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Berichte aus dem Hinterland der ­Augen

Beate Küppers sprach mit Hartwig Hansen und Fritz Bremer, beide Herausgeber der Jahreszeitschrift »Brückenschlag – Sozialpsychiatrie, Literatur, Kunst«, in der Menschen mit und ohne Psychiatrieerfahrung veröffentlichen.

von Beate Küppers , Fritz Bremer , Hartwig Hansen , erschienen in 23/2013

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© Foto: privat

Beate Küppers Gerade ist die dreißigste Ausgabe des »Brückenschlags« in Vorbereitung – das heißt, Sie können auf fast dreißig Jahre redaktioneller Arbeit mit psychiatrieerfahrenen Menschen zurückblicken. Das ist eine lange Zeit!

Fritz Bremer Ja. In den letzten Jahren kommt mir diese Entwicklung immer märchenhafter vor und es wird mir mehr und mehr bewusst, dass die Geschichte des Brückenschlag eine besondere Geschichte ist. Solange man mittendrin ist, fällt einem das gar nicht so auf. Die Idee, eine Zeitschrift zu machen, entstand 1984 in der Küche von Henning Poersel, einem selbst von Psychose betroffenen jungen Mann.

BK Das heißt, Sie hatten auch schon vor der Gründung des Brückenschlag mit psychisch erkrankten Menschen zu tun?

FB 1977 arbeitete ich als Hilfspfleger in der psychiatrischen Anstalt in Rickling. Dort lebten viele an Schizophrenie erkrankte Menschen mittleren Alters, von denen viele seit Jahrzehnten hospitalisiert waren und nie wieder aus der Klinik gekommen sind. Sie hatten viel zu erzählen. Ich war jemand, der von außen kam, und hatte daher eine besondere Position. Es war für mich eher wie eine Reise, diese Menschen und ihre Geschichten kennenzulernen. Irgendwann 1980 oder 1981 träumte ich, dass ich eine Tageszeitung herausgebe, die einmal im Jahr erscheint und in der ausschließlich Berichte von psychisch erkrankten Menschen, zum Beispiel von denen in Rickling, veröffentlicht werden. »Berichte aus dem Hinterland der Augen« war der Untertitel. Dieser Traum war der erste Impuls für den Brücken­schlag. Die Zeitschrift sollte Sprachrohr und literarische Publikationsplattform für Menschen werden, die in unserer Gesellschaft nach wie vor im Abseits stehen.

BK Mit dem Traum, in der westdeutschen Psychiatrielandschaft etwas zu verändern, waren Sie damals nicht allein. In den 80er Jahren erfuhr die sozialpsychiatrische Bewegung mit der Gründung von Selbsthilfegruppen und ambulanten Einrichtungen ja einen großen Aufschwung.

Hartwig Hansen Ja, Anfang der 70er Jahre hatte die sozialliberale Koalition unter Willy Brandt die Erarbeitung eines Enquete-Berichts zur psychiatrischen Versorgung in Deutschland in Auftrag gegeben. Auch die Auseinandersetzung mit der Psychiatrie im Nationalsozialismus stand zu dieser Zeit immer mehr auf der gesellschaftlichen Tagesordnung.
Viele Landeskrankenhäuser wurden nach 1945 nur wenig restauriert. Geistig, psychisch und körperlich behinderte Menschen lebten dort zusammen, sogar Anstaltskleidung war noch üblich. Der Enquete-Bericht löste nach seiner Veröffentlichung 1975 breite Diskussionen über eine Umstrukturierung der psychiatrischen Einrichtungen aus. Die Bundesregierung stellte daraufhin in verschiedenen Modellregionen Gelder für die gemeindenahe Versorgung psychisch kranker Menschen und für die Unterstützung von Angehörigen zur Verfügung.

FB In diesem Zusammenhang wurde dann 1981 der Verein »Brücke Neumünster e. V.« gegründet. Kritische, reformbereite Psychologen, Sozialarbeiter und maßgeblich auch Betroffene und Angehörige waren daran beteiligt. Es entstanden betreute Wohngruppen, Begegnungs- und Beratungsstellen, Gesprächsgruppen für Angehörige und verschiedene Arbeitsbereiche: zuerst eine Fahrradwerkstatt und eine Tischlerei. All diese Angebote entwickelten wir in den vergangenen dreißig Jahren außerhalb der Kliniken weiter und folgten dem neuen Motto »ambulant vor stationär«, das auch heute noch Geltung hat – nämlich den Menschen möglichst dort Hilfen anzubieten, wo sie leben.

BK Herr Hansen, Sie sind erst vor etwa fünfzehn Jahren zum Brückenschlag gekommen. Wie kam das?

HH Ich habe vorher in Bonn den Psychiatrie Verlag geleitet. Veröffentlichungen wie das Lehrbuch »Irren ist menschlich« haben die sozialpsychiatrische Bewegung seit den 70er Jahren mit geprägt. Aber ich konnte mir nicht vorstellen, im Rheinland alt zu werden. So zog es mich in meine Heimatstadt Hamburg zurück, und Fritz Bremer fragte mich, ob ich nicht meine Erfahrung beim mittlerweile gegründeten Paranus Verlag einbringen wolle. Seitdem machen wir das zusammen.

BK Die Paranuss ist die härteste Nuss der Welt, und im Finnischen bedeutet »Parannus« so viel wie »Umkehr, Heilung, Verbesserung«. So steht es auf der Verlags-Webseite. Was sind Ihre Themen, und was für ein Anliegen haben die Bücher?

FB Als in der Arbeit für den Brückenschlag immer mehr und auch längere Texte zur Veröffentlichung angeboten wurden, lag die Gründung eines eigenen Verlags nahe. Neben Sachbüchern und Erfahrungsberichten veröffentlichen wir wissenschaftliche Arbeiten und mitunter auch belletristische Titel. Im Jahr 2000 haben wir außerdem den Verlag Jakob van Hoddis aus Gütersloh übernommen.

BK Wie beschreiben Sie die Grundidee des Verlagsprogramms?

HH So wie der Brückenschlag ist auch das Paranus-Programm »trialogisch«, das heißt sowohl Psychiatrie-Erfahrene selbst als auch Angehörige und Profis kommen wie in keinem anderen Verlag gleichberechtigt zu Wort. Die Namen Dorothea Buck, Klaus Dörner, Sibylle Prins, Renate Schernus oder Thomas Bock stehen für das Paranus-Programmspektrum. Die Edition Jakob van Hoddis erinnnert an den expressionistischen Dichter, der als Jude und psychisch Kranker von den Nationalsozialisten ermordet wurde. Hier erscheinen vor allem Titel, die sich mit der Geschichte der Psychiatrie, aber auch mit den aktuellen Verhältnissen in Gesundheitseinrichtungen auseinandersetzen.
Grundidee des Verlags bleibt die Verbesserung der Angebote für Menschen in psychischen Krisen und das fundierte und kritische Einmischen in die dafür nötige gesellschaftliche Diskussion.

BK Im Paranus Verlag und beim Brückenschlag sind psychisch kranke Menschen an Produktion, Verwaltung und Vertrieb beteiligt. Wie gestaltet sich dieses Miteinander im Alltag?

FB Um den Brückenschlag herum entstand der Arbeitsbereich »Druck, Satz und Verlag« in der Brücke Neumünster, in dem mittlerweile 22 Menschen mit Psychiatrieerfahrung betreut werden. Im Verlag selbst werden drei Menschen angeleitet und begleitet. Einige von denen, die als betreute Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei uns angefangen haben, begleiten heute ihrerseits betroffene Menschen bei der Arbeit. Eine Verlagskollegin hat vor über fünfzehn Jahren nach einer schweren Krise bei uns angefangen. Gemeinsam haben wir den Vertrieb und Versand aufgebaut. Auf der geschäftlichen Ebene war sie mit ihren Vorkenntnissen als gelernte Kauffrau oft genug meine Anleiterin. Dasselbe gilt für Henning Poersel, der in Satz und Gestaltungsarbeiten ein hochbegabter Autodidakt war und später eine Ausbildung zum Mediendesigner abgeschlossen hat.

BK Die derzeit aktuelle 29. Ausgabe des Brückenschlag dreht sich um das Thema Einsamkeit. Das Editorial ist überschrieben mit »Einladung zu einer Entdeckungsreise zwischen zwei Polen«. Ist das nicht ein Motto, das sich durch alle Hefte hindurchzieht?

HH Ja, bezeichnend für die Philosophie des Brückenschlag ist sicher seine Vielstimmigkeit. Im Bereich der psychischen Erkrankungen gibt es keine einfachen Instant-Antworten, kein SchwarzWeiß. Gerade hier kommt es auf die Zwischentöne, das Abwägen,  Ausbalancieren an – und vor allem ganz entscheidend auf den Dialog, das Zuhören und Ernstnehmen, was leider in der heutigen Psychiatrie noch immer nicht die Regel ist. Der Brückenschlag stand von Anfang an für dieses »Ins-Gespräch-Bringen«, für den Austausch von Erfahrungen und Sichtweisen – und das mit einem gewissen literarischen und künstlerischen Anspruch, damit das Lesen auch Spaß macht.

FB Ich war immer schon fasziniert von den künstlerischen Arbeiten psychisch erkrankter Menschen. Der Brückenschlag ist ja nicht aus einem fachlich-psychiatrischen Impuls entstanden. Die Vielfalt der persönlichen Erfahrungen spiegelt sich in der Vielfalt der Beiträge: Berichte, Aufsätze, Geschichten, Gedichte, Fotos, Bilder, Collagen. Es geht einerseits um das Erleben während der Krise, andererseits um die Schönheit und Bedeutung der künstlerischen und literarischen Arbeiten der Betroffenen.
Der österreichische Psychiater Leo Navratil war einer der Wegbereiter dieser Arbeit. Er initiierte Ausstellungen und Buchveröffentlichungen seiner Patienten. Bis zu seinem Tod hat er regelmäßig für uns geschrieben oder Texte vermittelt. Auch Wolfdietrich Schnurre, einer der bedeutenden Schriftsteller nach 1945, hat in den ersten Jahren die Brückenschlag-Idee sehr unterstützt.

BK Inzwischen bekommen Sie mehr Texte und Bilder zugeschickt, als Sie veröffentlichen können. Außerdem enthält jeder ­Brückenschlag Fachartikel oder Beiträge bekannter Schriftsteller zum jeweiligen Schwerpunktthema. Nach welchen Kriterien stellen Sie die Bände zusammen? Und wie wird die Produktion finanziert?

HH Die Auswahl fällt nicht immer leicht. Eine Grundregel dabei ist: Die Texte müssen etwas »Eigenes«, Interessantes haben, eine neue Facette zum Thema beitragen. Bilder bekommen wir überwiegend von psychiatrieerfahrenen Künstlerinnen und Künstlern, manchmal auch von anderen Menschen, die sich auf das Thema beziehen. Ebenso Gedichte, Kurzprosa und literarische Texte. Die Themen entwickeln wir gemeinsam in der Verlagsrunde mit unserem Mitherausgeber Jürgen Blume. Zu Titeln wie »Wahn-Sinn-Wirklichkeit« oder »Einsamkeit« überlegen wir dann, welche literarischen, journalistischen oder wissenschaftlichen Autoren uns einfallen, die wir dann um Beiträge bitten.

FB Den allerersten Band haben wir an einer nur halbwegs funktionierenden Offset-Druckmaschine im Kopierladen hergestellt und die 500 Exemplare für jeweils 5 DM verkauft. Heute gibt es diese Ausgabe nur noch als Fotokopie. Inzwischen haben wir eine gerade mal ausreichende Zahl an Abonnements, um den größten Teil der Produk­tionskosten zu decken. Darüber hinaus gibt es immer wieder Fördermittel und Spenden von Einzelpersonen und Institutionen im Förderkreis Paranus Verlag. Die Finanzlage bleibt eng, aber trotzdem kommt jedes Jahr wieder ein neuer Brückenschlag zustande.
BK Das ist mir von unserer Arbeit an Oya her nicht unbekannt. Was gibt Ihnen die Motivation, trotz aller Schwierigkeiten weiterzumachen?

FB Das Wichtigste für mich ist die Netzwerkarbeit. Durch die Zeitschrift sind viele Menschen ermutigt worden, zu schreiben oder zu malen. Aus einigen sind sogar professionelle Autorinnen geworden. Überall im deutschsprachigen Raum gibt es Brückenschlag-Autoren und um die herum wieder andere Menschen, die von unserer Arbeit erfahren.
Vor dreißig Jahren war es überhaupt nicht üblich, dass in psychiatrischen Zeitschriften Texte von Menschen mit Psychia­trieerfahrung vorkamen. Die Idee lag aber in der Luft, und inzwischen haben viele das übernommen.
Es lässt sich gar nicht genau ermessen, wieviele Menschen sich durch das Brückenschlag-Netzwerk kennengelernt und ihre Erfahrungen künstlerisch und literarisch reflektiert haben.

BK Welches Thema haben Sie für den Jubiläumsband im nächsten Jahr geplant?

HH In der 30. Brückenschlag-Ausgabe geht es um ein Thema, das auch das Projekt selbst gut charakterisiert – nämlich das Suchen, Finden von und Leben in Nischen. Uns erreichen ja viele Erfahrungsberichte, die das Leben in selbstgewählten kleinen Frei- und Schutzräumen beschreiben. Wir möchten aufzeigen, was alles jenseits von Leistungsgesellschaft und Krankenhaussystem möglich und lebbar ist. Das Netzwerk der Nischen soll mit dem neuen Band noch einmal deutlicher sichtbar werden.

BK Gibt es über den Brückenschlag hi­naus weitere Themen und Ideen, die für den Paranus Verlag gerade aktuell sind oder die allgemein in der Luft liegen?

HH Die Bedingungen in allen Bereichen der sozialen Arbeit verschlechtern sich zunehmend, seit sich das neoliberale Regime auch dort durchgesetzt hat. Es wird immer mehr nach Kostenersparnis entschieden und nicht mehr danach, was Menschen in Not wirklich brauchen. Das ist eine schlimme Entwicklung mit düsteren Aussichten. Viele sozial engagierte Menschen haben schon lange das Gefühl: »Das kann ich nicht mehr verantworten!«.
Und genau das ist der Buchtitel, unter dem wir unser neuestes – ich will mal sagen – »Aufschrei«-Buch veröffentlicht haben. Es ist ein Sammelband von 60 Erfahrungsberichten aus allen Bereichen der sozialen Arbeit, die deutlich machen: So geht es nicht mehr weiter, wir müssen uns wehren! Das ist ein typischer Paranus-Einmisch-Titel.

BK Vielen Dank für das vielseitige und spannende Gespräch! •

Fritz Bremer (59), Sonderschullehrer und Diplom­pädagoge, ist Gründer der Jahreszeitschrift Brückenschlag und des Paranus Verlags. Heute ist er Pädagogischer Leiter in der Brücke Neumünster gGmbH. Zahlreiche Veröffentlichungen als Autor und Herausgeber. Mitinitiator der »Soltauer Initiative«.

Hartwig Hansen (56), Diplompsychologe, war bis 1995 Geschäftsführer des Psychiatrie Verlags, lebt heute in Hamburg und arbeitet dort als Publizist, Fachlektor, Paar- und Familientherapeut sowie als Supervisor. Zahlreiche Buchveröffentlichungen als Autor und Herausgeber.

Links zum Weiterlesen:
www.paranus.de
www.bruecke-ggmbh.de
www.hartwighansen.de
www.psychiatrie.de/dgsp/soltauer_initiative

 

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