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Das traditionelle ­Heilwissen unserer Vorfahren

Der Ethnobotaniker und Kulturanthropologe Wolf-Dieter Storl ist auf der Suche nach den Wurzeln der europäischen Heilkunde.

von Matthias Fellner , erschienen in 35/2015

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Wolf-Dieter Storl kennt unzählige Geschichten über Pflanzen. Zu wohl jedem Gewächs aus dem mitteleuropäischen Raum weiß der Ethno­botaniker, woher es stammt, welche medizinischen Wirkungen ihm nachgesagt werden oder welche weiteren Anwendungsbereiche es hat. Seine Art zu erzählen ist ein schönes Beispiel dafür, wie früher Wissen über Heilkunde weitergegeben wurde: in Sagen und Märchen, in Liedern oder Geschichten, deren lebendige Bilder sich in der Erinnerung verankern. Ein Pflanzenmärchen, das bis heute den Kindern erzählt wird, ist das über Frau Holle – der Lebensspinnerin, die über Jahreszeiten und Menschen wacht. Die weißen Frühlingsblüten des Holunders wirken schweißtreibend und reinigend, seine schwarzen Beeren im Herbst haben einen hohen Vitamin-C-Anteil und sind eine gute Vorbereitung auf die kalten Wintermonate. Traditionen durch das Erzählen lebendig und gegenwärtig zu halten, ist ein zentrales Anliegen von Wolf-Dieter Storl. Wie kann es gelingen, dass die jahrtausendealten Beziehungfäden zwischen Menschen und Pflanzen nicht abreißen bzw. dass sie neu wachsen können?
Ich selbst probiere als Gärtner seit ­einiger Zeit, die wichtigsten traditionellen Heilpflanzen im eigenen Garten zu kultivieren und dadurch einen großen Bogen um die Pharmaindustrie zu machen. Langsam entwickle ich ein Gefühl dafür, was es bedeuten kann, mit Pflanzen im Austausch zu stehen. Oft hatte ich schon vor dem Ausbruch einer Krankheit ein besonderes Interesse an bestimmten Pflanzen – ohne es erklären zu können. Bald darauf brauchte ich sie tatsächlich als Medizin. Entsprechend neugierig bin ich, einen Vorreiter im Zusammenleben mit Pflanzen wie Storl persönlich kennenzulernen.

Siedler zwischen Bäumen
Sein neues Buch »Ur-Medizin« hat mich in seinen Bann gezogen, viel mehr als seine vorigen Werke. Ich spüre, dass es ihm hier nicht vorrangig um die Vermittlung des »Wissens« über viele der wichtigen Heilpflanzen geht, sondern vielmehr um ein »Gefühl«, mit dem sich vielleicht die tieferen Wurzeln unserer mitteleuropäischen Kultur erfassen lassen. Vor der Lektüre von »Ur-Medizin« war mir nicht bewusst, wie intensiv unsere Vorfahren mit dem Wald verbunden gewesen sind. Die ägyptische Kultur und deren Heilwissen beispielsweise hatten durch das Leben an den Ufern des Nils eher einen starken Bezug zum Wasser. Die indische Ayurveda-Medizin baut eher auf den drei Jahreszeiten des indischen Kontinents um den Monsun herum auf. Das vereinende Element der europäischen Kulturen hingegen ist das Waldökotop, das sich seit dem Rückgang der Gletscher über weite Räume unseres Kontinents erstreckt hat. So ist die erste europäische Medizin eine Medizin der »Waldbewohner« gewesen.
Ein Besuch bei Wolf-Dieter Storl ist ein kleines Abenteuer für sich. Seit fast 30 Jahren lebt er mit seiner Familie auf einem uralten Einsiedlerhof im Allgäu, der ohne genaue Wegbeschreibung nicht zu finden ist. Von München aus fahre ich mit der befreundeten Heilpraktikerin Friederike Mutter in Richtung Isny. Die bergige, bewaldete Landschaft empfängt uns umhüllt von einer zarten Nebelschicht, und je weiter die holprige Straße ansteigt, desto ferner von der Zivilisation erscheint unser Ziel. Umgeben von dichtem Wald, ist es in Storls Haus auf der Alm wunderbar ruhig. Der bärtige, kräftige Mann empfängt uns herzlich, und wir erhalten eine Führung durch das geschichtsträchtige Haus. Die Siedlungsspuren reichen bis ins Jahr 1188 zurück, als ein Rittersitz auf dem Grundstück errichtet wurde. Wir steigen die dunkle Treppe hinauf unters Dach und bewundern die schweren Holzbalken dort oben. Das Haus übernahm Wolf-Dieter Storl von einem Künstler, der überzeugt war, dass dies genau der richtige Ort für den Naturkundigen sei. Während er davon erzählt, wie »sein Haus« zu ihm fand, habe ich den Eindruck, er sehe sich weniger als Besitzer des Anwesens denn als Hüter des Platzes.

Das Medizinsystem der Waldbewohner
Wir finden uns in seinem prall mit Büchern gefüllten Arbeitszimmer ein. Der kleine Hund des Hauses macht es sich auf meinem Schoß bequem, und wir beginnen den Ausflug in das traditionelle Heilwissen unserer Vorfahren.
Wolf-Dieter Storl holt weit aus. Unser Gespräch mäandert wie ein Bach durch einen wilden Wald in alte Zeiten hinein. Doch wie lässt sich überhaupt etwas über die frühen Waldbewohner Europas in Erfahrung bringen? Sie kannten keine Schrift, und ihre schriftkundigen Eroberer, die Römer, hatten keine tieferen Einblicke in ihre Kultur. Die Antwort liegt in der vergleichenden Volkskunde, erfahre ich von Storl. Abgelegene Regionen oder eng mit den alten, mitteleuropäischen Kulturen verwandte Völker werden hier neben archäologischen Funden zu wichtigen Quellen. Da sie ihr Brauchtum besonders lange lebendig hielten, ermöglichen sie Rückschlüsse auf im Dunkeln liegende Zeiten. Solche Pfade führen zum Bild einer schamanisch geprägten Medizin der alten indigenen Kulturen Europas: Die Ursachen von Krankheiten wurden in der immateriellen Welt gesucht – die Pflanzen waren dabei Hilfsmittel, um Zugang zu jener Anderswelt zu erlangen, oder Gehilfen bei der Behandlung der Erkrankungen. Mit den Augen der Seele geschaut, erschien die Krankheit als Gestalt – zum Beispiel als »Wurm«, wie es heute noch in der rumänischen Volksmedizin heißt. In den weltweit verbreiteten schamanischen Medizinsystemen hat die Heilerin oder der Heiler den »Wurm«, der in den Kranken eingedrungen ist, vor allem in einer seelischen Dimension zu suchen. Oft musste der Patient gar keine pflanzliche ­Medizin zu sich nehmen, wenn die Ursprünge der Krankheit erkannt und das seelische Gleichgewicht durch den Heilenden wiederhergestellt war. Heute erinnert an diese Behandlungsform das altertümliche »­Besprechen« oder »Wegbeten« von Krankheiten, wie es in ländlichen Gebieten noch bei Warzen oder bei der Ausheilung der Gürtelrose vorgenommen wird.
Während ich Wolf-Dieter Storl zuhöre, wird mir mehr und mehr bewusst, wie sehr ein indigenes Medizinsystem von der Beziehung der Menschen zu der sie umgebenden Landschaft geprägt ist. So muss der Wald der wichtigste Gehilfe der mitteleuropäischen Heiler gewesen sein: hier fanden sie die wichtigsten Kräuter und Wurzeln, hier hausten auch die Götter, die es im Krankheitsfall um Hilfe zu bitten galt. Auch die Tiere des Waldes wurden einbezogen. Der Bär oder die Ziegen, so erzählt Storl, waren zum Beispiel wichtige Gehilfen bei der Suche nach den richtigen Heilpflanzen: Die Menschen beobachteten, welche Pflanzen diese Tiere aufsuchten, wenn diese selbst unter Krankheiten litten.

Ist die traditionelle Heilkunde wirklich verlorengegangen?
Weitgehend bekannt ist, dass Hildegard von Bingen um 1150 einen Teil des alten Heilwissens dokumentieren konnte. Die Benediktinerin brachte in ihren Büchern zur Naturheilkunde die antike griechisch-römische Tradition mit der mitteleuropäischen Volksmedizin und eigener Erfahrung zusammen. Auf ihren Erkenntnissen beruht noch vieles im modernen Heilkräuterwissen. Weniger bekannt ist – und hiervon berichtet Wolf-Dieter Storl ausführlich in unserem Gespräch –, wie eng das alte Heilwissen Mitteleuropas mit der Heilkunde der nordamerikanischen Indianer und der russischen und sibirischen Volksmedizin verbunden war. Durch die Landbrücke zwischen Alaska und Kamtschatka vor 11 000 Jahren gab es genügend Austausch zwischen diesen drei Kulturkreisen, dass man von gemeinsamen »Wurzeln« sprechen kann. Viele Heilpflanzen – Storl bezeichnet sie als »zirkumpolare Pflanzen« – wachsen im mitteleuropäischen, im nordamerikanischen wie auch im asiatischen Raum und werden jeweils sehr ähnlich genutzt. Bekannt unter ihnen sind beispielsweise Schafgarbe, Birke, Wacholder oder Brennnessel – Pionierpflanzen, die nach der Eiszeit die Steppen rund um die schwindenden Gletscher auf allen nördlichen Kontinenten besiedelten. Unter den ersten war der Beifuß, und vielleicht wird er deshalb in einem angelsächsischen Kräutersegen als »älteste der Heilpflanzen« angesprochen, meint Storl. Bis heute spielt Beifuß eine zentrale Rolle in der Frauen­medizin. Im ländlichen Nordostasien unterstützt ein Beifuß-Dampfbad die Gebärenden, und von Europa bis nach Nordamerika trinken Frauen den Tee zur Regulierung ihrer Fruchbarkeit oder zur Unterstützung der Geburt. Zugleich ist das Verräuchern von getrocknetem Beifuß in all diesen Regionen ein Schutzritual.
Gemeinsame Ursprünge haben auch die in den kühleren Ländern der Nordhalbkugel verbreiteten Schwitzkuren als traditionelle Heilverfahren. So sind die indianische Schwitzhütte der Cheyenne, das russische Dampfbad, die skandinavische Sauna oder die keltischen Schwitzhäuser alles Weiterentwicklungen altsteinzeitlicher Praktiken. Auch wenn das Ritual sich in den verschiedenen Kulturen unterschiedlich gestaltet – immer geht es dabei um glühende Steine, auf welche Kräuter gestreut werden, und um die zwischenzeitliche Abkühlung außerhalb der Schwitzhütte.

Das alte Wissen ist gegenwärtig
Es ist gar nicht nötig, so weit in der Geschichte zurückzugehen, um auf die verlorengeglaubten Ursprünge unserer traditionellen Medizin zu stoßen. Wolf-Dieter Storl erinnert daran, dass im bäuerlich-ländlichen Bereich die traditionelle Verbindung der Menschen zur Natur über die Jahrhunderte hinweg erstaunlich gut erhalten geblieben ist. Genauso, wie es Storl selbst auf seiner Alm praktiziert, hielten sich auch die Bauern über die Jahrhunderte beim Säen und Pflanzen an die überlieferten Naturkalender. Sie deuteten auch das Verhalten der Wildtiere und den Flug der Vögel, und auch die alten Sagen und Märchen wurden weiterhin von den Großeltern an die Kinder weitergegeben.
In unserem Gespräch in seinem Arbeitszimmer wagt Storl sogar die Aussage, dass das Christentum mitnichten alles alte Wissen verbannt habe, vielmehr sei im Lauf der Zeit das »Christentum verkeltisiert« worden. Viele alte Symbole wurden übernommen. Besonders eindrucksvoll erklärt Storl dies anhand des gleichschenkeligen Kreuzes, das schon lange vor der Christianisierung bei den ­Kelten und Slawen von zentraler Bedeutung gewesen ist. Es ist ein Zeichen für die vier Stationen der Sonne, gewissermaßen ein Medizinrad der europäischen Waldvölker. Selbst die Verehrung der Waldgötter sei symbolisch nicht verlorengegangen. So hängt über dem Eingang von vielen Wirtshäusern auch heute noch ein Hirschgeweih. Bis zum Mittelalter wurde dem Hirsch nachgesagt, dass er sämtliche Heilkräuter und -wurzeln kenne, um sich selbst damit zu heilen. Bei den Kelten war der Hirschgeweihgott – Cernunnos – eine der wichtigen Gottheiten. Heute ziert er die Flaschen von süssem Kräuterlikör.
Aber wie kann – über das Beobachten der kulturellen Relikte hinaus – ein für die heutige Zeit stimmiges Wiederanknüpfen an die Urmedizin möglich sein? Der Schlüssel dazu scheint mir in dem zu liegen, was Wolf-Dieter Storl über die Beziehung zwischen Menschen und Pflanzen zu sagen hat. In unserer modernen Welt sei das Verständnis für die beidseitige Kommunikation zwischen Menschen und Pflanzen zwar weitestgehend verlorengegangen, doch gebe es auch in unserer Zeit eine Sprache, um sich solchem Austausch zu nähern, ist Storl überzeugt. Zum Beispiel bezeichnet der Begründer der Analytischen Psychologie, Carl Gustav Jung, die Wirkung der tieferen Verbindung zwischen allen Wesen als »Synchronizität«. Sie scheint von essenzieller Bedeutung bei Heilungsprozessen zu sein. So sei es nicht der Mensch, der einseitig die Heilwirkungen der Pflanze nutze, sondern vielmehr die beiderseitige Kommunikation, die während des Gesundens zum Tragen komme. Verständlich wird die Beidseitigkeit der Kommunikation möglicherweise bei sogenannten Apophyten – das sind Pflanzen, die auf den Menschen angewiesen sind, um zu gedeihen. Auch den Holunder sieht Storl als eine solche Pflanze, denn dieser Busch siedelt sich besonders gerne in der Nähe von Häusern an. Die Verbindung geht also viel weiter als die reine Nutzung als Heilpflanze. Dem Holunder wird schließlich nachgesagt, dass er eine Brücke zwischen dieser Welt und der immateriellen Welt herstelle. Im Durchdringen all der Dimensionen einer Pflanze und ihrer Geschichte entsteht vielleicht eine Vorstellung davon, was der Kern des alten traditionellen Heilwissens unserer Vorfahren war.
Dass es Storl selbst an einen so ruhi­gen, naturbelassenen Ort im Allgäu ­verschlagen hat, an dem auch viele alte Geschichten sein Haus bewohnen und viele der von ihm beschriebenen Heilpflanzen im Garten wachsen, erscheint mir nach unserem Gespräch kein Wunder: Womöglich geht es Wolf-Dieter Storl nicht nur darum, dieses alte Ahnenwissen einer moder­nen Welt wieder zugänglich zu machen, sondern vielmehr darum, selbst ein bisschen mehr zu einem dieser Waldbewohner Mitteleuropas, die er in unserem Gespräch so bildhaft beschrieben hat, zu werden. •


Matthias Fellner (38) arbeitete einige Jahre in Berlin als Umweltschützer. Da er aber dort viel zu viel vor dem Computer saß, ist er dem Ruf der Berge gefolgt und gärtnert jetzt in Österreich.

Mehr traditionelles Heilwissen von Wolf-Dieter Storl:
Ur-Medizin. Die wahren Ursprünge unserer Volksheilkunde • Heilkräuter und Zauberpflanzen zwischen Haustür und Gartentor • Das Herz und seine heilenden Pflanzen • Bekannte und vergessene Gemüse; alle AT-Verlag.

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