Werkstoff Kommunikation

Lara Mallien porträtiert die Kulturaktivistin Jaana Prüss.

von Lara Mallien , erschienen in 32/2015

Jaana Prüss bringt als Kulturaktivistin Menschen zusammen und ermöglicht viel­fältige künstlerische Projekte. Nach ihrem Studium der bildenden Künste engagierte sie sich als Mitbegründerin für den Aufbau einer Galerie für zeitgenössische ­chinesische Kunst. Doch Kunst nur zu verkaufen, war ihr zu wenig. Heute geht es ihr um interkulturelle Kommunikation, um die Pflege von Gemeingütern und um die soziale und ökologische Entwicklung urbaner Räume, in denen sich Menschen aller Herkünfte und Generationen begegnen können.

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Auf einem Schwarzweißfoto steht eine gießkannenschwenkende Frau auf dem Kiesbett einer monumentalen Baustelle. »Das ist P. Morgengrün«, erklärt Jaana Prüss, auf dem Foto unschwer als sie selbst zu erkennen. »P. Morgengrün sucht einen Garten. Das war das Motto dieser Serie, aus der eine Ausstellung entstanden ist.« Mit Pippi-Langstrumpf-Zöpfen, geblümtem Kleid und Gummistiefeln strebt die selbstbewusste Person durch Sand- und Betonwüsten der Hoffnung nach, hinter der nächsten Mauer könne sich genau der richtige Ort für ihren Garten verbergen. »Es ging durchaus um die Suche nach einem physischen Ort, aber auch um den Garten Eden«, erinnert sich Jaana. »Ich hatte damals das Gefühl, ich müsse mich neu erfinden, endlich herausfinden, wie ich eigentlich gemeint bin.«

P. Morgengrün entstand im Jahr 2003. Damals hatte sich Jaana nach sechs Jahren Ehe von ihrem damaligen Mann Alexander Ochs getrennt und war aus der »Prüss & Ochs Galerie Berlin-Beijing« ausgestiegen. Sie ließ ihren schicken Kurzhaarschnitt zu Zöpfen wachsen, verwahrte die androgynen Hosenanzüge im Schrank und schlüpfte in fantasievolle Röcke. Statt nur die Werke anderer zu verkaufen, wollte sie wieder selbst schöpferisch werden. Ihren bürgerlichen Namen assoziierte die Kunstszene mit der Galeristin – doch das Pseudonym gab ihr die Freiheit für einen Neuanfang.
»Morgengrün Kommunikation« steht noch heute als Titel über ihrer Arbeit. Johannes Heimrath und ich besuchen Jaana an ­einem hellen Vorfrühlingstag in ihrer kleinen Berliner Wohnung in einem unrenovierten Altbau. Die Wohnung hat etwas von einem Birkenwald, denke ich, als ich die weißlichen, leicht verwitterten Wände bewundere. Johannes studiert derweil das Bücherregal; er liest einige Titel vor: »Träume«, »Zeit spenden«, »Selbst denken«, »Seid ihr denn verrückt geworden?«, »Fluchtpunkt Kunst« – und fragt dann: »Fliehst du manchmal in Richtung Kunst?«
»Flucht ist ein gutes Stichwort«, antwortet Jaana und zeigt uns Projekte, die sie zum Thema »Flüchtlinge« initiiert hat. »Meine ­Eltern wurden im Zweiten Weltkrieg auf der Flucht geboren, mein Vater auf dem Weg von Pommern nach Hamburg, meine Mutter auf der Flucht aus Karelien, das damals noch zu Finnland gehörte.«
Jaana kam 1967 in der Nähe von Bremen zur Welt und wuchs in dem kleinen Ort Oyten auf. Bis zu ihrem sechsten Lebensjahr sprach ihre Mutter nur Finnisch mit ihr und den beiden Geschwistern. »Eine finnische Erziehung sieht anders aus als eine deutsche«, erzählt Jaana. »Wenn die Nachbarskinder schon im Bett lagen, rannten wir noch durch den Garten und konnten schlafen gehen, wann wir wollten.« Doch der gesellschaftliche Druck verlangt der Mutter zunehmend normgerechtes Verhalten ab. Jaana war elf Jahre alt, als ihr noch junger Vater an einem Blutgerinnsel im Gehirn verstarb. »Niemand hat mit uns Kindern diesen Verlust aufgearbeitet«, sagt sie. »Meine Mutter schützte sich, indem sie nicht darüber sprach. Da habe ich mir meine eigenen Rückzugsorte erobert. Im Spitzboden unterm Dach habe ich meine Schätze gesammelt, Parallelwelten aufgebaut und zu zeichnen begonnen.«
Im Jahr 1985 zog ihre Mutter an den Bodensee, aber Jaana blieb in Bremen, wo sie Abitur machen wollte. Sie stürzte sich in das alternative Bremer Kulturleben, erkundete die Clubs und Buchläden, spielte Theater und begann, sich für Politik und die Friedensbewegung zu interessieren. Bald nistete sie sich in Öko-Kommunen im Bremer Umland ein. »Heute habe ich manchmal das Gefühl, dass wir damals auf der Suche nach einem ökologischen Lebensstil schon viel weiter waren«, erinnert sie sich. »Das Waldsterben, saurer Regen, Tschernobyl – alles fühlte sich viel drängender an.«

Von der Studentin zur Galeristin
Schon während Jaana in der Kollegstufe den Leistungskurs Kunst absolvierte, wusste sie, dass sie dieses Fach studieren wollte. Vorher lockte sie ein Praktikum in der Werbebranche, aber das kapitalistische Gehabe ihrer Chefs schreckte sie schnell ab, diesen Weg weiterzuverfolgen.
Warum studiert ein junger Mensch Kunst? »Ich wollte innere und äußere Welten erkunden und wahrgenommen werden.«
Jaanas erster Studienort war Augsburg; sie belegte die Fächer Kunstpädagogik und Psychologie. 1992 ging sie an die Hochschule der Künste in Berlin, um bildende Kunst zu studieren. »Nach einer Zeit, in der ich eher malerisch gearbeitet habe, begann ich in Berlin, zu modellieren und bald auch mit Installationen im Raum zu arbeiten«, erzählt die Künstlerin. »Mich interessierte, was in den Zwischenräumen und Nischen lebt, was nicht greifbar und sichtbar ist.« Auch das, was in ihr selbst lange im Unterbewusstsein ein Nischendasein geführt hatte, wollte in dieser Zeit an die Oberfläche.
Im Sommer 1997 unternahm Jaanas Studiengruppe eine Exkursion auf die Insel Naxos. »Mich hat diese Insel, die fast nur aus Stein besteht, völlig in ihren Bann gezogen.« Jaanas sonst weiche, kräftige Stimme klingt ein wenig rauh, als sie davon berichtet. »Weil die Menschen die Toten nicht begraben können, sieht man auf den Friedhöfen Knochen in Kisten liegen. Der Tod und das Meer sind allgegenwärtig. Auf Naxos überfiel mich die Erinnerung an ein traumatisches Erlebnis als Jugendliche, und ich fühlte stark, dass ich hierfür ein Ritual feiern müsse. Ich habe ein Schiff gebastelt, das eine Seele auf das Meer hinaustragen sollte. Am letzten Tag auf der Insel stieg ich in einem schönen Kleid ins Wasser und habe es schwimmen lassen.«
Drei Tage später, zurück in Berlin, las Jaana von der Eröffnung einer Galerie für moderne chinesische Kunst. Das interessierte sie – fühlte sie sich doch seit dem Tian’anmen-Aufstand 1989 mit der Bürgerrechtsbewegung Chinas verbunden. Als sie in der Galerie ankam, war sie allein in den imposanten Räumen. »Welch große Bühne wurde hier Künstlerinnen und Künstlern, die in ihrer Heimat unterdrückt werden, geboten! Irgendwann kam Alexander Ochs, Ini­tiator der Galerie, und bot mir spontan eine Stelle an.« Jaana konnte nur zusagen. Sie war bereit für einen neuen Schritt. Ihre Vorstellung, parallel weiterzustudieren, zerschlug sich aber bald, denn das Projekt forderte sie buchstäblich mit Haut und Haaren. Alexander und Jaana heirateten noch im selben Jahr.
»Es war ein Experiment. Wir wussten beide nicht, wie ›Galerie‹ geht. Wie gestalten wir eine Vernissage? Wie verkaufen wir einem reichen Industriellen ein Bild für 30 000 Euro?« Jaana schien für die Rolle wie geschaffen. Sie wurde Mitunternehmerin und glänzende Organisatorin. Die Ausstellungen profitierten von ihrer Vorliebe für Installationen im Raum. Doch nach sechs Jahren reichte es – mit der Ehe wie mit dem Galeristinnen-Dasein. Ihr war bewusst, dass sie nach einem Ausstieg vor dem Nichts stehen würde. Genau das wollte sie. In diesem Nichts entstand P. Morgengrün, die ihren Garten sucht.

Gemeinschaftskunst
Ein Jahr nach Jaanas Ausstieg, 2004, fand sich ein realer Garten, den sie sich mit einer Künstlerfreundin teilte. In dieser Zeit wurde der Wunsch in ihr lebendig, dass in diesem Garten ein kleines Kind spielen möge. 2005 kam ihre Tochter Hanayo zur Welt. Die Suche nach einem Paradiesgarten des guten Lebens befeuerte Jaanas gesellschaftspolitisches Engagement. Im Jahr 2006 begann sie mit der Vorbereitung der Kunstaktion »Art goes Heiligendamm« zum G8-Gipfel 2007. Kuratorin war Adrienne Goehler, ehemalige Leiterin der Kunsthochschule Hamburg, mit der sie ein gutes Team bildete. »Adrienne war die Außenministerin, ich hatte die Projektleitung und war vor allem für die Kontakte zu den Künstlerinnen und Künstlern zuständig.« Die beiden nahmen sich nach Heiligendamm etwas Neues vor, die Ausstellung »Zur Nachahmung empfohlen. Expeditionen in Ästhetik und Nachhaltigkeit«, die 2010 erstmals ökologisch engagierte Kunst im deutschsprachigen Raum in großem Stil sichtbar gemacht hat. Kurz vor der Vernissage zerbrach die Arbeitsbeziehung der beiden Frauen, und Jaanas Name verschwand von den Katalogen.
Jaana merkte, wie es ihr immer weniger auf Prestige ankam. Glücklich machten sie vor allem gelingende Gemeinschafts­aktionen. »Mein Werkstoff ist Kommunikation«, sagt sie heute selbstbewusst. Wenn es darum geht, Menschen zusammenbringen, Kontakte zu pflegen, eigene Gestaltungsimpulse zu setzen oder etwas scheinbar Unmögliches möglich zu machen, ist ­Jaana in ihrem Element. So schien es zum Beispiel Ende 2008 nach vielen Versuchen schier aussichtslos, Gelder für das türkisch-deutsche Austauschprojekt »Unter Nachbarn« zu organisieren: Kunstschaffende aus Istanbul sollten drei Wochen bei Berliner Künstlern leben, um mit ihnen Arbeiten zum Thema »Nachbarschaft« zu realisieren – und umgekehrt. Jaana gelang es schließlich, die Stadtverwaltung Berlin Mitte für das auf den ersten Blick unscheinbare, aber auf einer menschlichen Ebene höchst wirksame Projekt als Geldgeberin zu gewinnen.
Mit geringsten Mitteln etwas ­weithin Sichtbares auf die Beine zu stellen, ist ­Jaanas Spezialgebiet. 2012 organisierte sie unter der Trägerschaft des »und.Instituts« eine Fotoausstellung unter dem Titel »Der Blick der Anderen – in transit«. »Mir wurde eines Tages bewusst, welch großartige Ausstellungsfläche der Bauzaun am Bahnhof Ostkreuz ist«, erzählt die Berlinerin. »140 000 Menschen gehen dort täglich vorbei. Ich habe 70 Fotografinnen und Fotografen eingeladen, am Zaun Arbeiten zu Themen wie Mobilität, Migration, Flucht, Verortung, Sinn oder Überlebensstrategien zu präsentieren. Gleichzeitig ging ein offener Rundruf in die mir verfügbaren Netzwerke, dass jede und jeder eingeladen ist, dort eigene Fotos zu zeigen. So konnten Werke von Laien in Dialog mit den professionellen Arbeiten treten. Drumherum gab es Aktionen wie Suppenküchen, Gesprächsforen oder Workshops. Die Materialkosten – nur 2000 Euro – habe ich über eine Schwarmfinanzierung aufgetrieben. Damals war Crowdfunding noch etwas ganz Neues.«
Im letzten Jahr hat sie ein weiteres erfolgreiches Crowdfunding für ihr Buch mit dem Titel »fair-handeln!« voller Rezepte, Handlungsanleitungen und Beispiele für ­lebensförderndes Wirtschaften realisiert. »Es wird jetzt auf Türkisch übersetzt und mit türkischen Beispielen ergänzt«, strahlt Jaana. »Ich habe das Geld für die Übersetzung organisiert und eine türkische Mitautorin gefunden.«

Unterwegs als mobiler Garten
Wovon lebt eine Kulturaktivistin, die am besten Geld für andere auftreiben und Tausende von Stunden Zeit verschenken kann? »Ich brauche nicht viel«, erklärt Jaana. »Mit Workshops, Vorträgen und eigenen Vorhaben kommt meist genug zusammen. Manchmal werde ich gebeten, die künstlerische Leitung für ein schönes Projekt zu übernehmen – dann freue ich mich.«
Und P. Morgengrün – gibt es sie noch? »Sie ist in mir lebendig, aber ich brauche sie nicht mehr als Pseudonym – vielleicht ist sie meine Muse? Für mich ist Morgengrün Kommunikation heute eine Art mobiler Garten, in dem vieles wachsen kann.«
Als wir unser Gespräch beendet haben, steht Hanayo in der Tür. Sie hat heute in der Schule einen Vortrag über das Brandenburger Tor gehalten und dafür Kekse in der Form des Bauwerks gebacken. Klassenkameraden und Lehrerin waren begeistert.
Manchmal träumen Mutter und Tochter zusammen von einem Morgengrün-Ort. Hanayo hat ihn schon gezeichnet: Dort gibt es ein Café, Werkstätten, ein Labor, Gemüse­beete und viele Blumen. Es ist etwas anderes als ein Stadtteilzentrum: kreativer und poetischer, ein geschützter Raum für lebendige Ideen. Es sollte niemanden wundern, wenn er eines Tages Wirklichkeit wird. •


Kontakt zur Kulturaktivistin:
www.morgengruen.de
www.und-institut.de

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