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Oya-Herausgeber Johannes Heimrath sprach mit Wolfgang Buschner, Franz-Ulrich Keindorff
und Hartmut Lüdeling – Menschen, die professionell kommunale Prozesse formen – über
Möglichkeiten aktiver Teilhabe der Bürgerinnen und Bürger an der Gestaltung ihrer Gemeinwesen.

von Franz-Ulrich Keindorff , Hartmut Lüdeling , Johannes Heimrath , Wolfgang Buschner , erschienen in 31/2015

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© Foto: thomas zaschke

Johannes Heimrath Wenn ich bei Treffen von Oya-Leserinnen und -Lesern oder bei Vorträgen frage, wer von den Anwesenden in einem Gemeindeparlament sitzt, geht selten ein Finger hoch. Die Menschen, die eigentlich die Welt verändern wollen, engagieren sich kaum in diesem naheliegenden Bereich der Kommunalpolitik. Warum ist das so? Wie kann eine bessere Durchlässigkeit zwischen verschiedenen Ebenen von bürgerschaftlichem Engagement entstehen? Ihr arbeitet alle an solchen Schnittstellen: Hartmut Lüdeling als Dorfentwickler, Franz-Ulrich Keindorff als Bürgermeister der Gemeinde Barleben in Sachsen-Anhalt, und Wolfgang Buschner engagiert sich in einem gemeinnützigen Verein für ein Mehrgenerationenprojekt. Was könnt ihr aus euren Wirkungsfeldern berichten?

Hartmut Lüdeling Ich war 32 Jahre lang im öffentlichen Dienst, davon 18 Jahre als Leiter des Baubereichs. Da ich mein Wissen stärker in der Praxis zum Einsatz bringen wollte, bin ich seit 2012 selbständiger Berater für Dorfentwicklung. Dabei möchte ich vor allem Menschen dabei unterstützen, eigenständig Lösungen für ihre Bedürfnisse zu finden. Derzeit begleite ich mit meiner »Arbeitsgemeinschaft Dorfentwicklung« eine Region, die sich erstmals für die EU-Förderung »LEADER« bewirbt. Ein spannendes Projekt existiert auch in einem kleinen Ort bei Lippstadt. Dort entsteht ein Dorfladen, und die Bürger planen ein Netzwerk zur gegenseitigen Unterstützung bei der Pflege. Diese Initiative steht vor der Herausforderung, dass das Dorf mit einer relativ großen Stadt, zu deren Verwaltungsbereich es gehört, zusammenarbeiten muss – das ist ein zähes Miteinander. Ich wünsche mir, dass den Dörfern in der politischen Landschaft eine größere Bedeutung beigemessen wird. Dort wächst das wichtigste Potenzial für die Zukunft, nämlich starke Sozialgemeinschaften. Die Städte könnten davon lernen!

Franz-Ulrich Keindorff Wir als Gemeinde Barleben haben gerade sieben Jahre Arbeit in einer »Lokalen Arbeitsgemeinschaft« im Rahmen des LEADER-Programms hinter uns. Das Gebiet reichte von hier bis in die Altmark. Spannend bei LEADER ist ja, dass es als »Bottom-Up«-Prozess gedacht ist; die Initiativen sollen »von unten« aus der Bevölkerung wachsen. Da sind auch ein paar schöne Projekte entstanden, zum Beispiel wurde in Meitzendorf ein ehemaliges Schulgebäude umgebaut, das heute eine Bibliothek, einen Jugendclub und einen Laden beherbergt.
Sich um LEADER-Prozesse zu kümmern, ist freilich nicht die Hauptaufgabe einer Kommune, aber es gibt bei uns verschiedene Bereiche, die gut mit dem Programm harmonieren – zum Beispiel das Klimaschutzkonzept der Gemeinde oder Aktivitäten im Bereich der Gesundheitsvorsorge. Viel Dynamik hat im letzten Jahr unser Demografie-Konzept, das wir mit einer dörflicheren Nachbargemeinde entwickelt haben, ausgelöst. Wir arbeiten an dezentralen Lösungen für Mehrgenerationen-Wohnen und -Begegnungen. Das wollten wir zuerst mit einem gestandenen Träger aus der Seniorenbetreuung verwirklichen, aber der war nicht innovativ genug, so dass wir mitten im Galopp das Pferd wechseln mussten. Wir haben keine Ausschreibung gemacht, dann hätten sich Bewerber aus anderen Städten gemeldet. Stattdessen haben wir mit Bürgern vor Ort zusammengearbeitet. Unser neues Pferd ist – bildlich gesprochen – zum edlen Traber geworden, und der Jockey sitzt hier neben mir.

Wolfgang Buschner Ja, im Dezember 2013 hat sich der Verein »Mehrgenerationenzentrum« gegründet, und im vergangenen Jahr haben wir losgelegt. Seit Januar dieses Jahres haben wir die Trägerschaft der neuen Begegnungsstätte in Barleben übertragen bekommen. Sie soll ein offenes Haus sein, das sich kulturellen und sozialen Aufgaben widmet. Vor allem wollen wir in den einzelnen Ortschaften der Gemeinde Angebote für Jung und Alt schaffen, damit sich die Generationen wieder mehr begegnen. Wir wollen auch junge Familien sowie Kinder und Jugendliche einbeziehen. Man kann sich fragen: In Barleben gibt es doch schon 70 Vereine, warum brauchen wir noch einen neuen? – Das Problem ist, dass jeder in seinem eigenen Saft schmort. Unser Anliegen ist vor allem, die bestehenden Vereine zu koordinieren, die Leute zusammenzubringen. Das gelingt in kleinen Schritten, zum Bespiel, indem wir ihnen anbieten, die Räume der Begegnungsstätte zu nutzen, oder sie bei der Organisation von Festen unterstützen.

JH Was ist denn das Motiv für Ihr großes Engagement?

WB Ich bin ein umtriebiger Mensch, ich kann nicht gut in Ruhe zu Hause sitzen. Ich leite meine eigene Event- und Marketingfirma. Im Auftrag der Gemeinde habe ich die 950-Jahr-Feier von Barleben organisiert, und ich behaupte, das ist ein grandioses Fest gewesen. Dabei habe ich diesen Ort schätzen und lieben gelernt. Obwohl ich gar nicht hier wohne, hatte ich das Gefühl: In Barleben könnte man noch viel mehr Kulturelles und Soziales auf die Beine stellen, nicht nur große Ereignisse feiern, sondern auch Kleinkunst aufleben lassen.
FUK Das Kleine gab es in der Vergangenheit durchaus, nur ist es nicht bekannt geworden. Das liegt eben daran, dass alle Vereine vor allem ihr eigenes Süppchen kochen.

WB Sich zu koordinieren, Kräfte zu bündeln und Synergien zu nutzen ist auch deshalb wichtig, weil die Gemeinde – anders als früher – nicht mehr so viel Geld hat. In der Vergangenheit konnten sich die Vereine darauf verlassen, dass der Gemeinderat alle Förderanträge genehmigen würde.

FUK Ja, wir hatten überdurchschnittlich hohe Gewerbesteuereinnahmen. Inzwischen hat leider ein großes Unternehmen seine Produktion von Barleben nach Osteuropa verlagert, so dass nur noch ein knappes Viertel der früheren Einnahmen übriggeblieben ist.

WB Jetzt suchen die Vereine selbst Sponsoren. Für das Mehrgenerationenzentrum habe ich schon begonnen, und es funktioniert bestens! Selbst Verantwortung zu übernehmen – das ist möglich, nur manchmal ist ein kleiner Stups, ein Anstoß von außen nötig.

HL Ich denke viel darüber nach, was Menschen dazu bringt, sich für ein Gemeinwesen zu engagieren. Im Durchschnitt ist ja jeder Dorfbewohner Mitglied in vier Vereinen, aber da gibt es auch diejenigen, die nirgends mitmachen; das sind oft die jungen Leute. Sportvereine haben zwar viele Jugendangebote, aber wo werden die Jugendlichen intellektuell eingebunden? Das Ziel ist doch, dass sie nach dem Studium wieder aufs Land zurückgehen, und das werden sie nur tun, wenn sie eine gute Kindheit gehabt haben, in der sie auch erlebt haben, dass sie ihren Ort mitgestalten können.

JH Die Jungen kommen oft auf ganz informelle Weise zusammen. Im Internet treffen sie sich in ihrer »Cloud«, ihrer »Wolke«, und so ist es auch bei praktischen Projekten: Man kooperiert eng und verbindlich in einer Wolke, bis sie sich abgeregnet hat, und sucht danach wieder neue Allianzen. Das sind völlig andere soziale Verfahren als üblicherweise in den Vereinen oder auch in den Kommunen, die historisch und gesetzlich durch hierarchische Organisation geprägt sind: Im Verein sind meist die Vorstände oder im Gemeinderat der Bürgermeister die »Macher«. Lassen sich eurer Meinung nach diese traditionellen Formen, in denen die Bürger zusammenwirken, für junge Impulse öffnen?

FUK Im Gemeinderat erlebe ich leider das Gegenteil. Nach der Wende, Anfang der 1990er Jahre, war das ein kreatives Organ; jedes Ratsmitglied wollte etwas zum Gelingen des größeren Ganzen beitragen. Heute geht es allen nur noch um ihre Klientel und ihre Person – und zu 70 Prozent sind die Mitglieder Herren über 65.

WB Die wenigen Male, die ich es mir angetan habe, bei Gemeinderatsversammlungen dabei zu sein, hatte ich das Gefühl: Ich erlebe einen Verhinderungsrat! An allem, was innovativ war, gab es etwas auszusetzen.

HL So etwas kenne ich. Aber ich finde es immer wieder faszinierend, dass es bei der Abstimmung über Dorfentwicklungskonzepte fast nie eine Gegenstimme in den Gemeinderäten gibt. Meist sitzt auf den Besucherstühlen die Dorfgemeinschaft und ist stolz auf das, was sie erarbeitet hat – in so einer Stimmung lässt sich nur schwer etwas blockieren. Dorfwerkstätten können meiner Erfahrung nach die traditionellen Institutionen mit den neuen Dynamiken in der Bürgerschaft zusammenbringen.

FUK In LEADER-Prozessen geht es ja um solches bürgerschaftliches Engagement. Wenn ich an den Umbau der Schule in Meitzendorf denke – da ging die Initiative von den Menschen vor Ort aus. In der alten Bibliothek waren die Bücher feucht geworden – so eine Situation erzeugt Handlungsdruck, und das Vorhaben wurde im Gemeinderat problemlos durchgewunken. Manchmal ist es aber ganz anders. Einmal wusste ich gar nicht, wie mir geschah: Wir wollten in der Gemeinde einen Klimaschutzmanager einstellen und hätten seine Personalkosten zu 70 Prozent gefördert bekommen. Das ist mehrheitlich abgelehnt worden! Da konnte ich in Zungen reden – es nützte nichts. Die Leute meinten, die Stelle sei völlig überflüssig.
Noch ein Beispiel: Inspiriert von unserer Partnergemeinde in Frankreich habe ich 2007 ein Kinder- und Jugendparlament initiiert. Zunächst hat sich kaum jemand dafür interessiert. Aber als die Kinder und Jugendlichen zum ersten Mal Projekte wie den Ausbau von Spielplätzen mitgestaltet haben, sind die Gemeinderäte aufgewacht: Das ist doch kein reguläres Gremium, das etwas zu sagen hat! Aber ich finde es essenziell, dass junge Leute mitentscheiden.

WB Auch die Vereine könnten viel mehr für Kinder, Jugendliche und junge Familien tun. Manchmal sind es ganz einfache Dinge, die zünden. Letztes Jahr haben wir zum Beispiel vom Mehrgenerationenverein eine Kinderkleiderbörse organisiert. Die Resonanz hat uns glatt überrollt. Da kamen junge Eltern, die meinten, bei so einem Ereignis ließe sich doch noch viel mehr machen, eine Spiel­ecke für die Kinder einrichten und Kaffee und Kuchen servieren. Für die nächste Kleiderbörse haben wir jetzt 14 Helfer, beim ersten Mal waren wir nur zu dritt.

JH Das zeigt, wie wichtig offene Foren sind, die viele Menschen anziehen. Das Vereinsleben ist ja ein sehr traditionelles, bürgerliches Element. In Dorfgemeinschaften wirkt es stark identitätsstiftend, was allerdings auch zur Ausgrenzung von neu Zugezogenen führen kann. Aber gerade diese neuen Leute – oft junge Menschen, die aus der Stadt fliehen, um auf dem Land ökologisch zu leben – könnten interessante Impulse einbringen. Leider stößt sie die Arbeit im Gemeinderat überwiegend ab. Kommunalpolitik ist ja auch oft mühsam und langweilig – zumal, wenn die prekäre Haushaltslage eine eigene Gestaltung praktisch unmöglich macht. Im Stadtrat, in dem ich Mitglied bin, geht es häufig nur um das Abarbeiten von Beschlussvorlagen, auf die wir gar keinen Einfluss haben.

HL Bei Versammlungen der LEADER-Arbeitsgemeinschaften sind ja Kommunen und Vereine ebenso vertreten wie Firmen und private Initiativen. Wenn wir in unserer Gruppe zusammensitzen und die eingereichten Projekte diskutieren – das ist lebendig! So müsste ein Stadt- oder Gemeindeparlament auch funktionieren.

JH Ich war gestern Abend auf einer der Zielfindungsversammlungen für die neue LEADER-Periode in Vorpommern. Die meisten Projektverantwortlichen sind Menschen über 50. Es ging vor allem um konservative Vorhaben – Denkmäler und Naturerhaltung. Das ist alles sinnvoll, aber wie öffnen sich Türen für wirklich neue Impulse?

HL Ich träume vom Schweizer Modell der Dorfgenossenschaften. Da hat sich zum Beispiel die Bürgerschaft eines Ortsteils als Genossenschaft organisiert und schließt mit der Kommune einen Vertrag darüber ab, dass sie Gemeinschaftsaufgaben wie die Pflege von Grünflächen übernimmt. Dafür bekommt sie von der Stadt Geld, und sie kann den Ort im gesetzlichen Rahmen so gestalten, wie die Anwohner es schön finden. Das fördert Eigeninitiative, etwa um Patenschaften für die Pflege von Bäumen zu organisieren.
Ein anderes Modell ist eine Bürgerstiftung, der ältere Menschen ihren Besitz vererben können, beispielsweise aus Dankbarkeit, wenn die Dorfgemeinschaft sie gepflegt hat. Diese Stiftung kann dann neue Projekte finanzieren, die Stadt kann sich auf die Basisaufgaben der Sozialdienste beschränken, während die emotionale Versorgung – dass beispielsweise jemand alten Menschen etwas vorliest und ihnen zuhört – aus der Nachbarschaft kommt. Über ein solches Modell denken wir gerade in Lippstadt nach.

FUK Wir arbeiten gerade als Gemeinde mit einer Energiegenossenschaft zusammen. Ein Solarprojekt entsteht, an dem sich Einwohner schon für 200 Euro beteiligen können. Leider sind solche Modelle im Land Sachsen-Anhalt nicht gerne gesehen. Wenn eine Gemeinde eine Stiftung oder Genossenschaft gründen will, muss sie dem Innenministerium erst beweisen, dass diese neuen Institutionen tatsächlich essenziell sind, um die kommunalen Aufgaben zu erfüllen, und das ist schwierig. Die Kommunalaufsicht ist meiner Meinung nach einer der schlimmsten Bremsklötze im Land.

JH Ja, meine kleine Stadt Lassan will schon lange ihre Straßenbeleuchtung auf LED umrüsten. In wenigen Jahren würde sich diese ökologisch sinnvolle Investition amortisieren und erheblich zur Sanierung des Gemeindehaushalts beitragen. Aber die Kommunalaufsicht untersagt uns, den benötigten Kredit aufzunehmen.

HL Ein Brainstorming mit Juristen über die Möglichkeiten, was eine Kommune ihrer Bürgerschaft auf welche Weise übertragen könnte, fände ich sehr sinnvoll. Wie steht es zum Beispiel mit dem privatwirtschaftlichen Betrieb von Siedlungsstraßen?

FUK Eine davon haben wir noch in Barleben. Es ist die einzige Ex-DDR-Schotterstraße. Den Anwohnern gefällt das, sie wollen gar nichts ändern. An die Reifen des Müllautos, das vor ihre Tür fahren muss, denken sie dabei nicht.

JH Diese Diskussion kenne ich aus einem Nachbarort. Da wird gefragt: Warum muss überhaupt ein Müllauto kommen? Wir kaufen nichts mit Plastik-Verpackungen, aller Abfall geht auf den Kompost. Das ist ein systemisches Problem: Der gesamte Entsorgungsbetrieb ist Teil auch der lokalen Wirtschaft und auf Einnahmen – und ressourcenschonende Fahrzeugbehandlung – angewiesen. Dafür gibt es keine kurzfristige Lösung.

HL Wir schleppen so viele alte Strukturen mit, gerade im Entsorgungsbereich. Da sind in zentralen Abwassersystemen gewaltige Mittel verbuddelt. Wenn sie kaputtgehen, werden sie automatisch renoviert, statt dass man überlegt: Ist das noch zeitgemäß?

FUK Bei dichter Besiedelung halte ich zentrale Systeme für sinnvoll, aber gerade für kleine Ortschaften eignen sich Schilfanlagen gut. Der Bau einer Pflanzenkläranlage ließe sich sogar als LEADER-Projekt aufziehen, wenn dabei Teiche gebaut würden, die zum Beispiel für Angler oder für Kinder zum Schwimmen geeignet sind.

JH Die öffentliche Infrastruktur der letzten hundert Jahre sehe ich als echtes Problem an. Was haben wir da nicht alles in die Erde gestopft, angefangen bei Abwasserrohren bis hin zur U-Bahn! Selbst im All fliegen unsere Satelliten: Mit all dem müssen wir uns beschäftigen, obwohl eine enkeltaugliche Zukunft vermutlich ganz andere Infrastrukturen benötigen wird.

HL Deshalb finde ich es wichtig, die Initiative der Menschen vor Ort zu fördern und immer wieder die Frage einzubringen: Wie lassen sich die Dinge menschen- und naturfreundlicher gestalten?

WB Dabei ist wichtig, dass sich keine Fronten aufbauen, dass die Vereine der Gemeinde zusammenarbeiten. Die Zeit der rauschenden Feste ist vorbei, aber es geht auch kleiner. Ein gutes Beispiel ist das bevorstehende Maibaum-Setzen: In diesem Jahr werden wir vom Mehrgenerationenzentrum gemeinsam mit dem Heimatverein sozusagen zu den Wurzeln zurückkehren und ein Fest organisieren, in das sich viele Vereine einbringen werden – ohne Geld.

JH Damit die Frage nach menschenfreundlicheren Lösungen sinnvoll diskutiert werden kann, müsste es eigentlich eine Person zwischen Bürgerschaft und Verwaltung geben, die Bereiche identifiziert, in denen Bürger mitreden können, die ihnen Kompetenzen vermittelt, wie sie sich im Dschungel der heutigen Strukturen wirksam bewegen, und die Räume für Diskussionen über ganz neue Lösungen jenseits der eingefahrenen Gleise öffnet.

FUK So jemand wäre der Klimaschutzbeauftragte gewesen, den ich so gerne finanziert hätte. Im Bereich Demografie gehen wir in Barleben den Weg, engagierten Bürgern im Mehrgenerationenverein alle nötigen Kompetenzen zu vermitteln, die für eine zukunftsweisende Planung gebraucht werden.

WB Ja, das tun wir auch. Wir bieten mehr und mehr Kurse und Beratungen zu unterschiedlichsten Themen im Bereich Demografie an, die allen offenstehen. Man kann sich beraten und informieren lassen, kann sich aber auch selbst um eine Weiterbildung kümmern – mit unserer Hilfe und der unserer Partner. Hier sei gesagt, dass diejenigen, die sich ehrenamtlich engagieren, nicht alles selbst machen müssen. Sucht euch die richtigen Partner und vernetzt alles miteinander – so wird die Arbeit leichter!

HL Vielleicht könnten sich auch mehrere Kommunen zusammentun und eine Fachkraft für »Regionalkompetenz« finanzieren. Diese Person geht in die Dörfer, setzt sich mit Stadt- und Sozialplanern zusammen, regt Ideenwerkstätten an und motiviert so auch die innovativen Leute, sich für den Gemeinderat aufstellen zu lassen.

JH Diese Person müsste weise sein, hohe Integrationskraft besitzen, die Achtung der Menschen genießen und mit schier unendlicher Geduld gesegnet sein. Die Heranbildung solcher Menschen wäre eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Wir werden dafür werben. Danke für das Gespräch – und viel Kraft für die kommenden Aufgaben! •

 

Franz-Ulrich Keindorff (60)  gehört seit 1990 dem Gemeinderat Barleben an, war von 1997 bis 2004 ehrenamtlicher und ist seither hauptamtlicher Bürgermeister der jetzigen Einheitsgemeinde mit 9000 Einwohnern. Seine Freizeit widmet er der Rassegeflügelzucht und dem Radfahren.

Wolfgang Buschner (61) hat Ausbildungen zum Pädagogen, Schauspieler, Kabarettisten und Eventmanager abgeschlossen und Marketing studiert. Er betreibt in Magdeburg die Medienproduktion »mediacompact« und engagiert sich gemeinnützig in der Gemeinde Barleben.

Hartmut Lüdeling (61) ist Master Architektur und Umwelt, war als Stadtoberbaurat in der Leitung der Stadtentwicklung von Kommunalverwaltungen tätig. Seit 2012 ist er Geschäftsführer der ARGE Dorfentwicklung Jung, Lüdeling & Partner GbR, Versmold-Lippstadt. Er moderiert und begleitet ganzheitliche Dorf- und Quartiersentwicklungen.

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