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Aus der Zukunft gemalt

Im Sterbeprozess können sich bislang ungeahnte Perspektiven eröffnen.

von Beate Küppers , erschienen in 32/2015

Oft sind es existenzielle Lebenssituationen, die zu persönlichen Entwicklungs- und Erkenntnisprozessen führen – beispielsweise in biografischen Umbruch­zeiten, während einer Krankheit oder im Zusammenhang mit Geburt und Tod. Manches, was vorher wichtig oder unumstößlich erschien, rückt dann in den Hintergrund – und im Loslassen tut sich Raum für neue Erfahrungen auf.

Medizinische und pharmazeutische Errungenschaften bieten die Möglichkeit, intensive Lebensprozesse, die oft mit Angst und Schmerz verbunden sind, zu umgehen. Der Wert solcher Erfahrungen wird in einer technisierten Gesellschaft, die danach strebt, alles zu kontrollieren, wenig geachtet. Werdende Mütter können den Entbindungstermin in der 39. Schwangerschaftswoche planen – schmerzfrei per Kaiserschnitt und in Abstimmung mit dem Dienstplan der Hebamme statt mit dem Rhythmus des eigenen Körpers. Auch am Lebensende stellt sich die Frage, bis zu welchem Punkt und unter welchen Umständen ein Mensch seinem Weg bis zu einem natürlichen Ende folgen möchte – oder wann und mit welcher Motivation ein vorzeitiger, selbstbestimmter Schlusspunkt gesetzt werden soll. Doch erstaunlicherweise eröffnen oft gerade die letzten Tage und Stunden, wenn sie bewusst durchlebt werden, einen Raum für tiefgreifende Wandlungen.

(K)ein Leben nach dem Tod
Als Kunsttherapeutin und Bestatterin begleitet Susanne Kraft Menschen bis zu ihrem Tod und darüber hinaus. Bei dieser ­Arbeit erlebt sie immer wieder, dass sich in den allerletzten Lebens­tagen eine vorher ungeahnte Entwicklung vollzieht, eine andere Art, auf das eigene Leben zu schauen. Bilder, die während einer solchen Zeit entstehen, können ein Stück Vergangenheit oder etwas über die aktuelle Situation zeigen. Sie können aber auch wie ein Griff in die Zukunft hinein sein. Von einem solchen Erlebnis erzählt Susanne, als wir über die Themen dieses Hefts sprechen: Kunst und selbstbestimmtes Sterben.
Lebhaft erinnert sie sich an Frau M., die mit knapp über 60 Jahren schwer an Krebs erkrankt war. Schon viele Wochen vor ihrem Tod hatte sie begonnen, alles für die Zurückbleibenden zu planen und zu regeln. In ihrem Haushalt hatte sie jedes Messer und jede Gabel katalogisiert und festgelegt, wer welche Stücke bekommen sollte. Es war ihre Art, Abschied zu nehmen. Susanne lernte Frau M. kennen, als sie bereits in einem anthroposophischen Krankenhaus lag und sich Gedanken über die Gestaltung ihres Sargs machte. Als ehemalige ­Bibliothekarin wünschte sie sich, dass er mit Büchern bemalt würde. Mehrmals fuhr Susanne mit Fotos zu ihr, bis alles ihren Vorstellungen entsprach. Auch die Beerdigung wurde bis zum letzten Handgriff geplant und jede Einzelheit der Feier genauestens durchdacht. Frau M. hatte festgelegt, welche Musik gespielt werden würde, sie hatte eine Rede geschrieben und auch bestimmt, wer diese bei der Trauerfeier vorlesen sollte. Sie war fest davon überzeugt, dass es kein Leben nach dem Tod gibt, und es war ihr wichtig, das noch einmal zu verkünden. 
Schließlich war wirklich alles geordnet, aber Susanne und ihrer Kollegin Marly Joosten war die ganze Zeit etwas unwohl. Sie erlebten, dass die Bilder, die Frau M. in der Kunsttherapie malte, etwas ganz anderes ausdrückten, ein beinahe jenseitiges Licht verstrahlten. Und auch ein Gedicht von Heinz Piontek, das sie in der therapeutischen Sprachgestaltung gewählt hatte, erzählte vom anderen Ufer. 
Während sich immer deutlicher abzeichnete, dass Frau M. nicht mehr lange leben würde, betonte sie täglich aufs Neue, dass nach dem Tod nichts mehr komme und dass das in der Rede gesagt werden müsse. In ihren allerletzten Tagen war Frau M. sehr schwach, konnte nicht aufstehen und nicht einmal mehr den Toilettenstuhl benutzen. Sie litt unter großen Schmerzen und schien sich innerlich bereits mehr und mehr zu entfernen.
Als sie gestorben war, wurde alles so wie verabredet vorbereitet. Susanne holte den Ordner, in dem die Rede abgeheftet war – aber sie war verschwunden und auch nirgends sonst zu finden, nicht im Nachtschrank, nicht im Kleiderschrank, nicht in der Wäschetasche. Sogar zu Hause, in der Wohnung, wurde noch einmal alles durchsucht, obwohl schon vermutet werden durfte, dass dies keinen Erfolg haben würde. Dass etwas einfach verloren gegangen wäre, war bei einer solch peniblen Organisationskünstlerin undenkbar. »Eine schmale Tür, angelweit offen«, heißt es in Pinoteks Gedicht. Frau M. musste in den allerletzten Tagen, als niemand geglaubt hatte, dass sie überhaupt noch aufstehen könnte, dafür gesorgt haben, dass ihre Rede verschwand.
Schließlich, so erzählt Susanne,  hätten sie und Marly schallend gelacht. Es war auch eine große Erleichterung. Die Rede hatte nicht das ausgedrückt, was in Frau M. vorging, und für die Außenstehenden war es manchmal schmerzlich gewesen, zu erleben, wie sehr sie an ihren Überzeugungen festgehalten hatte. 
Susanne ist sich sicher, dass die Wandlung nicht erst ganz am Ende stattgefunden, sondern sich schon Wochen vorher angekündigt hatte. Aber das rationale Denken hatte die Oberhand behalten. Erst in der Dynamik der letzten Lebenstage, als die Ahnung in Frau M. so weit gewachsen war, dass sie zur Gewissheit wurde, hat der Verstand sich offensichtlich gebeugt und losgelassen.
Auf der Beerdigung schließlich hat der Freund, der als Redner bestimmt war, frei gesprochen und davon erzählt, was sich ereignet hatte.
Bilder, sagt Susanne, sind für sie wie Wegweiser. Beim Malen sei es oft, als ob sich zwei Ströme begegneten. Der eine, der bewusst einer Idee entspringt, einen Gestaltungswillen ausdrückt, der am Lebensende vielleicht noch einmal einen Bogen über die ganze Vergangenheit spannt – und der andere, der uns widerfährt, der aus der Zukunft entgegenkommt, wo vielleicht noch jemand anders mitmalt. Wenn es gelingt, den Pinsel nicht zu führen, sondern sich ihm nur noch zur Verfügung zu stellen, dann entstehen die Bilder, die am meisten berühren, die strahlen und etwas zum ­Klingen bringen – Bilder, die das Leben schenkt. •

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