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Für eine Kunst des Heilens

Elisabeth Voß sprach mit dem Hamburger Arzt Bernd Kalvelage über sein Buch »­Klassenmedizin«.

von Bernd Kalvelage , Elisabeth Voß , erschienen in 36/2016

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Der Titel deines Buchs klingt, als hättest du eine Anklage gegen eine Zweiklassenmedizin verfasst. Das Gegenteil ist aber der Fall. Was meinst du mit »Klassenmedizin«, und was ist dein Anliegen?

»Klassenmedizin« fordert eine positive Unterscheidung nach der Bedürftigkeit der jeweiligen Patienten, die alle auf individuell ungleichem Weg, aber mit dem gleichen Ziel behandelt werden sollen. Wenn heute von Zweiklassenmedizin die Rede ist, dann ist das Ideologie. Ärzte drohen Patienten eine angeblich unvermeidbare, von der Politik zu verantwortende Schlechterbehandlung an. Diesen »Knüppel aus dem Sack« bemühen sie, wenn sie ihre Privilegien bedroht sehen. Zweiklassenmedizin kann es aber nur geben, wenn ein Arzt sich entscheidet, die einen Patienten schlechter als die anderen zu behandeln – zum Beispiel Privatpatienten zu bevorzugen oder sich mit Verweis auf ein angeblich ausgeschöpftes Budget zu weigern, Kassenpatienten notwendige Medikamente zu verschreiben. Für diese Ungleichbehandlung bestand niemals eine sachliche Notwendigkeit!

Warum entscheiden sich Ärztinnen und Ärzte dafür?

Oft sind es finanzielle Gründe, denn bekanntlich lässt sich an Privatpatienten mehr verdienen. Hinzu kommt, dass unser Krankenversorgungssystem an den Gepflo­genheiten der Mittel- und Oberschichten orientiert ist; diese stellen auch den überwiegenden Teil des medizinischen Personals. Diese »elitär-asoziale Grundimpräg­nierung« kann auch eine Nebenwirkung des Medizinstudiums sein, bei dem die Art und Weise der Kommunikation und Interaktion mit den Patienten so geprägt wird. Als Folge werden die ohnehin von Ausgrenzung bedrohten Menschen aus der Unterschicht oft nicht erreicht.

Hat der Begriff »Unterschicht« nicht einen abwertenden Beigeschmack?

Ich verwende diesen Begriff wertneutral zur Beschreibung des sozio-ökonomischen ­Status – und mit einer solidarischen Grundhaltung. Ich habe den Eindruck, dass der Begriff »Unterschicht« aus der öffentlichen Diskussion peinlich herausgehalten wird. Es wird lieber von »bildungsfernen Milieus« oder Ähnlichem geredet. Die gesellschaftlich zu verantwortende Selektion und Chancen­blockierung – zum Beispiel im Bildungs- und Medizinbereich, von unten nach oben zu kommen – wird so verschleiert. Menschen aus der Unterschicht haben eine kürzere Lebenserwartung und schlechtere Prognosen bei den meisten Krankheiten. Sie werden oft nicht verstanden, erhalten Angebote, die ihre Nachfragen nicht beantworten. Sie gelten schnell als behandlungsunwillig, dumm und undiszipliniert und werden im Medizinbetrieb weniger befähigt, Eigenverantwortung – eine zentrale Forderung der oberen Schichten – zu übernehmen. Es ist deshalb meines Erachtens ein Kunstfehler, wenn wir Ärzte unseren Patienten mit den gleichen, aber für manche unpassenden Instrumenten zu Leibe rücken und nicht sehen oder spüren, was sie tatsächlich brauchen. Wir haben also keine Zweiklassenmedizin, sondern eine elitäre Einklassenmedizin der bürger­lichen Schichten. Klassenmedizin, als Gegenmittel, will diese soziale Verblindung der Medizin mit Blick nach »unten« kurieren und wenigstens im Krankheitsfall die Chancen­unterschiede ausgleichen.

In dem Buch schreibst du auch über deine eigene Erkrankung und über deine Zweifel und ambivalenten Erfahrungen als privilegierter Privatpatient. Wie hat diese Krankheit deine Tätigkeit als Arzt geprägt?

Die längste Zeit meines Arztseins war ich gesund. Krank waren immer die anderen. Mein Helfen war geprägt vom Imperativ: »Die Starken stehen für die Schwachen ein.« Empathie hat auch vor der eigenen Erkrankung meine Haltung geprägt. Die Krebs­diagnose hat mich allerdings eingereiht und Demut gelehrt: Auch ich bin als Kranker verletzlich, schwach und ängstlich. Ich habe meine Gefühle und Erfahrungen offenbart, weil das Verhältnis von stark zu schwach das Thema des Buchs ist.

Was sind die Reaktionen auf dein Buch?

Ich habe »Klassenmedizin« geschrieben, um diejenigen zu provozieren, die eine unsoziale Medizin praktizieren und lehren, eine Zweiklassenmedizin beschwören, satt in Hierarchien residieren und die Ökonomisierung der Medizin betreiben. Von ihnen kam keine Reaktion. Angesprochen fühlten sich junge Menschen, (Medizin-)Studentinnen, Hausärzte und ihre Praxisteams, die – wie ich – neue Wege gehen wollen, die die Schulmedizin als in Formalismen erstarrt empfinden, die nicht alle Patienten gleich, sondern gleich gut behandeln wollen und dafür Wege suchen. Viel Zustimmung kam von denen, die sich um Migran­ten, Flüchtlinge oder »Menschen ohne Papiere« kümmern. Auch umgekehrt habe ich von diesen Initiativen viel für meine ärztliche Haltung gegenüber den von Diskriminierung und Ausgrenzung Bedrohten gelernt.

Du sprichst dich vehement dafür aus, dass Ärzte und Ärztinnen, aber auch Institutionen, wie zum Beispiel Krankenkassen, sich ausdrücklich auf die Behandlung von Krankheiten fokussieren sollten, statt sich beispielsweise als »Gesundheitskassen« zu bezeichnen. Was ist denn so schlecht ­daran, anstelle des Negativen, Unerwünschten, ­lieber etwas Positives zu benennen, das doch die meisten Patientinnen und Patienten erreichen möchten?

Gesundheit ist im Gegensatz zu Krankheit niemals irgendwo klar definiert worden, Gesundheit ist – wie jeder weiß – ein flüchtiger Seinszustand, ein Kontinuum von Mehr oder Weniger. Wer statt »Krankenversorgung« »Gesundheitsversorgung« sagt und sich so Krankheit schönredet, landet leicht beim Zynismus: Wer krank wird, hat verkehrt gelebt, hat zu wenig für seine Gesundheit getan. Ärzte sind keine Spezialisten für Gesundheit und haben deshalb in einem »Gesundheitswesen«, das sich scheut, Krankheit »Krankheit« zu nennen, nichts zu suchen. Der alte ärztliche Kalauer, Gesunde seien nicht gründlich genug untersuchte Kranke, spricht für sich.
Kranke zu behandeln, rentiert sich übrigens heute weniger, als »besorgte Gesunde« für »individuelle Gesundheitsleistungen« (IGeL) zu gewinnen. Angst vor Krankheit ist dann nicht mehr Anlass für Aufklärung, gründliche Untersuchung und Entängstigung, sondern die wachzuhaltende Geschäftsgrundlage einer pervertierten Medizin, die ihren eigentlichen gesellschaft­lichen Auftrag aus den Augen verloren hat.

Bei der Buchvorstellung im April 2015 in der Berliner Regenbogenfabrik sprachst du sogar von einer »salutogenetischen ­Gesundheitsdiktatur«. Was genau meinst du damit?

Gesundheitsdiktatur ist für mich die Ideologie einer Medizin und Gesellschaft, die in ihren sterilen Labors hinter lauter präzise messenden Geräten Tod, Leiden, Schmerzen, Gestank, Kot, Erbrochenes und Tränen versteckt, aber auch Empathie, liebevolle Pflege, Inklusion Behinderter und die mutigen Bemühungen, mit einer Krankheit zu leben, nicht mehr wahrnimmt. Sie recherchiert Gesundheitsfehlverhalten, pocht auf Selbstverschuldung im Krankheitsfall, fordert Eigenverantwortung und einen – möglichst per App überwachbaren – gesunden Lebensstil ein. Wer sich aber in seinem Leben – ob zu Recht oder subjektiv – meist unfrei und als Opfer der Verhältnisse gefühlt hat, kann niemals, erst recht nicht in der Gesundheitsdiktatur, Eigenverantwortung übernehmen, weil ihm die dazu notwendige Erfahrung der Selbstwirksamkeit fehlt. Diese zu stärken, ist für mich ein wichtiger Teil der heute vernachlässigten »Kunst des Heilens«.
 
Auf dieser Veranstaltung hast du dich auch für Modellprojekte für nachhaltige Gesundheits- und Sozialzentren ausgesprochen. Was verstehst du darunter?

Gesundheits- und Sozialzentren waren schon immer eine linke Utopie. Ich teile sie, halte sie für realisierbar, würde sie aber nach dem vorhin Ausgeführten lieber Polikliniken nennen. Ansätze dazu sind bisher meist versandet oder an dem selbst-überfordernden Anspruch der Akteure gescheitert, in einer kapitalistischen Marktgesellschaft von morgens bis abends widerständig sein zu müssen. Dennoch habe ich Zuversicht, dass die jungen Menschen (nicht nur engagierte Ärztinnen und Ärzte), die ich in Hamburg, Berlin und Leipzig kennengelernt habe, mit ihren Poliklinik-Projekten Erfolg haben werden. Warum? Weil sie nicht so aufreibende Diskussionen mit der vorhergehenden Generation führen müssen wie wir, weil sie ehrlicher sind und weiblicher, weil sie die Unterstützung vieler »Alten« haben, weil es einen VDÄÄ, einen »Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte«, als Forum gibt, und weil viele – wie ich – es erleben möchten, wie eine Medizin mit sozialem Augenmaß entsteht.

Was ist der VDÄÄ, und woran arbeitet er?

Der VDÄÄ ist der einzige politisch moti­vierte Zusammenschluss von ­Ärztinnen, Ärzten und Medizinstudierenden in Deutschland, der den Patienten und nicht die eigenen Standesinteressen in den Mittelpunkt stellt. Er ist also ein Ärzteverein, aber im Gegensatz zu anderen Gruppierungen wie dem Marburger Bund ohne Standesdünkel. Dessen Vorsitzender Montgomery sagte 2006 anlässlich eines Ärzte­streiks für höhere Gehälter ausschließlich für Ärzte: »Ein Krankenhaus ohne Ärzte ist ein Pflegeheim.« Der VDÄÄ tritt für die Interessen aller im »Gesundheitswesen« Beschäftigten ein und unterstützte zum Beispiel in diesem Jahr den Verdi-Streik des Pflegepersonals in der Berliner Charité. Der Unterschied ergibt sich auch aus der Entstehungsgeschichte: der VDÄÄ entsprang aus der Studentenrevolte der 1960er und der Gesundheitsbewegung der 1980er-Jahre. ­Armut und soziale Ungleichheit wurden und werden von ihm global und lokal mit ihren Auswirkungen auf die Gesundheit und die Krankenbehandlung der Betroffenen gesehen; darüber hinaus werden konkrete Maßnahmen zur Abhilfe gefordert und – soweit möglich – praktiziert.

Deine Arbeit in der Praxis in Hamburg-­Wilhelmsburg hast du ja beendet – bist du nun in den Ruhestand gegangen, oder gibt es neue Projekte, mit denen du dich ­beschäftigst?

Ich habe einen Traum: Eine Generation neuer Ärztinnen und Ärzte, Krankenschwestern und -pfleger, medizinischer Fachangestellter, Krankenkassen- und Krankenhausmitarbeiter, Gesundheitspolitikerinnen und Bürger hätte den Beschluss gefasst und durchgesetzt, die Versorgung kranker Menschen den Gesetzen des Markts zu entziehen und die Kunst des Heilens wiederherzustellen. Solange ich morgens aus diesem Traum wieder aufwache, werde ich mich dafür einsetzen, dass er Wirklichkeit wird.

Herzlichen Dank für das Gespräch. •


Dr. Bernd Kalvelage (66) studierte Human­medizin in Köln und war bis 2012 als Internist und Diabetologe in eigener Praxis in Hamburg ­tätig. Er ist Vorstandsmitglied des VDÄÄ.

Mehr über Medizin mit sozialem Augenmaß erfahren:
Literatur
Bernd Kalvelage »Klassenmedizin – Plädoyer für eine soziale Reformation der Heilkunst«, Springer 2014, 218 Seiten
ISBN 978-3-642-54748-5, 34,99 Euro
Links
Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte; www.vdaeae.de

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