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Krisis des Menschen

Echtes Gespräch, Vertrauen und Großer Frieden als Krise wendende Mächte.

von Martin Buber , erschienen in 30/2015

Bild

© Foto: The David B. Keidan Collection/The Central Zionist Archives

Vor einem Jahrzehnt etwa hat eine erhebliche Anzahl deutscher Menschen – es müssen mehrere Tausende gewesen sein – auf den indirekten Befehl der deutschen Reichsregierung, auf den direkten Befehl von deren Beauftragten, Millionen meiner Volks- und Glaubensgenossen umgebracht, in einer syste­matisch vorbereiteten und durchgeführten Prozedur, der an organisierter Grausamkeit kein früherer geschichtlicher Vorgang zu vergleichen ist. Ich, einer der am Leben Gebliebenen, habe mit denen, die an jener Handlung in irgendeiner Funktion teilgenommen haben, die Dimension des menschlichen Daseins nur zum Schein gemein; sie haben sich dem menschlichen Bereich so dimensional entrückt, so in eine meinem Vorstellungsvermögen unzugäng­liche Sphäre der monströsen Unmenschlichkeit versetzt, dass nicht einmal ein Hass, geschweige denn eine Hass-Überwindung in mir hat aufkommen können. Und was bin ich, dass ich mich vermessen könnte, hier zu »vergeben«!
Wenn ich an das deutsche Volk der Tage von Auschwitz und Treblinka denke, sehe ich zunächst die sehr vielen, die wussten, dass das Ungeheure geschah, und sich nicht auflehnten; aber mein der Schwäche des Menschen kundiges Herz weigert sich, meinen Nächsten deswegen zu verdammen, weil er es nicht über sich vermocht hat, Märtyrer zu werden. Sodann taucht vor mir die Menge all derer auf, denen das der deutschen Öffentlichkeit Vorenthaltene unbekannt blieb, die aber auch nichts unternahmen, um zu erfahren, welche Wirklichkeit den umlaufenden Gerüchten entsprach; wenn ich diese Menge im Sinne habe, überkommt mich der Gedanke an die mir ebenfalls wohlbekannte Angst der menschlichen Kreatur vor einer Wahrheit, der sie nicht standhalten zu können fürchtet. Zuletzt aber erscheinen die mir aus zuverlässigen Berichten an Angesicht, Haltung und Stimme wie Freunde vertraut Gewordenen, die sich weigerten, den Befehl auszuführen oder weiterzugeben, und den Tod erlitten oder ihn sich gaben, oder die erfuhren, was geschah, und sich dagegen auflehnten und den Tod erlitten, oder die erfuhren, was geschah, und weil sie nichts dawider unternehmen konnten, sich den Tod gaben. Ich sehe diese Menschen ganz nah vor mir, in jener besonderen Intimität, die uns zuweilen mit Toten, und mit ihnen allein, verbindet; und nun herrscht in meinem Herzen die Ehrfurcht und die Liebe zu diesen deutschen Menschen.
Horchen auf die menschliche Stimme, wo sie unverfälscht ertönt, und Entgegnung an sie – das ist es, wessen es heute zuvorderst bedarf. Der betriebstolle Lärm der Stunde darf die »vox humana«, die zu Stimme gewordene Essenz des Menschlichen, nicht länger übertönen. Sie soll aber nicht bloß gehört werden, Antwort soll ihr widerfahren, die sie aus der einsamen Monologik ins anhebende Gespräch der Völker zieht. In ihren menschlichen Menschen müssen die Völker ins Gespräch kommen, wenn der Große Friede erscheinen und das verwüstete Leben der Erde sich erneuern soll.
Der Große Friede ist etwas wesensmäßig anderes als der Nichtkrieg. Auf einem frühen Wandbild im Stadthaus von Siena sind die bürgerlichen Tugenden versammelt. Würdig und würdebewusst sitzen die Frauen da, bis auf eine in ihrer Mitte, die sie alle überragt, nicht Würde mehr, sondern gelassene Majestät: drei Lettern melden ihren Namen: PAX. Das ist der Große Friede, den ich meine. Sein Name bedeutet nicht, dass es ein Etwas, das man Krieg nannte, nicht mehr gibt, seit er waltet – das ist viel zu wenig, als dass man daraus diese Serenität verstehen könnte; er bedeutet, dass es nun etwas gibt, wirklich gibt, was größer und mächtiger, noch größer und noch mächtiger ist als der Krieg. Der sienesische Maler hat die hohe PAX nur in seinem Traum gesehen. Aus der geschichtlichen Wirklichkeit kannte er sie nicht, denn da ist sie noch niemals erschienen. Was man in der Geschichte Frieden nennt, ist ja nie etwas anderes gewesen als eine – angstvolle oder illusionsselige – Pause zwischen zwei Kriegen. Der weibliche Genius aber, den der Maler in seinem Traume sah, ist eine Herrin nicht der Unterbrechungen, sondern der neuen, der größeren Taten. Dürfen wir denn nun Hoffnung hegen, dass das aller bisherigen Geschichte unbekannt gebliebene Antlitz diesem unserm Spätgeschlecht erstrahle, das unrettbar dem Unheil verfallen scheint?
Es ist gerade die Tiefe der Krisis, die uns so zu hoffen erlaubt. Das ist nicht eine der geschichtlich vertrauten Erkrankungen des Völkerlebens, aus denen es sich zu einer gemächlichen Genesung wenden mag. Urkräfte sind aufgerufen, an der einmaligen Entscheidung, die es gilt, der zwischen Verderben und Wiedergeburt, wirkend teilzunehmen. Es ist ja nicht der Krieg, durch den diese Krisis hervorgebracht worden ist, sondern sie, die Krisis des Menschen, ist es, die diesen totalen Krieg und den auf ihn folgenden nichtigen Frieden hervorgebracht hat.
Der Krieg hat von je einen Widerpart, der fast nie als solcher hervortritt, aber in der Stille sein Werk tut: die Sprache – die erfüllte Sprache, die Sprache des echten Gesprächs, in der Menschen einander verstehen und sich miteinander verständigen. Es liegt im Wesen schon des primitiven Kriegs, dass er jeweils da beginnt, wo die Sprache aufhört, das heißt, wo die Menschen sich nicht mehr miteinander über die strittigen Gegenstände zu unterreden oder sie der schlichtenden Rede zu unterbreiten vermögen, sondern mit­einander der Sprache entfliehen, um in der Sprachlosigkeit des Einanderumbringens eine vermeintliche Entscheidung, sozusagen ein Gottesurteil zu suchen; bald bemächtigt sich freilich der Krieg auch der Sprache und versklavt sie in den Dienst seines Schlacht-Geschreis. Wo aber die Sprache, und sei es noch so scheu, wieder von Lager zu Lager sich vernehmen lässt, ist der Krieg schon in Frage gestellt.
Jetzt jedoch hat die Krisis des Menschen, die in unserem Zeitalter in die Erscheinung getreten ist, insbesondere eben das Verhältnis des Menschen zu Sprache und Gespräch zu zerrütten unternommen. Der Mensch in der Krisis, das ist der Mensch, der seine Sache nicht mehr dem Gespräch anvertraut, weil ihm dessen Voraussetzung, das Vertrauen, verlorengegangen ist. Darum hat der kriegsbesessene Widerfriede, der sich heute Frieden nennt, über die Menschen kommen können. Was bisher in jeder geschicht­lichen Friedenszeit sich erhoben hatte, das lebendige Wort zwi­schen Mensch und Mensch, die Differenz der Interessen und Gesinnungen Mal um Mal entgiftend, dass sie nicht zur Absurdität des Nicht-mehr-Weiter, zum Wahn des Krieg-führen-Müssens entarteten, das lebendige Wort des Menschengesprächs, das jeweils seine Flüge tat, bis der Wahn es erstickte, scheint nun mitten im Nichtkrieg entseelt worden zu sein.
Krisis birgt Heilung
Und dennoch ist es, man muss das wieder und wieder sagen, gerade die Tiefe der Krisis, die uns zu hoffen ermächtigt. Wagen wir es nur, die Situation mit jenem großen Realismus zu erfassen, der zwar all die bestimmbaren Realien des öffentlichen Lebens überschaut, aus denen sie sich zusammenzusetzen scheint, aber auch des Allerrealsten gewahr wird, das insgeheim auf ihrem Grunde webt, der Latenz von Heilung und Heil im Angesicht des drohenden Untergangs. Was außerhalb der Krisis nie sich offenbarte, die wendende Macht, tritt ans Werk, wenn der von der Verzweiflung Ergriffene, statt sich fallen zu lassen, seine Urkräfte aufruft und mit ihnen die Umkehr des Wesens vollzieht. So geschieht es im Leben der Person und so in dem der Gattung. In der Tiefe ist die Krisis nackte Entscheidung, nicht ein Schwanken zwischen Verschlechterung und Besserung, sondern Entscheidung zwischen Zersetzung und Erneuerung des Gewebes.
 

Vertrauen und echtes Gespräch
Die Krisis des Menschen, die in unseren Tagen kenntlich geworden ist, gibt sich am deutlichsten als Krisis des Vertrauens kund, wenn wir diesen Begriff des Wirtschaftslebens so gesteigert anwenden wollen. Man fragt: Vertrauen zu wem? Aber die Frage enthält schon eine Begrenzung, die hier nicht zulässig ist. Es ist das Vertrauen schlechthin, das dem Menschen dieses Zeitalters immer mehr abhanden gekommen ist. Und damit ist aufs engste die Krisis der Sprache verbunden; denn im wahren Sinn zu einem sprechen kann ich nur, wenn ich erwarten darf, dass er mein Wort wahrhaft aufnehme. Darum sind die Tatsache, dass es dem heutigen Menschen so schwerfällt, zu beten (wohlgemerkt: nicht, für wahr zu halten, dass es einen Gott gibt, sondern ihn anzureden), und die Tatsache, dass es ihm so schwerfällt, mit seinem Mitmenschen ein echtes Gespräch zu führen, Stücke eines einzigen Sachverhalts. Dieser Mangel an Vertrauen zum Sein, diese Unfähigkeit zum rückhaltlosen Umgang mit dem andern weisen auf eine innerste Erkrankung des Daseinssinns hin. Eine der Äußerungsformen dieser Erkrankung, und die aktuellste von allen, ist das, wovon ich ausgegangen bin: dass ein echtes Wort zwischen den Lagern nicht aufkommt.
Dass die Völker kein echtes Gespräch mehr miteinander führen können, ist nicht bloß das aktuellste, es ist auch das uns am dringendsten anfordernde Phänomen der Pathologie unserer Zeit. Ich glaube trotz allem, dass die Völker in dieser Stunde ins Gespräch, in ein echtes Gespräch miteinander kommen können. Ein echtes Gespräch ist eins, in dem jeder der Partner den andern, auch wo er in einem Gegensatz zu ihm steht, als diesen existenten andern wahrnimmt, bejaht und bestätigt; nur so kann der Gegensatz zwar gewiss nicht aus der Welt geschafft, aber menschlich ausgetragen und der Überwindung zugeführt werden.
Zum Beginnen des Gesprächs sind naturgemäß jene berufen, die heute in jedem Volk den Kampf gegen das Widermenschliche kämpfen. Sie, die die ungewusste große Querfront des Menschen­tums bilden, sollen sie bewusstmachen, indem sie rückhaltlos miteinander sprechen, nicht über das Trennende hinweg, sondern entschlossen, es gemeinsam zu tragen.
Ihnen entgegen steht der Nutznießer der Völkertrennung, das Widermenschliche im Menschen, welches das Untermenschliche ist, der Feind der werdenwollenden Menschheit.
Das Wort »Satan« bedeutet im Hebräischen Hinderer. Das ist die rechte Bezeichnung des Widermenschlichen im Menschen und im Menschengeschlecht. Lassen wir von dem satanischen Element darin uns nicht hindern, den Menschen zu verwirklichen! Erlösen wir die Sprache aus ihrem Bann! Unterfangen wir uns, trotz allem, zu vertrauen! •

 

Aus: »Das echte Gespräch und die Möglichkeiten des Friedens«, in: Martin Buber. Fünf Ansprachen anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, Börsenverein des Deutschen Buchhandels, Frankfurt am Main 1953. www.friedenspreis-des-deutschen-buchhandels.de

 

Martin Buber (1878–1965), großer Gelehrter und weiser Vermittler zwischen den Kulturen, gilt als bedeutendster deutsch-jüdischer Religions­philosoph. In Wien geboren, wuchs er bei den Großeltern in Galizien auf, wo er sich intime Kenntnis der chassidischen Tradition aneignete. Um 1900 engagierte er sich in der zionistischen Bewegung, zog sich jedoch bald ­zugunsten religionsphilosophischer Studien aus der Politik zurück. 1909 erschien »Ekstatische Konfessio­nen«, seine vielbeachtete Sammlung mystischer Zeugnisse, 1910 die »Reden und Gleichnisse des Tschuang Tse« in deutscher Erstübersetzung und 1923 sein bekanntestes Werk: »Ich und Du« über das dialogische Prinzip. 1925 nahm Buber mit Franz Rosenzweig die Arbeit an einer Überset­zung der hebräischen Bibel auf, die sich bis zu Rhythmik und Atmung eng am hebräischen »Tanach« orientiert. Seit 1924 lehrte er Religion und Ethik in Frankfurt. Nach der Machtübernahme Hitlers legte er seine Professur nieder und ging 1938 nach Palästina. Martin Buber zählt zu den einflussreichsten Denkern des 20. Jahrhun­derts; neben anderen Auszeichnungen erhielt er 1953 den Friedenspreis des Deutschen Buch­handels. 1965 verstarb er in Jerusalem. Sein Werk wird derzeit an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf editiert.

www.martin-buber-werke.de

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