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Stromloser Haushalt

Von der Flotten Lotte bis zum Solarkocher: Stromfrei kochen muss keine Plackerei sein.

von Roswitha Mitulla , erschienen in 24/2014

Die wichtigste Technik ist die der Nahrungszubereitung. Wieviel Industrie brauchen wir für sie?

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Die Nachkriegszeit und das Wirtschaftswunder ließen einen Traum in Erfüllung gehen: Heinzelmännchen, der Sage nach von des neugierigen Schneiders Weib vertrieben, kamen in die Haushalte zurück – in der Gestalt von Waschmaschinen, Kühlschränken, Staubsaugern und zahlreichen Kleingeräten, die im Nu erledigten, wofür zuvor viel Zeit und Kraft gebraucht wurde.
Seitdem sind Designer nicht müde geworden, immer neue, hochtechnisierte Spielzeuge für die Küche zu entwickeln. Oft wird vergessen, dass deren Herstellung wertvolle Rohstoffe, Energie und Wasser in großen Mengen benötigt. Gehen sie kaputt, kann man sie meist nicht reparieren.
Bei der Frage, ob es Geräte gibt, die durch Produktion, Gebrauch und Entsorgung nicht zerstörerisch auf den Planeten Erde wirken, lohnt sich ein Blick in die Zeit vor der elektrischen Aufrüstung. Es gab damals viele Dinge, die keinen Strom benötigten und trotzdem nützlich waren. Manches davon ist heute immer noch im Handel. Anderes wird auf Flohmärkten oder in Vintage-Börsen im Internet angeboten.
 

Renaissance der Klassiker
Ein Klassiker ist der Handquirl mit Kurbel. Er soll von den Amish-People in Pennsylvanien entwickelt worden sein. Die ersten Modelle waren aus Eisenblech, hatten nur einen Quirl und oben einen Holzgriff. Die Kurbel saß direkt am Zahnrad. Durch Drehen mit der Hand wurde vom großen ein kleines Zahnrad angetrieben, das den Quirl in Bewegung setzte. Später kam ein zweiter Quirl hinzu, der Griff wanderte an die Seite, und die Kurbel wurde griffiger. Nach ein paar Minuten gleichmäßigen Kurbelns mit dem lustigen Gerät entsteht eine feste Schlagsahne. Ideal ist der Quirl auch für Eischnee.
Noch einfacher geht das Quirlen mit dem Rührfix, der früher fast in jedem Haushalt anzutreffen war. Das Original wurde 1934 erfunden. Es bestand aus einem Glasbehälter mit einem Aufsatz aus Bakelit – dem ersten Kunststoff aus der industriellen Fertigung – und einer Metallkurbel. Ein Planetengetriebe im Deckel setzt die Kraft auf die doppelarmigen Metall-Quirle um. Später war das Gerät ganz aus Kunststoff. Es kam vor allem bei sensibleren Arbeiten, wie dem Anrühren von Mayonnaise, zum Einsatz. Durch eine Öffnung im Deckel konnte tröpfchenweise das Öl zugegeben werden. Zum Zerkleinern, für Smoothies und Salatsaucen gibt es ein entsprechendes Gerät mit einem Zugmechanismus.
Sobald Produkte aus Hightech-Kunststoffen in die Küche kommen, stellt sich die Frage, ob sie den Hormonhaushalt schädigende Weichmacher und weitere Schadstoffe enthalten. Viele gesundheits- und umweltbewusste Menschen sind deshalb dazu übergegangen, für Lebensmittel lieber Glasbehälter zu verwenden. Darüber sollten gerade Rohköstler und andere Veganer nachdenken. Wenn Smoothies, Salate und anderes »Super-Food«, oft aus exotischen Früchten von weither transportiert, in Hochleistungsmixern aus Edelstahl und Kunststoff, elektrischen Saftpressen und stromfressenden Dörr­apparaten hergestellt und in Plastikbehältern aufbewahrt werden, ist das ökologisch kaum sinnvoll. Eine handbetriebene Saftpresse als Alternative gibt es bereits, und Gemüse kann man mit der Hand reiben. Die Auswahl an stromlosen Küchenhelfern, um heimische Früchte und Gemüse kleinzukriegen, ist groß. Es gibt Nuss- und Mandelmühlen, Kartoffelpressen, Kartoffelstampfer, Gewürzmühlen, Reibscheiben aus Metall und Kunststoff oder die altmodischen Apfelreiben aus Glas, Zwiebelhacker, Fleischwolf, Schneebesen, Aufschäumer für Kaffeemilch oder Parmesanreiben. Alle diese Geräte benötigen null Watt, um ihre Dienste zu tun.
Von der Kochwelt wiederentdeckt wird gerade ein einfaches Instrument, das einen bezaubernden Namen hat und den elektrischen Passierstab oder Mixer ersetzen kann. Die Passier- und Gemüsemühle heißt »Flotte Lotte« und wird in Deutschland seit den 1950er Jahren in unterschiedlichen Variationen hergestellt. Das französische Original von 1931 hieß erst »Moulin-Légumes«, dann »Légumex«. Es war aus Blech, hatte den berühmten roten Holzknopf an der Kurbel und drei bewegliche Füße, die an unterschiedliche Topf- und Schüsselgrößen angepasst werden konnten.
Eine Renaissance erlebt auch der Mörser. Italienische und französische Köchinnen und Köche könnten eine Lobrede auf das einfachste und wohl älteste Küchengerät halten, das es seit der Steinzeit in allen Kulturen gibt. In Norditalien wird damit der Pesto und Frankreich der Pistou hergestellt. Aus Olivenöl, Pinienkernen, Knoblauch, Basilikum und Parmesan die beliebte grüne Sauce für Nudeln, getoastetes Brot oder Gemüsesuppe, die Soupe au pistou, zu rühren und zu reiben, ist Meditation und »Slow Food« im wahren Wortsinn. Will man regionale Zutaten verwenden, nimmt man frische Kräuter nach Wahl, gemahlene Mandeln oder Nüsse, Sonnenblumenöl und einen würzigen Käse.
Bleibt die Frage, welche Materialien bei Haushaltsgeräten den Ansprüchen an Ökologie, ethische Produktion und Nachhaltigkeit am ehesten gerecht werden. Rostfreier Edelstahl, der 1912 patentiert wurde, habe eine sehr gute Ökobilanz, sagt der Warenzeichenverband »Edelstahl Rostfrei«. Die Herstellung sei im Vergleich zu anderen Werkstoffen ressourcenschonender, weil weniger Energie benötigt werde und das Material aus bis zu 80 Prozent legiertem Schrott erschmolzen würde. Außerdem sei es voll recyclingfähig. Dazu müssen Altgeräte aber in den Wiederverwertungskreislauf gelangen. Viele Städte haben schon Sammelstellen eingerichtet. Laut TU Berlin ist die Industrie in Zukunft auf Recyc­lingmaterial angewiesen, denn beispielsweise Chrom, eines der Hauptbestandteile von Edelstahl, sei in noch geringerer Menge vorhanden als Erdöl, der bislang wichtigste Ausgangsstoff für Plastik. Auch bei Kunststoffen wird zu Alternativen geforscht – mit sinnvollen Ansätzen wie dem Cradle-to-Cradle-Prinzip (siehe Seite 38) ebenso wie mit abstrusen Ideen. So bastelt man in Österreich mit tierischen Fetten und Abfällen aus Schlachthöfen herum, um einen Kunststoff zu gewinnen. Es wäre eine wichtige Aufgabe für unabhängige Forschungsinstitute, aber auch für offene Werkstätten, aus regional ökologisch angebauten Ausgangsmaterialien neue Stoffe und Produkte zu entwickeln, die keine Belastung für den Planeten Erde darstellen.
 

Kochkisten, Solarkocher, Erdkeller
Aber selbst wenn wir viele stromlose Haushaltsgeräte verwenden – der Stromverbrauch von Kühlschränken und Elektroherden bleibt enorm. Einsparungen könnte eine Methode bringen, die Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt wurde, als man den Herd mit Gas oder Kohle befeuerte. Es war die Kochkiste, die Familien helfen sollte, mit weniger Brennmaterial auszukommen. Die Frauen kochten Gerichte kurz an und steckten den Topf dann in einen wärmedämmenden Behälter. In den nächsten Stunden garten die Speisen weiter. Meist nutzten sie selbstgebaute Holzkisten, ausgelegt mit Papier, Stroh oder Heu. Beliebt war auch, den in Decken gehüllten Topf unter die Bettdecke zu stellen und Getreide wie Reis in der Kuschelwärme ausquellen zu lassen.
Marke Eigenbau kann auch der Solar­kocher sein, der sich mit geringem Zeit- und Geldaufwand herstellen lässt. Topf, Pfanne oder Kuchenform stehen entweder im Brennpunkt eines Parabolspiegels oder in einer Kiste mit reflektierenden Flächen. Die Kehrseite der Medaille ist, dass für die Bündelung der Sonnenenergie Aluminium notwendig ist. Wer einen eigenen Garten hat, kann in der warmen Jahreszeit noch einfacher kochen, nämlich auf einem offenen Holzfeuer.
Auch wenn es viele nicht glauben mögen: Ein Leben ohne Kühlschrank ist möglich! Obst und Gemüse müssen gar nicht gekühlt werden, Salate bleiben in einem feuchten Tuch ein bis zwei Tage knackig frisch. Im Winter kann manches auf Balkon oder auf Terrasse stehen. Butter hält sich und bekommt eine ideale streichfähige Konsistenz in einem Behälter aus Ton oder Keramik, der mit Wasser gefüllt ist. Im eigenen Garten ist eine Miete für Wurzelgemüse oder ein Erdkeller ein idealer Kühlschrank von Mutter Natur. Zum Bau solcher Keller gibt es moderne Varianten aus Hightech-Materialien, es geht aber auch mit Naturstoffen. Das Grundstück sollte idea­lerweise einen Hang haben, sonst muss aufwendiger geplant werden. In kleinen Gärten oder an der Terrasse kann sogar aus einer alten Waschmaschinentrommel mit Sand ein Kühlschrank werden. Eine Tiefkühltruhe muss man ebenfalls nicht haben. Gemüse und Früchte lassen sich durch Trocknen oder Einkochen haltbar machen. Aus geraspeltem Spitzkohl oder Weißkraut wird gesundes Sauerkraut, grüne Bohnen, Karotten oder Rote Bete schmecken sehr gut, wenn sie milchsauer vergoren sind.
Was früher von Großmüttern, Müttern, Kindern und Enkelkindern in fröhlicher Runde erledigt wurde, tun Hausfrauen oder Hausmänner heute meist alleine. Wen das langweilt, der lädt sich Freunde ein. Sie können Zutaten mitbringen und am Ende Gläser mit den konservierten Leckereien mitnehmen. Und warum nicht mit Nachbarn die notwendigen Gerätschaften für das Einmachen gemeinsam anschaffen? Denn das macht Spaß und ist ökologisch sinnvoll: gemeinschaftlich zu Heinzelfrauchen und Heinzelmännchen zu werden! •

Roswitha Mitulla (61) ist seit 1971 Journalistin und Buchautorin in Augsburg. Sie schreibt und fotografiert als freie Mitarbeiterin für verschiedene Zeitungen, Vereine und Verbände.

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