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Zur Landwirtschaft gehören die Tiere

Die Frage ist: In welcher Zahl? Und wie werden sie gehalten?

von Wilfried Bommert , erschienen in 24/2014

Die derzeit zu beobachtenden Entwicklungen in der Tierhaltung und beim Fleischkonsum führen die Welt in den Abgrund. Wilfried Bommert berichtet von Züchtern, die dem Wahnsinn der Massentierhaltung Positivbeispiele entgegensetzen.

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Soviel vorweg: Eine Landwirtschaft wie die deutsche, die im Jahr 2012 ihre Tiere nur mit dem Einsatz von 1619 Tonnen Antibiotika aufziehen konnte, brauchen wir nicht! Nicht nur, weil sie die Resistenz von Erregern gegen Antibiotika fördert, sondern auch, weil sie die letzten Reserve-Antibiotika, die in kritischen Fällen Menschenleben retten könnten, unwirksam macht. Davor warnt nicht nur der Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung, Andreas Henkel. Auch die Politik ist aufgeschreckt und fordert eine Datenbank, die ab 2014 den Weg der Tiermedikamente sichtbar machen soll – vom Tierarzt bis in den Mastbetrieb. Die Datensammlung kann allzu freigebigen Antibiotikaeinsatz drosseln, aber sie ändert nichts an den Umständen, unter denen Tiere in der industriellen Landwirtschaft existieren müssen.
Wer schon einmal eine Schweine-, Hähnchen- oder Putenmastanlage von innen gesehen hat, der musste starke Nerven beweisen. Unter dem Schlagwort »Rationalisierung« wurden aus Ställen Produk­tionshallen, aus Tieren Produkte. Aus ihrem Leben wurde eine Mastperiode, und aus ihrem Futter ein Mix aus global zusammengekarrten Roh- und Abfallstoffen. Deutschland steht auf diesem Feld weit vorn. Die Fläche, von der die deutschen Mäster ihr Futter importieren, liegt bei 18 Millionen Hektar. Sie übersteigt damit die deutsche Ernährungsfläche um mehr als 3 Millionen Hektar. Seit dem Jahr 2000 stieg diese Offshore-Abhängigkeit um 38 Prozent.
 

Zeit für die Ernährungswende!
Und der Fleischverzehr wächst weiter. Bis 2030 könnte er auf 45 Kilogramm pro Erdenbürger und Jahr wachsen, schätzt die Welternährungsorganisation FAO. Um diesen Bedarf an Fleischmassen heranzumästen, müssten die Rinderherden um 390 Millionen, die Schaf- und Ziegenherden um 560 Millionen und die Zahl der Mastschweine um 190 Millionen Tiere wachsen. Mit den Herden wüchse freilich auch der Hunger der Mastfabriken. Von 330 Millionen Tonnen an Futter ist die Rede, und dafür müssten nach den Berechnungen der FAO zusätzlich 20 Prozent des Welt-Ackerlands geopfert werden. »Trog gegen ­Teller« heißt der Wettbewerb der Zukunft. Wie er ausgehen wird, ist schon entschieden, bevor er richtig beginnt: Die Fleischfraktion wird ihre Töpfe füllen, sie besitzt die größeren Portemonnaies. Wer weiß, dass Getreide in der Mast von Tieren ein äußerst schlechter Treibstoff ist – für ein Kilogramm Rindersteak müssen 10 Kilo Getreide und für ein Kilo Schweinsbraten rund 4 Kilo verfüttert werden –, der kann erahnen, wie viele Brotkörbe und Reisschalen in Zukunft leer bleiben werden. Wer dazu noch das Wasser in Betracht zieht, das in den durstigen Herden verschwindet – bei Rindfleisch rund 15 000 Liter pro Kilogramm –, wird endgültig überzeugt sein, dass wir uns eine solche Art von Tierhaltung in einer Welt, in der das Wasser knapp wird, nicht leisten können.
Nach der Energiewende wird eine Ernährungswende folgen müsse – eine Wende, die bis in die Rinder-, Schweine- und Hühnerställe geht. Die Landwirtschaft der Zukunft wird Tiere haben. Vieles spricht dafür, unsere Weidelandschaften, unsere Almen und Feucht­gebiete durch Beweidung zu erhalten. Rinder, Schweine und Hühner werden Landschaftspfleger und Resteverwerter in unserer Nahrungskette. Sie werden einen Teil des Nährstoffkreislaufs zwischen Acker und Stall schließen und die Fruchtbarkeit erhalten, wie schon bei unseren Vorvätern. Das ist keine Utopie, sondern schon längst Realität, wenn auch noch an wenigen Orten.
Zu den Vorreitern zählen nicht erst seit heute jene Bauern, die unter dem Demeter-Siegel arbeiten. Sie folgen der biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise, und zu der gehören zwingend Tiere. Wer sich dem Verband anschließen will, muss sich verpflichten, auf seinem Hof – artgerecht – Tiere zu halten. Rinder behalten ihre Hörner, Schweine ihre Schwänze und Hühner ihre Schnäbel, und alle leben mit genügend Raum und in Gruppen oder Herden, mit einem Vatertier, das für den Nachwuchs sorgt.
 

Vorreiter Demeter
Noch ist der Kreis der Bauernhöfe klein, auf denen die Tiere so leben. Im Jahr 2013 waren es in Deutschland rund 1200. Weltweit wirtschaften etwa 4500 Betriebe in rund 50 Ländern auf gut 142 000 Hektar nach den Demeter-Prinzipien, so auch auf dem »Gut Rheinau« im Kanton Zürich, dem größten Demeter-Betrieb der Schweiz. Eine Herde von 100 Kühen grast auf seinen Weiden. Bewirtschaftet wird das Gut von Martin Ott. Seine Kühe tragen, im Gegensatz zu den Rindern der konventionellen Kollegen, Hörner, und sie haben Platz – auch im Stall. Sie liegen nicht in engen Boxen und in gerader Linie, sondern in Gruppen, so wie es ihrer Natur als Herdentiere entspricht, erläutert Martin Ott, der seine Philosophie im Buch »Kühe verstehen. Eine neue Partnerschaft beginnt« niedergeschrieben hat. Seine Tiere sind in eine Fruchtfolge eingegliedert, die dafür sorgt, dass die Kühe auf allen Parzellen des Hofs mindestens einmal in elf Jahren weiden und dort mit ihren Fladen die Bodenfruchtbarkeit fördern.
Den Vorwurf, die Rinder verschärften mit ihren Abgasen das Klimaproblem, pariert Ott gelassen. Unterm Strich tragen Weidetiere zur Stabilität des Klimas bei, indem sie mit der Weide einen der größten Klimagasspeicher der Erde pflegen – wenn sie denn artgerecht gehalten und gefüttert werden. Vorgerechnet hat dies die Tierärztin Anita Idel in ihrem Buch »Die Kuh ist kein Klimakiller«. Bestätigt wird sie durch Untersuchungen, denen zufolge Humusgehalt und Bodenleben mit Tieren wesentlich besser gedeihen als ohne, ja, wie der Biologe Allan Savory herausgefunden hat, man kann mit Rindern sogar fast vertrocknete Savannen wiederbegrünen! (Ein sehenswerter englischsprachiger Videovortrag findet sich unter http://bit.ly/18hAjlC.) Darüber hinaus erhalten und schaffen die Tiere Vielfalt – etwa auf Magerwiesen und Feuchtstandorten, die wenig Ertrag bringen, aber viel Natur sichern.
Das kann Sonja Moor bestätigen, deren 80 Galloway-Rinder, Wasserbüffel und 50 Schafe die Brandenburger Kulturlandschaft in Hirschfelde vor den Toren Berlins auf ideale Weise in Schuss halten. Die Herden laufen ganzjährig im Freien, bei Unwetter finden sie in Unterständen Schutz. Silage oder Kraftfutter ist ihnen fremd; was sie fressen, wächst auf den Moor’schen Weiden.
 

Von der Herde auf den Herd
Die Führung der Rinderherde hat der neunjährige Leitbulle übernommen; fast nebenbei weist er die Halbwüchsigen mit den Hörnern in die Schranken, wenn diese allzu rüpelhaft auftreten. Aber das Leittier des Hofs ist er nicht, das ist Sonja Moor selbst. Sie sorgt für das Wohl der Tiere – nicht nur, wenn sie weiden, sondern auch, wenn sie am Ende ihres Lebens ihrer Bestimmung als Fleischrinder zugeführt werden. Auch dann achtet sie darauf, dass die Würde ihrer Tiere erhalten bleibt: »Mir war von Anfang an wichtig, dass unsere Tiere, die hier ein gutes Leben haben, zum Sterben nicht erst noch durch die Gegend gekarrt werden müssen.« Deshalb hat Sonja Moor für ihre Tiere anstelle des Transports zum Schlachthof den gezielten Schuss auf der Weide durchgesetzt. Die dort niedergestreckten Tiere bekommen besonderes Geleit: Ein Spezialwagen fährt sie zum örtlichen Metzger, der dann dafür sorgt, dass auch alle Teile des Rinds sinnvoll verwertet werden, nicht nur das Fleisch: Die Knochen werden zu dem von Restauratoren geschätzten Leim verkocht, die Haut wird zu Leder gegerbt. Auch die Hörner haben noch eine Aufgabe, sie werden zu Hornmehl gemahlen, das auf dem Hof die Bodenfruchtbarkeit stärkt. Auch Sonja Moor arbeitet nach den Richtlinien des Demeter Verbands. (Ihr Hof war bereits Gegenstand einer Reportage in Oya, Ausgabe 6.)
Auch für den ehemaligen Metzgermeister und Unternehmer Karl Ludwig Schweisfurth kann es eine Landwirtschaft ohne Tier nicht geben. Auf seinem Hof geht es um das Zusammenleben und um das gegenseitige Geben und Nehmen, um die Symbiose zwischen Tieren, Pflanzen und Boden. Sein Konzept, das er »Symbiotische Landwirtschaft« nennt, erklärt er am Zusammenleben von Huhn und Schwein auf seinem Hof: Die Schweine gehören zur alten Rasse der Schwäbisch-Hallischen; sie lieben es, auf der Suche nach Würmern und Wurzeln den Acker umzugraben. Von ihrem Wühlen profitieren die Hühner, die im aufgepflügten Boden Larven und Käfer finden. Die Hühner revanchieren sich bei den Schweinen, indem sie ihnen die Parasiten aus den Borsten picken und lästige Fliegen vom Leib halten. Symbiotisch ist auch das Verhältnis zwischen Tieren und Weide-Äckern. Letztere werden so bestellt, dass für die Tiere immer der Tisch gedeckt ist. Die Tiere wiederum hinterlassen ihren Dung und halten auf diese Weise den Boden dauerhaft fruchtbar.
Die Tiere in Karl Ludwig Schweisfurths symbiotischer Landwirtschaft leben in einer Art Wanderzirkus. Sie wandern von einer Koppel zur anderen, ernten und düngen und bereiten das Saatbett für die nächste Bestellung. Mit ihnen wandern die Hütten, in denen sie schlafen, die Futterkisten und Tränken, die deshalb auch nicht fest im Boden verankert sind, sondern wie Schlitten auf Kufen stehen. Wenn eine Parzelle durchgewühlt ist, zieht die ganze Belegschaft zur nächsten.
 

Schlachtfeste wiederbeleben
Auch auf diesem Hof ist das Ende der Tiere wohl bedacht – ein hofeigenes »Schlachtfesthaus« ist ihre letzte Lebensstation. Schweisfurth erläutert, wie und was dort geschieht: »Wenn ich töte, dann muss ich das achtsam tun, mit Respekt vor der Würde des Tiers. Kein Schrei ist zu hören.« Das Schlachtfesthaus ist mit einer Warmfleisch-Metzgerei ausgerüstet und besitzt einen Verkaufsraum, in dem auf zeitgemäße Art der Brauch des Schlachtfests wieder­belebt wird.
Die symbiotische Landwirtschaft sei ein Modell für Kleinbauern mit wenig Land und viel Wissen über landwirtschaftliche Traditionen und Tierhaltung. In seinem Buch »Tierisch gut!« und dem Bildband »Schlachten?« präsentiert Schweisfurth sein Konzept. Er stellt seinen Hof als Labor für die Wissenschaft zur Verfügung, um herauszufinden, wie die Symbiose zwischen Tieren, Pflanzen, Boden und Menschen noch besser zu gestalten sei.
Die Beispiele lassen erahnen, wie eine zukünftige Landwirtschaft mit Tieren aussehen könnte. Sie geben auf die Frage »Brauchen wir eine Landwirtschaft mit Tieren?« eine eindeutige Antwort: »Ja, wenn sie in Achtung und Respekt als ­Geschöpfe gehalten werden!« •

Wilfried Bommert (63) studierte Agrarwissenschaften. Seit 1979 arbeitet er als Fachjournalist beim WDR. Zur Zeit widmet er sich dem Aufbau eines Berliner Instituts, das sich für die Sicherung der Welternährung einsetzt. Für sein Engagement erhielt er von der »Kluge Stiftung« der Universität Köln den »Human Award 2012«.

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