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Geselliges Schneiden

Von der Erfahrung, ein motorisiertes Werkzeug durch das handbetriebene Modell zu ersetzen: Schafschererin Natalie unternimmt erste ­Versuche mit einer geschmiedeten Schere.

von Lara Mallien , erschienen in 33/2015

Bild

© Foto: Robert Volkmer

In meine kleine Heimatregion, den Lassaner Winkel, kommen immer wieder Reisende, die den hiesigen Gemeinschaften, ­Höfen, Werkstätten oder Gärten tatkräftige Hilfe anbieten. ­Anfang Juni steht Natalie vor unserer Tür und fragt, ob sie unsere kleine Schafherde scheren dürfe – und zwar auf traditionelle Weise ohne Motorschere. Gelernt habe sie das Scheren auf dem Longo-Maï-Hof Uhlenkrug.

Bisher war die Schafschur bei uns eine stressige Angelegenheit. Der Scherer kam selten zum angekündigten Termin, und wenn er plötzlich erschien, mussten die Tiere schleunigst eingepfercht und der Reihe nach gefangen werden. Vielleicht fünf Minuten pro Tier war er dann mit der Motorschere zugange.
»Ich weiß nicht, wie lange ich brauche, ich habe das noch nicht oft gemacht«, erklärt Natalie. Wir lassen uns auf das Abenteuer ein. Am Schafschur-Tag finde ich Natalie an einem aus Paletten improvisierten Pferch am Ende der Wiese. Ein Vlies liegt bereits neben ihr, das zweite Schaf lehnt rücklings an ihren Beinen. Die aufgesetzte Position bei der Schafschur scheint für die Tiere nicht unangenehm zu sein; geduldig lassen sie die Prozedur über sich ergehen. An der Entspannung des Schafs erkenne ich Natalies Erfahrung im Umgang mit den Tieren. Zwei Jahre lang hat sie nach ihrem Naturschutz-Studium auf der kleinen schottischen Insel Oronsay Schafe und Rinder betreut. Während sie erzählt, mit welcher Faszination sie dort zum ersten Mal die Schur beobachten konnte, rollt sie ihr Schaf auf die Seite. Jetzt geht es nach der komplizierten Halspartie zügig voran, sie kann lange Bahnen schneiden.
Ich hatte mir die geschmiedete Schere größer vorgestellt, sie misst nur 25 Zentimeter und erzeugt ein eigentümliches, helles Schabegeräusch. Mir wird bewusst, was es ausmacht, wenn bei der Schur kein Elektromotorengeräusch zu hören ist. Das Zirpen der Schere brennt sich tief in mein Bewusstsein ein; schon jetzt weiß ich, dass ich es nächstes Jahr zur Schafschur wieder hören möchte. Es verbindet sich mit dem Geruch der Tiere, dem Gefühl von Wollfett auf der Haut, dem besorgten Blöken der Lämmer und einem blauen Juni­himmel. Weitere Dörfler kommen, um das Schauspiel zu sehen. Natalie erzählt und schert – welch eine gesellige Situation! »Konviviale Technik« heißt das Fachwort für diesen Effekt.
Das Grundprinzip von Natalies Schere – zwei mit einem federnden Bügel verbundene Klingen – kannten schon die Römer oder auch die Kelten der Latènezeit im 4. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Wenn Natalie loslässt, öffnet sich die Schere von selbst, das Schneiden erfordert nur wenig Kraft. Im Vorfeld der Aktion hatten Skeptiker geunkt, ihr würde nach dem dritten Tier wohl der Arm schmerzen. Nichts dergleichen – das Werkzeug ist perfekt für seinen Zweck geeignet. Natalie gefällt, dass es im Gegensatz zur Motorschere nicht in der Hand vibriert. Selbstverständlich sind die Maschinen, die seit Mitte des 20. Jahrhunderts die traditionelle Schafschurschere verdrängt haben, schneller und liefern ein kleines bisschen mehr Wollertrag – aber kommt es bei einer kleinen Herde wirklich darauf an? Bei der unmotorisierten Schur verbleibt mehr Wolle am Tier, das schützt vor Regen und Kälte.
»Dieses lässt sich leichter scheren als das vorige«, erklärt Natalie bei ihrer dritten Kandidatin. »Etwa sechs bis acht Wochen nach dem Lammen wird die Wolle unmittelbar über der Haut etwas lockerer, dann komme ich mit der Schere leichter hinein.« Wer motorloses Werkzeug einsetzt, will jedes Detail, das die Arbeit beeinflusst, vollständig im Blick haben. Das wird mir wieder einmal deutlich, als ich sehe, wieviel leichter nun die Schere über den Tierkörper gleitet. Bei Schaf Nummer acht hat Natalie die nötige Übung. Auch Nummer neun ist in einer Viertelstunde fertig.
Ich frage Natalie nach ihrem weiteren Weg. Sie weiß noch nicht, wohin er führen wird, sondern will aus dem Moment heraus entscheiden, welche Himmelsrichtung oder welcher Ort sie anzieht. Seit gut einem Monat ist sie auf einer Reise ins Unbekannte – ohne Mobiltelefon, aber mit einer Schere im Gepäck. Vielleicht wird sie nächsten Frühsommer wieder vor unserer Tür stehen. Wenn nicht, wird es Zeit, das Scheren selbst zu lernen. • 

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