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Totensonntag

Zwiegespräche über den »Nutzen der Toten« auf einem November-Spaziergang über den St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin.

von Mathias Greffrath , erschienen in 23/2013

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© Foto: Ines Lindenau

Es ist kalt und windig und November auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin. Zwischen zwei S-Bahn-Trassen liegen dort, unter preußisch-bescheidenen, schwarzen Quadern, die Brüder Grimm, aus deren Märchen wir schon früh die Angst vor dem Sensenmann lernten. Gleich daneben das pompöse Totenpalais des preußischen Finanzministers Hansemann: ein Wohnsitz bis in alle Ewigkeit. Ein paar Gassen weiter: die diskreten Grabsteine der Revolutionäre von 1848, die erst zum Sterben aus dem amerikanischen Exil zurückkamen. An der Mauer das zerfallende Mausoleum des Eisenbahnmultimillionärs Henry Strousberg, der von der Börse besiegt wurde und arm in der Kammer seiner Köchin starb. Und weiter oben das Feld für die Sternenkinder, die tot zur Welt kamen – Friedhöfe lassen sich lesen wie Geschichtsbücher.
»Geld und Macht und Geist«, sagt meine ortskundige Freundin, »es heißt, vor dem Tod sind alle gleich, aber auf dem Friedhof eben nicht. Marmor hält länger als Holz, die Armengräber sind unsichtbar, eingeebnet, namenlos, das war schon immer so.«
Nun, ein Jahrhundert lang war es anders. Im demokratischen Zeitalter sollten auch die Unteren nicht vergessen werden, nach all der Mühsal. Das Sterbegeld lag schon im ersten Paket der Bismarckschen Reformen, als metaphysische Seite des Sozialstaats. Mit dessen globalisierungsbedingtem Schrumpfen schrumpfte es wieder, in den Neunziger­jahren waren es noch 4000 DM, dann wurde das Sterbegeld gekürzt und schließlich abgeschafft. »Normalisierung der Überversorgung« nennt sich das.
 

Das Verschwinden des Totenreichs
»Das Totenreich schrumpft«, sagt meine Begleiterin und deutet auf eine der großen freien Rasenflächen. »Das nennt man heute ›Beisetzung in einer gemeinschaftlichen Anlage ohne individuelles Grabzeichen‹. Kürzer gesagt: Jetzt werden sie wieder verscharrt.«
Es stimmt: In Berlin und anderen Städten kommt rund die Hälfte der ehemals Lebenden anonym unter die Erde. Es gibt viele Gründe dafür, aber im Wesentlichen haben sie mit unserer Art, zu arbeiten und zu rechnen, zu tun: die Sorge, die Überlebenden nicht finanziell zu belasten, das Gefühl der Folgenlosigkeit der eigenen Existenz, die Alterseinsamkeit von Menschen, die schon lange nicht mehr gebraucht wurden, die flexible, mobile, dynamische Gesellschaft, in der fast niemand mehr dort stirbt, wo seine Kinder leben.
So verschwinden die Grabsteine, denn zu wem sollten sie noch sprechen? Auch die Folgen dieses Gräberschwunds sind ökonomisch: Kommunen und Kirchen können die Friedhöfe nur mit Mühe erhalten; der Bestatter-Verband Aeternitas denkt über die »Inwertsetzung der Überhangflächen« nach. Die Branche ist in der Krise, wirbt mit verzweifelter Pietät für die Bewahrung der Traditionen, den üppigen Blumenschmuck für das »prächtige letzte Fest«, die Trauerrituale von Allerseelen und Totensonntag.
»Ich glaube eigentlich nicht, dass unsere Fähigkeit, zu trauern, Schaden nimmt«, sagt meine Friedhofsführerin, »auch wenn es traurig ist, wie diese drei Menschen da hinten schweigend um ein kleines Urnenloch stehen, ohne Pastor und ohne Worte und ohne Musik. Es wird auch weiterhin geweint werden, wo geliebt wurde. Aber«, und dann nimmt sie die Bestatterlobbyworte noch einmal spitz in den Mund, »Umnutzung von Überhangflächen, Verweildauergebühren, Verbrennungstourismus nach Osteuropa, innovative Angebote für den individuellen Abschied, Sarg-Discount – ich fürchte: Wenn es nur noch Nützlichkeitserwägungen gibt, schwindet der Nutzen der Toten für uns.«
Der Nutzen der Toten?
Die drei Worte hängen eine Weile in der Herbstluft, während wir die vier bescheiden-schwarzen Steine der Grimmbrüder umrunden. Und dann erzählt mir die junge Frau von dem Land am anderen Ende der Welt, wo die Aborigines ihre Toten zweimal beerdigen. Zunächst provisorisch, für ein Jahr. In diesem Jahr wandern ihre Geister noch in einem Wäldchen herum, und jeder kann mit ihnen sprechen: sie um Verzeihung bitten, um Rat fragen, eine Rechnung begleichen, eine Wut loswerden, einen Auftrag entgegennehmen, etwas sagen, das nicht gesagt wurde. Dann, nach einem Jahr, treten sie ihre endgültige Reise an – zum Mond. Denn einst, so ihr Mythos, kam der Mond auf die Erde, verliebte sich in die Tochter des Häuptlings und wollte sie mitnehmen. Der Stamm weigerte sich. Wenn ihr sie mir gebt, werdet ihr unsterblich, sagte der Mond. Aber sie wollten nicht unsterblich werden. Nicht um den Preis, dass eine von ihnen fehle. 
Das ist ein schöner Mythos, und die Wahrheit, die in ihm steckt, ist quasi naturwissenschaftlich. Sie heißt: Unsere Sterblichkeit ist der Preis dafür, dass wir in Gemeinschaft leben und lieben können. Das Atom, das Molekül, der Einzeller – sie sind unsterblich. Aber sie verändern sich nicht. Und sie sind einsam. Der Tod ist der Preis, den die höheren Organismen zahlen: für ihre Komplexität, ihre Schönheit, ihre Fähigkeit zur Veränderung durch die Sexualität und die Lust.
Wir zahlen diesen Preis nicht gern, da hilft keine biologische Aufklärung. Der Verlust eines geliebten Menschen reißt ein Loch in uns, das nie ganz verheilt. Auch die Panik, die mich überkommt, wenn ich versuche, mir vorzustellen, dass ich nicht mehr bin, kann ich nicht wegintellektualisieren. »Lehre uns bedenken, dass wir sterblich sind, auf dass wir klug werden«, so heißt es schön und richtig. Aber der Hinweis darauf, dass ich nicht zwei Versuche habe – dieses Memento mori ist zwar so alt wie die Hochzivilisation, aber es ist moralisch neutral, macht nicht automatisch klug. Was du aus deinem Leben machst: ob du ein sanfter Familienvater oder ein machtstrebender Politiker, ein Ingenieur, ein Sänger, oder ein geldgeiler Börsenzocker wirst, das folgt nicht aus dem Memento mori. Das ist nur ein Hinweis auf eine ärgerliche physiologische Tatsache.
»Was ich überhaupt nicht mag«, ergänzt meine Freundin, als wir vor dem Grab des Pädagogen Diesterweg stehen, »sind diese Lebenskunst-Breviersprüche: Wenn es den Tod nicht gäbe, müsste man ihn erfinden, weil er uns zwinge, wesentlich zu werden, weil ein unendliches Leben öde sein müsste … diese Limonaden­ethik, die den Skandal des Todes nur mit weißer Salbe zuschmiert: Menschen, die den Tod akzeptiert hätten, würden einen präziseren Blick für beglückende Kleinigkeiten, Tautropfen, Wolken und so weiter gewinnen. Ich denke, den präzisesten Blick für beglückende Kleinigkeiten haben Kinder, und die haben die dunkle Wolke noch nicht im Kopf. Ich hätte nichts dagegen, das alles ein paar hundert Jahre länger zu genießen. Ich finde es schier unerträglich, dass ich nicht sehen kann, was wir in fünfhundert Jahren aus der Erde gemacht haben werden. Neugier ist doch ein Lebenstrieb, und Sterben, das mag ja noch angehen, aber tot sein … Nein.«
Sie redet sich in Rage, und die vier Engel, an denen wir währenddessen vorbeigegangen sind, bekamen nur ein wütendes Kopfschütteln ab.
Und, was ist mit deinem »Nutzen des Todes«, unterbreche ich ihre Suada.
»Nein, nicht des Todes, der Toten!«, kommt es zurück. »Ich habe vom Nutzen der Toten gesprochen. Es geht mir um das Verschwinden des Totenreichs aus unserem Leben. Um die Tatsache – und auch deshalb habe ich von den Aborigines erzählt –, dass wir dabei sind, die erste Zivilisation ohne Totenkult zu werden. Es macht einen Unterschied, ob ich im Vorübergehen das Foto meines Vaters im Bücherregal sehe oder ob ich an sein Grab gehe, um eine Stunde mit ihm zu reden. Über das Unerledigte oder um mir vorzustellen, was er sagen würde, zu dem, was mich gerade umtreibt. Außerdem: Wenn die Friedhöfe schrumpfen, dann schrumpft die Transzendenz … Na ja, ich gebe zu, das ist ein pathetischer Satz, aber wir stehen ja auch soeben am Grab von ­Georg Büchmann, dem Helden der geflügelten Worte.« Sie sieht den säkularen Zweifel in meinem Blick. »Ich meine die gesellschaftliche Transzendenz, und die historische.« Meine Freundin deutet etwas vage hinüber zu den Kastanien: »Der Heinrich von Sybel könnte wohl etwas dazu sagen, auch wenn er es konservativ gemeint hat …«
 

Vom Jenseits ins Diesseits
Der Nutzen der Toten für die Lebenden – und das ist die zweite Weisheit in der Geschichte von den Aborigines –, der Nutzen jeglichen Totenkults ist die Befestigung des Bandes zwischen den Lebenden und zwischen den Generationen. Dieser Nutzen ändert sich immer dann, wenn die Gesellschaft eine neue Form annimmt. 
So starb man in der Ackerbaugesellschaft dort, wo man gelebt hatte. Man wurde von der Gemeinschaft beerdigt, die sich bei den großen Festen zum gemeinsamen Totengedenken zusammenfand – dabei wurden dann die alten Geschichten, in denen der Großvater, die Urgroßmutter mitspielten, erzählt. Die Toten blieben so, als Erinnerte, ein Teil der Gemeinschaft, und die Lebenden wussten: Auch sie würden es bleiben. »Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen« – die Menschen starben früh, an Geburten, durch Kriege, Epidemien, an der Arbeit, aber das war schon immer so gewesen, und das würde auch immer so sein. Man hatte sein Leben gehabt, man selbst war am Ende, aber die Lebensweise war von Dauer. Und dann war da ja – in den monotheistischen Religionen – die Verheißung des himmlischen Reichs, wie immer man es sich auch vorstellte.
Seinen tiefen, metaphysischen Schrecken bekam das Totenreich, das bei den Griechen und Germanen eher milde war, erst durch die Erfindung der Hölle. Wer auf Erden nicht guttat – oder es glaubte oder wem es glauben gemacht wurde –, der hatte nun Schlimmes zu befürchten. Das war mit Sicherheit ein Schreckensbild, das den Gehorsam, den Arbeitseifer und den Verzicht auf Aggression förderte. Die Theologen – gesellschaftlich gesehen, die normensetzende Oberschicht – nahmen den Tod in Dienst. Die Sterbensangst machte gehorsam, ergänzte die herrschaftliche Gewalt.
Mit der Reformation zersetzten allmählich die Erkenntnisse der neuzeitlichen Wissenschaften die naiven Glaubens­gewissheiten: Der Glaube an ein Leben nach dem Leben schrumpfte von Jahrhundert zu Jahrhundert, das Totenreich verblasste, auch wenn das bis heute dauert: Immer noch glauben 15 Prozent der Deutschen an die Hölle. An die Stelle des jenseitsgewissen Glaubens traten die irdischen Versuche, sich, wenn nicht Ewigkeit, so doch eine gewisse Langlebigkeit im Gedächtnis der Nachgeborenen zu sichern: Häuser bauen, Eigentum für die Familie schaffen, Werke errichten: industrielle und geistige, der Gemeinschaft nutzen. Entsprechend die Grabmäler. Neben die Inschriften, die auf Gott vertrauen, traten die Repräsentationen der irdischen Leistung: In den Mausoleen für die Industriebarone und die Staatsmänner nahm sie monumentale Gestalt an, auf den kleineren Steinen stand »Brückenbauingenieur« oder »Sanitätsrat« oder »Schmalzgroßhändler« oder einfach: »Sein Leben war Arbeit«. Wir waren euch nützlich, sagen die Toten, wir haben den Weg bereitet, wir haben euer Leben erleichtert.
An die Stelle des großen Trösters »Jenseitsglauben« trat der Fortschritt. Der Tod ließ sich bekämpfen: mit Wissenschaft, Hygiene, Medizin. Mit dem Aufstieg des liberalen Bürgertums entstanden die Freidenkerfriedhöfe. »Schafft hier das Leben gut und schön / Kein Jenseits ist, kein Auferstehn« steht auf einem davon, am Ausgang, als Auftrag an die Trauernden; und auch die aufstrebende Arbeiterklasse erfand ihre Todesrituale: Zum Begräbnis Victor Hugos, des Republikaners und Anwalts der »Elenden«, kamen in Paris zwei Millionen Menschen. Das war eine Ehrerbietung, aber auch eine politische Demonstration. 
 

Todesflucht mit Fortschrittsglauben
Mit dem materiellen Fortschritt des Industriezeitalters wuchs die Verheißung des irdischen Paradieses: »Immer mehr und immer besser.« Du kannst, so heißt sie, dem Tod nicht entkommen, aber du kannst, um ihn chronisch zu vergessen, immer mehr Welt konsumieren: immer mehr Quadratmeter bewohnen, die Früchte aus allen Regionen der Erde genießen, jeden Tag Fleisch im Topf haben – und, ein halbes Jahrhundert später, am vorläufigen Ende des europäischen Aufstiegs: in alle Länder jetten, alle Jahre ein neues Auto kaufen, jede Woche ein buntes T-Shirt, und im Übrigen mit Rennrädern, Walking-Sticks, Ayurveda­-Kuren und Wellness-Wochenenden dafür sorgen, dass das so lange wie möglich gutgeht. Der Tod ist kein Thema, nur das Sterben – und die große Frage, wie man mit den Untoten an den Schläuchen der Intensivstationen fertigwird. Immer noch am Fortschrittshorizont: die Phantasien einer unendlichen Verlängerung des Lebens mit Gentechnik und Computern.
Fortschritt, Kapitalismus und einige heftige Besonderheiten der deutschen Geschichte haben uns vom religiösen Jenseits abgeschnitten – die Zahl der christlichen Bestattungen nimmt weiter ab, an die alten liturgischen Trostformeln glauben nicht nur die Ungläubigen nicht mehr. Im gegenwärtigen Reich der Nützlichkeit haben die Toten keinen rechten Platz mehr. Werden wir zu neuen Barbaren?
»Na ja«, sagt da die Statthalterin der Transzendenz an meiner Seite, »das alte Totenreich kommt so wenig wieder wie die alte Familie oder der alte Sozialstaat. Aber es scheint ja doch so ein metaphysisches Bedürfnis der Menschen zu geben, das nicht totzukriegen ist. Es äußert sich in unserer Übergangsepoche in Hunderten von merkwürdigen, teils alten, teils neuen Formen: als Wiedergeburtsglauben von Buddhisten, als vager pantheistischer Untergrund beim Verstreuen der Asche auf Wiesen, als Filmschnipsel in einem Internetfriedhof, in den Spekulationen über Nahtoderfahrungen oder in christlicher Theologie, die es vermag, die alten Wörter zu übersetzen. Gar nicht zu reden von den Tausenden von Kerzen und Teddys vor den Häusern spektakulär Gestorbener – Totenkult als sozialer Event – oder den hunderttausend Menschen, für die der Stadionschlager ›You’ll Never Walk Alone› eine quasireligiöse Bedeutung bekam, als Torwart Enke dem Leistungsdruck erlag. Die Menschen suchen, und die drei traurigen Gestalten, die da vorhin sprachlos am offenen Urnengrab standen, haben nur noch nicht gefunden. Wir leben eben in einer Zwischenzeit, auch auf dem Friedhof.«
 

Totensonntag im August
Es wird dunkel auf dem Matthäus-Kirchhof, während wir solche Gedanken hin- und herwerfen. »Ist nicht«, sagt meine kluge Begleiterin, während sie mich noch einmal, irgendwie zielgerichtet, die lange Allee hochzieht, »ist nicht der Totensonntag auch der Tag, an dem an die Apokalypse, das Jüngste Gericht und die Ewigkeit gedacht werden sollte?« Ich bin nicht ganz liturgiefest, aber ich glaube, schon. Nur: Ewigkeit und letztes Gericht – hatten wir die nicht gerade verabschiedet?
»Nun ja«, sagt sie, »vielleicht wäre ein zeitgemäßer Gedenktag zu Ewigkeit und Menschheitsgericht ja ein Beitrag zu einer moderneren Theologie und damit zu einem Aufbruch, und das heißt ja wohl: Exodus.«
Und als ich schweige, hakt sie mich unter und sagt: »Schau mal, neue Religionen – oder vorsichtig: neue verbindende Ideen – kamen doch immer auf, wenn die Gesellschaft ihre Form veränderte. Hast du vorhin gesagt.«
Ich nicke ins Dunkel.
»Na ja. Und heute steht doch eine gewaltige Formveränderung dieser ausbeuterischen und ausgebeuteten Weltgesellschaft an. Klima, Armut, Ungleichheit, Hunger, Durst, Zerstörung der Schöpfung. Das sind schon mindestens sechs apokalyptische Reiter, und ich wüsste noch ein paar mehr. Da hat ein Teil der Menschheit an die Ewigkeit geglaubt, aber es war die Ewigkeit des Wachstums, und damit haben wir die Erde überfordert und viele Menschen ins irdische Elend gestürzt. Und wenn wir, wir hier …«  – sie holt mit dem freien Arm aus, so weit, dass mir nicht ganz klar ist, ob sie nur uns beide meint oder die Deutschen  oder die OECD-Bewohner –  »… wenn wir hier also nicht lernen, und zwar a tempo, nicht aus Furcht vor der Hölle oder im Hinblick auf ein ewiges Leben, sondern aus … Weltfrömmigkeit unsere Lebensform zu ändern, dann wird das hier die Hölle auf Erden. So gesehen, hätten wir den Totensonntag schon am 20. August feiern können.«
Wieso das?
»Das ist in diesem Jahr der Earth Overshoot Day, der Tag, an dem wir als Menschheit mehr Ressourcen verbraucht haben, als die alte Erde erneuern kann. Dieser Abschlag auf die Apokalypse rückt immer näher an den Frühling heran.«
Und was hat das mit dem »Nutzen der Toten« zu tun, unterbreche ich sie.
Sie zeigt auf das Grabmal, vor dem wir stehen. Es ist ein mittelgroßer Stein, das Grab von Minna Cauer, der Vorkämpferin für das Frauenwahlrecht vor mehr als hundertzwanzig Jahren. Im Licht meines Handys lese ich: »Vollendet, was wir begonnen.«
»Damit wir melden können: ›Auftrag ausgeführt‹«, sagt meine Freundin. »Und ich meine das nicht feministisch verengt. Wir könnten auch zu Virchows Grab gehen, der hat einiges zum Thema Wirtschaft und Sterblichkeit gesagt. Da ist viel Unerledigtes zu erledigen. Darauf haben die Toten einen Anspruch. Damit sie nicht umsonst gelebt haben, auch die Namenlosen.«
Es ist nun ganz dunkel auf dem Friedhof, nur am Ausgang brennen die Lichter des Friedhofscafés. Das heißt »finovo«, auf Deutsch: Jedes Ende ist ein Anfang. Traditionen können zerfallen. Dann gibt es nur noch Bruchstücke. Aber man kann sie neu verbinden. Neu verbinden, das heißt auf Deutsch, ungefähr jedenfalls: Religion. Da setzen wir uns nun hinein und machen eine Liste unserer Toten. Sie ist lang, und der Kakao ist warm. Gemeinsam auf den Friedhof zu gehen, schafft Verbindung. •

 

Mathias Greffrath (67), Autor und Journalist, arbeitet unter anderem für die »Taz«, die »Zeit« und den Rundfunk. Lesetipp: »Montaigne heute. Leben in Zwischenzeiten« (Diogenes 2006).

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