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Letzte Reise

Nach einem bewegten Leben entscheidet sich eine alte Dame für den Freitod.

von Lea Renate Söhner , erschienen in 32/2015

Mit ihrem Freitod befasste sich Irmgard C. schon seit vielen Jahren. Für sie war immer klar: Vor einer Pflegebedürftigkeit würde sie gehen. Mit 93 Jahren hat sie – so scheint es – bis zum letzten Moment gewartet. So lange sie noch reisefähig ist, kann sie die Art und Weise ihres Todes selbst bestimmen. Dass bei dieser Entscheidung Urteile von »richtig« oder »falsch«, »erlaubt« oder »verboten« nicht greifen, wird bei ihrer Geschichte deutlich.

Sie wirkt filigran und zerbrechlich, als sie an der Hand ihres großgewachsenen Sohns aus dem Flughafengebäude kommt. Ihr Schritt scheint unsicher, aber sobald die fast blinde, alte Dame mit dem vornehmen Hut das vor ihr liegende Terrain erfasst hat, geht sie entschlossen und leicht. Mit dieser ruhigen Entschlossenheit hat sie am Morgen zum letzten Mal ihre Haustür in Hamburg hinter sich geschlossen. Sie hat in der Nacht zum letzten Mal in ihrem Bett geschlafen, sich zum letzten Mal die Zähne in ihrem Badezimmer geputzt. Was mag in ihr vorgegangen sein?

Irmgard wurde 1917 in das kaisertreue, wohlhabende Bildungsbürgertum hineingeboren. In der großen Berliner Wohnung war ein Dienstmädchen selbstverständlich. Preußische Disziplin, perfekte Manieren, Freiheit im Denken, Vernunft und Pflicht zeichneten das Lebensgefühl ihrer Familie aus. Man war vornehm genug, nicht auf andere hinabzuschauen.
Mit 93 Jahren, ist sie vital und geistig klar wie ein geschliffener Diamant. Ihre Lebendigkeit steht in seltsamem Gegensatz zu den Gebrechen, die sie hat. Knochenschwund im Kiefer, Makula-Degeneration, Schlaganfall, Herzprobleme. Bis zum Schluss lebte sie alleine, einige Menschen unterstützten sie. Aber ihre Selbständigkeit hing am seidenen Faden: ein weiterer Schlaganfall, der Bruch ihres Kiefers, die unaufhaltsame Erblindung hätten sie über Nacht zum Pflegefall machen können. Für eine Dame wie Irmgard ist das undenkbar. Der Freitod gehört zum Lebensentwurf ihrer humorvollen, quirligen und aufgeschlossenen Persönlichkeit, er ist Teil ihres Selbstausdrucks. Nun steigt sie zu uns ins Auto, um den letzen Abschnitt ihrer Lebensreise anzutreten.
Das Erstgespräch mit dem Züricher Arzt können wir noch am selben Tag führen. Ein fülliger Mittsechziger mit Vollbart, verwaschenen Jeans und Birkenstock-Sandalen erwartet uns am Treppenabsatz. Statt weißem Kittel treffen wir auf menschliches Interesse, statt Krankenakte auf genaues Zuhören, statt milder ­Herablassung auf echte Freundlichkeit. Dr. Q. zeigt Irmgard alle medizinischen Möglichkeiten auf, die ihr doch noch einige gute Jahre ermöglichen könnten. Sie muss sehr für sich und ihre Entscheidung einstehen. Mir schwant Schlimmes. Sollte dieser Arzt Irmgards Vorhaben nicht zustimmen, müsste sie unverrichteter Dinge zurück nach Hamburg reisen. Das käme für sie einer Kata­strophe gleich.
Irgendwann hört der Arzt auf, zu insistieren, und fragt Gerhard nach seiner Meinung. Dieser vergleicht seine Mutter mit einer alten Indianerin, die bewusst ihren Weg auf den Berg geht, dem Ende entgegen, solange sie noch kann. Als Dr. Q. daraufhin umschwenkt, wissen wir, dass er Irmgards Wunsch von Anfang an respektiert hat. Die Stimmung entspannt sich schlagartig. Irmgard strahlt fast, die Unterhaltung wird fröhlich und verbindlich. Die beiden haben es gut miteinander.

Abschied nehmen
Loslassen und Abschied nehmen haben Irmgards Leben tief geprägt. Ihre vielen Bücher und Haushaltsgegenstände, das Tafelsilber und die Bilder hat sie schon über Monate hinweg verschenkt. Nach und nach hat sie ihren Haushalt sortiert und geleert, begleitet von den Worten: »Wenn ich einmal nicht mehr bin …«
Als junge Frau war sie begeistert von der nationalsozialistischen Revolution und gehörte zur handverlesenen Menge, die 1943 im Berliner Sportpalast mit Joseph Goebbels für den totalen Krieg schreien sollte. Sie hat nicht geschrien, das war ihr zu laut und zu volkstümlich. Aber für die Sache war sie schon.
Als ich sie an unserem allerletzten Abend auf der Terrasse meines Züricher Gartenhäuschens bei einem schönen Abendessen und einem Glas Wein frage, wann sie gemerkt habe, welchem Wahnsinn sie aufgesessen war, erwidert sie knapp: »Viel zu spät.« Das nachfolgende Schweigen überdeckt sie mit Plaudereien.
Nach dem Krieg hatte sie – wie viele andere – alles verloren: den Vater, den Bruder, die Wohnungen, das Vermögen, ihren Mann und ihr erstgeborenes Kind. Sie blieb übrig – mit Gerhard im Rucksack. Ihre große Liebe, der U-Boot-Kommandant Ernst C., wurde kurz vor Kriegsende mit 33 Jahren in Rente geschickt. Er hätte nicht mehr hinausfahren müssen und tat es trotzdem. Aus Pflichtgefühl und vor allem, weil seine Frau es erwartete. Von dieser Fahrt kehrte er nicht zurück.

Freiheit am Lebensende
Das behördlich vorgeschriebene Zweitgespräch mit dem Arzt ist weniger lang, dafür entspannt und anrührend. Es entwickelt sich eine zutiefst menschliche, warmherzige Unterhaltung zwischen den beiden und es wird herzlich gelacht. Irmgard hatte schon immer die Angewohnheit, grazil in die Hände zu klatschen, wenn sie sich besonders amüsierte. Das macht sie auch heute. Zwischendurch kommen auch Tränen, die sie mit der Spitze ihres weißen Taschentuchs abtupft.
Dr. Q. erklärt, dass Irmgard – falls sie bei ihrem Beschluss bliebe – zwei Medikamente einnehmen würde. Zuerst Magentropfen, damit nach einer mindestens halbstündigen Wartezeit das »letzte Medikament« schnell in den Dünndarm und damit ins Blut gelangen könne. Noch einmal betont er eindringlich, dass sie diesen Vorgang auch in letzter Sekunde abbrechen könne. Immer ­wieder weist er sie auf jede denkbare Möglichkeit hin, am Leben zu bleiben.
Schließlich stimmt er zu: »Alles läuft nach Ihrem Willen, egal, wie Sie sich entscheiden.« »Das ist gut so«, kontert Irmgard und steht auf. Das Gespräch ist beendet. Auf eine sanfte Art war Irmgard immer respektgebietend. Ohne große Worte ließ sie nie Zweifel an ihrem Willen aufkommen. Zum Abschied nimmt der Arzt sie gerührt in den Arm. Ihre preußisch-zurückhaltende Körperreaktion verrät erstauntes, aber freundliches Befremden.
Den letzten Termin ihres Lebens hat Irmgard am nächsten Morgen um elf Uhr bei Dignitas. Eine Stunde vorher hole ich sie im Gasthof ab. Sie sitzt auf der Terrasse – zierlich, nachdenklich, in sich ruhend. Ganz Dame, klassischer Stil, schwarzer Hut, cremefarbene Sommerjacke, altrosafarbene Stehkragenbluse. Ihre perfekt manikürten Hände ruhen auf der Handtasche. Als sie mich erkennt, breitet sie wie immer lachend ihre Arme zur Begrüßung aus. Wir trinken am See einen letzten Cappuccino und genießen das herrliche Juniwetter. Die Appenzeller Alpen zeigen sich dezent hinter dem Dunstschleier. Die Bedienung fotografiert uns zu dritt.

Am Ziel
Dignitas besitzt ein kleines Haus am Rand einer Kleinstadt im Kanton Zürich. Ein herrlicher Garten, von hohen Büschen umgeben, ein Goldfischteich, eine Tischgruppe unter dem Vordach schaffen eine geborgene, fokussierte Atmosphäre. Ein Mann und eine junge Frau begrüßen uns herzlich. Wieder bestimmen Freundlichkeit und Ruhe das Geschehen. Vor allem die Ruhe ist es, in der sich die Menschlichkeit entfalten kann. Ich bin berührt.
Noch einmal muss Irmgard mehrere Papiere unterschreiben, und die beiden Sterbebegleiter geben ihr zu verstehen, dass sie jederzeit wieder gehen kann. Dass sie selbst entscheiden darf, wann sie die Medikamente nehmen will. Dass sie sich den ganzen Tag Zeit genommen hätten. Es würden zwei Medikamente eingenommen, erklären nun auch sie. »Dann kann ich ja schon mal anfangen«, versetzt Irmgard und verlangt nach den Magentropfen.
Danach geht der große Sohn an der Hand der kleinen, zarten Mutter langsam in den Garten. Es ist alles gesprochen. Sie sitzen nebeneinander auf dem Bänkchen vor dem Goldfischteich mit dem Rücken zu uns. Eine Aura von Stille und Liebe umgibt die beiden. Mir kommen die Tränen. Später wird mir Gerhard erzählen, dass auch sie leise geweint hat. Hier schließlich nimmt die Mutter Abschied von ihrem geliebten Sohn, für den sie am Leben geblieben war, damals, nach dem Krieg.
Die beiden kommen zurück auf die Terrasse. Die halbe Stunde ist noch nicht um. Irmgard erzählt Belanglosigkeiten. In mir breitet sich enorme Spannung aus, ich habe Kopfschmerzen. Gerhard geht es ebenso, das sehe ich ihm an. Unvermittelt zwischen ihren Plaudereien fragt Irmgard, ob sie hier auf der Terrasse im Sitzen sterben kann. Selbstverständlich geht das. Sie verlangt nach dem »letzten Medikament«. Die folgende Szene wird für den Staatsanwalt gefilmt: Der Sterbebegleiter gibt Irmgard den Plastikbecher und fragt: »Ist Ihnen bewusst, was passiert, wenn Sie das trinken?« Sie antwortet mit fester Stimme in die Kamera: »Ich will aus dem Leben gehen« – und trinkt.
Ich setze mich zu ihr auf die Bank, nehme sie in den Arm. So viel körperliche Nähe hätte sie früher nicht zugelassen. Sacht lehnt sie sich an mich. Gerhard hält ihre Hand. In den nächsten Minuten wird ihr Atem immer weniger. Wir sitzen zusammen in einem zeitlosen Raum. Noch einmal ein kräftiges Einatmen, kein Ringen nach Luft. Einatmen. Ausatmen. Fertig. Sie hat bis zuletzt ihren Hut getragen. Jetzt nehmen wir ihn ab. Der Kopf ist nach vorne gefallen. Kurze Zeit später stehen wir auf. Ich merke, dass meine Knie zittern. Einatmen. Durchatmen. Schweigen. Sie bleibt sitzen, fällt nicht um. Selbst im Tod bewahrt sie Haltung, durchfährt es mich.
Das Bild des Sensenmannes mit dem schwarzen Mantel halte ich für völlig unpassend. Der Archetyp des Todes sollte vielmehr eine Frau sein, die das Menschlein freundlich in ihre Arme nimmt und mit großer Zärtlichkeit in die Anderswelt führt. Sie summt ein Wiegenlied dabei, das Lied der dunklen Göttin. Dankbar schließt man die Tür nach draußen.

Nachklang
Der See, der Sommer, die Berge, die Luft, die Wärme, die Bäume. Wie schön ist es doch, zu leben! Ich spaziere mit Gerhard am Ufer entlang. Wir müssen uns für Polizei und Staatsanwaltschaft bereithalten. Das Unspektakuläre dieses Todes bewegt mich. Auf unserer Welt schwirrt es von einem einzigen Kommen und Gehen. Wir werden geboren, laufen ein paar Mal hin und her, und eines Tages sind wir tot. Das ist alles.
Was ich in den letzten zwei Tagen erlebt habe, ist ein Geschenk des Lebens an mich. In seinem Inneren geht jeder Mensch die letzten Schritte seines Lebens allein, und darin liegt eine große Würde. Ich habe eine tiefe Erfahrung gemacht, auch wenn ich ahne, dass dieser Weg nicht meine Art zu gehen sein wird.  Irmgard hat ihre eigene Traueranzeige formuliert: »Es ist geschafft. Nach einem sehr langen Leben voller Höhen und Tiefen habe ich nun das Ende gefunden, das ich mir gewünscht habe.« Gerhard hat seine Karte dazu gelegt: »Ich nehme Abschied von einer wunderbaren Frau, die meine Mutter war. In tiefer Dankbarkeit.« •


Lea Renate Söhner (56) studierte Diakonie und Religionspädagogik. Schwerpunkte ihrer Arbeit sind Spiritualität, Weiblichkeit, Sexualität und Religionsgeschichte. In ihrer Praxis als Tantramasseurin setzt sie sich seit 20 Jahren für eine Sinnlichkeit in Würde und Schönheit ein.

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