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Vergiss es!?

Wie das Neue unsere Zukunft bedroht.

von Claus Biegert , erschienen in 33/2015

Die Schnellen haben die Nase vorn. Eine Innovation jagt und überrundet die andere. Neues verdrängt das Alte. Doch dann passiert plötzlich eine technische Panne. Aber: Die Ursache entpuppt sich als historisch. Das Wissen von damals ist gefragt. Wo sind sie, die Hüter der alten Kenntnisse und Fertigkeiten? Die Suche beginnt.

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© Foto: Isabelle Krötsch

Das ist im Kern die Handlung des Hollywoodfilms »Space Cowboys«. Eine Hightech-Krise im Weltraum. Keiner hat damit gerechnet. Panik: Die Techniker von damals sind längst im Ruhestand, die neue Garde hat keine Ahnung. Die Senioren müssen ran. Die Astronauten von gestern. Die Space Cowboys: Clint Eastwood, Tommy Lee Jones, Donald Sutherland, James Garner.

Wir brauchen für dieses Phänomen nicht ins All zu reisen. Im Ruhrgebiet erzählt man sich eine Anekdote aus der Stahlproduk­tion: Nach dem letzten Entschlacken der Hochöfen – Anfang dieses Jahrtausends! – ging das Wiederanfahren derselben nicht reibungs­los vonstatten. Einmal im Jahrzehnt fällt diese Wartung an, und beim letzten Mal hatten die Verantwortlichen der Firma übersehen, dass die Experten beim nächsten fälligen Termin in Rente sein würden. Die Lösung ähnelte dem Filmskript: Die pensio­nier­ten Senioren wurden geholt, manche aus dem Altersheim.

Schneller, schneller und noch schneller
Der Astrophysiker und Gesellschaftskritiker Peter Kafka schuf den Begriff der »globalen Beschleunigungskrise«. Die Arbeiten Kafkas lesen sich fünfzehn Jahre nach seinem Tod besonders dringlich, da sich die Lage seitdem weiter zugespitzt hat. Technische Geräte werden nicht mehr repariert, sondern durch neue Modelle ersetzt, und unsere Politiker sprechen unbeirrt von einer sich erholenden Ökonomie, sobald die Wachstumskurve nach oben führt. Was wir heute »Wachstum« nennen, daran erinnerte uns Kafka beharrlich, besteht überwiegend aus zerstöre­rischen Tätigkeiten, die sich gegen das Gleichgewicht der Natur wenden. Wir nehmen uns, was wir zur Fortsetzung unseres Lebensstils brauchen, und zerstören dabei, was wir zum Leben benötigen. Die Frage stellt sich jeden Tag: Sind wir noch zu bremsen?
Peter Kafka war ein Warner, und Warner werden in einer Gesellschaft, die sich in der Täuschung übt, erst ernstgenommen, wenn eingetreten ist, wovor sie uns bewahren wollten. Sind Erben seines Denkens in Sicht? Hat jemand zugehört? Ja, da gibt es den Soziologen Hartmut Rosa in Jena; der spricht vom »schrankenlosen Steigerungsspiel«. Wir wissen heute beim Kauf eines Computers, dass das Nachfolgemodell in Kürze seine Rechenleistung erhöht haben wird – ebenso den Energiebedarf. Das neue Gerät wird ersetzt werden, ohne dass Mängel aufgetreten sind. Angesichts dieser vorzeitigen Ausmusterung spricht Rosa von einem »moralischen Verfall der Güter«. Wir verlassen uns darauf, dass aller Nachschub verfügbar ist. Das fehlende Wissen über die Herkunft der Ressourcen macht es leicht, keine Verantwortung zu fühlen. Rosa befürchtet mit Recht, dass »hochbeschleunigte Gesellschaften in einen Zustand dumpfer Schicksalshaftigkeit zurückfallen«.
Neben dem Ausmustern gibt es das Ablegen: ins Archiv ­namens »Cloud«. Unsere sogenannte Wissensgesellschaft – wer taufte sie eigentlich so? – trägt ihr Wissen nicht mit sich, sondern deponiert es. »Deponie-Kultur« nennt dies der Philosoph Thomas Palzer. Alles Wissenswerte soll in der Cloud abgelegt werden, uns nicht belasten. Mal ehrlich: Abgekoppelt von Erfahrung, wäre es da nicht ohnehin wertlos? Also ist es in der Cloud gut aufgehoben! Wir gehen befreit durch die schmale Wirklichkeit, die wir erkennen, beschwingt, weil nicht belastet. Befreit von alter Wissenslast und offen für immer wieder Neues.
Aber da stimmt doch etwas nicht: Woher kommt der Strom für das »schrankenlose Steigerungsspiel«? Er kommt, wenn auch nur zu einem kleinen Teil, noch immer von alten Atomreaktoren – und Atomreaktoren kann man ja keinesfalls bescheinigen, dass sie die Teststrecke der Bewährung gemeistert hätten. Im Juli 2015 ergibt sich für die Noch-Atomstaaten dieses Altersbild: Holland 42 Jahre Restlaufzeit, Schweiz 40, Schweden 36, USA 36, Belgien 35, Taiwan 34, Großbritannien 32, Russland 32, Spanien 31, Frankreich 30, Deutschland 30, Japan 23. Warum wird diese Diskrepanz von den Medien nicht aufgegriffen? Wer greift sie überhaupt auf? Ist da jemand? Zwei Gestalten, beide mit dichtem, langem Haar, kommen einem bei der Suche entgegen: Mycle Schneider und Michael Sailer, beide kopfschüttelnd, weil kaum Gehör findend.

Das Wissen weiß nichts über seine Haltbarkeit
Michael Sailer, Diplomingenieur für technische Chemie, ist Sprecher der Geschäftsführung des Öko-Instituts und war von 1999 bis 2014 in der Reaktor-Sicherheitskommission, davon vier Jahre als Vorsitzender; Mycle Schneider, Träger des Alternativen Nobelpreises, lebt als Berater für Energiepolitik in Paris und gibt jährlich den »World Nuclear Industry Status Report« heraus.
Schneider: »Wer fährt heute ein 30 Jahre altes Auto, wer arbeitet noch an einem 30 Jahre alten Computer?« Sailer: »Wo bleiben die Studenten, die als Ingenieure, Physiker, Juristen sich künftig um die alten Reaktoren kümmern?« Schneider: »Areva ist technisch bankrott und Électricité de France ist auf dem besten Weg dorthin. Wie ist es möglich, dass wir ihnen das Management des gewaltigsten radioaktiven Inventars und den Betrieb der größten Atomkraftwerksflotte auf Erden anvertrauen?« Sailer: »Wo bleibt das Gedächtnis der Unternehmen?« Ihre Fragen verhallen, unbeantwortet. Die Einsamkeit der Erkennenden, die verkannt werden.
Das Szenario ist bizarr: Während sich Philosphen, Archäo­log-innen, Künstler, Anthropologinnen, Historiker, ­Zukunftsforsche­rinnen in interdisziplinären Arbeitsgruppen Gedanken machen, in welchen Sprachen und mit welchen Zeichen wir künftigen, Jahrtausende entfernten Gesellschaften die Gefahren von radioaktivem Strahlenmüll vermitteln, scheitern die Menschen von heute an der Gegenwart. Wir wissen nicht, was genau in den Schächten von ASSE II lagert, und wir wissen oft nicht einmal, wo die Sicherheitspläne der Kernkraftwerke liegen. Das »Gedächtnis der Unternehmen«, wie es Michael Sailer formuliert: Fehlt es, droht Gefahr.
Was geschieht mit Eon? Deutschlands größtes Energieunternehmen hat sich in zwei mittelgroße Gesell­schaften gespalten: eine für Ökostrom und Netze, die andere, kleinere, für Kraftwerke und Energiehandel. Sofort stellt sich Sailers Frage: Wo ist das Gedächtnis des alten Unternehmens? »Das Wissen weiß nichts über seine Haltbarkeit!«, sagt Thomas Palzer. Wenn die ausrangierte Überlieferung archiviert wird oder, falls dinglich, im Museum landet, bedeutet das noch lange keine Wertschätzung. In der Deponie-Kultur verdrängt Neues – attraktiv und zwangsläufig unerprobt – das Bewährte. Diese Entwertung des Überlieferten geschieht ohne Aufsehen, ohne Aufschreie, einfach so.
Erfahrung darf nicht fehlen, und Fehler müssen erfahren worden sein. Wissen ist zwar im Gehirn angesiedelt, doch seinen Wert entfaltet es erst im körperlichen Zusammenspiel: Stimmbänder bringen es zum Klingen, Hände zum Entstehen. Wissen ist nicht nur Theorie. Auch der Quantenphysiker braucht das Labor. Ich betrachte auf YouTube die »Letzten ihres Standes«. Der bayerische ­Dokumentarfilmer Benedikt Kuby (siehe Seite 56) hat sie vor Jahren im Bild festgehalten, solange sie noch unter uns waren. Ich bleibe beim Rechenmacher hängen, der auch hölzerne Heugabeln fertigt, folge fasziniert seinen geübten Bewegungen. Ich hätte auch den Wagner betrachten können, den Besenbinder, den Radmacher, den Fassbinder, den Seiler, den Mühlradbauer, den Graveur, den Peitschenmacher, den Strohdachdecker, den Notenstecher, die Marionettenmacherin, die … Ich bleibe beim Rechenmacher. Ein Rechen vom Rechenmacher ist schier unbezahlbar. Ein Handy ist billiger.
Wir haben vergessen, welche Geschichte sich hinter unseren Gegenständen verbirgt. Die Handfertigkeit und Erfahrung, die in den Holzrechen eingehen, sind wir nicht mehr bereit zu bezahlen. Ein Handy ist billiger. Wir kennen die Geschichte des Mobiltelefons nicht. Müssten wir uns mit den Menschenrechtsverletzungen an indigenen Völkern bei der Gewinnung seltener Erden auseinander­setzen, würden wir nicht so leichtfertig nach dem kleinen, smarten Ding greifen. Das indigene Wissen wird uns von Ethnologen gern vorgehalten. Denn all das, was das utilitär-industrielle Zeitalter uns genommen hat, ist in Stammesgesellschaften wenigstens in Spuren noch erhalten. Auch wenn dort gegen das Vergessen gekämpft wird, so wird Wissen immer noch so weitergegeben, wie es sich für eine Erbschaft gehört, die bereits seit Generationen weitergegeben wurde: oral, und mit Hand und Fuß. In unserer Sprache tragen wir noch ein Relikt weiter, das uns an Zeiten erinnert, in denen Wissen und Tun verbunden waren: Etwas hat Hand und Fuß. •


Claus Biegert (67) ist Autor und Aktivist. Unter dem Eindruck der Bedro­hung indigener Völker durch den Uranabbau gründete er den »Nuclear-Free Future Award«. www.nuclear-free.com.

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