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Unser Haus

Ein Gemeinschaftsprojekt im mazedonischen Kriva Palanka.

von Malte Cegiolka , erschienen in 30/2015

Projekte zur Unterstützung der ärmsten Gegenden Europas verwandeln sich oft in Bevormundung. Kann Hilfe auf Augenhöhe mit den Betroffenen gelingen?

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© Foto: Amaro Kher e.V.

»Kommst du mit, Lehm holen?«, ruft Ibraim Maria aus dem tuckernden Transporter zu. Diese delegiert das Kaffeekochen und springt auf. Safet, der mit Adem und Michi Beton mischt, ruft ihr etwas hinterher, doch seine Worte gehen im Baustellenlärm unter: Drei Meter weiter sägen zwei Freiwillige an einem künftigen Dielenboden, und eine Flex, mit der gerade Fußleisten geschliffen werden, kreischt. Zwei junge Frauen, die mit dem Auftragen von Kalkputz beschäftigt sind, werden von herumjagenden Kindern fast über den Haufen gerannt. »Raus mit euch!«, besteht Charlotte energisch auf Romani und ergänzt auf Deutsch: »Hier drinnen wird gearbeitet!« Keine fünf Minuten später schlängeln sich die Kids wieder an den arbeitenden Hindernissen vorbei durchs Haus.

Es ist Ferienzeit, und das wachsende Haus namens »Amaro Kher« (»Unser Haus« auf Romani) ist längst zum sozialen Treffpunkt für die kleinen und großen Bewohner von Edinstvo geworden. Das Stadtviertel ist die Heimat der lokalen Roma und wohl eines der ärmsten von Kriva Palanka, einer Kleinstadt im Nordosten Mazedoniens. Das Land ist von verschiedenen Ethnien geprägt – es wird mazedonisch, albanisch, türkisch, Romani, serbisch, bosnisch gesprochen –, und in den jeweils örtlich dominanten Gruppen gedeiht Vetternwirtschaft in Bezug auf die knappen Arbeitsplätze und Verdienstmöglichkeiten. Die Roma ziehen vielerorts den Kürzeren. Auch im Romaviertel Edinstvo verdienen nur die wenigsten selbst Geld; die meisten müssen mit 20 Euro Sozialhilfe für die ganze Familie auskommen. Das erzählt mir Safet Tairov, der seit 45 Jahren hier lebt und etliche Versuche hinter sich hat, Unterstützung von NGOs oder der Regierung für seine Roma-Landsleute im Viertel zu bekommen. Wie die meisten von ihnen hat auch er einige Zeit in Deutschland verbracht und spricht gebrochenes Deutsch. Als wir auf der Baustelle mit dem Gaskocher Kaffee kochen, berichtet er von erfolglosen Amtsgängen und seinem Wunsch, den örtlichen Kanal von Müll zu befreien. Mir wird deutlich, wie sehr ihm die Romagemeinschaft am Herzen liegt. Besonders sorgt er sich um die Kinder, zu denen auch sein Enkel gehört. Leitungs- und Abwasser sind hier Luxus, zu dem kaum jemand Zugang hat. Beim Anblick der selbstgezimmerten Hütten ist es schwer, sich zu vergegenwärtigen, dass wir uns in Europa befinden.
Die Baustelle für Amaro Kher, wo Safet täglich mitarbeitet, wird von einem gleichnamigen Verein getragen. Dieser ist das Projekt von drei deutschen Vereinen: »futuRoma, Verein zur Unterstützung der Roma von Kriva Palanka«, »INTER­esse, Förderverein Mediation und Konfliktkultur an Waldorfschulen« sowie »Casa Creciente« – letzterer eine Gründung der beiden Karlsruher Sebastian Marschall und Georg Boos, um Recycling- und Lehmbauprojekte für sozial benachteiligte Menschen durchzuführen. Ist bei ihren sonstigen Aktionen das Heranschaffen von geeig­netem Material die Herausforderung, liegt sie bei Amaro Kher darin, sich mit dem sozialen Gefüge, welche das Haus später tragen soll, ausein­anderzusetzen. »Ich habe viele Anträge geschrieben und jedesmal etwas anderes hervorgehoben«, versucht Sebastian – oder »Sebo«, wie ihn die Roma nennen – auf die Vielschichtigkeit von Amaro Kher hinzuweisen. Doch die Kernvision der Gründer lässt sich kurz zusam­men­fassen: »Mit den Roma gemeinsam an einem Ort bauen, der Lebensperspektiven eröffnen und nachhaltig sichern will.« Dabei geht es weniger um eine zielorientierte Hilfsmaßnahme, als um einen langfristigen, organisch wachsenden, begleiteten Prozess. Mit dem gemeinsamen Bauen fängt alles an.
 

Aus Fehlern lernen
»Dass über 40 Freiwillige aus Deutschland und 20 Freiwillige aus dem Viertel mithelfen, macht diesen Bau für mich einmalig«, meint Sebastian. Er und Georg koordinieren die beiden jeweils dreimonatigen Bauphasen von der Planung bis zum letzten Schliff. Für Freiwillige gab es keine Kostenerstattung, Anreisehilfe oder feste Arbeitszeiten. »Die Leute haben viel Eigeninitiative gezeigt, und jeder ist mit seiner eigenen Kreativität hier eingestiegen, ob über Monate oder nur für Tage«, staunt der 27-Jährige.
Schon viele ausländische Organisationen hätten Zentren zur Förderung von Gemeinschaft und Bildung für die Roma gebaut, meint David Armbruster, Mitbegründer von futuRoma, doch habe sich dabei niemand auf einen solchen sozialen Prozess eingelassen wie bei Amaro Kher. Bau, Leitung und Führung wurden bislang immer an ausländische Vertreter delegiert. Auf der Baustelle von Sebastian und Georg werden Verantwortung und Entscheidungen über das Haus hingegen von einer vom ganzen Viertel gewählten Roma-Kontaktgruppe übernommen. Eine wichtige Rolle spielt dabei Angelika Ludwig-Huber, die sich in Edinstvo zunächst beim Aufbau eines Kindergartens im Rahmen von futuRoma einbrachte. Dabei keimte in ihr allmählich die Idee von Amaro Kher. Der Mediatorin wurde mehr und mehr bewusst, dass es an diesem Ort auch darum gehen müsse, die Menschen zu befähigen, mit Hilfe demokratischer Methoden Entscheidungen im Sinn der gesamten Gemeinschaft zu treffen und an einem Strang zu ziehen. »Es gab viele ungelöste Konflikte«, erinnert sich Angelika. »Jetzt sitzen diejenigen, die sich noch vor einiger Zeit verachtet haben, zusammen und beraten miteinander.«
Diese Konflikte sind zum Teil aus unreflektierter »Entwicklungshilfe« der deutschen Akteure hervorgegangen. »Als wir im Rahmen eines Schülerprojekts vor zehn Jahren das erste Mal herkamen, warfen wir die gespendeten Sachen auf einen Haufen, und die Leute mussten sich darum zanken«, bekennt David. Auch beim Aufbau des interkulturellen Kindergartens habe man an der Inte­gration der Roma gespart. Obwohl dieser, ebenso wie Patenschaften für Schulkinder, zu einer enormen Verbesserung der Bildungssituation beigetragen hat, fasst sich futuRoma an die eigene Nase: Heute hält sich der Verein als Unterstützer im Hintergrund und wird nur dann aktiv, wenn über die Kontaktgruppe konkrete Vorschläge zur Unterstützung Bedürftiger geäußert werden.
 

Konflikte hierarchiefrei lösen
Doch eine Kultur der gemeinschaftlichen Entscheidungs­findung kann nicht über Nacht entstehen. Auch wenn die Kontaktgruppe die meisten Entscheidungen selbst fällt und die Nutzungsideen für Amaro Kher aus dem Viertel zusammengetragen hat, kommen immer noch viele Impulse aus den Reihen der deutschen Vereine. Sebastian ist hier selbstkritisch, hat aber die Erfahrung gemacht, dass sich die Deutschen auch nicht ganz zurücknehmen dürfen, denn unter den Roma kommt es schnell zu ausartendem Streit. Auf der Baustelle ist es zuweilen auch notwendig, pragmatische Schritte umzusetzen, ohne vorher eine demokratische Entscheidung zu fällen. Dann ist es wichtig, dies für alle nachvollziehbar zu vermitteln. Unzureichende Information ist der größte Konfliktherd vor Ort – der Keim für Unterstellungen oder Vorurteile. Hier kann Safet vermitteln. Durch sein episodisches Engagement in nationalen und internationalen Netzwerken sowie bei den lokalen Bemühungen um eine bessere Lebenssituation der Viertelbewohner hat er sowohl ein Verständnis für organisatorische Abläufe als auch Zugang zu allen Roma des Viertels. Safet ist eine Art Botschafter. Als vor über einem Jahr die Planungen für das Haus begannen, stand er dem Ganzen noch skeptisch gegenüber. Erst nachdem er über die Arbeit in der Kontaktgruppe Einsicht in die Visionen des Projekts erhalten hatte, näherte er sich an. Ibraim, einer der unermüdlichsten Baustellenmitarbeiter unter den Roma, glaubt ebenfalls an den begonnenen Prozess, obwohl auch er erlebt, wie schwierig es für seine Landsleute ist, Verantwortung in einer hierarchiefreien Gruppe zu übernehmen. Angelika bot daher an, im kommenden Jahr Menschen aus Edinstvo zu Mediatoren und Mediatorinnen auszubilden, was bei einigen bereits Anklang gefunden hat. Damit dürfte ein weiteres Werkzeug für ein selbstverwaltetes Edinstvo und eine fruchtbare europäische Kooperation entstehen.
Amaro Kher wird dafür ebenso Raum bieten wie für Nachhilfe, Kontaktgruppentreffen, Nähkurse, einen Internetzugang und alles weitere, was sich in seiner Umgebung entwickeln möchte. Aber vor allem als der Ort für Begegnung und soziales Miteinander, den die wuselige Baustelle jetzt schon darstellt, kann das Haus einen Beitrag leisten. •


Malte Cegiolka (22) studiert nach einem Freiwilligenjahr in Argentinien an der Fachhochschule Eberswalde Naturschutz. mc@landwende.de


Nach Edinstvo fahren und mithelfen?
www.futuroma.de/amaro-kher

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