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Vom Ewig-Kindlichen

Ohne freies Spiel und Schönheit hört der Mensch auf, Mensch zu sein.

von Michael Ende , erschienen in 32/2015

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Das Kind, das ich einmal war, lebt noch heute in mir, es gibt keinen Abgrund des Erwachsenwerdens, der mich von ihm trennt, im Grunde fühle ich mich als der gleiche, der ich damals war. An dieser Stelle sehe ich vor meinem inneren Auge so manchen Psychologen bedenklich die Stirn runzeln und murmeln: Er ist eben nie wirklich erwachsen geworden.
Das gilt ja heutzutage als schwerwiegender Fehler.
Nun, sei’s drum, ich gebe es zu, ich bin wohl tatsächlich nie so richtig erwachsen geworden. Ich habe mich mein Leben lang dagegen gewehrt, das zu werden, was man heutzutage einen richtigen Erwachsenen nennt, nämlich jenes entzauberte, banale, aufgeklärte Krüppelwesen, das in einer entzauberten, banalen, aufgeklärten Welt sogenannter Tatsachen existiert. Und ich berufe mich dabei auf das Wort eines großen französischen Dichters: Wenn wir ganz und gar aufgehört haben, Kinder zu sein, dann sind wir schon tot.
Ich glaube, dass in jedem Menschen, der noch nicht ganz banal, noch nicht ganz unschöpferisch geworden ist, dieses Kind lebt. Ich glaube, dass die großen Philosophen und Denker nichts anderes getan haben, als sich die uralten Kinderfragen neu zu stellen: Woher komme ich? Warum bin ich auf der Welt? Wohin gehe ich? Was ist der Sinn des Lebens? Ich glaube, dass die Werke der großen Dichter, Künstler und Musiker dem Spiel des ewigen und göttlichen Kindes in ihnen entstammen – dieses Kind, das ganz unabhängig vom äußeren Alter in uns lebt, ob wir neun Jahre alt sind oder neunzig; dieses Kind, das nie die Fähigkeit verliert, zu staunen, zu fragen, sich zu begeistern; dieses Kind in uns, das so verletzlich und ausgeliefert ist, das leidet und nach Trost verlangt und hofft; dieses Kind in uns, das bis zu unserem letzten Lebenstag unsere Zukunft bedeutet.
Für dieses Kind in mir und in uns allen erzähle ich meine Geschichten, denn wofür sonst lohnte es sich überhaupt, etwas zu tun?
Ich gestehe es also ohne Scham ein: Die wahre, eigentliche Triebfeder, die mich beim Schreiben bewegt, ist die Lust am freien und absichtslosen Spiel der Fantasie. Für mich ist die Arbeit an einem Buch immer von neuem eine Reise, deren Ziel ich nicht kenne, ein Abenteuer, das mich vor Schwierigkeiten stellt, die ich vorher nicht kannte, durch das Erlebnisse, Gedanken, Einfälle in mir hervorgerufen werden, von denen ich nichts wusste – ein Abenteuer, an dessen Ende ich selbst ein anderer geworden bin als der, der ich zu Anfang war. Ein solches Spiel kann man nur absichtslos betreiben, denn wer vorher wissen oder planen will, wohin es einen führt, verhindert damit schon, dass es dazu kommt.
Was ist nun dieses freie, schöpferische Spiel eigentlich? Ist es nicht einfach nur ein müßiger Zeitvertreib, ein geistiger Luxus – oder ist es eine der tiefsten menschlichen Lebensnotwendigkeiten, etwas, ohne das der Mensch aufhört, Mensch zu sein?
Wahre Kunst und wahre Poesie werden immer geboren aus einer Ganzheit von Kopf, Herz und Sinnen, und sie stellen diese Ganzheit bei den Menschen, die sie empfangen, wieder her, sie machen den Menschen heil, sie heilen ihn.

Absichtsloses Spiel ist lebenswichtig
Ich muss da an einen russischen Puppenspieler denken, den kennenzulernen ich die Ehre hatte. Dieser Mann war jahrelang in einem nationalsozialistischen Konzentrationslager gewesen. Aus winzigen Restchen von Kartoffelteig hatte er sich nach und nach eine Reihe von kleinen Fingerpuppen modelliert, mit denen spielte er Märchen vor den Kindern, wenn keine Wächter in der Nähe waren. Er brachte die Kinder zum Lachen. Er spielte auch mit ihnen ihr eigenes Schicksal, ja sogar ihren Tod. Später kamen auch viele erwachsene Häftlinge zu ihm, und er spielte mit ihnen das Gleiche. Oft spielte er in der Nacht vor der Hinrichtung mit dem Verurteilten dessen Schicksal. Und die Art, in der er das tat, gab diesen Menschen das Gefühl ihrer Würde wieder. Sie mussten sterben, aber sie starben anders, gelassener, manche sogar getröstet.
Gewiss, man kann fragen, was hat es diesen Menschen denn genützt? Ich würde so nicht fragen. Für mich ist dieser Puppenspieler ein sehr tapferer Mann und ein wahrer Künstler.
Diese Ganzheit aus Kopf, Herz und Sinnen, die uns nur das absichtslose Spiel schenken kann, was ist sie ihrem tiefsten Wesen nach anderes als Schönheit?
Über diesen Zusammenhang zwischen freiem Spiel und Schönheit hat Friedrich Schiller seinen berühmten Essay »Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen« geschrieben. Weder vorher noch nachher ist jemals Klügeres zu diesem Thema gesagt worden, und es wäre zweifellos besser bestellt um unsere heutige Kunst und Literatur, wenn mehr Leute, die diese Frage angeht, sich der Mühe unterziehen wollten, dieses Werk ernsthaft zu studieren.
Auf dem Gipfel seiner Gedanken und gleichsam als zusammenfassende Konsequenz seiner Überlegungen schreibt Schiller darin den seltsam paradox klingenden Satz: »Der Mensch soll mit der Schönheit nur spielen, und er soll nur mit der Schönheit spielen.«

Spiel und Schönheit gehören zusammen
Was heißt das? Der Wert des freien Spiels – und also auch der Kunst und der Poesie, die für Schiller die höchste Form des Spiels bedeuten – entscheidet sich nach seiner Schönheit. Denn die Schönheit – und nur sie! – adelt und heilt den Menschen und erlöst ihn aus allen Zwängen der Naturnotwendigkeit und der geistigen und sittlichen Gesetze. Sie macht den Menschen frei – und darin liegt für Schiller zugleich der höchste sittliche Wert. Aber, so fährt er fort, nur dort, nur im freien Spiel darf der Maßstab der Schönheit absolut gelten. Herausgerissen aus diesem Zusammenhang des Spiels müsste die unbedingte Forderung nach Schönheit notwendigerweise unmenschlich werden.
Ein Medikament, das den Menschen gesundmachen kann, wenn es richtig verwendet wird, kann durch Missbrauch immer auch zur Droge werden, die den Menschen zerstört. So unsinnig es wäre, in das freie Spiel moralische Kategorien hineinzutragen, so schädlich wäre es, ästhetische Maßstäbe zur Grundlage der Entscheidungen im täglichen Leben zu machen. Das Urteil, das ein Richter fällt, soll gerecht sein. Ob es schön ist, ist irrelevant. Ein Forschungsergebnis soll wahr sein. Seine Schönheit spielt keine Rolle. Die Entscheidung eines Politikers soll von Verantwortung getragen sein. Wo kämen wir hin, wenn die Mächtigen sich bei ihren Entschlüssen von ästhetischen Maßstäben leiten ließen? Früher oder später würden sie beim Verhalten des Kaisers Nero landen, der Rom anzünden ließ, um einen eindrucksvollen Hintergrund für den Vortrag seiner Gedichte zu haben.
Nun neigt ja unser heutiges Kultur- und Geistesleben mehr als jedes andere zuvor dazu, alle Kategorien durcheinanderzuwerfen, anstatt sie auseinanderzuhalten. Am liebsten möchte man einen einzigen Universalschlüssel haben, der alle Türen öffnet. Aus dieser Bequemlichkeit des Denkens heraus hat man die Frage nach der Schönheit überhaupt fallengelassen und vergessen. Die Diskussion um ein modernes Kunstwerk, eine Theateraufführung, ein Buch dreht sich vor allem darum, was es aussagt, ob es originell ist, ob es neu ist – vor allem neu soll es sein! –, ob es aber schön ist, das steht so gut wie nie zur Debatte. Ganz folgerichtig erhebt ein großer Teil unserer modernen Kunst und Literatur nicht einmal mehr diesen Anspruch. Schönheit wird nicht einmal mehr angestrebt.

Woher kommt das?
Schönheit ist ihrem Wesen nach transzendent. Nur diesseitig lässt sie sich überhaupt nicht fassen. Sie ist nicht objektivierbar, sie lässt sich nicht messen, wägen oder zählen. Die Schönheit braucht, um wahrgenommen zu werden, Menschen, die dazu fähig sind. Ist sie deshalb nur ein subjektives Erlebnis? Das materialistische Denken kann nur feststellen, dass alle Kulturen der Welt, alle Jahrhunderte, ja, jede einzelne Generation andere Schönheitsbegriffe entwickelt haben, die bisweilen bis zur völligen Gegensätzlichkeit verschieden sind. Wo liegt da das Gemeinsame? Da ein am naturwissenschaftlichen Empirismus geschultes Denken dieses Gemeinsame nicht mehr erkennen konnte, wurde die Frage nach der Schönheit relativiert. Schön, so sagte man, ist eben das, was jeweils für schön gehalten wird. Schönheit als solche gibt es nicht.
Ja schlimmer noch: Man stellte die unsinnige Behauptung auf, dass Schönheit gleich Beschönigung sei, das heißt also, eine betuliche Lüge, mit der man das Unerträgliche, das Gemeine und Brutale unserer Welt zu verschleiern, zu verharmlosen oder ganz zu ver­decken suche. Aber man wollte doch vor allem wahrhaftig sein! Man wollte das Unerträgliche unerträglich, das Gemeine gemein, das Brutale brutal darstellen. So wurde im Namen eines falsch verstandenen Wahrhaftigkeitsanspruchs das Widerwärtige geradezu zum künstlerischen und poetischen Maßstab erklärt. Es entstand bei einigen Kritikern und Künstlergruppen ein regelrechter Kult der Hässlichkeit. Dass weder Homer noch Dante, weder Goya noch Grünewald das Schreckliche und Unerträgliche aus ihrem Werk ausgespart hatten, dass sie nichts beschönigten und gleichwohl alles in Schönheit verwandelten, wurde nicht mehr begriffen.

Verwehrte Schönheit wird zu Kitsch
Und das Publikum, die Leute? Sie schwiegen eingeschüchtert und betrübt. Denn ein großer Teil des Kulturjournalismus redete ihnen ein, dass sie reaktionäre Spießbürger seien, wenn sie Schönheit erwarteten. So zuckten sie die Achseln und schickten sich drein, denn wer möchte schon als reaktionärer Spießbürger gelten? Diese Einschüchterung wirkt bis heute fort. Aber ebenso besteht bei den meisten Menschen nach wie vor – vielleicht sogar mehr als je zuvor – eine Sehnsucht, ja geradezu ein Hunger nach Schönheit. Ich glaube, für nichts sind die Menschen so dankbar, als wenn ihnen ein kleines Stück Schönheit angeboten wird. Das gilt für Kinder noch viel mehr als für Erwachsene. Und wenn ihnen die Schönheit vorenthalten wird, dann greifen sie eben zum Surrogat, zum Ersatz, zum Kitsch, um ihren Hunger zu stillen.
Ich habe gesagt, Schönheit sei ihrem Wesen nach transzendent, also allein diesseitig überhaupt nicht fassbar. Sie ist sozusagen ein Lichtschein aus anderen Welten, der in die unsere hereinleuchtet und dadurch die Bedeutung aller Dinge verwandelt. Das Wesen der Schönheit ist das Geheimnisvolle und das Wunderbare. Die Banalitäten dieser Welt werden in ihrem Licht zu Offenbarungen einer anderen Wirklichkeit, aus der wir alle kommen und in die wir zurückkehren und nach der wir uns Zeit unseres Lebens sehnen, obwohl wir sie vergessen haben. •

Aus: Michael Ende: »Zettelkasten« © Piper Verlag GmbH, München.

Michael Ende (1929–1995) wurde als Sohn des surrealistischen Malers Edgar Ende in Garmisch-Partenkirchen geboren. Er wuchs in München auf, wo er als Zwölfjähriger die Schrecken des Luftkriegs miterlebte. Als 1944 das Atelier des als »entarteter Künstler« geltenden Vaters brannte, wurden Hunderte Gemälde zerstört. In den letzten Kriegstagen war Michael Ende als Bote in einer Widerstandsgruppe aktiv. Nach Kriegsende zog der damals Sechzehnjährige allein nach Stuttgart, um dort die Waldorfschule zu besuchen. Im Anschluss absolvierte er die Schauspielschule in München. Aus der Bitte eines Freunds, ihm »ein paar Seiten« für ein Kinderbuch zu schreiben, ging »Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer« hervor, das 1961 mit dem Deutschen Jugendbuchpreis ausgezeichnet wurde. Enormen Zuspruch von großen wie kleinen Lesern weltweit erhielten die Märchenromane »Momo« (1973) und »Die Unendliche Geschichte« (1979). Endes Werk wurde in über 40 Sprachen übersetzt und hat eine Gesamt­auflage von 30 Millionen. Ab den 1970er Jahren wohnte er mit seiner Frau, der Schauspielerin ­Ingeborg Hoffmann, bei Rom. Nach deren Tod kehrte er nach München zurück, wo er in zweiter Ehe mit der Übersetzerin Mariko Sato lebte. 1995 erlag er einem Krebsleiden. Michael Endes letzte Ruhestätte ist der Münchener Waldfriedhof.

www.michaelende.de

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