Oya braucht Mithilfe!

Alle Artikel der gedruckten Oya-Ausgaben sind auf dieser Website kostenlos zu lesen. Dahinter steckt viel Arbeit. Bitte helfen Sie mit, dass wir alle Texte weiterhin frei zur Verfügung stellen können:

• Nein, danke

• Ja, ich unterstütze Oya

Bitte wählen Sie hier den Betrag, mit dem Sie Oya unterstützen möchten:



Falls Sie kein PayPal-Konto haben, können Sie natürlich
auch direkt unsere Bankverbindung verwenden:

IBAN: DE96 4306 0967 1112 9897 00 • BIC: GENODEM1GLS
Verwendungszweck: Oya-Online Beitrag

Jedes Ding hat drei Seiten

Echter Humor trifft, ohne eine Narbe zu hinterlassen – so heißt es. Er fließt wie die Tränen, er macht die Dinge durchsichtig und überwindet das Leid der Welt. Eine Hommage an eine magische Kraft.

von Dieter Halbach , erschienen in 21/2013

Bild

© Foto: www.schelletter-illustration.de

An meinen ersten bewussten Lachaufstand kann ich mich noch gut erinnern. Ich war in der Schule, ungefähr in der 12. Klasse. Meistens schwieg ich. Doch dieses Mal brach mein aufgestauter Frust hinaus in das Klassenzimmer wie ein reinigendes Gewitter. Es war wegen unserer kleinen, vertrockneten Deutschlehrerin. Sie war das Sinnbild des Wahnsinns und der Sinnlosigkeit der Schule. Seit Jahren oder gefühlten Jahrhunderten sprach sie nur zu sich selbst. Nur einmal im Jahr wagte sie es, uns eine Frage zu stellen. Damals machte sie den Fehler, ausgerechnet meinen Freund Gerald dranzunehmen. Natürlich hatte er nicht zugehört. Er hatte Besseres zu tun. Gerald war ein Schrank, hatte lange, blonde Haare und unter anderem, wofür ich ihn sehr bewunderte, eine Affäre mit unserer Französischlehrerin. Gerald stand im Saft, und die kleine, vertrocknete Person stand vor ihm und versuchte, seine Lehrerin zu sein. Sie sagte, er solle wiederholen, was sie gerade gesagt habe.Da stand sie, klein und traurig, vor ihm, groß und unbesiegbar: Das gescheiterte Leben vor dem zukünftigen Leben, die Welt noch vor sich, zum Sprung bereit. Das sah ich, und es brach aus mir heraus. Dabei tat sie mir leid, die kleine Lehrerin: In meinem Lachen war auch ein Schmerz über ihre Existenzform. Doch ich musste diese Form zerstören, um dem ­Leben zum Durchbruch zu verhelfen. Mein Lachen war wie der heilige Zorn, ohne persönlichen Groll und ohne Rachegelüste. Es war ein übermächtiges Lachen, es rollte aus meinem Bauch hervor und ergoss sich über die Bänke und Stühle, bis der ganze Raum damit angefüllt war.
Danach war alles anders, verwandelt wie im Märchen. Ich hatte meine Sprache wiedergefunden und meine Furcht und Isolation verloren. Ich war jetzt ein Revolutionär – allerdings einer ohne Partei, Programm, Ziel und Weg, nur mit einem Lachen bewaffnet.
Seit diesem Lachen war ich »draußen«. Seitdem kann ich nicht mehr anders, als mit einem lachenden und einem weinenden Auge auf mein Leben zu schauen. Gerade dort, wo ich existenziell betroffen bin – wie in der Liebe und ihrem Verlust –, rettet mich immer wieder der Humor. Er hilft mir, geschmeidig zu werden und mich vom großen Liebesernst zu lösen, ohne meine Gefühle zu übergehen. Ohnehin können Probleme nicht gelöst werden, sondern nur erlöst, durch eine innere Loslösung, die mich einer größeren Lebenskraft übergibt. Das Sterben des Egos geschieht durch Humor.
»Solange wir über uns selbst lachen können, sind wir auf dem Weg!« Diesen Leitsatz schrieb ich uns bei der Gründung des Ökodorfs Sieben Linden ins Konzept, als eine Medizin gegen Zweckfixiertheit oder gar Verbissenheit. Oft vergessen wir bei aller Anstrengung des Uns-immer-weiter-Verbesserns und Kritisierens, das Leben zu feiern. Der Narr darf ruhig mal eine Vollversammlung aufmischen. Der Konflikt darf mal in und dann auch auf den Arm genommen werden. Zum Glück gibt es Werkzeuge des Humors und der Poesie, wie das gestaltete Forum oder das Improvisationstheater, mit denen wir uns selbst die Maske des Ernsts abreißen können – und schon entsteht spielend leicht die Gemeinschaft des Menschlichen. Denn wenn wir nicht mehr über uns lachen können, sind wir lebendig begraben.
 

»Ein Lachen wird es sein, das euch beerdigt«
Das Poster mit diesem Spruch und dem lachenden Anarchisten, der zu seiner eigenen Hinrichtung (so glaubte ich jedenfalls damals) geht, hing Anfang der 70er Jahre nicht nur an meiner WG-Wand. Damals begann meine bewusst-politische Lachkar­riere: Ich lachte über die Ohnmacht der Herrschaft. Heute könnte ich sogar über meine damalige Überheblichkeit lachen.
Michael Ende sagt: »Humor entzieht sich jeder Absicht. Humor kann niemals fanatisch oder dogmatisch sein. Er ist immer menschlich und freundlich. Er ist jene Bewusstseinshaltung, die es uns ermöglicht, die eigene Unzulänglichkeit ohne Bitterkeit einzugestehen und uns leicht zu machen. Und auch die Unzulänglichkeit des anderen mit einem Lächeln zur Kenntnis zu nehmen. Humor ist nicht identisch mit Weisheit, aber er ist ihr nahe verwandt […] Kinder sind für nichts so empfänglich, wie für echten Humor, denn er sagt ihnen, dass man Fehler haben und machen darf, ja, dass wir geliebt sind, gerade wegen unserer Fehler.«
Dieses Lachen ist kein Auslachen mehr. Es ist nur komisch, wenn es ein gutes Ende hat, sonst ist es sogar grausam. Die Opfer von Krieg, Katastrophen, Gewalt und Armut können und dürfen vielleicht über sich selbst und ihre Situation lachen – aber wir nicht! Die Grenze des Humors ist die Verletzung eines anderen Menschen. Manfred Geier verortet in seiner kleinen Philosophie des Humors »Worüber kluge Menschen lachen« die Entstehung dieses nicht-verletzenden Humors zu Beginn der Aufklärung. Den Denkern der europäischen Aufklärung war es wichtig, das vorherrschende Lachen aus Überlegenheit zugunsten eines erkennenden Lachens über sich selbst zu überwinden – eines Lachens über die kleinen Widersinnigkeiten des alltäglichen Lebens oder gar eines kosmischen Gelächters über den Kontrast zwischen der Größe des menschlichen Strebens und seiner existenziellen Begrenztheit. »­Etwas so Verwerfliches ist der Witz, wenn er nicht durch Tugend und Humanität gemildert ist«, schrieb beispielsweise der Gentle­man-Journalist Joseph Addison im April 1711. Den Humor der »Inkongruenz«, des Lachens über die eigene Unvollkommenheit, beschrieb der Dichter Jean Paul 1804 als das »umgekehrte Erhabene«. Für ihn gab es »keine einzelne Torheit, keine Toren, sondern nur Torheit und eine tolle Welt.« In seiner »Theorie des Lächerlichen« von 1844 spricht Arthur Schopenhauer von dem Widerstreit zwischen lebendiger Anschauung und rationalem Verstand und erfreut sich daran, wenn die Anschauung dabei klar den Sieg ­davonträgt: »Diese strenge, unermüdliche, überlästige Hofmeisterin Vernunft jetzt einmal der Unzulänglichkeit überführt zu sehen, muss uns ergötzlich seyn.« Es ist die evolutionäre Spannung im Menschsein, die uns zum Lachen bringt. Der Mensch ist das einzige unvollendete Lebewesen und damit von vornherein zur Tragik und zur Komik verdammt. Kaum jemand wusste das besser als Charlie Chaplin, der dieses existenzielle Geworfensein in den Mittelpunkt seiner Kunst stellte: »Alle elementare Komik gründet sich darauf, dass der Mensch in einer lächerlichen und peinlichen Lage handeln muss.«
Im Orient gibt es eine Tradition des spirituellen Aufstands gegen Dogmatismus und Scheinheiligkeit. Der Sufipoet Maulana Rumi aus dem 13. Jahrhundert spricht vom Menschen als einem »Esel mit Flügeln«: Gesegnet der, der die eigene Schwäche als solche erkennt, und gesegnet der, der für den Makel, den er im anderen sieht, die Verantwortung übernimmt. Denn die Hälfte eines jeden hat unrecht, ist schwach und vom Weg abgekommen. Die Hälfte! Die andere Hälfte aber tanzt in unsichtbarer Freude.
Wie im Sufismus sorgen auch Zen-Geschichten und Koans – das sind Denkrätsel, die nicht durch Denken lösbar sind – für den plötzlichen Sieg der Erkenntnis über den Verstand:
Hogen, ein chinesischer Zen-Lehrer und Einsiedler, bekam Besuch von einigen Mönchen. Als er hörte, wie sie über Subjektivität und Objektivität diskutierten, fragte er sie: »Dort ist ein großer Stein. Meint ihr, dass er innerhalb oder außerhalb eures Geistes ist?« Einer der Mönche antwortete: »Vom buddhistischen Standpunkt aus ist alles eine Objektivierung des Geistes, also würde ich sagen, dass der Stein innerhalb meines Geistes ist.« Darauf bemerkte Hogan: »Dein Kopf muss sich sehr schwer anfühlen, wenn du einen Stein wie den da in deinem Geist herumschleppst.«
 

Ein Lächeln ist es, das dich aufblühen lässt
In der buddhistischen Achtsamkeitspraxis ist das innere Lächeln ein Übungsweg. Die buddhistische Nonne Chan Dang beschreibt diese Praxis in ihrer Gemeinschaft Plum Village: »In der Meditation lächeln wir unserem Körper, unseren Gefühlen, unserem Schmerz und unserem Zorn zu, denn ein Lächeln hat die Kraft, unsere Gefühle, unseren Schmerz und unseren Zorn zu heilen und uns Freude und Glück zu bringen. Das Lächeln ist eine Blume, die auf den Lippen eines jeden Menschen erblühen kann.« Der Gründer von Plum Village, Thich Nhat Hanh, spricht über den Wert von Gemeinschaft: »Die besondere Art, wie jeder geht, isst und lächelt, kann eine Quelle der Inspiration sein. Würden wir jemanden, der Hilfe braucht, einfach nur dem Einfluss einer solchen Gemeinschaft aussetzen, würde er verwandelt, selbst wenn er nicht übt […] Eine glückliche Gemeinschaft zu bauen, ist wirklich wesentlich.«
Ich selbst kenne die heilende Wirkung des liebevollen und humorvollen Blicks einer Gemeinschaft und meiner nahen Menschen auf meine Entwicklung. Ein angenommener, selbstbewusster Mensch kann an sich immer wieder scheitern und darüber sogar Freude empfinden. Da sind Schmerz und Scherz in einem Wesenszug. Der Philosoph Helmut Plessner beschreibt 1941 im Exil diese menschliche Doppelexistenz als ein »exzentrisches Wesen«, das nicht fest »zentriert« ist. In einer existenziellen Krise, wie sie so nur der Mensch erleben kann, fällt er ins Lachen, ins Weinen oder in beides zugleich: »Aber er kapituliert nicht als Person […] Auf die unbeantwortbare Lage findet er gleichwohl – kraft seiner exzentrischen Position, durch die er in keiner Lage aufgeht – die einzige noch mögliche Antwort: von ihr Abstand zu nehmen und sich zu lösen.«
Wir kennen diese Art von Humor aus vielerlei Grenzsituationen; selbst in den Konzentrationslagern war sie nicht auszurotten. Für den Überlebenden und späteren Therapeuten Viktor Frankl war der dortige Lagerhumor »eine Waffe der Seele im Kampf um ihre Selbsterhaltung«. Primo Levi spricht darüber in seinem Roman »Ist das ein Mensch?«. Er beschreibt den Morgenappell im KZ Auschwitz; alle Häftlinge sind nackt, stehen stramm; Levi schaut um sich und denkt: »Und wenn dies nur ein Witz wäre? Das kann doch alles nicht wahr sein!« Humor haben oft gerade die Menschen, die eigentlich nichts zu lachen haben. Barbara Pachl-Eberhart, eine ehemalige Krankenhausclownin, die bei einem Unfall ihre gesamte Familie verlor, spricht von der notwendigen »emotionalen Durchlässigkeit«, gerade in Leidenszeiten: »Ich glaube, das Ziel kann nie heißen, wie bewahre ich mir mein Lachen? Sondern das Ziel kann nur heißen: Wie bewahre ich mir mein Fühlen als Gesamtes.« So feiert im Schrecklichen und Ausweglosen wie im Kleinen und Absurden der Mensch im Komischen seine Auferstehung.
Was für ein inflationäres, nicht endenwollendes Gelächter ist das aber, das uns heute wie ein Tinnitus von überall her entgegenschallt? Die »Spaßgesellschaft« erscheint mir wie eine Ironisierung und Banalisierung unseres Lebens. Im »Grand Hotel Abgrund« wird sie als Tünche auf die Wände gemalt. Die Verbreitung einer infantil-witzelnden Haltung kann dazu führen, dass keine seriö­se Aussage mehr möglich ist, kein Schutz und keine Bejahung mehr stattfinden, sondern eine haltungslose Haltung gegenüber ­allem eingenommen wird – ein lachender Shitstorm, der einen gesell­schaftlichen Zerfall begleitet, der eine chronisch-ironische Selbstdistanzierung und eine Abwertung hervorbringt, die nichts und niemanden mehr achtet und ernstnimmt.
 

Gibt es kulturkreativen Humor?
Anders hoffentlich der »kulturkreative Humor«: Als ein subversiver Heilungs- und Erkenntnisweg ist er eine komische Art, für und mit dem Paradox des Lebens zu gehen – und darin sehr ernst und menschlich zu sein. Laozi, der große chinesische Philosoph, soll gesagt haben: »Jedes Ding hat drei Seiten: Eine, die du siehst, eine, die ich sehe, und eine, die wir beide nicht sehen.« Der schwedische Dichter Gunnar Ekelöf weiß das poetisch zu übersetzen: »Leben ist weder das Böse noch das Gute, es ist das Getreidekorn zwischen den Steinen. Dort, auf der dritten Seite des Lebens, dort sind das Schwarze, das Graue und Weiße keine der Seiten, und aus den dreien wird eine Vielzahl Schattierungen gezeugt, jenseits aller Wahrheiten und Lügen.«
Diese dritte Seite unserer Existenz gilt es, immer wieder neu zu entdecken und im Dialog zu erschaffen. Sie ist die Seite der Versöhnung, der Integration, der Evolution, der Geschmeidigkeit – und des Humors. Mit den Worten von Karl Valentin: »Jedes Ding hat drei Seiten, eine positive, eine negative und eine komische.« •

Zurück zur Startseite

Hintergrundinfos zu Oya auf Facebook

Oya gemeinsam ermöglichen!