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Hammerharte Sache

Ein Besuch in der Werkzeugschmiede Krenzer im Ruhrgebiet.

von Elena Ball , erschienen in 24/2014

Wir freuen uns über Tomaten aus dem Garten – und bearbeiten den Boden mit einer Hacke aus dem Baumarkt. Doch selbst ein regional hergestelltes Eisenwerkzeug ist heute Teil der globalisierten Industrie.

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An einem neblig-kalten Herbstmorgen fahre ich das Ennepetal entlang auf dem Weg zur Peddenöde, einer Lichtung am Ende des langgestreckten Tals. Dort liegt am Fluss Ennepe, eingerahmt von bewaldeten Hügeln, der »Krenzer Hammer«. In dieser Freiformschmiede stellt Wilfried Krenzer heute noch Hämmer, Äxte, Sensen und Brechstangen mit Maschinen her, die 1914 gebaut wurden. Der gelernte Elektriker und Graveur hat nie eine formale Ausbildung zum Schmied absolviert. Er wuchs in die Arbeit hinein, denn bereits sein Vater übte hier das Schmiedehandwerk aus, ebenso wie der Großvater und der Urgroßvater.


Im Inneren des rotbraunen, hohen Backsteinbaus rattert, zischt und knallt es. Wilfried Krenzer stanzt in einen rot-orange-glühenden Eisenblock, so groß wie sechs übereinandergestapelte Tafeln Schokolade, ein Loch. Das tut er mit einer Leichtigkeit, als ob er in Kuchenteig drücken würde, denn in der Esse, dem ölbeheizten Ofen, wurde das Eisen auf über 1000 Grad erhitzt und dadurch teigig weich. Am Fallhammer, von drei Keilriemen mit lautem Getöse angetrieben, wird das Eisen etwas flacher gehauen. Dann lässt sich der Schmied auf einem von der Decke hängenden Stuhl vor dem Amboss nieder und gibt dem Eisenblock am Lufthammer seine endgültige Form. Mit Hilfe von Luftdruck bewegt sich der »Bär« genannte Fallblock schnaufend nach oben und fällt auf das Eisen nieder, wenn Wilfried Krenzer seinen Fuß von dem Steuerpedal nimmt. Die Umrisse eines soliden Hammerkopfs werden erkennbar. Noch einmal wird danach jede seiner Seiten mit dem vorher schon genutzten Fallhammer bearbeitet, bevor er zum Aushärten in kaltem Wasser landet.

Der vergessene Wert der Langlebigkeit
Als er mich durch die Halle führt, erklärt Wilfried Krenzer, wie die verschiedenen Hammerarten entwickelt wurden, um das Schmieden zu vereinfachen: Zunächst, vor 1000 Jahren etwa, ließen die Schmiede schwere Hämmer mit der Kraft ihrer Arme auf das Metall sausen. Bald kam jemand auf den Gedanken, ein Loch durch den Hammerstiel zu bohren, so dass er, von der Decke herabhängend, nur noch mit verringertem Kraftaufwand heruntergedrückt werden musste. Dann wurde über eine Welle ein Wasserrad als Antrieb angebracht, das den Hammer gleichmäßig hinauf und hin­unter bewegte – die Schwanzhämmer waren erfunden. Mit diesen arbeitete Wilfried Krenzers Urgroßvater.
Vor etwa 100 Jahren schließlich kam es zur Entwicklung des Lufthammers – heute das wichtigste Werkzeug für die Präzisionsarbeit in der Krenzer-Schmiede. Er wurde vor 60 Jahren gebaut und seitdem nicht erneuert. Das ist eine lange Zeitspanne in unserer schnelllebigen Gesellschaft, in der im Zwei-Jahres-Rhythmus alle möglichen technischen Geräte erscheinen und veralten – mit der bekannten Folge eines ungeheuren Ressourcenverbrauchs.
Sich hier in der Werkstatt mit soliden, langlebigen Werkzeugen zu befassen, ist ein angenehmer Perspektivwechsel. Ich besinne mich darauf, was ich als wirklich wesentlich für ein gutes Leben empfinde. Solides Werkzeug aus Metall gehört auf jeden Fall dazu. Wir nutzen es ständig, ohne uns Gedanken zu machen, woher es kommt. Könnten nicht Menschen, die einen Gemeinschaftsgarten ins Leben rufen, ihre Gartenwerkzeuge aus einer Manufaktur in der Region erwerben, anstatt sie im Baumarkt zu kaufen, wo sie wohl mehrheitlich aus Fabriken in China oder Taiwan stammen? Welche Ökobilanz hat ein Hammer von Krenzer, welche ein Billighammer aus Fernost? Was müsste man tun, um eine Schmiede so ökologisch zu betreiben wie einen Gemeinschaftsgarten? Zumindest müsste das Eisen mit Hilfe erneuerbarer Energien zum Glühen gebracht werden. Eisen zu schmelzen, war schon immer ressourcenintensiv. Den frühen Hütten fielen im Ruhrgebiet schon vor der Verwendung von Braunkohle große Wälder zum Opfer.

Eine tausendjährige Tradition
An den Wänden des Ziegelhauses sind noch die ältesten Fundamente zu erkennen, die bis zum 30-jährigen Krieg zurückdatieren, als hier bereits eine Schmiede stand. Wilfried Krenzer erinnert an die Anfänge des Schmiedehandwerks in der Peddenöde vor mehr als 1000 Jahren, als Eisen so wertvoll war wie heute Gold. Aus jener Zeit rührt das Sprichwort vom glückbringenden Hufeisen, denn wer ein Hufeisen fand, hatte wirklich Geld! Er konnte es teuer an die Schmiede verkaufen, die es wieder einschmolzen.
»Hier im Tal wurde das Roheisen verhüttet, und daraus wurden landwirtschaftliche Geräte, wie Sensen und Sicheln, für die Leute in der Soester Börde oder in der Kölner Bucht hergestellt«, erfahre ich. »Es wurde dorthin getragen – auf dem Rücken! Die Gegend war sehr arm; die Menschen nahmen diese schwere Arbeit auf sich, damit sie etwas zu essen hatten.«
Der Ertrag der kargen Böden ringsum genügte nicht, um von der Landwirtschaft zu leben. Daher begannen die Menschen im Ennepetal schon früh, Bäume zu fällen, Holzkohle herzustellen und Eisen zu produzieren. Auch das vor der Nutzung von Strom immer notwendige Wasser für den Antrieb der Hämmer war vorhanden – die Ennepe fließt direkt an den Häusern des Örtchens vorbei. Vor dem Wohnhaus bildet sie einen Stausee, von dessen Abfluss noch heute die Turbine angetrieben wird, die zusätzlich zum Strom die Schwungräder in der Schmiede über eine Welle in Gang setzt.
Mich fasziniert, welch lange Tradition hier lebendig ist. Der Verwandlungsprozess vom heißen, hellglühenden Eisen zu einem harten Hammer hat mich auf eine seltsame Weise in seinen Bann geschlagen. Der weißhaarige Mann vor mir bestätigt: »Diejenigen, die schmieden konnten, das waren besondere Leute; das konnte nicht jeder. Diese Arbeit war von Mystik umgeben: Es war dunkel in der Werkstatt; der Schmied veränderte hartes Material, arbeitete mit Feuer …«
Zwar mag die Magie des Schmiedens ungebrochen sein, das Handwerk jedoch ist im Niedergang begriffen. Heute gibt es noch Metallbauer und Hufschmiede, doch eine Ausbildung zum Schmied existiert nicht mehr – das heißt, es gibt dazu keinen gesetzlichen Rahmen. Die Herstellung von Metallwerkzeug geschieht kaum noch in Manufakturen, sondern in großen Fabriken. Der »Krenzer Hammer« ist der einzige seiner Art in Deutschland, doch die ­Nischenprodukte in Stückzahlen von fünf Meißeln für Steinmetze bis zu 500 Brechstangen für ein großes Unternehmen werden in ganz Europa ausgeliefert. Um Bestellung und Versand kümmert sich Wilfried Krenzer mittlerweile alleine. Früher hatte er bis zu zehn Angestellte, doch jetzt kann er nur noch von Zeit zu Zeit zwei Aushilfen beschäftigen, wenn ein größerer Auftrag bearbeitet wird.
Um das Wissen zu bewahren, das hier seit vier Generationen weitergegeben wird, und die denkmalgeschützten Gebäude zu erhalten, hat seine Frau Ehrengard vor zehn Jahren einen Förderverein gegründet. In der von einem Ofen erwärmten Wohnstube kann ich einem der regelmäßigen Treffen beiwohnen.

Kreativität erhält Kulturgüter
Im Jahr 2000 stand die Schmiede vor dem Aus: Über 15 Jahre war die Nachfrage nach den qualitativ hochwertigen, doch etwas teureren Krenzer-Werkzeugen aufgrund der wachsenden Billig-Konkurrenz aus asiatischen Unternehmen stetig gesunken. Freunde und Bekannte wollten mithelfen, das alte Handwerk weiterhin erlebbar zu machen. Da Banken wegen mangelnder Wirtschaftlichkeit eines solchen Betriebs keine Darlehen vergaben, wurde aus privaten Mitteln das Dach der Schmiede denkmalgerecht renoviert. Die Menschen im Förderverein sind mit viel Herzblut bei der Sache. Heute sprechen sie über die Gewährung von Fördergeldern für die Sanierung des ursprünglichen Wehrs an der Schmiede und über die Vorbereitungen für die 100-Jahr-Feier im Mai nächsten Jahres. Sie organisieren auch ein jährliches Schmiedefest und erstellen einen Kalender mit Bildern rund um die Schmiede. Zudem haben sie ein Projekt initiiert, bei dem sich alte Menschen aus dem Ennepetal mit jungen und jüngeren treffen und Geschichten von früher erzählen – davon, wie es einmal zu einem Waldbrand kam oder wie der Alltag vor 70 Jahren hier im Tal ausgesehen hat. Aus diesen Erzählungen soll ein Buch entstehen, um das Wissen für die kommenden Generationen zu bewahren und die Geschichte des kleinen, abgelegenen Tals lebendig zu erhalten.
Mittlerweile trägt sich der Betrieb der Schmiede ohne Fördergelder durch eine Kombination von Werkzeugproduktion und außerschulischer Bildungsarbeit. Wie aber sah das Wirtschaftskonzept zu vorindustriellen Zeiten aus?
Ich erfahre, dass der »Krenzer Hammer« schon immer in einen überregionalen Handel eingebunden war: Über die Seidenstraße wurden seit dem 2. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung Raffinierhämmer von besonders hochwertiger Qualität nach Asien geliefert. Das Roheisen kam damals aus der unmittelbaren Umgebung. Heute bestellt es Wilfried Krenzer bei einem Stahlkocher im Großhandel. Je nach Werkstück bekommt er die gewünschten Mischungen geliefert, denn die Härte des Stahls hängt von der Beimischung von Elementen wie Mangan oder Silizium ab. Über diesen Handel ist die Schmiede also Teil der globalen Industrialisierung; auch Wilfried Krenzer kann auf meine Nachfrage nicht sagen, woher der Rohstahl kommt.
Neben der Schmiedearbeit wird die Betreuung von Schulklassen immer wichtiger. Es kommen auch regelmäßig Lehrlinge – Hufschmiede und Metallbauer, die handwerkliche Techniken erleben wollen. Interessierte Menschen aus der nahen und ferneren Umgebung machen Ausflüge hierher und nehmen in Gruppen von bis zu 64 Personen an Führungen teil. Und schließlich repräsentiert Wilfried Krenzer immer wieder das Schmiedehandwerk bei Veranstaltungen in Nordrhein-Westfalen.

Ein Bildungsort sucht seine Zukunft
Eines der acht Kinder der Krenzers nimmt am Fördervereinstreffen teil: Der Sohn ist der einzige, der eine Ausbildung im technischen Bereich gemacht hat und eine gewisse Nähe zur Schmiedearbeit verspürt. Doch zur Übernahme des Familienbetriebs aus vollem Herzen Ja sagen kann und will er – noch – nicht. Trotz des Interesses vieler Menschen ist bislang niemand in Sicht, der die Arbeit weitertragen möchte. »Leben lässt es sich hier, auch wenn die Aufträge bescheiden sind; wir sollten die Sachen hier instandhalten. Daher mache ich weiter – aber ich wäre nicht böse, wenn jemand einsteigt!« So antwortet mir Wilfried Krenzer auf meine Frage nach der Zukunft.
Auf dem Rückweg durch die größeren Orte des Ruhrgebiets frage ich mich, ob der »Krenzer Hammer« die Wirren unserer Zeit überleben wird. Könnten die so zahlreich entstehenden Lebens- und Wohngemeinschaften oder Transition-Town-Initiativen Handwerksbetriebe wie diesen solidarisch tragen? Werden genug junge Menschen da sein, die ihr Glück in einer solchen Werkstatt schmieden wollen, so dass es in Zukunft auch wieder den Ausbildungsberuf des Schmieds geben wird? •

Elena Ball (22) nahm nach der Schule an dem Freiwilligenjahr »project peace« teil und gestaltete sich anschließend ein freies Lernjahr. Heute studiert sie Psychologie in Witten/Herdecke.

Den Krenzer Hammer virtuell besuchen:
www.werkzeugfabrik-krenzer.de

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