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Das tiefe Träumen wagen

Bei der Prozessarbeit nach Arnold Mindell stehen die Fragen, wie sich Symptome entwickeln und welche ­Botschaften sie mitteilen, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.

von Susanne Sirringhaus , erschienen in 28/2014

Während klassische Medizin und Psychologie davon ausgehen, dass Krankheiten geheilt, versorgt oder unterdrückt werden müssen, gab es immer schon therapeutische Ansätze, die annehmen, dass der Schlüssel zur Lösung bereits in den Symptomen selbst enthalten ist und dass diese Teil eines Entwicklungsprozesses sind. Diese Perspektive stellt zugleich die Rolle von Ärztinnen und Therapeuten in Frage: Statt zu wissen, was für einen anderen Menschen gut ist, geht es in einer prozessorientierten Begleitung darum, aus einem gleichberechtigten Zustand des Nichtwissens heraus den Botschaften des Lebens nachzuspüren. Es gibt verschiedene Methoden, beispielsweise die systemische Naturtherapie oder die Arbeit mit Lebensradmodellen, die in vielen Kulturen entwickelt wurden, um Lebensprozesse zu erklären und zu begleiten. In den 1980er Jahren prägte der amerikanische Physiker und Psychologe Arnold Mindell den Begriff der »prozessorientierten Psychologie«.
Ich begegnete Mindell und seiner Arbeit zu einer Zeit, als trotz allen psychologischen Wissens eine immer größere Ratlosigkeit in mir wuchs. Einer meiner Klienten klagte darüber, dass er durch sein häufiges Tagträumen so wertvolle Lebenszeit vergeude. Auch ich bin eine Tagträumerin, war aber nie auf die Idee gekommen, diese Bilder in meine Arbeit einzubeziehen. Ebensowenig kam dieses Thema in den zahlreichen Fortbildungen, die mir bekannt waren, vor.
Obwohl Arnold Mindell viele Bücher geschrieben hat, seine Methode in vielen Ländern unterrichtet wird und er für die UNO als Konfliktberater arbeitet, ist er in Deutschland immer noch wenig bekannt. Er wurde 1940 geboren und studierte zunächst Physik am »Massachusetts Institute of Technology« in Cambridge. Später lernte er in der Schweiz die Arbeit von C. G. Jung kennen und war als Psychologe tätig. Nach und nach begann er, sich mit Themen und Problemfeldern zu beschäftigen, die normalerweise nicht im Fokus seines Berufsstands lagen. Nach eigenen Worten hatte er es satt, nur eine Psychologie für die weiße Mittelklasse zu lehren. So arbeitete Arnold Mindell mit Komapatienten und Sterbenden und begann auch, sich für die Lösung von politischen Konflikten zu engagieren.
Sich an den Rändern von vorherrschenden Denkweisen zu bewegen, ist kennzeichnend für Mindells Arbeit. Alles Störende, Wilde, Unverstandene ist für ihn ein Aufruf, bekanntes Land zu verlassen und von einer größeren und nicht verstehbaren, aber erlebbaren Intelligenz weitergeführt zu werden. Seine Herangehensweise entsteht aus einer Verbindung von moderner Psychologie mit schamanischem Wissen und quantenphysikalischen Erkenntnissen.
 

Der träumende Hintergrund des Lebens
Traumarbeit, wie sie Freud oder auch C. G. Jung verstanden haben, und Körperarbeit, wie Rolfing, Yoga oder Massagen, sind üblicherweise getrennte Ansätze. Mindells auch heute noch kühne These lautete bereits vor 40 Jahren: »Der Körper lebt das aus, was der Geist nachts träumt.« Krankheitssymptome sind demnach Botschaften aus einem »Traumland«, die noch nicht das Bewusstsein erreicht haben und die oft schwer für den Betreffenden und für sein Umfeld zu akzeptieren sind. In der Traumkörperarbeit geht es darum, die tiefere Ebene von Körpersymptomen zu erfahren.
Während die Psychoanalyse untersucht, woher ein Symptom kommt, fragt Mindell, wohin das Symptom führt. Während moderne Coaching- und Therapiemethoden meistens nach den bestmöglichen Denk- und Verhaltens­programmen fragen, um selbstgesteckte Ziele zu erreichen, geht es in der Prozessarbeit um die Frage nach Sinn und größerem Geist, um den größeren Zusammenhang des einzelnen Lebens. Erfolg und Misserfolg, Depression und Verzweiflung, Irritation und Ekstase, Ziele und Stag­nationen sind Stationen auf dem Lebensweg.
Mindell unterscheidet zwischen primären und ­sekundären Prozessen. Mit dem primären Prozess sind alle Abläufe in und um einen Menschen gemeint, die mit seiner Vorstellung von sich selbst übereinstimmen. Auf der gesellschaftlichen Ebene spricht Mindell von »Konsensusrealität«. Wenn 22 Millionäre hinter einem einzigen Ball herlaufen, nennen wir das in der Konsensusrealität »Fußballweltmeisterschaft«.
Der sekundäre Prozess ist zwar auch immer gegenwärtig, aber nicht bewusst. Sowohl in persönlichen als auch in gesellschaftlichen Prozessen wird er häufig marginalisiert, nicht beachtet und gehört nicht zum eigenen Selbstverständnis. Alle sekundären Prozesse, vor allem köperliche Symptome, suchen Grenzen zu erweitern. Damit zu arbeiten, heißt, etwas Bekanntes zu verlassen und das Wagnis des Unbekannten einzugehen – was oft mit Verwirrung oder einer Krise einhergeht. Veränderung in diesem Sinn bedeutet auch, an verinnerlichte kulturelle Grenzen zu stoßen. Jede persönliche Transformation, so Mindell, muss daher auch den Status quo der Welt stören. Innere Arbeit bedeutet für ihn immer auch eine Arbeit an der Welt.
Bei der Erkundung von Körpersymptomen gilt es, die sekundären Prozesse zu verstehen. Der erste Schritt besteht darin, das Symptom sinnlich wahrzunehmen, ohne es durch Worte zu klassifizieren, und genau zu erspüren, wie es sich anfühlt. Das ist oft nicht leicht, denn wir sind es gewohnt, alles zu kommentieren. Hier ist es aber entscheidend, auf eine Ebene zu gelangen, die hinter diesen Kommentaren und Bewertungen liegt. Diese Art von aktiver Traumarbeit ähnelt auch dem Zustand der Meditation. Wenn das Gefühl dann verstärkt und übertrieben wird, kann es sein, dass ein »Kanalwechsel« erfolgt, indem beispielsweise statt der Körperempfindung plötzlich ein inneres Bild auftaucht. Eine begleitende Person ermutigt dann dazu, dem Prozess des Träumens zu folgen, die Assoziationen sich entfalten zu lassen und sie in andere, wenig genutzte Sinneskanäle zu übertragen. So kann es sein, dass Gefühle in Tönen oder Musik ausgedrückt werden. Schritt für Schritt – manchmal dramatisch und emotional, manchmal verwirrend und kreisend – entsteht auf diesem Weg eine Ahnung der Qualität, der Bedeutung des Symptoms. Ist die Botschaft verstanden, kann ein Bewusstseins- oder ein Heilungsprozess beginnen.
Das klingt simpel, ist aber ein Prozess, der die Wachheit aller Beteiligten fordert, um sich von Deutungen und Idealen freizumachen – denn diese verhindern die unmittelbare Wahrnehmung der Energie, der Essenz, die sich entfalten und zeigen will. Diese träumende Intelligenz lässt sich trainieren; es ist aber anfangs hilfreich, wenn eine Begleitung den Rahmen setzt und Impulse gibt, um die ersten Klippen zu überwinden. »Bei der Traumkörperarbeit weiß man nie, was als nächstes geschieht«, sagt Mindell. »Es gibt kein Programm, dem man folgen kann, keine therapeutischen Tricks oder Methoden. Es können ganz neue und unentdeckte Wege spontan entwickelt werden, die jeweils nur für einen Moment und eine Situation anwendbar sind. Ich lasse mir von den Traumkörperprozessen erzählen, was als nächstes zu tun ist. Das ist die einzige Regel, der ich folge. Ich setze die Menschen nicht unter Druck, denn ihre Körper und Seelen wissen es besser als ich.«
In einer Zeit, in der lösungsorientierte Coachings boomen, ist es beruhigend, zu hören, dass manche Prozesse auch Jahre oder ein ganzes Leben dauern können – dass überhaupt das ganze Leben ein Prozess ist, dem wir folgen. Um das Leben wieder zu einem Abenteuer und nicht nur zu einer gut funktionierenden Angelegenheit zu machen, müssen wir als Menschen lernen, unsere ganze Intelligenz – auch die träumende – zu würdigen und wieder zu nutzen.
Fast 30 Jahre nach seiner ersten Veröffentlichung zur Traumkörperarbeit spricht Mindell im Buch »Quantengeist und Heilung« von der Notwendigkeit, eine »Regenbogenmedizin« zu etablieren, in der Naturwissenschaft, Psychologie, Kunst, schamanisches Wissen und Quantenphysik je eine Farbe einbringen, so dass auch die Ärztin bei Krankheit nicht nur Tabletten verschreibt oder zur Operation rät, sondern das »Symptom in der Praxis tanzen lässt«. Aus Therapeuten werden so Begleiter, die selbst Teil des Prozesses und des sich selbst verstehenwollenden größeren Bewusstseins sind. Nicht primär Heilung und Erfolg sind Absicht einer solchen Arbeit, sondern es geht darum, sich wieder mit der »Lebensessenz aller Dinge« zu verbinden.
 

Tiefe Demokratie
Mindells Erkenntnis, dass alles miteinander verbunden ist, führte ihn weiter, eine »Weltarbeit« zu entwickeln, in der Konflikte zwischen Menschengruppen in Bewegung gebracht werden. Er schreibt in seinem Buch »Der Weg durch den Sturm« von 1997 durchaus wütend: »Wir brauchen eine Weltarbeit, die unsere Kenntnisse aus der Psychologie, den Naturwissenschaften und den spirituellen Traditionen einsetzt, aber nicht auf diese beschränkt bleibt. Wir müssen einen neuen Beruf entwickeln, dessen Angehörige sowohl mit großen Gruppen wie mit Individuen daran arbeiten, eine sinnvollere und aufregendere Welt zu erschaffen. Viele psychologische Richtungen neigen dazu, sich vorwiegend mit dem innerseelischen Leben zu beschäftigen und die Realität der Politik und die Zusammenhänge mit der Umwelt zu vernachlässigen.«
Im gleichen Buch erzählt Mindell, wie er selbst als Begleiter einen Prozess blockierte, indem er belehren wollte, statt zu ermutigen. Bei der Vorstellung seiner Methoden in Südafrika wurde er heftig angegriffen. Eine Teilnehmerin beharrte auf ihrer pessimistischen Sicht auf den Konflikt. Mindell bemühte sich zunächst darum, diesen Pessimismus zu widerlegen und als ein Symptom zu betrachten, das geheilt werden müsse. Erst später wurde ihm bewusst, dass sein eigener Optimismus das eigentliche Problem war. Als er diesen zurückstellte und der Teilnehmerin Recht gab, entspannte sich die gesamte Lage.
In sein Institut in Portland lud er Obdachlose als Lehrer für seine Schüler ein. Welche Aussagen machten diese Menschen, was machten sie bewusst? Welche Werte lebten sie? Es galt nicht, sie zu bemitleiden, sondern – ähnlich wie im Körpertraumprozess – herauszufinden, welche Botschaft sie hatten.
»Deep Demoracy« (tiefe Demokratie) nennt Mindell diesen Ansatz, bei dem es darum geht, alle Signale, Konflikte, Stimmen und Strömungen in einer Gesellschaft oder in einer Gruppe wahrzunehmen und nichts auszugrenzen oder abzuwerten: »Wenn wir in unserem persönlichen Leben einen Teil unseres Selbst unterdrücken, wird dieser Teil schließlich unser ganzes Leben über den Haufen werfen. Kein Individuum kann ständig die Anliegen unterdrücken, die sich durch spontane Fantasien oder Körpererfahrungen äußern, ohne krank zu werden. Und wenn wir mit größeren Einheiten wie mit Gruppen, Nationen oder der ganzen Welt arbeiten, müssen wir ebenfalls lernen, auf die Stimmen derjenigen zu hören, die wir möglicherweise übergehen könnten.«
Diese Vision bedeutet, sich als Mensch allumfassender – verbunden mit Gesellschaft und Natur – zu verstehen. Mit »verstehen« ist aber weder gemeint, die Ursachen von persönlichen oder kollektiven Verhaltensweisen zu erkennen, noch sie zu verändern und »effektiver« zu machen. Verstehen heißt vielmehr, in den Fluss des Lebens zu steigen und ein Bewusstsein für diesen Fluss, den Lebensprozess, zu erlangen. Mindells Arbeit ist damit eine Ermutigung, die träumende Intelligenz nicht zu vergessen und sich nicht allein mit der scheinbaren Wirklichkeit zu identifizieren, sondern die unterschiedlichen Schwingungen des Lebens kennenzulernen.
Warum? Damit wir lebendig verrückt bleiben und uns nicht voreinander verstecken müssen mit unserem traumhaften und manchmal so verzwickten Leben; damit wir viele sind, die sagen: »Bleiben wir verrückt, alles andere wäre Wahnsinn!« •



Susanne Sirringhaus (55) ist Seminarleiterin und Coach, ausgebildet in Systemischer Therapie, Hypnose und NLP. Ihre ­Arbeit als Prozessbegleiterin ist von Arnold Mindell inspiriert. www.feuervogel-seminare.de
 

Mehr über das tiefe Träumen erfahren:
Links
www.aamindell.net
http://worldwork.org
Eine umfangreichere Version dieses Artikels findet sich auf der Webseite www.feuervogel-seminare.de.
Bücher
Arnold Mindell: Quantengeist und Heilung. Via Nova Verlag, 2006 • Der Weg durch den Sturm. Via Nova Verlag, 1997 • Der Leib und die Träume. Junfermannsche Verlagsbuchhandlung, Neuauflage 2005

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