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Rückkehr aus der Krise

Statt im Ausland gut zu verdienen, geht ein Volkswirt zurück in seine Heimat Portugal.

von Gualter Barbas Baptista , erschienen in 30/2015

Dieser Artikel könnte einer von zahllosen Berichten über die größte Auswanderungswelle, die Portugal seit dem Faschismus erlebt hat, sein. Ich könnte von einem der Zigtausenden jungen Menschen auf der Suche nach besseren Arbeitsbedingungen in einem anderen Land schreiben; sogar von mir selbst könnte der Text handeln.

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© Foto: Wikimedia – Duca696

Doch von Auswanderung ist in den Massenmedien genug zu lesen, und diese Geschichten sind wenig inspirierend. Auf der Suche nach guten Beispielen der Transformation in diesen Zeiten müssen wir danach Ausschau halten, wo jemand gegen den Strom schwimmt. So ein aktiver Zeitgenosse ist mein Freund Jorge. Während die Mehrheit der jungen Portugiesen versucht, in Ländern wie Frankreich, Großbritannien oder Deutschland einen Job mit befriedigendem Gehalt zu finden, entschied sich Jorge vor kurzem, nach Portugal zurückzukehren – in das kleine Städtchen Montemor-o-Novo im Landesinneren. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er sieben Jahre im Ausland verbracht.

Zwei Jahre Entwicklungsarbeit in Indien waren für den jungen Volkswirt Jorge zu einem Wendepunkt in seinem Leben geworden: Die kulturelle Vielfalt des Landes veränderte seine Weltanschauung. Nach Europa zurückgekehrt, um an der Technischen Universität in Berlin zu promovieren, erlebte er einen Schock: Wie kann der Westen seine Ökonomie anderen Kulturen rücksichtslos überstülpen und Entwicklungsarbeit auf solcher Verallgemeinerung aufbauen? »Es kann doch nicht nur um Nutzenmaximierung gehen, sondern es geht um das Leben einzelner Menschen – das lässt sich nicht universalisieren«, sagt Jorge.
So begann seine Auseinandersetzung mit dem positivistischen Wissenschaftsparadigma der Ökonomie, das seiner Meinung nach »nur existiert, um den Prozess der Expansion und der Anhäufung von Reichtümern einiger Minderheiten zu legitimieren«. Ausgeklügelte Mechanismen, wie Subventionen und Gesetze, schafften es beispielsweise, existierende lokale Beziehungen und Kulturen zu pervertieren.
Jorge ärgert es, dass eine Elite an Computerbildschirmen wissenschaftliche Papiere über ihr fremde Gesellschaften schreibt und Lösungsvorschläge für Pro­bleme präsentiert, die sie nicht aus eigener Anschauung kennt. Wissenschaft müsse »mehr verkörpern als Ideen. Alles muss ausprobiert und erforscht werden, um zu sehen, ob es in der Praxis funktioniert. Nur Papier zu produzieren, ist sinnlos. Die Sozialwissenschaftler müssen in die Gesellschaft hineingehen und nicht nur mit anderen Akademikern kommunizieren.« Jorge schlägt eine alternative Methode vor: Aktionsforschung. Im Gegensatz zur herkömmlichen wissenschaftlichen Praxis basiert sie auf der Annahme, das alles, was Menschen tun, fehleranfällig ist: »Wenn uns etwas gelingt, sind wir zufrieden, wenn nicht, versuchen wir etwas anderes.«
 

Vor Ort aktiv werden
Als Aktionsforscher sah sich Jorge in der moralischen Verantwortung, selbst zur Linderung der Krisensituation in seinem Heimatland beizutragen. Er begann 2010, gemeinsam mit Freunden das Pilotprojekt »Centro de Investigação Cultura e Sustentabilidade«, kurs CICS, zu planen – ein Forschungszentrum für Kultur und Nachhaltigkeit. Allgemeiner Zugang zu Wohnraum sowie Widerstand gegen die Grundstücksspekulation sollten die wichtigsten Themen sein. Mit dieser Idee kam Jorge im März 2013 in Montemor-o-Novo an. In Berlin wurden gerade ein paar Graswurzelprojekte, an denen er mitgearbeitet hatte, abgeschlossen, zum Beispiel der Aufbau des Ateliers »Altes Finanzamt«. Einige seiner Freunde zogen in den Folgemonaten ebenfalls nach Portugal, um sich CICS anzuschließen – unter ihnen auch Auswanderer aus anderen Ländern, wie Tania, die als Architektin in Italien gearbeitet hatte, oder ­Tiago, ein Elektroingenieur aus Frankreich.
Montemor hat 10 000 Einwohner und liegt rund 80 Kilometer von Lissabon entfernt. Nach Évora in der Region Alentejo, dem Geburtsort von Jorges Mutter, sind es nur 30 Kilometer. Am höchsten Punkt des Hügels, über den sich das Städtchen erstreckt, überblickt ein Schloss die weite Hügellandschaft: Stein- und Korkeichen, Olivenbäume, Weinreben, Viehzucht und Felder voller Getreide – seit einer Kam­pagne der faschistischen Regierung in den 1920er- und 30er-Jahren vor allem Weizen. Von der landschaftlichen Vielfalt profitieren die Ansässigen schon lange, so dass sich hier viele unterschiedliche Gewerke erhalten haben und ein großer kultureller Reichtum gewachsen ist. Der moderne Kapitalismus hat freilich dazu beigetragen, einen Teil dieser Diversität zu vernichten. Doch es sind kleine Orte wie Montemor, die bis heute einigermaßen erfolgreich seiner Zerstörungskraft trotzen.
 

Die Krise ist eine Erzählung
Jorge stellte der Stadtverwaltung von Montemor-o-Novo seine Ideen vor. Von Anfang an war klar gewesen, dass nur Gemeinden, in denen wie in Montemor das kommunistisch orientierte Parteienbündnis Portugals regiert, ein Projekt wie CICS begrüßen würden. Es gibt in Portugal einige Orte, an denen auch heute noch an den Werten der Nelken­revolution vom April 1974 und der folgenden einjährigen PREC-Periode festgehalten wird. Das Kürzel steht für »Processo Revolucionário em Curso«, den »andauernden revolutionären Prozess«.
Früher lebte die Bevölkerung Portugals mehrheitlich im Landesinneren. Dort ließ sich besser Landwirtschaft betreiben und Schutz vor Invasionen finden. Nach dem Umsturz 1974 kamen viele Menschen nach Portugal zurück und lösten einen beispiellosen Bauboom in den Küstenregionen aus; bis 2002 hat sich dort die Bevölkerungszahl verdoppelt. Öffentlich finanziert, entstanden Sozialwohnungen, Infrastruktur, Straßen und große Wasserkraftwerke; häufig wurden sie dann privat verwaltet. Später, in der Krise, wurde deutlich, wie sehr der Staat deshalb noch immer verschuldet ist; der Bausektor war besonders defizitär.
Wie überall ist es auch in Portugal schwierig, den Grundstücksspekulanten Einhalt zu gebieten. »Die Regierung und die Gemeinden sind in der Regel nicht daran interessiert, dieses Problem zu lösen«, sagt Jorge. Staatliche Institutionen sind seit Jahrzehnten mit ihren Kreditgebern verflochten, die Lobby der Baubranche hat einen enormen Einfluss. Dies führt zu wirtschaftlichen Abhängigkeiten und zu einer gigantischen Auslandsverschuldung gegenüber Frankreich und Deutschland.
Wenn das System, auf dem all diese Investitionen und Schulden beruhen, kollabiere, meint Jorge, wären die Berufsgruppen, die für den Export arbeiten, am meisten betroffen. Er kennt »sehr dynamische Gegenden im Inland, in denen wenige Menschen viel aufbauen, während die Küstenregion dahinsiecht«. Landeinwärts finden sich Projekte, die zum Beispiel traditionelle Eselrassen wieder einführen, die Wälder aufforsten oder kulturelle und wirtschaftliche Initiativen fördern, um Orte wiederzubeleben. Jorge begegnet dort einer regelrechten Fülle – auch Reichtum: »Es ist seltsam, dass in den Orten im Inland Geld vorhanden ist. Die Menschen dort produzieren viel, weil es durch die Landflucht viel Raum gibt. Sie geben aber nicht viel Geld aus, da sie selten ihr Auto nutzen und zum Beispiel all ihr Essen und ihren Wein selbst produzieren. Für einen Architekten ist es heute leichter, einen Auftrag im Inland zu finden als in den Küstenregionen.«
In Montemor-o-Novo erlebte Jorge, dass es möglich ist, jenseits der Krise, die ihm wie eine Erzählung von außerhalb vorkommt, zu leben. »Je nachdem, wie wir uns hier begreifen, können wir überleben – oder auch nicht.« Freilich ist er sich der konkreten Probleme bewusst, aber für ihn ist es »falsch, über diese Krise als Systemkrise zu klagen. Es kommt doch nicht auf den Erhalt eines Systems an, sondern darauf, dass Menschen Essen und ein Zuhause haben.« Nahrung gibt es in Montemor: Eine 2014 erschienene Studie ergab, dass der Ort nur 0,4 Prozent seines Gebiets benötigt, um genügend Nahrung für alle Einwohner herzustellen. Auch Wohnraum ist nicht knapp: Die Stadtverwaltung unterstützte schon in den 1970er- und 80er-Jahren eine Wohn-Kooperative, die heute rund 2000 Mitglieder zählt – das ist ein Fünftel der Einwohner. Mit Ausnahme der Generation der Dreißigjährigen besitzt die Mehrzahl der Menschen in Montemor heute ein Haus.
»Orte, die sich nicht als Teil der Erzählung über die Krise empfinden, lassen in den Köpfen der Menschen neue Bilder entstehen«, erklärt Jorge. »Die Menschen sehen, dass das Leben weitergeht, dass sie nicht einem scheinbar unvermeidlichen Schicksal ausgeliefert sind.« Dass heute wieder mehr Menschen ins Inland ziehen, ist für Jorge eine logische Konsequenz. »Wenn wir zu einer Produktionsweise zurückkehren, die mit dem Klima und den lokalen Lebensbedingungen eng verbunden ist, wird es zu einer ganz anderen Verteilung der Bevölkerung im Land kommen.« Jorges Zukunftsvision: Die Küstenstädte werden kleiner, und das Inland von Portugal wird wieder stärker bevölkert sein. Aber es werden keine großen Städte entstehen.
 

Was wir aufbauen, kommt jetzt von innen
Die Stadtverwaltung von Montemor-o-Novo reagierte positiv auf die Ideen von Jorge und seinen neuen Mitstreitern, die neue Formen von Architektur sowie von sozialer und wirtschaftlicher Organisation entwickeln wollten. Es sollte nicht darum gehen, viel zu produzieren, sondern kulturellen Reichtum zu fördern: Bauen mit lokalen Rohstoffen, wie Stroh und Lehm, oder andere alte Handwerkstechniken. »Als wir uns vorstellten, sprachen wir dieselbe Sprache wie die Menschen in der Stadtverwaltung. Wir sahen eine Möglichkeit, über viele Jahre hinweg etwas entstehen zu lassen. Also kamen wir hierher.«
Doch einige Monate später begann Jorge, sein Projekt zu hinterfragen. Mehr und mehr wurde ihm deutlich, dass es an seinem neuen Wohnort schon mehrere Vereine und Netzwerke gab, die Werte teilten und an einem Strang zogen, und zwar in eine ganz ähnliche Richtung wie die Planungen von CICS. Immer weniger identifizierte er sich mit seinem eigenen Vorhaben – »als sei es etwas Externes. Je genauer ich hinschaute, desto mehr wuchs in mir das Gefühl, es käme von außen.« Es sei problematisch, wenn Menschen aus urbanen Kontexten kämen, ein Ideal entwickelten und dies einem Ort auf dem Land überstülpen wollten.
Zwei Monate nach der Gründung verließ Jorge das Projekt CICS und entschied sich, seine Kraft stattdessen in die Zusammenarbeit mit schon existierenden, am Ort verwurzelten Initiativen zu legen. »Ich habe mich mit den lokalen Akteuren zusammengetan und so überhaupt erst erkannt, was es am Ort bereits alles gab«, erklärt er und begründet sein Handeln so: »Wir brauchen mehr Bescheidenheit. Alles, was wir aufbauen, kommt jetzt von innen.« Ein Beispiel sind die »Oficinas do Convento«: Mit Unterstützung der Stadtverwaltung wurde ein altes Kloster in einen Raum für großzügige Werkstätten verwandelt. Hier findet man fast alles an Holz- und Metall-Werkstätten – ausgestattet mit hochwertigen Werkzeugen –, über Fahrrad- und Autowerkstätten bis hin zu Hackerspaces, die allen offen stehen.
 

Degrowth-Erzählungen von unten
Im Jahr 2012 hatte ich Jorge eingeladen, im Rahmen einer EU-Bewerbung an einer strategischen Partnerschaft im Bereich Erwachsenenbildung mitzuwirken. Das Ziel des Projekts »Learning more, growing less« (GROWL – mehr lernen, weniger wachsen) sollte die Entwicklung von Kursen zu einer nicht mehr dem Wachstumszwang verpflichteten Ökonomie sein. Jorge trat als portugiesischer Partner sofort der Arbeitsgemeinschaft bei. Wir entwarfen unsere Bewerbung mit François Schneider und Filka Sekulova vom internationalen Netzwerk »Research & Degrowth« (R&D) sowie sieben anderen europäischen Partnern, darunter Hochschulen ebenso wie dörfliche Initiativen. Im Rahmen von GROWL möchten wir gemeinschaftlich offene Trainingsmaterialien entwickeln und dabei viele unterschiedliche Erfahrungen und Sichtweisen einbringen. Wir entwickeln internationale Kurse für Degrowth-Trainer und das soziale Netzwerk »co-munity.net«, das den Austausch innerhalb der Gruppen und zwischen ihnen ermöglicht. Auf diese Weise erzählen wir die Geschichten über Degrowth von ganz unten, hinterfragen sie aber auch kritisch. Dass Partner aus so vielen Ländern an dem Projekt mitwirkten, zeige uns, so Jorge, wie »innerhalb jeder Realität spezifische Probleme existieren: Griechenland ist ein konkreter Fall, ein anderer ist die Tschechische Republik, und in Polen oder Portugal ist es wieder anders«.
Einige Monate später war es an ihm, mich zu einem internatio­nalen Projekt einzuladen. »Plantei.eu« (plantei = ich habe gesät) soll ein Online-Portal für den Tausch von Saatgut werden. Das Projekt wird sich für die Entkommerzialisierung von Saatgut, für frei zugängliches Wissen über die Sorten und um einen Dialog mit konventionellen Institutionen in diesem Bereich bemühen. Im Juni 2014 gewann es einen Preis für »soziale Innovation in der portugiesischen Diaspora«. Noch befindet sich Plantei in der technischen Entwicklung; es soll aber noch dieses Jahr im Rahmen einer Pilotphase in Portugal starten. Ein zweites Pilotprojekt ist für Ende 2015 in Deutschland geplant und offen für kooperative Partnerschaften.
In all diesen Prozessen und Projekten, ob auf lokaler oder internationaler Ebene, bleibt Jorges Leitmotiv sein Wunsch, »die Wissenschaft auf ein menschlicheres, alltäglicheres Niveau zu übertragen, so dass alle voneinander lernen können«. So sehr »Geld eine Fiktion ist«, die kommt und geht, so wie es die Spekulanten gerade wollen, »umso mehr ist das Vertrauen, das zwischen den Menschen wächst, keine Fiktion«, sondern etwas, das Zeit und Geduld benötigt und bei sorgfältiger Pflege zu einer fundamentalen Infrastruktur in einer widerstandsfähigen Gesellschaft wird. •

 

Gualter Barbas Baptista (35) hat in Ökologischer Ökonomie und Politischer Ökologie promoviert und engagiert sich unter anderem bei »Research & Degrowth«, Transition Town Witzenhausen und dem Förderverein Wachstumswende. Er ist Redaktionsmitglied der Zeitschrift »Ecología Política« und lehrt an der Universität Kassel über »Degrowth und Landwirtschaft«.


Mehr über Hintergründe und praktische Projekte:
Für Portugiesisch-Kundige: Links zu Degrowth-Projekten in Montemor-o-Novo finden Sie bei der Online-Version dieses Artikels auf www.oya-online.de.
Mehr historischer Kontext: Das Buch »Donos de Portugal« (Portugals Besitzer) und die gleichnamige Dokumentation porträtieren Portugals wirtschaftsmächtige Familien und ihre Vermögensanhäufung während der letzten 100 Jahre: www.donosdeportugal.net/p/english-version.html.
Mehr zum Bildungsprojekt GROWL:
co-munity.net/growl
https://degrowth.co-munity.net/conference2014/scientific-papers/3734

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