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Integrative Medizin

von Marco Bischof , erschienen in 03/2010

Wie sich der Gegensatz zwischen Schulmedizin und Komplementärmedizin zugunsten eines ganzheitlichen, integrativen Ansatzes auflöst

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Wir sind es gewohnt, »Alternativ-« oder »Komplementärmedizin« und »Schulmedizin« als Gegensätze zu verstehen, und die jahrzehntelange Auseinandersetzung zwischen Naturheilkunde und komplementärmedizinischen Verfahren auf der einen Seite und der in der Ausbildung von Ärztinnen und Ärzten an den Universitäten gelehrten »wissenschaftlichen Medizin« auf der anderen Seite hat die meisten von uns ein ganzes Leben lang begleitet. Seit wenigen Jahren ist nun allerdings eine Entwicklung zu beobachten, die diese Situation ändern könnte. Für diese Entwicklung steht der Begriff »Integrative Medizin« (oder auch »Integrierte Medizin«), den man in jüngster Zeit immer häufiger zu hören bekommt.

Unter Integrativer Medizin versteht man die Einbeziehung von komplementär- und alternativmedizinischen Methoden (KAM) – von Naturheilkunde, Homöopathie und Methoden asiatischer Herkunft wie Akupunktur und Traditionelle Chinesische Medizin, Ayurveda und Qigong bis zu Yoga, Atemtherapie, Meditation, Geistheilung und schamanischen Methoden – in die konventionelle, naturwissenschaftlich begründete medizinische Praxis. Im Grund ist ja die nicht mehr zu übersehende Vielfalt komplementärmedizinischer Verfahren schon längst Teil unseres Gesundheitssystems, des Gesundheitsmarkts und unseres Alltags geworden. In Lehre und Forschung der medizinischen Fakultäten und in die Ausbildung und die ärztliche Praxis sind sie jedoch noch nicht aufgenommen worden. Sie blieben weitgehend im Rahmen des sogenannten zweiten Gesundheitsmarkts stecken, das heißt, sie wurden und werden von Heilpraktikern sowie im Rahmen privater Initiativen wie Yogaschulen, Lebensberatungen, Coachings, Seminaren und Kursen vermittelt und praktiziert. Lange Zeit spielte sich diese Entwicklung unbeachtet von Wissenschaft und Gesellschaft ab, komplemen­tärmedizinische Praktiken wurden bis vor kurzem kaum von der wissenschaftlichen Forschung untersucht, fanden wenig Beachtung in soziologischen Studien und wurden als scheinbare Randerscheinung des Gesundheitswesens von der Gesundheitspolitik weitgehend ignoriert.

Integration beginnt an den Unis
Seit einigen Jahren beginnt die breite Front der einst allgemeinen Ablehnung aufzubrechen. Diese Entwicklung ist in den USA (wo der Begriff der Integrativen Medizin geprägt wurde) und in Großbritannien (wo dafür der Begriff »Integrierte Medizin« verwendet wird) schon sehr viel weiter fortgeschritten, hat unterdessen jedoch auch schon bei uns eingesetzt. In den USA ist die Integrative Medizin an nahezu allen renommierten Universitäten – so an der Harvard Medical School in Boston, der Duke University in Durham, der University of Arizona in Tucson und der Mayo-Klinik in Rochester – als eigener Fachbereich vertreten. In Deutschland ist sie durch das »Essener Modell« im Knappschaftskrankenhaus der Essener Universitätskliniken präsent, wo seit 2001 in der eigens dafür eingerichteten Abteilung »Innere Medizin V – Naturheilkunde und Integrierte Medizin« Integrative Medizin praktiziert und weiterentwickelt wird. Gustav Dobos, der Leiter des Essener Modells, hat seit 2004 auch einen Lehrstuhl für Naturheilkunde mit dem Schwerpunkt Integrative Medizin an der Universität Duisburg-Essen inne, eine Stiftungsprofessur der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung. Der Ansatz der Integrativen Medizin ist ebenso in der Deutschen Klinik für Naturheilverfahren und Präventivmedizin am Knappschaftskrankenhaus Püttlingen (Saarland) sowie an der Berliner Charité vertreten. Dort begann im April 2008 eine »Forschungsambulanz für Prävention und Integrative Medizin« (CHAMP) unter der Leitung von Stephan Willich ihren Betrieb. Ihr Ziel ist, »Patienten sowohl mit Methoden der Schul- als auch der Komplementärmedizin (Alternativmedizin) zu behandeln und den Behandlungserfolg konsequent wissenschaftlich zu prüfen«. Sie will eine ganzheitliche medizinische Versorgung entwickeln und diese wissenschaftlich evaluieren.

Diese Entwicklung ist wohl in erster ­Linie dem wachsenden Druck von Seiten der Patienten zu verdanken, dem nun immer mehr Ärzte und auch Forscher nachkommen. Dieser Druck hat in den USA 1998 auch zur Gründung des National Center for Complementary and Alternative Medicine (NCCAM) im Rahmen des National Institute of Health (NIH) in Bethesda, Maryland, geführt. Dort werden jährlich zwischen 150 und 200 Millionen Dollar in die wissenschaftliche Erforschung der Komplementär- und Alternativmedizin investiert. Das hatte einen enormen Aufschwung der KAM-Forschung zur Folge, die mittlerweile an fast allen großen und renommierten Universitäten des Landes betrieben wird. Dies führte wiederum zu einer Aufwertung der KAM und zu ihrer weitgehenden Integration in das Gesundheitswesen. Die intensive Präsenz der wissenschaftlichen Forschung zu KAM in der internationalen Fachliteratur ermutigt inzwischen auch die Universitäten im deutschsprachigen Raum, sich daran zu beteiligen.

Die Sicht auf den »ganzen Menschen«
Die Bedeutung der gegenwärtig zu beobachtenden Entstehung einer Integrativen Medizin erschöpft sich jedoch nicht darin, dass sie eine gleichwertige Integration von komplementärmedizinischen Verfahren in die konventionelle ärztliche Praxis, eine Verbindung des Besten aus konventioneller (allopathischer) und komplementärer und alternativer Medizin, praktiziert. Viele Vertreterinnen und Vertreter der Integrativen Medizin sind der Auffassung, diese Verbindung dürfe nicht bloß in einer additiven Hinzunahme komplementärmedizinischer Verfahren in eine unveränderte konventionelle schulmedizinische Praxis bestehen, sondern müsse auch die Medizin selbst verändern und damit zu etwas grundlegend Neuem führen. Dazu schreibt Lesley Rees, Director of Education des britischen Royal College of Physicians in London und Trustee der Foundation for Integrated Medicine, zusammen mit Andrew Weil, Medizinprofessor und Direktor des Program for Integrative Medicine an der Universität von Arizona in Tucson, USA in einem Editorial des renommierten British Medical Journal aus dem Jahr 2001: Die Integrative Medizin habe »eine umfassendere Bedeutung und Mission«; sie »durchtränke die orthodoxe Medizin mit den Werten der Komplementärmedizin«. Ihr Fokus sei auf Gesundheit und Heilung statt auf Krankheit und Behandlung ausgerichtet, sie sehe Patienten als ganze Menschen mit Psyche, Geist und Körper und berücksichtige diese Dimensionen in Diagnose und Behandlung. Sie betone die zentrale Bedeutung der Arzt-Patienten-Beziehung, vereine Ärzte und Patienten im gemeinsamen Bemühen der Gesundheitserhaltung, indem Lebensstil-Faktoren wie Ernährung, Bewegung und Übung, der Qualität von Erholung und Schlaf und der Art der Beziehungen Aufmerksamkeit geschenkt werde.

Eine große Synthese
Wie ich in meinem neuen Buch »Salutogenese« zeige, könnten eine Reihe von Entwicklungen in unterschiedlichsten Gebieten in eine solche neue Integrative Medizin einfließen, da sie viele gemeinsame Züge zeigen und gemeinsame Grundgedanken aufweisen. Eine Synthese verschiedener Ansätze aus der Ganzheitsmedizin, aus nicht-westlichen Medizinsystemen und Übungsverfahren, den Sozial- und Gesundheitswissenschaften, der Medizinischen Anthropologie, der Psychologie und den Naturwissenschaften beginnt bereits, sich herauszubilden. Grundelemente dieses neuen medizinischen Konzepts sind ein ganzheitlicher psycho-bio-sozialer Ansatz mit Einbeziehung transpersonaler und spiritueller Aspekte. Oft werden hier Einwirkungen, die ohne Medikamente auskommen, bevorzugt, sei es die Arbeit mit Beziehung, Kommunikation, Psycho­therapie, manuellen Therapien, körperlichen und geistigen Übungen oder auch elektromagnetischen Feldern, Licht und Klang statt chemischer oder chirurgischer Maßnahmen. Eine wichtige Rolle spielt auch die Erfahrung körpereigener Energiefelder und die Betrachtung des Organismus als »feldartiges Gebilde«, das in die umfassenderen Felder seiner Umwelt eingebettet ist. Wesentlich ist auch die Annahme einer kausalen Rolle des Bewusstseins – Geist und Körper werden nicht nur als etwas betrachtet, was isoliert nebeneinandersteht, sondern man geht davon aus, dass der menschliche Geist ebenso in der Lage ist, das Körpergeschehen direkt zu beeinflussen, wie umgekehrt körperliche Prozesse auf den Geist einwirken. Diese Möglichkeit eröffnet die Perspektive einer salutogenetischen Selbstregulation, die im Zentrum dieses Ansatzes steht.

Allen erwähnten Entwicklungen ist nämlich gemeinsam, dass sie einen »salutogenetischen« Gesundheitsbegriff vertreten. Die Salutogenese ist ein von dem amerikanisch-israelischen Medizinsoziologen Aaron Antonovsky entwickeltes Konzept, das in erster Linie einen Perspektivenwechsel beinhaltet: Die Aufmerksamkeit verlagert sich von der Krankheit und ihren Ursachen (Pathogenese) auf die Faktoren, die einen Menschen gesund machen und gesund erhalten. Hier stehen nicht mehr das reibungslose Funktionieren des Körpers und die Vermeidung bzw. Behebung von Krankheit im Vordergrund, sondern Gesundheit als ganzheitliche Lebensqualität, die nicht vollständig in den traditionellen wissenschaftlichen (biologischen und psychologischen) Kategorien erfasst und definiert werden kann. Es müssen alle Dimen­sionen menschlicher Erfahrung, auch solche, die die Wissenschaft nicht kennt, berücksichtigt werden, also auch psychologisch-emotionale, soziale und Umweltfaktoren und schließlich auch transpersonale und spirituelle Faktoren. Letztlich weiß es jede und jeder aus eigener Erfahrung: Inneres Wachstum, Selbstverwirklichung, das Finden eines Lebenssinns und das Engagement für jenen einzigartigen Beitrag, den nur ich selbst für die Gemeinschaft und die Weiterentwicklung der ganzen Menschheit leisten kann, machen letztlich Lebensqualität und Gesundheit aus. Es kann auch nicht nur um die Erhaltung einer »minimalen Gesundheit« gehen, bei der jemand gerade noch funktionieren und seine Arbeit leisten kann, sondern Gesundsein erfordert über dieses minimale »Nicht-Kranksein« hinaus ein ständiges Unterwegssein zur Gesundheit durch kreative Entfaltung des eigenen Potenzials – dem »Werde, der du bist« Friedrich Nietzsches.

So wenig wie Gesundheit die bloße Abwesenheit von Krankheit ist, ist Krankheit das Gegenteil von Gesundheit. Krankheit muss eher als Krise in einer gesunden Entwicklung verstanden werden. Der gesunde Mensch setzt sich seinem inneren Antrieb zu wachsender Realisierung des vollen Menschseins aus und riskiert damit, dass jede einmal errungene Form seiner Persönlichkeit und seiner Lebensführung eines Tages wieder in die Krise gerät, um sich zur nächsten Stufe hin verwandeln zu können. Als Symptome dieses Prozesses können psychische und emotionale Krisen sowie körperliche Krankheitszustände auftreten, die wir als Chancen zum Wachstum verstehen sollten. Sie werden nur dann zu ernsthaften Lebensstörungen, wenn man sich nicht bewusst auf diesen Prozess einlässt. Die vorübergehende Einbuße an Leistungsfähigkeit während der Krankheit ist zur Auflösung alter Strukturen nötig, die den Weg für Neues freimacht. Sicherlich kann selbst eine solche gesunde Lebensführung keine Krankheitsfreiheit garantieren, wir können nicht alle Krankheitsfaktoren beeinflussen.

Das subjektive Empfinden zählt
Aus diesem Verständnis von Gesundheit als Unterwegssein hin zu der für jedes Individuum möglichen »optimalen Gesundheit« und Selbstverwirklichung ergibt sich auch, dass für eine salutogenetische Medizin das subjektive Erleben des einzelnen Menschen ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt. In der konventionellen Medizin spielt das Subjektive nur eine Nebenrolle, dort ist der objektive »Befund« auf biomedizinischer Ebene entscheidend. In der neuen Integrativen Medizin spielen die Geisteswissenschaften eine entscheidende Rolle, wenn auch die Erkenntnisse der Naturwissenschaften nicht vernachlässigt werden, ja sogar aufgrund der interdisziplinären Herangehensweise noch mehr naturwissenschaftliche Erkenntnisse einbezogen werden, als in der konventionellen Medizin. Aber, wie schon 1928 der große Mediziner Ludolf von Krehl sagte, »die wahre Fortentwicklung der Medizin ist nicht mehr natur-, sondern geisteswissenschaftlich«, denn nur eine geisteswissenschaftliche Disziplin wie z. B. die Philosophische Anthropologie kann uns Auskunft geben, was das eigentlich Menschliche am Menschen und seine zukünftige Bestimmung sein könnte. Damit wird auch deutlich, dass Spiritualität für die neue Integrative Medizin nicht nur etwas ist, das unter anderen Faktoren berücksichtigt werden sollte, sondern im Gegenteil eine zentrale Position einnimmt.

Eigenverantwortliche Lebenspflege
Dieses humanistische oder anthropologische Krankheitsverständnis entspricht auch den Veränderungen in der Weltsicht und Mentalität sowie in der Lebensweise des »postmodernen« Menschen der jüngsten Zeit, auf die z. B. die Untersuchungen von Paul Ray über die »Kulturkreativen« hingewiesen haben. Der »individualisierte« Mensch der Postmoderne legt größten Wert auf Autonomie und Selbstverwirklichung, aber auch auf Beziehungsfähigkeit, und versteht sein eigenes Leben, ja sich selbst als Gesamtkunstwerk. Damit sind die von Paul Ray als neue gesellschaftliche Gruppe identifizierten »Kulturkreativen« eigentlich die idealen Träger einer salutogenetischen Gesundheitspraxis. Sie basiert auf Selbstkultivationsmethoden, mit denen jedermann seinen eigenen psychobiologischen Zustand beeinflussen, eigenverantwortlich in der Pflege seiner eigenen Gesundheit und Persönlichkeit tätig werden und sich selbst damit formen, gestalten und entwickeln kann, wie Yoga, Meditation, Atemtherapie, asiatische Kampfkünste und Übungsmethoden wie Aikido oder Qigong. In letzter Konsequenz bedeutet Salutogenese, dass jeder Mensch in erster ­Linie selbst für seine eigene Gesundheit tätig wird und erst in zweiter Linie Ärzte und andere Experten als Berater, Lehrer, Coaches und Trainer zu Hilfe nimmt. So verstanden, ist Integrative Medizin Selbstkultivation, Selbstsorge, ­Selbstentwicklung sowie Selbsterforschung und Sammlung des nötigen Wissens über sich selbst und das eigene Leben. 

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