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Weniger kaufen, mehr leben!

Wirtschaftlicher Erfahrungsraum jenseits des Markts

von Stella Loewenberg , erschienen in 03/2010

Der Arbeitskreis lokale Ökonomie in Hamburg mit seinem Umsonstladen, der Fahrradwerkstatt oder der Freien Uni ist eines der spannendsten Experimentierfelder für selbstbestimmtes Wirtschaften.

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Dauererwerbslosigkeit ist ein präsentes Thema. Noch immer strebt die Regierung Vollbeschäftigung an. Wer aber die Evolution der Erwerbsarbeit verfolgt, erkennt zwei »Wachstumsstränge«, die in eine andere Richtung weisen: Immer mehr Menschen schlagen sich als Multi-Jobber durch, trotzdem leben viele von ihnen in prekären Verhältnissen. Auf der anderen Seite sehen sich Menschen in Erwerbsarbeitsverhältnissen stetig wachsenden, sie überlastenden Anforderungen ausgesetzt. Und dann gibt es da noch das stabile, ehemals als temporär angenommene Segment der Erwerbslosen, das sich trotz verschiedenster staatlich verordneter Maßnahmen und erhöhtem Druck in Richtung Eigenbemühungen nicht verkleinern lassen will.

Allen Gruppen gemeinsam ist: Sie leben unter dem Diktat der Warenwirtschaft, sollen sich als Arbeitskraft oder mit ihrer Kaufkraft dem Markt anpassen. »Das bedeutet,sich unterwerfen und die eigene Macht abgeben«, sagt Volker, den ich beim Arbeitskreis Lokale Ökonomie Hamburg (AK LÖK) treffe. Die hier zusammenfinden, haben sich selbst ermächtigt, dem bestehendem Dogma der Märkte eine Alternative entgegenzusetzen.

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Selbsthilfe-Unternehmungen
Angeregt durch Frithjof Bergmanns Gedanken zur Neuen Arbeit, bildete sich 1998 um den Initiator Hilmar Kunath, berufstätiger Lehrer, ein Gesprächskreis. Was wollen Menschen tun, die dauerhaft erwerbslos sind? Und was sollen diejenigen unternehmen, die Erwerbsarbeit nicht glücklich macht? Ein Jahr später eröffneten fünf Mutige einen Umsonstladen als Mitmachprojekt gegenseitiger Hilfe.

In elf Jahren hat sich daraus ein Netzwerk vielseitiger Unternehmungen entwickelt: Die Fahrrad-Selbsthilfe-Werkstatt baut aus alten Teilen ganze Räder neu zusammen, die Freie Uni Hamburg bietet aktuell 65 Teilnehmerinnen und Teilnehmern selbstbestimmte Bildung, die Gruppe »Erneuerbare Energien« konstruiert ein Windrad, das im privaten Bereich Strom erzeugt. Die Teile dazu kommen vom Schrottplatz.

Allen Teilprojekten gemeinsam ist der Ansatz, durch solidarische Gemeinschaftsarbeit Erfahrungen selbstbestimmteren Wirtschaftens zu ermöglichen, um die Abhängigkeit von der Kauf- und Tauschwirtschaft sukzessive aufzulösen.

Ob Student, Erwerbsarbeiter, Rentner, Multi-Jobber, Erwerbsloser – die Mitglieder fühlen sich der Idee verpflichtet, aus Vorhandenem wieder Nutzbares zu machen. Was entsteht, soll nicht als Ware Geld erwirtschaften, sondern Menschen unmittelbar ­zugutekommen.

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Ein soziales Experiment
Derzeit sind es ungefähr 40 Teilhabende, die dem Prinzip der gegenseitigen Hilfe folgen. Mit drei Euro Mindestbeitrag im Monat (der freiwillig erhöht werden kann) und den Spenden finanzieren sie Ladenflächen in der verkehrsintensiven und für Ladeninhaber eher unattraktiven Stresemannstraße. »Es wird nichts verkauft, sondern gegen Spende gegeben.« Den Wert bestimmt der Abholer, müssen sie oft den »Kunden« erklären.

In dem kleinen Laden türmen sich allerlei Dinge, die auf den ersten Blick nicht zu erfassen sind. Schrank, Regal, Stuhl, Lampen – das Auge sucht und hält sich an bekannten Formen fest. Eine zusammengewürfelte Mischung nutzbarer Gegenstände in mehr oder weniger gutem Zustand. Manche Stücke könnte man richtig gut aufmöbeln. Eine junge Frau durchstöbert das Angebot.

Ralf und sein Kollege sitzen im Hinterzimmer des vollgestopften Kleinmöbel­lagers. Sie machen hier ihre Schicht, freiwillig. An der Pinnwand hängen Listen, auf dem Bord ist alles gut sortiert, und in Reichweite kocht Wasser für Kaffee. Die hier arbeiten, halten Ordnung.Ein paar elektrische Geräte ­stehen herum, manches muss wohl repariert ­werden.

Der Aktionsradius des Ladenprojekts ist auf fünf Kilometer angelegt, aber Sachspenden kommen auch aus entlegeneren Stadtteilen. »Man darf sich keinen Plunder aufdrücken lassen«, sagt Ralf. Der AK LÖK wird immer mal wieder sozialen Versorgungsstationen zugerechnet: »Es kommen auch Leute herein, die einfach nur schnacken wollen, da sind auch pathologische Fälle darunter.« Manche werden von Sozialarbeitern geschickt, weil es etwas umsonst gibt.

Hier kommen die Mitglieder an ihre Grenzen, denn therapeutische Arbeit können sie nicht leisten, dazu fehlen Kapazität und Kompetenz. Ein Experiment wie der AK LÖK fordert im Gund Menschen, die in sich stabil genug sind, Konflikte auszuhalten und sich selbst zu organisieren. Dennoch, es gibt erhebliches soziales Entwicklungspotenzial. Die langjährige Mitarbeit, so Ralf, hat ihm mehr Halt in sich selbst gegeben, auch sein Selbstwertgefühl gestärkt.

Der äußerst niedrigen Schwelle schreibt es Volker zu, dass viele Mitglieder konstant dabeibleiben. Man kann einfach kommen. Viele leben in räumlicher Nähe zum Projekt. Eine Schicht im Laden dauert zwei Stunden, es gibt zwei Gruppen-Treffen im Monat, freiwillig. Das ist überschaubar, lässt sich leicht in verschiedene Tagesabläufe integrieren. Hier kommen Leute zusammen, die ihr »Eingreifvermögen«, wie sie es nennen, erhöhen wollen – und aus dem Alltagsleben heraus am gesellschaftlichen Wandel arbeiten.

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So viel Gemeinschaftsarbeit wie möglich
Alle, die ich im AK LÖK kennenlerne, betonen, wie wichtig es ihnen ist, Projekte von Erwerbsarbeit und marktwirtschaftlichem Handeln zu entkoppeln. Unter dem Motto »so viel Erwerbsarbeit wie nötig, so viel Gemeinschaftsarbeit und freie Zeit wie möglich« soll sich langfristig eine auf Freiwilligkeit basierende Gemeinschaft entwickeln, die in allen kreative Kräfte freisetzt.

Volker zum Beispiel arbeitet in Teilzeit als Pfleger. Er ist einer der Initiatoren der Freien Uni Hamburg, eines selbstorganisierten Bildungsprojekts, und gegenwärtig mit viel Phantasie dabei, das Umsonstfest auszurichten. Freie Zeit? Wohl gerade nicht.

Im Unterschied zu anderen Initiativen unter dem Begriff »Lokale Ökonomie« gibt es in Hamburg keinen Träger oder Geldgeber, auch werden hier nicht Ein-Euro-Kräfte für den ersten Arbeitsmarkt reaktiviert. Der AK LÖK ist selbstverwaltet. In erster Linie dienen die Aktivitäten den Menschen, die sich im Netzwerk engagieren, danach erst geht es um den Nutzen für andere.

Die wirklichen Bedürfnisse
Was aber braucht man wirklich? Gerade der Umsonstladen ist ein Angebot, sich mit Besitz als solchem auseinanderzusetzen. Wie Gegenstände unser Leben prägen, ­Waren als Ersatz oder als Belohnungssystem – das sind Themen. Mancher Nutzer lässt sich beob­achten, bei dem das »Umsonst« einen Konsumkick auslöst. Der Mensch hat einen Hang zum Messie-Syndrom. Ralf sagt, er habe aufgehört, am Besitz zu kleben.

Für Volker hat sich das Verhältnis zu Dingen entspannt: Er muss nicht mehr sofort alles haben, nicht das ultimative neue Technik-Spielzeug, sondern erstmal etwas, das funktioniert, vielleicht später ausgetauscht werden kann. Dafür hat er mehr Zeit fürs Leben, ist weniger damit beschäftigt, endgültige Kaufentscheidungen zu treffen. »Irgendwann kommt schon das, was man wirklich braucht und was gefällt.« Gegenstände im Nutzungskreislauf zu lassen, ist allen ein Anliegen. Klingt alles gut.

»Hier ist nicht nur Friede, Freude, Eier­kuchen«, widerspricht Tavás, der Kunstausstellungen organisiert. Es gibt genug Konfliktstoff innerhalb der Gruppe, das ist spürbar und wird auch unverhohlen gesagt. Aber Krisen werden als Wachstumschance ergriffen, Strittiges bleibt Diskussionsstoff. Das kostet schon mal Zeit. Was, wenn eine schnelle Entscheidung getroffen werden muss? Darüber und über ein paar Minimalspielregeln wurde auf den Arbeitskreis-Treffen viel gesprochen. Worüber es keinen Konsens gibt, wird offen weiter diskutiert: »Indem wir die Unterschiede durchsichtig festhalten, verzichten wir darauf, dass eine Mehrheit einer Minderheit ihren Willen aufdrückt.« So steht es im Grundlagenpapier, so wird es gelebt. Regeln, entstanden aus Erfahrungen im praktischen Handeln, sind allgemeingültig und werden zuweilen auch persönlich ausgelegt – auch das wird toleriert.

Angela benennt als Wert, dass keine Weltbilder verordnet werden, alles kann nebeneinander bestehen: christlich, moslemisch, anarchistisch – was alle verbindet, ist die Idee der gegenseitigen Hilfe und des alternativen Umgangs mit Ressourcen. Das Wichtigste ist der Erhalt der Gemeinschaft mit ihrer Pluralität. Denn letztlich basiert die Zusammenarbeit auf den persönlichen Beziehungen. Jede Stimme gilt gleich.

Wir sind im gut sortierten Umsonstladen, zwei Stufen erhöht gibt es die sogenannte Bibliothek. Der offene Raum lädt zum Sitzen und Schmökern ein. Ein öffentliches Wohnzimmer. Gerade haben sich einige Aktive zum Thema Klimawandel getroffen. Zwei Kannen Tee stehen auf dem Tisch, alles im Patchwork-Ambiente vor dem großen Schaufenster mit selbstgemaltem Plakat. Man diskutiert ein Thesenpapier. Ein bestimmtes Ziel wird nicht verfolgt, der Austausch steht im Vordergrund. Fast nebenbei formen sich Ideen zu einem neuen Projekt: Tobias, der mit profundem Wissen aufwartet, wird von allen Seiten Unterstützung dafür zugesagt. Der Rest ist Eigenverantwortung und Handeln. So geht das hier.

Zukunftsaussichten
Die Strukturen innerhalb des Arbeitskreises verändern sich mit der Entwicklung einzelner Mitglieder: Inzwischen bleibt die meiste Arbeit nicht mehr vor allem am geistigen Vater Hilmar hängen. »Es ist zugegebenermaßen schwer, der Bequemlichkeit zu entkommen, dass da einer ist, der das Zepter schwingt«, gesteht Volker. »Wir sind es doch von Kindheit an gewohnt, dass andere für uns sprechen«, meint Ralf.

Auf die Frage nach der Perspektive des Vereins wird klar, dass die jetzige Mitgliederzahl sinnvoll und Wachstum eher hinderlich ist. Die Kommunikation zwischen Projekten, persönliche Beziehungen und der direkte Austausch würden leiden. Eher vorstellbar ist, dass in anderen Stadtteilen ähnliche Arbeitskreise entstehen, mit denen man sich gern vernetzt. Wachsen soll vielmehr die inhaltliche Arbeit. So viele Bereiche des menschlichen Lebens wie möglich sollen in den Arbeitskreis einfließen, bis die Beteiligten vielleicht einmal ganz ohne Erwerbsarbeit auskommen können. Möglichkeiten aber fehlen bei Wohnen, Transport und der Produktion von Lebensmitteln. Ein kleiner Garten neben dem Umsonstladen wird zwar gepflegt, bis zur Subsistenzwirtschaft ist der Weg aber noch weit. Derzeit wird über Kooperationen im Bereich Nahrungsmittel nachgedacht. Ein Projekt, dem sich der AK LÖK verbunden fühlt, ist der Karlshof bei Berlin, bekannt für seine »nicht-kommerzielle Landwirtschaft«. Dort versucht eine Initiative, die Dinge, die sie zum Leben braucht, in einem gemeinschaftlich organisierten Prozess direkt herzustellen und nach Bedarf zu verteilen. Aber Kartoffeln von einem Hof nahe Berlin zu holen, ist natürlich auch keine ideale Lösung. Die Brücke zwischen lokaler Stadt-Ökonomie und Selbstversorgung muss noch geschlagen werden; bewirtschaftbarer Raum in Städten ist wenig vorhanden. »Wir sind abgeschnitten von Produktionsmitteln«, sagt Hilmar.

Lernende Selbstorganisation
Das vorherrschende Problem im AK LÖK ist gegenwärtig die Frage, wie man die anstehende Mieterhöhung der SAGA (Hamburgs große Wohnungsgesellschaft) bewältigen soll und wo in der »Wachsenden Stadt« überhaupt noch Freiraum für bürgerschaftliches Engagement ist. Eine Lobby hat der AK LÖK bisher nicht.

Die Gruppe ist erfreulich undogmatisch: »Lasst uns eine flexible Taktik des kritischen Umgangs mit der Warenwelt entwickeln!« Und sie ist der eigenen Entwicklung gegenüber selbstkritisch eingestellt. »Umsonst ist nicht genug«, heißt eines ihrer Diskussionspapiere. Sie wollen nicht die sozialen Missstände stabilisieren helfen, wie es etwa durch Kleiderkammern und Suppenküchen geschieht. Hier geht es wirklich um eine lernende (Selbst-)Organisation, deren Ziel eine andere, von Kooperation geprägte Art des Zusammenlebens ist. Letztlich ist der AK LÖK in Hamburg auf dem besten Weg, den Übergang von der Konsumgesellschaft zur Nutzungsgemeinschaft als kleine Keimzelle praktisch vorzuleben – und das, obwohl er noch im Haifischbecken der Marktwirtschaft schwimmt.

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