Oya braucht Mithilfe!

Alle Artikel der gedruckten Oya-Ausgaben sind auf dieser Website kostenlos zu lesen. Dahinter steckt viel Arbeit. Bitte helfen Sie mit, dass wir alle Texte weiterhin frei zur Verfügung stellen können:

• Nein, danke

• Ja, ich unterstütze Oya

Bitte wählen Sie hier den Betrag, mit dem Sie Oya unterstützen möchten:



Falls Sie kein PayPal-Konto haben, können Sie natürlich
auch direkt unsere Bankverbindung verwenden:

IBAN: DE96 4306 0967 1112 9897 00 • BIC: GENODEM1GLS
Verwendungszweck: Oya-Online Beitrag

Tod, wenn du das Leben erwartest

Wie still geborene »Sternenkinder« ihre Würde bekommen.

von Franziska Hoheisel , erschienen in 23/2013

Wenn Geburt und Tod zusammenfallen, herrscht Stille: Zum Kind, das fehlt, kommt nicht selten noch ein betreten schweigendes Umfeld. Immer mehr Initiativen zeigen lebendige Wege auf, aus der Leere hinauszutreten.

Bild

© Foto: Anja Sommer

Am 24. Dezember 2010 bringe ich nach neun Monaten Schwangerschaft meinen Sohn still auf die Welt. Wir halten Frédérick Lleonard fünf kostbare Stunden in unseren Armen, dann müssen wir ihn der Pathologie des Krankenhauses in Barcelona, wo wir damals lebten, übergeben. Die drei Tage bis zur Beerdigung verbringen wir von früh bis spät in einem »Tanatorio«, einem Totenhaus, wo er aufgebahrt ist. Der kleine, weiße Sarg wirkt so unwirklich in dem großen Glaskasten. Erst am zweiten Tag wagen wir zu fragen, ob der Sarg geöffnet werden kann. Wir wollen unser Kind noch einmal sehen, es noch einmal berühren und letzte Fotos machen. Er sieht so schön aus, friedlicher als nach der Geburt. Auch den Menschen, die zu seinem Abschied kommen, möchten wir ihn zeigen. Es bewegt uns eine seltsame Mischung aus Stolz über unseren Erstgeborenen und der untrüglichen Gewissheit, dass diese Blicke zum letzten Mal möglich sind. Das Kerzenmeer, das auf dem Sarg leuchtet, ist von allen Anwesenden als kleines Ritual entzündet worden. Dieses Bild lässt die schmerzhafte Erfahrung einer Bestattung, an der wir viel zu wenig mitwirken konnten, in der Erinnerung in blasseren Farben wirken.

Am 27. Dezember ist mein Sohn dann weg. Es gibt nichts mehr zu organisieren, und endlich kommt der Zusammenbruch, den Körper, Geist und Seele einfordern. Ein Zurück ins Leben scheint unmöglich; es bleibt der Rückzug in einen Kokon, wie es Raupen tun – still, aber innerlich voller Entwicklung. Sehr früh während der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt verstorbene Kinder werden auch Sternenkinder oder Schmetterlingskinder genannt, lerne ich damals. Menschen, die mich fragen, wie es mir geht, die mir zuhören, meinen Sohn beim Namen nennen, die Fotografien von ihm sehen wollen, begleiten mich behutsam zurück ins Leben.
Eine Spurensuche beginnt, ob es nicht andere Wege gibt, mit still geborenen Kindern umzugehen. In langen Nächten, in denen kein Schlaf zu finden ist, durchforste ich Internetseiten, Foren für verwaiste Eltern, Bücher über Sternenkinder und erkenne, was wir beim Abschied von unserem Sohns verpasst haben: Vor allem hatte Zeit gefehlt. Alles ging viel zu schnell, um den Abschied selbstbestimmt zu gestalten. Wir wurden mit unseren vorsichtig vorgetragenen Anliegen auch kaum gehört. Den Sarg gestalten? Nein, das ginge nicht. Wie gut hätte eine sensible Begleiterin oder ein Begleiter getan – jemand, der uns ermutigt hätte, selbst tätig zu werden, im eigenen Tempo! Durch die fremdbestimmten Abläufe bei der Bestattung und durch die unerreichbar hohen fünf Meter, die uns vom Grab trennen – in Spanien werden Särge üblicherweise in die Fächer eines Steinhauses geschoben, zugänglich nur über eine wackelige Metallleiter –, ist bis heute kein rechter Bezug zu diesem Ort entstanden. Wir konnten dieses Grab nie be-greifen oder er-leben. Einzig die gegen alle Friedhofsnormen selbstgestaltete Grabplatte mit dem Motiv des »kleinen Prinzen« sowie ein Kuscheltier als Geschenk der Oma erinnern dort an unseren Sohn.
Sechs Wochen nach der Geburt begebe ich mich auf meinen Trauerweg. Die Reise führt mich an Orte, an denen ich einen bewussten, würdevollen Umgang mit Sternenkindern und deren Familien sehe. Nachfolgend der Bericht von einigen Stationen.
 

Februar 2011 – Reise nach Berlin
Auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin gibt es seit 2008 den »Garten der Sternenkinder« als Ruhe- und Gedenkstätte. Im Friedhofscafé treffe ich andere betroffene Eltern bei einem ihrer monatlichen Treffen, und wir gehen zusammen hinaus. Die liebevoll und individuell geschmückten Gräber, die symbolträchtigen Skulpturen und Bepflanzungen, ein von kleinen Mitbringseln in der Februarsonne glänzender Baum berühren mich sehr. Das alles ist so anders als die verlassene Stadt der Zementhäuser, wo sich das Grab meines Sohns befindet. Dieser lebendige Ort der Trauer, gestaltet von Berliner Familien: Ein Haus aus Ton, bewohnt von kleinen Figürchen, auf dem ersten Grabfeld; ein Holzboot und die in blauen Wellen gesäumten Gräber auf dem zweiten Feld erinnern an einen Spielplatz, einen Ort für Kinder. Ich verstehe, wie wichtig dieser Ort für die Familien sein muss. Kathrin, die die Treffen dort koordiniert, erzählt, wie gut ihr das Befühlen der Erde und das Gestalten des Grabs beim Be-greifen des Tods ihrer Tochter ­Lilli getan hatten. Von ihr erfahre ich, dass sensible Bestatterinnen und Bestatter sowie Mitglieder des Efeu e. V. am St.-Matthäus-Friedhof Eltern auf ihrem Weg des Abschieds begleiten und mit Courage ermöglichen, dass das Sternenkind drei Tage oder länger zu Hause aufgebahrt werden kann. Außerdem ermutigen sie zum Erstellen eines individuellen Grabgefäßes – und lassen dabei Zeit für die Gestaltung.
 

März 2011 – Besuch im Heilhaus Kassel
Das »Heilhaus« in Kassel, ein spirituell ausgerichtetes Gemeinschaftsprojekt, war mir schon lange vor dem Tod meines Kindes ein Begriff. Dass hier Geburt, Leben und Sterben gleichermaßen begleitet werden, faszinierte mich. Das Geburtshaus, das »Kinderheilhaus«, beherbergt auch einen Abschiedsraum für die Aufbahrung verstorbener Kinder und für Abschiedsrituale. Bei meinem Besuch treffe ich Karin Flachmeyer, die als Hebamme im Heilhaus arbeitet und Eltern auf Wunsch bei der Aufbahrung und Bestattung begleitet. Sie ermuntert dazu, beim endgültigen Abschied im eigenen Tempo so viele Schritte zu gehen, wie es sich für den Moment stimmig anfühlt. Für sehr kleine fehlgeborene Babys werden hier in liebevoller Handarbeit hergestellte »Schalen für den Abschied« bereitgehalten – würdevolle Hüllen, wenn jeder auch noch so kleine Sarg viel zu groß für das kleine, tote Menschlein wäre. Darüber hin­aus gibt es die Möglichkeit, verstorbene Babys unter dem »Seelchen­baum« in einem Friedwald bei Kassel zu bestatten.
Ich fühle mich in diesem Geburtshaus als Mutter eines toten Kindes akzeptiert; im Heilhaus hat auch mein Sohn auf einer symbolischen Ebene einen Platz. In diesen Räumen zu sehen, dass Leben und Tod tatsächlich zusammenkommen und einander nicht ausschließen; zu sehen, dass der Tod nicht in einen dunklen Winkel abgeschoben wird, ist eine sehr heilsame Erfahrung für mich.
 

Oktober 2011 – Gedenkfeier der spanischen Elterntrauergruppe
Unsere erste öffentliche Feier anlässlich des Weltgedenktags an den frühen Tod von Babys am 15. Oktober wird besonders schön. Unter anderen kommt die Sängerin Rosa; sie singt und tanzt Kreistänze mit allen Anwesenden. Auch ihr eigenes Lied über stille Geburten »Der Tod, wenn du das Leben erwartest«, das sie mit mir während der Aufbahrung meines Sohns gesungen hatte, erklingt. Viele kleine und große Kinder bestaunen andächtig das Kerzenmeer und die anwesenden Menschen jeden Alters. Leuch­tende Luftballons steigen am Abend in den diesig-blauen Himmel. Für viele Eltern – und auch für die zum Teil anwesenden Großeltern, Geschwister und Angehörigen –, die ein Kind nicht bestatten konnten und auch keinen Grabplatz haben, ist es, als ob sie mit dieser Feier etwas Wichtiges nachholten. Eine solche »nachholende Trauer­handlung« – ein Begriff der Trauerbegleiterin Petra Hugo – kann auch noch lange Zeit nach einem Verlust heilsam wirken.
 

September 2013 – Hauptfriedhof in Karlsruhe
Die für Sternenkinder geschaffenen Orte werden mir zu einem Symbol des Gedenkens an mein Kind. Am 15. September dieses Jahres treffe ich mich auf dem Hauptfriedhof von Karlsruhe mit Bruder Klaus Schäfer, der sich als Klinikseelsorger am St.-Vincentius-Klinikum seit 2000 intensiv des Themas der Stillgeburt angenommen und seitdem mehrere Bücher herausgegeben hat. Mit uns ist zudem Dominik Rihm, Vater des Sternenkinds Runa sowie zweier lebender Töchter. Es wird ein überraschend leichtfüßiger Spaziergang über den Friedhof, der neben dem Kleinstkindergrabfeld so manchen wichtigen Ort der Trauer birgt, darunter die »Kinderwelten« – den deutschlandweit ersten Spiel- und Trauerplatz für Kinder auf einem Friedhof. Wir reden viel über Sternenkinder, den Tod, das Sterben, die Trauer. Dominik erzählt, wie es zu dem Buch »Die vergessene Trauer der Väter« kam, das er 2008 zusammen mit seiner Frau Melanie herausgab, und welchen Stellenwert das Schrei­ben als Trauerarbeit erhielt, nachdem sie Runa in der zwölften Schwangerschaftswoche verloren hatten. Es gibt viel zu sagen, viel zu lernen – und viel zu tun, das betont Bruder Klaus immer wieder: Denn was die Belange von Sternenkindern und ihren Familien angeht,  liegt aufgrund zum Teil absurder Gesetze noch manches im Argen. So gibt es etwa die Möglichkeit, die Geburt eines toten Kindes unabhängig von der Dauer der Schwangerschaft standesamtlich bescheinigen zu lassen, und zwar zeitlich unbegrenzt auch rückwirkend, erst seit Mai 2013 – ein erster Schritt auf dem Weg hin zu einer vollständigen öffentlichen Würdigung der Sternenkinder.
Das Tun auf dem Weg des Wandels muss nicht immer von Schwere gezeichnet sein. Vielleicht ist es das, woran die in der Mitte des Kindergrabfelds stehende weiße Stele mit dem Spruch der Karlsruher Lyrikerin Elsa Rein auch erinnern könnte: »Leichte Flügel sind wir – Wirklichkeit für immer. Im Traumschlaf wach trösten wir euch.« Bunte Vögel, wie die Stele aus Keramik, umspielen diese und erinnern so an die Kindern eigene Verspieltheit. Dreimal im Jahr werden hier seit 2001 die fehlgeborenen Kinder gemeinsam im Beisein der Familien von Klinikseelsorgern bestattet, sofern die Eltern keine Einzelbestattung wünschen. Seit 1986 wurden Sternenkinder anonym bestattet, davor kamen sie, damals üblich, zum Kliniksondermüll. Für viele Familien ist es sehr hilfreich, auf ihrem Trauerweg die Beisetzung mitzuerleben. Wie vielerorts waren es in Karlsruhe die betroffenen Eltern, die ihre Bedürfnisse äusserten – und schließlich gehört wurden.
Der Karlsruher Friedhof fühlt sich für mich sehr stimmig an, vollständig. Ich würde, wenn meine heute einjährige Tochter größer ist, gerne die Kinderwelten mir ihr besuchen und so ihr kindliches Empfinden als Schwester eines Sternenkinds stärken. Ein kleiner Junge in etwa ihrem Alter, der lachend auf diesen besonderen Spielplatz stürmt, bringt Leichtigkeit in den Nachmittag. Nach drei wie im Flug vergangenen Stunden des Wandelns über das riesige Gelände sind wir alle beflügelt und nehmen neu Gelerntes mit.
 

Herbst 2013 – Gespräche über die Stille hinaus
Fast drei Jahre nach Geburt und Tod meines ersten Kindes hat sich meine Trauer gewandelt. Dabei ist das Bedürfnis, über die Sternenkinder in einen lebendigen Austausch zu kommen, nach wie vor da. Unter anderem auf dem Tagungsfestival »Leben – Sterben – Feiern« im Zentrum für experimentelle Gesellschafts­gestaltung ZEGG in Bad Belzig ergeben sich Anfang Oktober erneut Gespräche mit anderen Eltern, Bestattern, Trauerbegleiterinnen und Hebammen, und ich erfahre von der wundervollen, behutsamen Arbeit, die die Initiatorinnen der »Sternenwiese« in Alzey leisten. Die Reise an diesen inspirierenden Ort steht für mich noch an.
In all den Gesprächen lerne ich dazu, bin immer noch innerlich bewegt und finde neue Motivation, diese Erkenntnisse mit meinen Weggefährtinnen in Barcelona zu teilen. Vielleicht schaffen wir es dieses Jahr, hartnäckig und lebhaft genug an die Tür der Friedhofsverwaltung von Barcelona zu klopfen und unseren Wunsch nach einer ersten spanischen Grabstätte für Sternenkinder, nach einem lebendigen Trauerort für hinterbliebene Familien, hörbar zu machen.
Nicht zuletzt geht es auch um die Menschenwürde der Sternenkinder, dass sie in Würde die Erde verlassen können und ihre Familien sie selbstwirksam auf diesem letzten Weg begleiten. Es geht darum, dass offen um sie getrauert werden darf, dass es Raum dafür gibt. Und es geht darum, einen sensiblen Umgang mit dem »Tod, wenn du das Leben erwartest« als Lebenswissen in unser Dasein zu integrieren. •

 

Franziska Hoheisel (30), Pädagogin und Doula, ist achtsame Begleiterin und aufgrund eigener Erfahrungen insbesondere an den Themen Geburt, Sterben und Trauer interessiert. http://projekt-loewenherzchen.blogspot.de.

Die Welt der Sternenkinder kennenlernen:
-Internet

www.initiative-regenbogen.de
www.veid.de
www.kindergrab.de
www.klinikaktion-der-schmetterlingskinder.de
www.vaeter-trauer.de
www.efeu-ev.de/sternk2
www.heilhaus.org
www.youtube.com (Suchbegriff: Sternenwiese Alzey)
-Literatur
• Maureen Grimm, Anja Sommer: Still geboren. Panama Verlag, 2011
• Doris Meyer: Sternenschwester. Mabuse Verlag, 2011
• Kathrin Schadt: Lilium Rubellum. Horlemann Verlag, 2014
• Klaus Schäfer: Spuren kleiner Füße. Topos Plus, 2012
• Heike Wolter: Mein Sternenkind. Riedenburg, 2012



»Die Geburt geschieht vollkommen still, nur in Anwesenheit einer Hebamme. Keine Schreie, nur Weinen. Weinen, das sich aus Schmerz und Glück über die Geburt speist. Ein Weinen, das den eigenen Körper und seinen Zustand vollkommen ausblendet. Die Hebamme reinigt das Kind und wickelt es locker in ein Windeltuch, so dass Kopf, Hals, Brust und Arme herausschauen, und legt es der Mutter auf die Brust. Katrin ist voll Bewunderung für ihr Kind, auch wenn es tot und still auf ihr liegt. In den ersten Minuten merkt sie das kaum. Es ist ja ihr Erstes und die Situation ist neu, unbekannt.«
Passage aus Maureen Grimms und Anja Sommers Buch »Still geboren«
.

Zurück zur Startseite

Hintergrundinfos zu Oya auf Facebook

Oya gemeinsam ermöglichen!