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Die Geschichte der Überraschungen ist nicht zu Ende

Andrea Vetter sprach mit dem Historiker Joachim Radkau über die gewundenen Pfade der Technikentwicklung.

von Andrea Vetter , Joachim Radkau , erschienen in 24/2014

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Herr Radkau, Sie haben das Standardwerk zur weltweiten Ökobewegung, »Die Ära der Ökologie«, geschrieben. Lassen Sie uns über die Geschichte der Technik innerhalb dieser Bewegung sprechen. Sind Ökos technikfeindlich?

Man sollte die Ökobewegung nicht mit der älteren, teils rückwärtsgewandten Natur­romantik in einen Topf werfen! Das Neue an der Ökobewegung war ja gerade das Inte­resse an Technik, die Neugier auf technische Alternativen – dass Technik als politischer Entscheidungs- und Gestaltungsspielraum begriffen wird. Davor kam sich die Politik in Sachen Technik eher als Vollzieher vermeintlicher Sachzwänge vor. Aber gerade die Kernkraftkontroverse hat Technik als politischen und gesellschaftlichen Entscheidungsraum sichtbar gemacht.

War Technik nicht immer ein gesellschaftlich umstrittener Raum? Ich denke daran, wie die großen Infrastrukturprojekte im 18. und 19. Jahrhundert oft gegen große Widerstände aus der Bevölkerung durchgesetzt wurden.

Vielleicht zunächst ein Wort zum Begriff »Technik«: Erst nach 1900 wurde es gebräuchlich, über das Abstraktum »die Technik« zu sprechen. Davor sprach man eigentlich noch über konkretere einzelne Techniken. Es hat auch so seine Tücken, zu abstrakt über die Technik zu sprechen, womit wir dann alles meinen – von der Kernkraft bis zum modernen Zahnarztbohrer. Aber freilich gab es zu solchen Fragen schon frühe Kontroversen.
Im 19. Jahrhundert entbrannte etwa eine große, europaweite ­Debatte über die Kanalisation, über die Wasser­ent­sorgungssy­steme – eine sehr interessante Diskussion, in der auch schon ökologische Argumente eine Rolle spielten. Justus Liebig, der Chemie-Papst des 19. Jahrhunderts, schimpfte wie ein Rohrspatz über die Mischkanalisation. Er klagte darüber, wie sie die Fäkalien wegschwemme, den Kreislauf der Natur unterbreche, so dass unsere Äcker ihre Nährstoffe verlören. In der Vergangenheit hat es also durchaus auch große Diskussionen gegeben, die dann wieder in Vergessenheit geraten sind.

Daran wird heute mit Forschungen zu Terra Preta wieder angeknüpft. Ich finde es bemerkenswert, wie prägend bestimmte Pfadabhängigkeiten sind, also die Tatsache, dass aus einer einmal getroffenen Entscheidung – wie derjenigen für den Verbrennungsmotor zu Beginn der Auto­mobilisierung – nur sehr schwierig wieder veränderbare infra­strukturelle Abhängigkeiten entstehen. Könnten wir beispielsweise die Art unserer Kanalisation überhaupt noch einmal verändern?

Die Pfadabhängigkeit der Technik ist mit unseren großen Infrastruktursystemen zum Thema Nummer eins geworden. Zum Beispiel im Verkehrswesen: Theoretisch könnten wir uns viele Alternativen ausdenken, aber von den bisherigen Straßennetzen wegzukommen, ist eben gar nicht so einfach. Will man das Verkehrssystem ändern, ist es sicherlich sinnvoller, nicht utopischerweise die totale Fahrradisierung zu fordern, sondern praktikable Konzepte mit einer Kombination aus öffentlichem Personennahverkehr, Leihrädern und Radwegen – erst dann wird es der Autolobby mulmig. Das Auto in Bausch und Bogen zu verurteilen, ist oft nur Sprücheklopferei.

Aber die Zeit drängt doch, bestimmte Dinge umzustellen und weniger CO2 zu emittieren. Andererseits lassen sich bestimmte ­Pfadabhängigkeiten eben nicht sofort ändern, sondern erst über Jahrzehnte oder vielleicht sogar Jahrhunderte. Wie entkommen wir aus diesem Zwiespalt?

Wenn so akuter Katastrophenalarm geschlagen wird, wie es manche Klima-Alarmisten tun, helfen eigentlich nur haarsträubend größenwahnsinnige Lösungen wie der Ausbau der Kernkraft im großen Stil – die Atomlobby hat beim Klimaalarm gejubelt, oder fixe Ideen: die Weltmeere zu düngen, Schwefeldioxid in die Stratosphäre zu pusten oder Bioenergie extrem zu fördern – egal, ob ein Teil der Menschheit verhungert. Das wäre ein ziemlicher Horror. Schauen Sie, was für Murks bei Biosprit gemacht wurde, wie sich deshalb die Maisfelder ausbreiten!
Es gibt noch so viele offene Fragen. Beispielsweise sind die Speichertechniken noch nicht ausgereift. Was ist mit Geothermie, mit Desertec, mit dezentraler Windkraft? Wenn man da zu überstürzt herangeht, droht daran die ganze Umweltbewegung zu zerbrechen. Schon jetzt hegen Natur- und Landschaftsschützer Zorn über Windparks und Biogasanlagen. Deshalb halte ich einen zu heftigen Klimaalarm für kontraproduktiv.

Wenn wir hinsichtlich der Energiewende auf die Geschichte blicken: Ist es überhaupt realistisch, dass die heutigen Energieträger wie Öl oder Atomkraft eins zu eins durch alternative Energien ersetzt werden können? Der Energieertrag der Alternativen ist ja viel geringer. Im Übergang vom Holz zur Kohle war das genau umgekehrt. Verlangt ein Übergang zu den erneuerbaren Energien nicht auch ein anderes Wirtschaftsmodell?

Ich bin überzeugt davon, dass die Energiewende keine Chance hat, wenn nicht zugleich Energiespar-Strategien entwickelt werden. Zwischen dem, was in Science-­Fiction-Visionen vorstellbar ist, und dem, was in näherer Zukunft realisiert werden kann, besteht eine riesige Diskrepanz.
Ich hinterfrage die These, dass der Übergang zur Kohle aus einer Holzknappheit resultierte: Meiner Ansicht nach war es eher eine ­institutionelle als eine ökologische Krise. Die alten Institutionen, die die Holzverteilung regelten, funktionierten immer schlechter, und mit dem Holzverknappungsalarm ließen sich Innovationen propagieren, Rechte verteidigen, bestehen­de Rechte angreifen – das war eine Vielzweckwaffe. Selbstverständlich heißt das nicht, dass die Situation der Ressource Holz nicht wirklich manchmal bedenklich war. Auf ­jeden Fall wäre der Fortgang dieser industriellen Revolution mit Holz so nicht möglich gewesen.
Das Potenzial der erneuerbaren Energien scheint mir viel größer zu sein, als noch vor einigen Jahrzehnten gedacht. Schon in den 70er und 80er Jahren gehörte es in der Ökoszene zum guten Ton, sich zu alternativen Energieträgern zu bekennen, aber wirklich daran zu glauben, war doch sehr schwer. Mittlerweile sind sie zu einer realistischen Alternative geworden.

Aber sind dadurch nicht Energiesparstrategien in Vergessenheit geraten? Ich meine diese Stimmen aus der Ökobewegung, die sagen, es müssten sich noch ganz andere Dinge jenseits des Energieträgers ändern?

Da wird immer von verschiedenen Seiten darüber geschimpft, die jeweils andere Seite werde vergessen – aber das zeigt eigentlich nur, wie sehr das alternative Milieu noch immer in bestimmte Szenen zerfällt. Jede Szene ist selbstverliebt auf ihre Pfade fixiert. Eigentlich bräuchte es viel mehr Kooperation. Keine Frage: Mit Energiesparstrategien lässt sich kurz- und mittelfristig viel mehr erreichen als mit einem bloßen Wechsel der Energieträger. Bis in die 1970er Jahre wurde geglaubt, das Energiesparpotenzial sei ausgereizt – und es ist dann zu einer überraschenden Erfahrung geworden, welche riesigen Potenziale es hier noch gibt. Vor allem die Elektronik hat Energiespar­regeltechniken und dezentrale Energieerzeugungsformen ermöglicht, die vor 40 Jahren noch gar nicht vorstellbar waren.
Die Geschichte der Elektronik zeigt eben auch, dass das eine Geschichte der Überraschungen ist – es ist unglaublich, welche Fehlprognosen dazu in den 50er und 60er Jahren gemacht worden sind. Die Miniaturisierung der Computertechnik hat kaum jemand vorhergesehen. Diese Geschichte der Überraschungen ist heute sicherlich noch nicht zu Ende.

Real steigt doch der Energiebedarf auch der postmodernen Industrienationen seither immer noch weiter an. Die neue elektronische Infrastruktur verschlingt neue Ressourcen …

Auch die elektronische Revolution hat ihre Tücken. Es wurde mit dem Aufkommen der E-Mail zum Beispiel progonostiziert, dass der Papierbedarf rapide sinken würde. Wenn man aber heute durch eine Universität geht, wird sichtbar, dass genau das Gegenteil der Fall ist.

Lässt sich denn aus der Geschichte lernen? Wie kam es etwa zu den großen Infrastrukturentscheidungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts – zu Kanalisation, Eisenbahn, Telegrafendrähten und Elektrifizierung? Wer hat entschieden? Sollten die Konstellationen der Akteure heute so anders sein, dass wir das nicht vergleichen können?

Schwer zu sagen. Damals hat es keinen Entscheidungsprozess intelligenter, hochkompetenter Menschen in einem Gremium gegeben. Da haben viele Interessen zusammengewirkt: Zum Beispiel waren es bei Wasserklosetts sicherlich zuerst die besitzenden Schichten, die einfach keinen Gestank mehr haben wollten – weder in der eigenen Wohnung noch im Flur, Hauptsache: Weg damit! Die Entscheidung für die Mischkanalisation ist nicht nur eine rationale Expertenentscheidung gewesen.
Im Bericht des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) werden die neolithische Revolution – die Durchsetzung des Ackerbaus – und die industrielle Revolution – oft auch als »Große Transformation« bezeichnet – zu dem, was wir heute bewältigen müssen, in Analogie gesetzt. Über diese historischen Analogien kann ich nur lachen, denn die neolithische Revolution kam ja nicht dadurch zustande, dass es eine Konferenz intelligenter Experten gegeben hätte, und daraufhin der Ackerbau durchgesetzt worden wäre. Abgesehen davon, dass »Revolution« nur eine Metapher ist, war die Entstehung des Ackerbaus ein schwer zu rekonstruierender Prozess über Jahrtausende. Auch die industrielle Revolution hat sich nicht durch eine internationale Konferenz vollzogen. Andererseits könnte ein gewisses historisches Analogiedenken tatsächlich aufklärend wirken, wenn man die reale neolithische Revolution nimmt und sieht, dass es manchmal etwas bewirkt, wenn bestimmte kleine Welten vorpreschen und andere dann denken: »Toll, das ist ja was!«.

Ich bin gespannt, welche Technik eine ­gemeinwohl- und gemeingüterbezogene Wirtschaft hervorbringen wird. Wird sie auch eine so große Anziehungskraft wie einst der Ackerbau entwickeln? Herr Radkau, herzlichen Dank für das Gespräch. •

Joachim Radkau (70) forscht als Historiker zu den Themen Technik- und Umweltgeschichte. Für sein Lebenswerk erhielt er im Jahr 2012 den UmweltMedienpreis der Deutschen Umwelthilfe.

Mit Radkau in die Umweltgeschichte eintauchen:
Die Ära der Ökologie. Eine Weltgeschichte. Beck, 2011 • Holz. Wie ein Naturstoff Geschichte schreibt. Oekom, 2007 • Max Weber. Die Leidenschaft des Denkens. Hanser, 2005

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