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Freiräume für Achtsamkeit

Meditation zwischen Modewelle und gesellschaftlicher Transformation.

von Stefan Schmidt , erschienen in 22/2013

Bild

© Foto: Lin Haas

Meditation ist in Mode. Man sieht das an der medialen Aufmerksamkeit. Die Darstellung ist meist die gleiche: Eine junge, schlanke Frau, meist blond und in figurnaher Ökokleidung sitzt mit aufgerichtetem Körper, geschlossenen Augen und verklärt-entspanntem Gesicht im Schneidersitz am Strand.
Neben derartigen Klischeebildern, die dokumentieren, dass man »Spiritualität« mit einer Mischung aus Sexismus und Wellness zur Zeit wohl gut verkaufen kann, steht der Inhalt, dass Meditation dabei hilft, zu entspannen und das innere Gleichgewicht wiederzufinden. Dies gilt umso mehr, wenn der gerade ebenso populäre Burnout droht. Erklärt wird all dies nicht etwa von Meditationslehrerinnen oder -lehrern, sondern streng wissenschaftlich, am besten aus dem Bereich der Neuroforschung mit der Aussage »Meditation verändert das Gehirn«.
Man mag sich fragen, warum Meditation ausgerechnet das Gehirn verändern muss, um als wirksam begriffen zu werden. Das liegt wohl daran, dass das sich verändernde Gehirn die momentane kulturelle Metapher für die Wirksamkeit und Mächtigkeit einer bestimmten Methode symbolisiert.
Spannt man den Kontext weiter, dann sieht man, dass die Wissenschaft selbst in unserer Kultur die maßgebliche Instanz für sozial akzeptierte Weltbilder geworden ist. Daher müssen heute Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ­erklären, dass Meditation wirkt; früher wäre es der Pfarrer gewesen. Albert Einstein merkte an, je mehr eine Kultur begreife, dass ihr aktuelles Weltbild eine Fiktion ist, desto höher sei ihr wissenschaftliches ­Niveau.
Ich selbst bin Wissenschaftler und meditiere regelmäßig. Mein Fachgebiet ist die Meditationsforschung. Und ganz plötzlich liegt meine Arbeit, die bisher eine Außenseitertätigkeit war, im Megatrend. Das bringt mich ins Nachdenken: Was ist denn nun wirklich dran am Meditationshype?
 

Jenseits von Religion
Verschiedene meditative Praktiken werden in den östlichen spirituellen Traditionen seit mehr als 2000 Jahren zur Selbsttransformation eingesetzt. Die Meditierenden sollen Einsichten in die Funktionsweise des eigenen Geists gewinnen, erkennen, wie sie sich selbst Leiden schaffen, und sich an neue, hilfreichere Haltungen und Einstellungen gewöhnen. Die dabei anzustrebenden Werte decken sich oft mit denen westlicher Traditionen, aber die Idee, dass man nicht nur als Mönch oder Nonne, sondern auch im weltlichen Leben solche Haltungen einüben kann, ist besonders den östlichen Wegen eigen. So wurde Meditation, als sie vor allem in den späten 1960er Jahren im Westen aufkam, zunächst unter der Rubrik schräger spiritueller Sekten und religiöser Spinnereien abgelegt.
Dies änderte sich gut zehn Jahre später, als der amerikanische Mikrobiologe Jon Kabat-Zinn die buddhistische Achtsamkeitspraxis von ihrem spirituellen Gehalt löste und in einer säkularisierten Form sowohl für gesunde Menschen als auch für solche mit chronischen Erkrankungen anbot. Kabat-Zinn kombinierte verschiedene Meditationstechniken mit Yoga, Gruppenelementen und Informationen zum Zusammenhang von Stress und Gesundheit zu einem achtwöchigen Kurs mit dem Titel »Mindfulness-based stress reduction« (MBSR), auf Deutsch »Achtsamkeitsbasierte Stressbewältigung«. Die buddhistische Idee, durch eine bestimmte Grundhaltung gegenüber sich selbst und der Welt zu mehr Zufriedenheit und Glück zu gelangen, wurde hier zwar realisiert, aber die spirituelle Ausrichtung auf ein Endziel der Befreiung oder Erleuchtung wurde durch alltagsweltlichere Kompetenzen, wie die Bewältigung chronischer Schmerzen oder den Umgang mit belastenden Situatio­nen ersetzt.
Dieser Kurs war und ist in mehrfacher Hinsicht sehr erfolgreich. Das von Kabat-Zinn gewählte Format zum Erlernen von ­Meditations- und Achtsamkeitstechniken und ihrer regelmäßigen Übung im Rahmen von täglichen Hausaufgaben wurde nicht nur von den Teilnehmenden dankbar aufgenommen und als hilfreich empfunden. Der einheitliche und immer gleiche Ablauf des Kurses ermöglichte auch den wissenschaftlichen Zugang zum Phänomen Meditation. So konnte MBSR als klinische Intervention wissenschaftlich evaluiert werden. Heute, gut 30 Jahre später, liegt umfassendes Studienmaterial vor. Es zeigt, dass ein MBSR-Kurs Angst und Depression lindert, eine bessere Bewältigung von vielen chronischen Erkrankungen ermöglicht und sowohl bei Kranken als auch bei Gesunden die Lebensqualität steigert. Besonders groß sind die Effekte beim Umgang mit schwierigen Emotionen. Das zentrale Element für deren Regulation ist die Praxis der Achtsamkeit.
 

Den Augenblick erfahren
Achtsamkeit ist eine bestimmte Art und Weise, in der Welt zu sein – man könnte auch sagen, eine bestimmte innere Haltung. Wesentlich dafür ist, den Fokus auf die momentane Situation oder das momentane Erleben zu lenken und nicht gedanklich in der Zukunft oder der Vergangenheit unterwegs zu sein. Wenn ich beim Gehen über meine Probleme oder Pläne nachdenke, bekomme ich vom Weg vermutlich wenig mit. Wenn ich aber mit der Aufmerksamkeit in der Gegenwart bin, spüre ich meinen Körper in der Bewegung, nehme wahr, wie die Luft an meinem Gesicht vorbeistreicht, höre die Geräusche der Vögel oder des Verkehrs und sehe die Pflanzen oder auch den Schmutz am Wegesrand. Zur Achtsamkeit gehört auch, eine neugierige und vor allem akzeptierende Haltung gegenüber diesen Erfahrungen einzunehmen, sich Bewertungen zu enthalten und stattdessen nur zu beobachten. So können die orange Ringelblume oder die verbeulte Bierdose, das Zwitschern der Vögel oder die Autogeräusche jeweils gleich interessant sein. Diese Art der bewussten Wahrnehmung, die im Alltag nahezu alle Tätigkeiten begleiten kann, nennt man informelle Praxis. Voraussetzung für ihr Gelingen ist die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit stabil in der Gegenwart zu halten und nicht abzuschweifen – etwas, das in der formalen Meditation, beim Sitzen in Stille, erlernt wird.
Um die neutrale Beobachtung von Gefühlen und Gedanken geht es in einer der spektakulärsten Anwendungen der Achtsamkeitspraxis im klinischen Kontext, der Rückfallprophylaxe bei Depression. Das große Rückfallrisiko von Menschen, die bereits mehrere depressive Episoden hatten, hängt vermutlich damit zusammen, dass alltägliche Verstimmungen oder Stresssituationen als Zeichen einer wiederkehrenden Depression gedeutet werden. Diese Interpretation löst Angst und Grübeleien aus, die den Stress verstärken, und es beginnt ein Teufelskreis, der tatsächlich in eine neue Depression münden kann. In einem speziellen Achtsamkeitsprogramm (MBCT) üben ehemals depressive Menschen den Umgang mit solchen kritischen Momenten ein. Der Schlüssel zum Ausstieg aus der Stressspirale liegt dabei auf einer achtsamen Haltung, die erfahrbar macht, dass sich Gefühle immer wieder ändern und nie konstant negativ (oder auch positiv) bleiben. Dazu kommt die ebenfalls erfahrungsbezogene Erkenntnis, dass die bedrohlichen Gedanken keinen Realitätsgehalt besitzen und es daher auch nicht notwendig ist, sein Handeln auf sie auszurichten. Die Ergebnisse dieses Achtsamkeitstrainings sind durchweg positiv; die Wahrscheinlichkeit für einen Rückfall reduziert sich bis auf die Hälfte. Im Gesamtbild ragt die Methode aber nicht so weit aus anderen verhaltensmedizinischen oder psychotherapeutischen Verfahren heraus, als dass sich die momentane Popularität von Meditation dadurch erklären ließe. Hier liefert ein Blick auf die gesellschaftliche Dynamik unserer postmodernen Kultur mehr Anhaltspunkte.
 

Soziale Beschleunigung
Wir erleben in den letzten Jahrzehnten eine zunehmende Funktionalisierung und Kapitalisierung aller Lebensbereiche. Dieser Prozess scheint mittlerweile auch bis in die letzten Freiräume vorgedrungen zu sein, so dass es kaum noch ein Entkommen gibt. Kinder werden heute als kleine Konsumenten begriffen, die direkt oder indirekt über Ausgaben in Milliardenhöhe entscheiden. Die Schule ist ein Ort, in dem via Bildungserfolg die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands entschieden wird. Da bleiben keine Freiräume für Muße oder ein nicht-zielorientiertes Verweilen im Moment. Aber auch Erwachsene haben durch die mobilen Medien die letzten Lücken eines nicht-funktionalisierten Seins geschlossen. »Das Handy ist die Zigarettenpause des 21. Jahrhunderts«, so das Zitat aus einer Studie über Smartphones. Dazu kommt, was der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa als »soziale Beschleunigung« bezeichnet. Diese Beschleunigung unserer Alltagsabläufe und Lebensumstände, die Jede und Jeder spüren kann, ist eine kollektive. Als Einzelner kann man sich dieser Dynamik gar nicht entziehen, es sei denn durch Auswandern oder konsequenten Rückzug aus der Gesellschaft. Alle jedoch, die hierbleiben und hier leben, erfahren die ganz alltäglichen Paradoxien, die sich aus einer fortwährenden, von sich selbst befeuerten Beschleunigung ergeben: Weder durch Effizienzsteigerung wird freie Zeit hervorgebracht, noch wenn man sich beeilt, um schneller mit etwas fertig zu werden. Die geschaffenen Freiräume werden von ihrer eigenen Dynamik sofort wieder aufgefressen.
Es ist vermutlich das kollektive Erleben eines immer enger werdenden Netzes von Zeitverdichtung, das die Idee der Meditation so beliebt macht: Timeout statt Burnout. Einfach mal nichts tun, kein Ziel verfolgen, keinem Zweck dienen, nur sein und darin Ruhe finden. Dies führt uns zurück zum medialen Wellnessversprechen der meditierenden Frau am Strand. Dass dem nicht immer so ist, wissen alle, die sich an Meditation versucht haben. Nichtsdestotrotz kann diese Popularität als Ausdruck einer Gesellschaft verstanden werden, die aus ihrem eigenen Korsett austeigen will. Eine ernsthafte, auch ethisch verstandene Meditationspraxis, bei der Mitgefühl, Minderung von Leid und Abkehr von der eigenen Gier geübt werden, könnte in der Tat ein Gegenwicht zu den aktuellen Entwicklungen bieten. Ob dies gelingt, ist offen, denn auch Meditation kann funktionalisiert und kapitalisiert werden. Das Motto hieße dann: schneller meditieren, um effizienter zu arbeiten und noch mehr zu leisten.
Vermutlich gelingt gesellschaftliche Veränderung nur dann, wenn es auch um die Selbsttransformation der Meditierenden geht. Anders formuliert: Die Säkularisierung der Meditation hat ihr gesellschaftliche Akzeptanz ermöglicht, aber erst die Rückbesinnung auf ihre spirituellen Wurzeln kann ihr ganzes gesellschaftliches Potenzial entfalten. Dabei darf man eines allerdings nicht übersehen: Die Beschleunigungsdynamik ist nicht individuell, sondern kollektiv, und auch die persönliche Gier nach mehr Konsum hat sich längst im Gewinntrachten von Banken und Konzernen institutionalisiert. Die so geschaffene Realität scheint in der allgemeinen Wahrnehmung sehr stabil zu sein. Der Kulturtheoretiker Frederic Jameson sagt dazu: »Die spätmoderne Gesellschaft kann sich leichter den Untergang der Welt als ein Ende des liberal-kapitalistischen Systems vorstellen.« Daher genügt es vermutlich nicht, nur uns selbst zu verändern, sondern wir müssen, dadurch motiviert, in einem zweiten Schritt – und diese Reihenfolge ist hier wichtig – auch gesellschaftlich aktiv werden.
 

Muße im öffentlichen Raum
Ein wichtiger Impuls für ein auch kollektiv gedachtes Innehalten könnte vom Begriff der Muße ausgehen. In einem Sonderforschungsbereich an der Universität Freiburg wird Muße als »Freiheit, die in der Zeit nicht der Herrschaft der Zeit unterliegt« verstanden. Wenn so die Eile in unserem Bewusstsein zurücktritt, entsteht Raum, im besten Fall sogar unfunktionalisierter Freiraum. Vielleicht könnte ein erster Schritt hin zu einer gesellschaftlichen Veränderung darin bestehen, im öffentlichen Raum Orte der Muße und Stille zu schaffen. Ein bereits bestehendes Beispiel ist das sogenannte Flüsterabteil im ICE, in dem mitunter eine ruhige und gesammelte Atmosphäre entstehen kann.  Auch mit einer Parkanlage, die erklärtermaßen der Muße gewidmet ist, könnte ein öffentlicher Kristallisationspunkt für Ruhe und Innehalten geschaffen werden. Oder mit Plätzen in der Kantine, wo man schweigend essen kann. Allein solche Vorschläge können einen wertvollen Diskurs anstoßen, denn Innehalten, Nichtstun, nicht funktional oder nützlich zu sein - all das ist momentan nicht sehr hoch angesehen. Im Kontext der Diskussion um Stress, Burnout und Gesundheit könnte hier ein Umdenken stattfinden, das es ermöglicht, Orte der Muße und Stille zu realisieren und damit kulturell zu verankern. 

 

Stefan Schmidt (45) ist Psychologe und arbeitet als Juniorprofessor an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) und leitet die ­Forschungsgruppe Meditation, Achtsamkeit und Neurophysiologie am  ­Universitätsklinikum Freiburg.


Mehr Achtsamkeit im Netz:
www.kompmed.uniklinik-freiburg.de
www.mbsr-verband.org
www.arbor-seminare.de

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