt. War das jetzt ein Coyote Teaching, ohne dass ich es ­gemerkt habe? Jedenfalls spüre ich ein eigenartiges Glücksgefühl – und habe viele neue Fragen. 

Von Susanne Fischer-Rizzi gibt es viel zu lesen:
internet
www.fischer-rizzi.de, www.wildernessawareness.org
Auswahl von Büchern von Susanne Fischer-Rizzi
Mit der Wildnis verbunden. Kosmos, 2007 • Mit Tieren verbunden. Die geheimnisvolle Beziehung zwischen Mensch und Tier, AT Verlag, 2007 • Blätter von Bäumen. Heilkraft und Mythos einheimischer Bäume, AT Verlag, 2007 • Medizin der Erde. Erweiterte Neuauflage, AT Verlag 2010 • Wilde Küche. Das große Buch vom Kochen am offenen Feuer, AT Verlag, 2010

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