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Gaben(tausch)

Klassiker und Neuerscheinungen zur Theorie der Gabe

von Matthias Fersterer , erschienen in 03/2010

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Gabentausch: Was ist eine Gabe? Kann man Gaben tauschen? Wann wurden Gaben zu Waren? Ist die »reine Gabe« nur ein unerreichbares Ideal oder doch ein fester Bestandteil des Lebens? Und was hat das alles mit Liebe zu tun? Matthias Fersterer ist dem Geist der Gabe auf der Spur.

Die moderne Gabenforschung beginnt 1923 mit Marcel Mauss’ vielbeachtetem Essay »Die Gabe. Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften«. Darin erforscht der französische Ethnologe die gesellschafts- und beziehungsstiftende Funktion von Gabentraditionen wie dem Potlatsch oder dem melanesischen Kula-Tausch. Diese beschreibt er als reziproke (wechselseitige) »soziale Totalphänomene«, die in sämtliche Bereiche der Gesellschaft hineinwirken. Bei aller wissenschaftlichen Strenge wird spürbar, dass er jener Zeit, »in der man noch weniger kalt und berechnend dachte«, nachtrauert.

In seinem Buch gleichen Titels vergleicht Lewis Hyde den Gabenzirkel – dieser bestehe aus Geber, Empfänger und dem unbekanntem Dritten, an den die Gabe weitergegeben wird – mit dem Blutkreislauf: »Das Blut verteilt den Atem im gesamten Körper, ist flüssig, wenn es im Inneren die Luft transportiert, und gerinnt, wenn es mit der äußeren in Berührung kommt, es bewegt sich frei, aber in Bahnen, und kann heilend an jeder bedürftigen Stelle des Organismus eingreifen.«

Gaben unterscheiden sich also insofern von Kapital, als sie sich nicht abschöpfen, einfrieren oder gewinnbringend anlegen lassen, sondern »immer weiterwandern«. Dass ein solcher Gabenkreis nicht nur in kleinteiligen Clan- und Stammesgesellschaften funktioniert, zeigt Hyde anhand der internationalen Forschergemeinde auf. Ein Beispiel für einen solchen Kreis aus weitergeschenkten Erkenntnissen ist »Die Gabe« selbst: Hydes Buch ist eine Antwort auf Marshall Sahlins »Stone Age Economics«, das wiederum eine Antwort auf Mauss’ ursprüngliches Essay ist.

Im Gegensatz zu Waren ist bei Gaben eine Gefühlsverbindung zwischen Geber und Empfänger unabdingbar. Umgekehrt führt die Umwandlung von Gaben in Waren zu einer Zersplitterung der Gemeinschaft. Mitunter habe die Anonymität und scheinbare Freiheit des Marktes aber auch ihr Gutes, so Hyde, denn manchmal möchte man eben gar keine Beziehung eingehen, sondern nur ein Sägeblatt kaufen.

Wenn Waren entfremdete Gaben sind, stellt sich die Frage, wann Gaben zu Waren wurden. In der europäischen Geschichte datiert Alfred Sohn-Rethel den Beginn dieser Umwandlung auf die frühe Eisenzeit, die mit der Münzprägung und dem Aufkommen des abstrakten Denkens zusammengefallen sei. Um die Zersetzung der Gesellschaft zu vermeiden, sei die Gabentradition in der griechischen Antike in die Sphäre der Religion verlagert worden.

Wurde die Gabe dort sakralisiert, so wurde sie in einem anderen Bereich profaniert und herabgemindert. Diesem ordnet Ivan ­Illich die »Schattenarbeit« zu – all jene bewusst oder unbewusst erbrachten Schenkleistungen, die das Leben und somit die Lohnarbeit erst ermöglichen. Dazu zählt auch, was Veronika Bennholdt-Thomsen »lebensnotwendige Versorgungsarbeit« nennt. In ihrem manifest­artigen Essay »Geld oder Leben« bietet sie eine knappe, fundierte und praxisnahe Einführung in die Gabentheorie aus der matriarchalen Subsistenzperspektive und zeigt Wege zur Entkommerzialisierung des Lebens auf. Sie verlagert den Fokus vom Nehmen aufs Geben und betont die Bedingungslosigkeit der Gabe. Mauss und Hyde halten hingegen am Begriff Gabentausch fest. Doch lassen sich Gaben überhaupt tauschen? Macht die Erwartung einer Gegengabe, und sei es in Form von Ansehen oder Dankbarkeit, die Gabe nicht zur Ware? Jaques Derrida verwies auf das Paradoxon, dass eine Gabe ohne Gegengabe praktisch undenkbar sei, die »reine Gabe« aber gleichzeitig jegliche Erwartungen ausschließe. Ist die reine Gabe also ein unerreichbares Ideal?

Bennholdt-Thomsen und Genevieve Vaughan erinnern hier an die bedingungslose Hingabe, mit der mütterliche Bezugspersonen Neugeborene umsorgen. Die reine Gabe wäre demnach nichts Unerreichbares, sondern eine biologische und anthropologische Konstante, vielleicht gar das Prinzip des Lebens selbst. Mit solchen Überlegungen verlassen wir Tausch und Rezi­prozität und nähern uns Solidarität und Liebe an. Die Liebe aber, schreibt Erich Fromm, ist prinzipiell unvereinbar mit dem Kapitalismus. Wie ließe sich die kapitalistische Gewinnlogik also in eine Ökonomie der schenkenden Hingabe verwandeln? Wie lassen sich die scheinbaren Gegensätze Freiheit und Verbundenheit integrieren, anstatt sie gegeneinander auszuspielen?

Ein Anfang könnte sein, unser Augenmerk stärker auf das Leben selbst zu richten. Denn wenn ich, wie der Phänomenologe Merleau-Ponty schrieb, eine »Faser im Fleisch der Welt« bin, wie könnte ich mich da nicht hingebungsvoll an die Welt verschenken wollen? Wenn ich meinen Leib nicht als getrennt vom Leib der Welt erfahre, wie könnte ich da wollen, dass der Gabensaft, der unsere Venen, Arterien und Kapillargefäße durchpulst, gerinnt und verklumpt?

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