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Rhythmus kennt kein Alter

In generationsübergreifenden Rhythmik-Stunden kommen die Lebendigkeit der Jungen und die Ruhe der Alten miteinander in Berührung.

von Sara Mierzwa , erschienen in 34/2015

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© Foto: Archiv Monika Mayr

In beinahe allen Kulturen und zu beinahe allen Zeiten war es selbstverständlich, dass Menschen jeden ­Alters zusammen lebten, sangen und tanzten. ­Pflegeheime mit sterilen Fluren und schweigenden ­alten Menschen, die ihre Rollatoren auf und ab schieben, oder Kindergärten mit bunt geschmückten Räumen und kreischenden Kindern sind relativ junge Stilblüten einer immer mehr vereinzelnden Gesellschaft. Mit Musik und Bewegung in generationsübergreifenden Gruppen gelingt es der Rhythmikerin und Musikgeragogin Monika Mayr, die scheinbar so verschiedenen Welten von alten und jungen Menschen zu verbinden.
Ein Raum mit vielen Fenstern, Holzboden und einem Flügel: In einem Mehrgenerationenhaus in ­Münster sitzen Kinder und Erwachsene auf Stühlen im Kreis und warten gespannt. Aus einem geflochtenen Korb verteilt ein Kind Instrumente an 20 große und kleine Menschen: farbige Schlaghölzer, Schellen, eiförmige Rasseln und Handtrommeln. Jule ist stolz, dass sie den Erwachsenen helfen kann.  Seit einem Jahr schon wird in dieser Runde praktisch erprobt, wie verschiedene Generationen miteinander lernen und Spaß haben können und welche positiven Effekte sich dabei ganz nebenbei einstellen: Bewegungsanreiz, Gedächtnistraining und Sturzprävention für die alten Menschen, Ruhe, Rücksichtnahme und Lob für die Kinder.
Alle, die möchten, wünschen sich ein Lied, das ­Monika Mayr auf dem Flügel spielt. Die Gruppe begleitet dazu mit den Instrumenten: rasselnd, trötend oder trommelnd. »Stups, der kleine Osterhase«, ruft der kleine Julian. »Fuchs, du hast die Gans gestohlen«, wirft die große Elisabeth in den Raum. Über die Lieder werden bei den alten Menschen Erfahrungen und Gefühle aus Kindheit und Jugend geweckt, und durch das gemeinsame Musizieren ­können auch die bereits Sprachlosen mit der Gruppe kommunizieren. Während andernorts alte Volkslieder immer mehr in Vergessenheit geraten, lernen hier die jungen Menschen von den älteren. Umgekehrt bringen die Kinder Lebendigkeit und Spielfreude in den Alltag der Pflegeheimbewohner. »Die Erwachsenen würden sich nie auf diese Spiele einlassen, wenn es nicht die natürliche Situation mit den Kindern gäbe; sie sind auch viel motivierter, sich zu bewegen«, sagt Monika Mayr. Sie unterrichtet Rhythmisch-musikalische Erziehung, auch Rhythmik genannt, an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien. Neben ihrer theoretischen Lehrtätigkeit mag sie die praktische Arbeit in Kindergärten, Grundschulen und Pflegeheimen.

Anfänge der rhythmischen Erziehung
Ob Émile Jaques-Dalcroze (1865–1950) wohl geahnt hätte, dass die von ihm begründete rhythmische Gymnastik einst für so viele unterschiedliche Menschen relevant sein würde? Als Komponist und Lehrer für Harmonielehre am Genfer Konservatorium war er von der Wechselbeziehung zwischen musikalischem, körperlichem und emotionalem Ausdruck fasziniert. In seiner zunächst als »rhythmische Gymnastik« bezeichneten Arbeit ging es nicht nur um die musikalische Ausbildung seiner Schülerinnen und Schüler, sondern auch darum, den seelen- und leibfeindlichen Tendenzen der modernen Industriegesellschaft eine elementare Entwicklung der in jedem Menschen vorhandenen schöpferischen Kräfte entgegenzusetzen.
1911 gründete Jaques-Dalcroze die Bildungsanstalt für Musik und Rhythmus in Hellerau bei Dresden und arbeitete dort nicht nur mit Tänzern, Choreografen und Musikern, sondern auch mit Medizinern und Therapeuten. Die positive Wirkung seiner Arbeit in pädagogischen Prozessen führte zur Entwicklung eines Studiengangs für Rhythmisch-musikalische Erziehung, der ab 1925 an deutschen Musikhochschulen belegt werden konnte. In Zeiten der Lebensreformbewegung setzte sich Jaques-Dalcroze das Ziel, Kinder »zu Erfahrungen anzuleiten, die es ihnen erlauben, ihre eigenen Kräfte richtig zu bewerten, das Gleichgewicht zwischen ihnen herzustellen und sie den dringenden Forderungen ihres besonderen wie auch des gesamten Daseins anzupassen«.

Bewegung am Platz und im Raum
Dieses Grundprinzip gilt auch noch in Monika Mayrs Stunden. In einem Stoffbeutel hat sie viele farbige Chiffontücher mitgebracht. »Mein Tuch ist grün wie ein Frosch«, sagt der 5-jährige Julian. »Meines ist lila wie eine Tulpe«, sagt Annelie Langenbrinck, 67 Jahre. Alle knüllen ihr Tuch fest in der Faust zusammen. Zwischen den Fingern der Kleinen schaut noch der ein oder andere Zipfel heraus. Bei den Großen verschwindet das Tuch völlig in der faltigen Hand. »Ah« und »Oh« klingt es erstaunt durch den Raum, als sich der Stoff beim Öffnen der Hände wie eine Blume entfaltet. Auge, Haut und Ohr: Die Sinneswahrnehmung übernimmt eine Vermittlerrolle im Kontakt zu Dingen und Menschen. Sie ist Grundlage für Orientierung in der Welt. Deshalb zählt eine differenzierte Wahrnehmung zu den wesentlichen Elementen der Rhythmik. Die Menschen lernen, sich selbst besser zu spüren, sich im Raum zu orientieren und dabei auf Mitmenschen und Gegenstände zu reagieren.
Imke stellt sich mit ihren rosa Hausschuhen vor Hermann Kümmeler auf, der sitzen bleibt. Sie bewegen das Tuch gemeinsam zur Musik: schnell und langsam, tief und hoch – wie auch die anderen sechs ungleich großen Paare im Raum. Dann fängt Monika Mayr wieder an, auf dem Flügel zu spielen, und jeder darf sich wünschen, was mit dem Tuch gespielt werden soll: Bandit, Superman oder Schmetterling.
Die Förderung von Wahrnehmung, Kreativität und sozialem Lernen gehört zu den Hauptzielen der Rhythmik. Während die Kinder mit den Tüchern durch den Raum laufen, machen die älteren Menschen die Bewegungen an ihrem Platz mit und folgen den jüngeren mit ihren Augen und ihrem Lachen. Bei manchen laufen die Füße auch im Sitzen mit. Die Begleitung von Bewegung mit einfach zu spielenden Instrumenten ist ein weiteres Merkmal der Rhythmikpädagogik.
Da hierdurch Gleichgewichtssinn und Gangsicherheit trainiert werden, wird das Konzept in der Schweiz sogar von den Krankenkassen als Sturzpräven­tion bezuschusst. Modellversuche haben gezeigt, dass bei regelmäßiger Teilnahme an Rhythmikstunden das Sturzrisiko bei alten Menschen um die Hälfte sinkt. Doch genauso entscheidend wie diese messbaren Effekte ist die Wirkung auf die Gefühlswelt der Menschen: Wenn Monika Mayr auf dem Flügel die Bewegungen der Kinder und Erwachsenen begleitet – ganz individuell, so wie sie laufen, hüpfen oder sich drehen –, dann stärkt das deren Selbstbewusstsein und vermittelt die Erfahrung, getragen zu sein.
Mit der rhythmisch-musikalischen Arbeit erweitert sich auch die Fähigkeit, mit einzelnen Partnern oder in der Gruppe zu kommunizieren. Einfühlungs- und Durchsetzungsvermögen, Geduld, Vertrauen, Hilfsbereitschaft und Entscheidungsfähigkeit werden nonverbal durch das unmittelbare Erleben geschult. Im gemeinsamen Spielen, Bewegen und Musizieren ergeben sich wie von selbst Situationen, für die die Gruppe eine Lösung finden muss: Wer darf mit welchem Instrument spielen? Wann darf ich die Trommel schlagen? Werden die anderen meine Idee umsetzen? Wie finden wir einen gemeinsamen Schluss bei der Improvisation? Wer fängt an? In jeder Stunde werden viele kleine Konflikte ausgetragen, Kompromisse gefunden, Toleranz und Selbständigkeit gelernt.

Konzentration statt Reizüberflutung
Nach der Bewegung kehren die Kinder auf ihre Stühle zurück. Nichts lenkt sie ab, denn Rhythmikräume sind, abgesehen von den Instrumenten und anderem Material, möglichst leer.
Zu dem fast unerschöpflichen Fundus von Rhythmikpädagogen gehören unter anderem Tücher, Bälle, Reifen, Hüte, Nüsse, Noppenbälle, Klanghölzer, Sandsäckchen, Zeitungen. Eingesetzt wird in den Stunden aber immer nur wenig davon. Vielen Menschen fällt es aufgrund der ständigen Reize in unserer medialisierten und beschleunigten Lebenswelt schwer, abzuschalten oder Gelerntes zu verarbeiten. Die Sensibilisierung der Sinne in Rhythmikstunden kann dazu beitragen, sich der eigenen Überreizung bewusst zu werden. Das Spiel mit einem bestimmten Material lädt dazu ein, sich ganz auf die Situation und einen Gegenstand einzulassen. Dabei wechseln sich Bewegung und Ruhe, Anspannung und Entspannung ab. Mal laufen die Kinder durch den Raum, dann wieder liegen sie auf dem Boden und hören zu. Wenn man die Teilnehmenden der Gruppe in Münster fragt, warum sie kommen, ist der wichtigste Grund der Spaß. Annelie nimmt schon von Anfang an an der Musik- und Bewegungsstunde teil. »Beim Singen und in der gemeinsamen Bewegung kann ich mich entspannen, und der Umgang mit den Kindern erfüllt mich mit Freude«, sagt sie. Gerade für alte Menschen, die im Pflegeheim leben und im Alltag ­wenig ­Abwechslung haben, schafft das Spiel einen Raum für Lebendigkeit und Lebens­freude. Weil viele von ihnen nur selten Besuch bekommen, werden die Kindergartenkinder zu einer Art Wahl-Enkel.

Rituale für innere und äußere Stabilität
Rhythmikstunden beginnen ohne viele Erklärungen: Alle klatschen im gleichen Rhythmus abwechselnd auf die Oberschenkel und in die Hände, um ihren Körper aufzuwecken. Dann schlagen die Kinder andere Körperteile vor: Rücken, Kopf, Po und Arme werden abgeklopft. Beim Kennenlernspiel dürfen alle eine Glocke läuten – je einmal für jede Silbe des eigenen Namens. Hermann, Elisabeth und Annemarie wurden Kinder früher genannt. Julian, Nele und Nina heißen sie heute. Ein kleiner Zappelphilipp, der die Klingel immer als erster haben will, wird ganz ruhig, als der alte Mann neben ihm seine Hand hält und erstmal nicht mehr loslässt. Erstaunt schaut der Junge seinen Nachbarn an und bleibt sitzen. Berührungen erleben viele alte Menschen nur selten – dabei sind sie so wichtig für das körperliche Wohlbefinden! Hier im Raum berühren sich große und kleine Hände, Tücher, Musikinstrumente, und der eigene Körper wird ebenfalls als Instrument eingesetzt.
Nach einer Stunde verlassen alle mit lachenden Gesichtern den Raum: Die Jungen rennen wieder zurück in den Kindergarten, und die Alten nehmen ihre Rollatoren oder Gehstöcke und machen sich auf den Weg in ihre Stuben. Eine Dame von der Pflegedienstleitung erklärt mir, warum das Angebot so beliebt ist: »Von allen Aktivitäten bleibt die altersgemischte Gruppe am meisten im Gedächtnis – wahrscheinlich, weil so viel gelacht wird.«
Monika Mayr ist zufrieden, auch wenn die Stunde – wie immer – etwas anders verlaufen ist, als am Schreibtisch geplant. Wichtiger als das Festhalten an einem Konzept ist ihr aber das individuelle Eingehen auf die Gruppe. Rhythmik arbeitet prozess- und erlebnisorientiert – niemals geht es um irgendeine Art von Leistung. So bestimmen nicht vorgegebene Ziele, sondern Impulse aus der Gruppe den Stundenverlauf; es bleibt Raum für Kreativität und Improvisation – Fähigkeiten, die im Leben für Alt und Jung gleichermaßen wichtig sind.
Für die gesellschaftliche und auch wissenschaft­liche Anerkennung der Rhythmik stellt genau dieser Ansatz eine echte Schwierigkeit dar, weil er sich nicht messen oder in Zahlen fassen lässt. Das ist wohl einer der Gründe, warum der Studiengang nur noch an wenigen Hochschulen angeboten wird und die berufsbegleitende Ausbildung vor allem Erzieher und ­Musikerinnen aus der Praxis anspricht.
Monika Mayr setzt sich dafür ein, die die rhythmische Arbeitsweise in Schulen, Kindergärten, Pflegeheimen und anderen Institutionen weiter bekanntzumachen. Wenn sie am Klavier oder auf der Gitarre die Bewegungen von Menschen verschiedener Altersgruppen und Herkunft begleitet, steht dahinter ihr Anliegen, jeden einzelnen Menschen in seinem ganz persönlichen Ausdruck zu unterstützen. •


Sara Mierzwa (26) arbeitet als freie Journalistin sowie als Berufsschullehrerin und Erzieherin im Hort. Sie ist gerne in Kontakt mit Menschen – beim Tanzen, Musizieren, Briefeschreiben und Reden oder bei Gartenarbeit und Spaziergängen.

Interesse an Rhythmikpädagogik?
www.bw-rhythmik.de
www.rhythmikon.de
www.akademieremscheid.de
www.seniorenrhythmik.ch
www.festspielhaus-hellerau.com
www.musikgeragogik.de
Literatur:
Eleonore Witoszynskyj, Irmgard Bankl und Monika Mayr: Lebendiges Lernen durch Musik, Bewegung, Sprache. G & G Kinder- und Jugendbuch, 2009

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