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Das haben wir schon immer so gemacht!

Johannes Heimrath sprach mit dem Filmemacher Benedikt Kuby über den Versuch, etwas von der Essenz traditionellen Handwerks filmisch zu dokumentieren.

von Benedikt Kuby , Johannes Heimrath , erschienen in 33/2015

Benedikt, zuletzt haben wir uns gesehen, als wir vor 37 Jahren gemeinsam auf dem Hof des Tischlers Thomas Friedel im bayerischen Dietramszell szenisch das Leben des schwedischen Dichtersängers Carl Michael Bellman nachgespielt haben. In der Gruppe waren junge Leute, die das Land­leben erprobten und die sich schon damals mit dem Thema »Meisterschaft« auseinandergesetzt haben – ob als Musiker, Handwerker oder Filmemacher. Du hast mit dem Bayerischen Rundfunk in den letzten 20 Jahren eine Filmreihe mit dem Titel »Der Letzte seines Standes« produziert und den Windmüller aus Norddeutschland, den Fassbinder und die Bergbäuerin aus Südtirol, den Wagner aus Niederbayern und viele andere Handwerker gezeigt. Die meisten der alten Meister sind inzwischen verstorben. Was hat dich zu dieser Dokumentation bewegt?

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© Foto: Antonia Kuby

Als kleiner Junge habe ich in Weilheim in Oberbayern nach der Schule oft bei einem Schuster vorbeigeschaut. Es war einer, der nicht nur als Flickschuster arbeitete, sondern noch Schuhe machen konnte. Wie er da auf dem Podest auf seinem kleinen, dreibeinigen Hocker saß – das hat mich magisch angezogen. Viel später, im Jahr 1989, wurde mir bewusst, dass alle diese alten Handwerker ihr Wissen mit ins Grab nehmen werden – für mich ein schrecklicher Gedanke! Also habe ich ein Konzept für eine Dokumentarfilmreihe geschrieben und Geldgeber gesucht. Die »anstiftung« in München war schließlich bereit, den Pilotfilm zu finanzieren.

Mein ursprünglicher Plan waren sehr lange Filme. Sie sollten möglichst zwei Handwerker des gleichen Fachs aus verschiedenen Regionen zeigen, denn schon in Niederbayern wird vieles ganz anders gemacht als in Oberbayern. Anschließend sollte ein Mensch mit handwerklichem Geschick, aber ohne Kenntnisse in dem Handwerk, versuchen, anhand des Films das Produkt herzustellen. Wo er nicht weiter gewusst hätte, hätte der Meister die Informationslücke geschlossen. Auch dieser Prozess sollte aufgenommen und Bestandteil des Films werden. Auf diese Weise – das war meine Vorstellung – hätte das Wissen der alten Meister möglichst umfassend für spätere Generationen bewahrt werden können. Mir war immer klar, dass ein Sender dies nicht leisten kann. Ich hatte auf andere Institutionen gehofft. Zumindest aber konnte ich dann mit dem Bayerischen Rundfunk und anderen Kollegen über sechzig Gewerke dokumentieren, wenn auch nur jeweils 30 Minuten lang. Auf jeden Fall war das besser als gar nichts.

Deine ursprüngliche Idee finde ich großartig – geschickte Leute mit Meistern zusammenbringen und beobachten, wie sie angeleitet werden. Ältere Handwerker erklären ihre Technik selten systematisch, sondern machen etwas vor. Der Lehrling macht es nach, bis er im ganzen Körper spürt, wie dieser Vorgang zu bewältigen ist.

Wenn ich im Film sehe, wie ein Wagner sein Ziehmesser ansetzt, kann ich das noch lange nicht, aber wenn ein Meister einem Lehrling sagt: »Hier sind zehn Speichen, probier’s mal, und wenn du nicht weiter kommst, helf ich dir!«, dann lernt es der Lehrling mit der Zeit.

Ja, du versuchst die Handgriffe, so wie sie dir gezeigt wurden, machst Fehler: Der Winkel etwa, wie du das Messer ansetzt, stimmt nicht, der Meister führt deine Hand, und so fort. Mit Erklärungen allein oder einem Lehrbuch, wenn es überhaupt eines gibt, ist ein Handwerk schwer zu lernen.

Es war oft schwierig, die Kommentartexte für die Filme zu schreiben. Wenn ich den Meister oder die Meisterin gefragt habe, warum ein bestimmter Arbeitsschritt so und nicht anders ausgeführt wird, war die Antwort oft: »Das haben wir schon immer so gemacht.« Ich habe dann überlegt, was bei dem Vorgang physikalisch passiert. Der Meister hat sich das in der Regel interessiert angehört und gemeint: »Ja, könnte sein«, zum Beispiel beim Mollenhauen. Für eine Molle wird Weiden- oder Pappelholz verwendet, ungetrocknet. Ein dicker Stamm wird zunächst auf gut zwei Meter abgelängt und in der Mitte gespalten. Das Besondere ist, dass – anders als zum Beispiel bei einem Einbaum – nun das Innere nicht Span für Span ausgehöhlt, sondern in einem Stück herausgelöst wird! Daraus wird dann wieder eine weitere, kleinere Molle gemacht und so weiter: Sechs Mollen – immer kleiner werdend – können so hergestellt werden. Das Material wird also maximal ausgenutzt wie bei einer russischen Puppe – genial. Das geht aber nur, wenn man die Werkzeuge dafür – das sind die Axt, lange ­Stemmeisen und besondere Ziehmesser – perfekt beherrscht und den Trick kennt, wie man unter das Innenteil kommt, um es herauszulösen. Spitz zulaufende Keile aus Buche machen das möglich: Ich stelle mir vor, dass die Spitzen der Keile, die in den geschlagenen Spalt an den beiden Stirnseiten ja fast senkrecht nach unten eingetrieben werden, am Fuß des Spalts einknicken, also eine Kurve bilden und dadurch in die ­Waagerechte kommen, parallel zur Holzfaser. So kann dann das Innenteil herausgespalten werden.

Ja, was da genau passiert, lässt sich wohl nur über das Tun begreifen. Heute versuchen wir, alles intellektuell zu übersetzen, dabei wird Praktisches vor allem in der Wortlosigkeit weitergegeben.

1997 habe ich einen Kupferschmied gefilmt, Meister Josef Plunser. Für einen Käsekessel braucht es mehr als 10 000 Schläge. Er hat das nicht als stumpfsinnige Arbeit empfunden. Er hat mir erzählt, dass er bei ­jedem Schlag darüber nachgedacht hat, ob es Möglichkeiten gibt, die Arbeit effektiver zu gestalten. Andere erzählen von einem eher meditativen Zustand bei einer gleichförmigen Tätigkeit. Gleichzeitig sind sie dabei sehr konzentriert.

Das kann ich gut nachvollziehen, denn ich baue fast jeden Morgen zwischen 6 und 9 Uhr in meiner Werkstatt Gongs. Mein Gehilfe hält den Rohling fest, und ich hämmere. Das sind schwere Hämmer, die mit Wucht hinuntersausen, und ich muss sehr genau treffen und dabei einen bestimmten Winkel einhalten. Obwohl es eine anstrengende Arbeit ist, bin ich dabei wie in einer Trance. Ein Teil des Bewusstseins steuert die Muskulatur, und zugleich haben die Gedanken eine enorme Freiheit. Ich kann mich selbst beobachten, meinen Prozess lenken und auf neue Ideen kommen. Auch wenn ich viele Male scheinbar denselben Schlag mache, ist das schöpferische Arbeit.

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Das Schöpferische an handwerklicher Arbeit vermittelt sich von selbst, wenn man diesen Meistern zusieht. Es gibt eine Reihe volkskundlicher Filme in Archiven, die nur die Handgriffe dokumentiert haben. Die Person des Handwerkers sollte nicht sichtbar werden. Der Kopf des Protagonisten ist nicht zu sehen. Das halte ich für Unsinn – wie lässt sich so etwas entpersonalisieren? Ich zeige die Menschen in ihrem Umfeld, ihre Ehepartner. Mir ist auch wichtig, erzählt zu bekommen, was der Wert ihrer Arbeit war, und so weiter. Dadurch erfahren wir auch ein wenig davon, wie die Welt um sie aussieht und wie sie in der Welt stehen. Gerade auch die nebensächlichen Dinge sind so kostbar. Der Kölner Dom bleibt noch lange stehen, den brauche ich nicht zu fotografieren, aber die Szene auf dem Marktplatz davor, die Verkehrsschilder, die Kleidermode, die sind vergänglich und es wert, festgehalten zu werden.
Ich zeige gerne die Hände der Handwerker, wo aus jeder Pore ihr hartes Leben spricht. Heute haben viele junge Leute ein Problem damit, sich die Finger schmutzig zu machen. Andererseits steigt anscheinend das Interesse an altem Handwerk. Man lädt mich immer häufiger zu Veranstaltungen ein, die sich mit dem Thema Handwerk und – damit zusammenhängend – auch mit dem Thema »Zeit«, »anderer Zeitschlag«, beschäftigen.

Viele Menschen unterschätzen, wieviel Zeit traditio­nelles Handwerk braucht, und es ist kaum in das »normale« Geschäftsleben zu integrieren. Damit ich es mir leisten kann, eine Stunde mit der Sense zu mähen, muss ich anderes am Computer ruckzuck erledigen. Heute hat kaum jemand mehr ein Verhältnis zu den Rhythmen manueller Arbeit.

Bei uns hat diesen Frühling ein Sturm Bäume umgerissen. Beim Zersägen und Aufräumen ist mir deutlich geworden, was gerade passiert: Ich sorge auf direktem Weg für das Holz, das wir zum Heizen brauchen. In der Regel ist es so, dass ich irgendwie Geld verdiene, um damit das Holz zu kaufen. Warum immer dieser Umweg? Ich brauche nicht irgendwohin zur Arbeit zu fahren, sondern gehe nur vor die Türe und bin dazu noch an der frischen Luft. – Leider ist das nur die halbe Wahrheit: In der Zeit, die ich für die Holzarbeit gebraucht habe, verdiene ich mit meiner bezahlten Arbeit mehr, als das Holz kostet, wenn ich es ofenfertig kaufe. Das ist der Grund, warum es ist, wie es ist. Aber ich träume davon, zu dieser »umwegfreien Arbeit« zu finden.

Welche Argumente hast du parat, wenn der Vorwurf kommt, alte Handwerksarbeit sei nur historisierend und rückwärtsgewandt?

Da habe ich nicht so viele. In einigen Filmen sagt der Meister am Ende, dass er, wenn er die Wahl hätte, nicht noch einmal so ein hartes Leben führen wollte.

Genau um diesen Punkt geht es mir: Wenn ich mir eine Gesellschaft vorstelle, die wieder stärker auf Handwerk basiert, frage ich mich oft, wie die Arbeit gestaltet sein müsste, damit sie kein Leid verursacht.

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Ich glaube nicht daran, dass es irgendwann in jedem Ort wieder eine Schmiede geben wird. Aber ich meine, wir sind verpflichtet, dieses Kulturgut und das Wissen der alten Meister zu bewahren, so dass spätere Generationen auf die alten Techniken zurückgreifen können – wenn sie es möchten. Und manche Dinge lassen sich nur auf traditionelle Weise herstellen. Beispielsweise hat mein Film über einen Ofenbauer aus Südtirol zu Nachfrage nach diesen Öfen geführt. Deshalb hat der junge Helfer des alten Ofenbauers, den man im Film sieht, seinen ursprünglichen Beruf aufgegeben und verdient nun sein Geld mit traditionellen Stubenöfen, hergestellt aus einem besonderen, nur in seiner Gegend vorkommenden Stein. Der hält so viel Wärme, dass die Öfen sehr wenig Holz verbrauchen. Inzwischen hat er auch für Privatleute und in vielen Orten öffentliche Brotbacköfen gebaut. Da bringt dann jeder seine Brotrohlinge mit, die gemeinsam gebacken werden. So sind Plätze entstanden, wie es sie früher überall gab: Orte, an denen sich das ganze Dorf begegnen kann.

In deinem neuesten Film »Der Bauer bleibst Du«, den du erstmals fürs Kino gedreht hast, porträtierst du einen 82-jährigen Bergbauern, der keine Nachkommen hat und einen Nachfolger sucht. Seine Wahl fällt auf einen 22-Jährigen aus der Nachbarschaft. Bist du dort nicht auch mit dem Vorwurf konfrontiert, etwas nicht mehr Zeitgemäßes zu verherrlichen?

Nein, nie. Viele empfinden diesen Film wie eine Oase, in der die Zeit langsamer tickt. Sie merken, dass es offensichtlich auch anders geht, dass ein Leben – oh Wunder! – ohne den ständigen Blick auf das Smartphone möglich ist.

Mich berührt es immer, zu erleben, dass ein Mensch seiner Arbeit gegenüber eine Demut entwickelt – nicht im Sinn von Unterwürfigkeit, sondern von Hingabe an einen Sinnzusammenhang. Manchmal sind diese Menschen im positiven Sinn »einfältig«: Sie haben eine essenzielle Sache bis zur Meisterschaft vertieft. Es stimmt mich ruhig, zu sehen, dass man so leben kann.

Ich will mit meiner Arbeit nicht etwas Bestimmtes bewirken. Ich zeige neben dem Handwerk – den Fertigungstechniken – auch ­Lebensformen und lasse die für sich selbst sprechen. Wer, so wie du, damit etwas anfangen kann, wird den Film vielleicht nutzen können – wie ein Werkzeug.

In diesem Sinn werden wir uns demnächst »Der Bauer bleibst Du« anschauen. Hab vielen Dank für das herzliche Gespräch! •

 

Benedikt Kuby (65), Filmemacher und Autor, lebt im bayerischen Arnstorf.

Den »Letzten ihres Standes« zusehen:
www.handwerksfilme.de

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