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Lacht die ganze Welt?

Eine paläohumorologische Selbststudie.

von Lara Mallien , erschienen in 21/2013

Mit einem vagen Bauchgefühl ­begann eine poetisch-wissenschaftliche Reise: dass im ­Lachen ein guter Kern stecke, der über das Nur-Menschliche hinausreicht.

Bild

© Foto: Inox Kapell

»Kuckuck!« Der Vogel muss im Baum direkt hinter mir sitzen, so laut ist sein Ruf. In Gedanken sehe ich die flaumige, graue Kuckucksbrust bei jedem Ruf erzittern. »Kuckuckuckuck, Kuckuckuck!« Ich muss lachen. Er überschlägt sich fast vor Begeisterung über den hellen Morgen! – Begeisterung? Das war eine plumpe Projektion menschlicher Kategorien auf ein mir sehr fremdes Wesen. Ich sollte vorsichtiger sein.
Was fühlen Vögel, wenn sie singen? In meiner Fantasie schließe ich den Kuckuck an ein EEG an und beobachte die Zacken, die seine Gehirnströme während des Rufens auf einem Papier hinterlassen. Ich nehme jeweils eine Blutprobe vor und nach einer Gesangspassage und untersuche, ob Glückshormo­ne nachweisbar sind. Da grinst mich der ­Kuckuck an, schüttelt den Kopf, wirft die EEG-Sonden ab und flattert über den See davon. Nichts, aber auch gar nichts sei so über ihn zu erfahren, ruft er zurück.
Jetzt wird es still. Ich komme mir fremd vor mit meiner Grassaat zwischen Klebkraut und Brennnesseln. Kann sie lachen, diese mehr-als-menschliche Welt? Hat sie Spaß? Sind solche Fragen überhaupt relevant oder berechtigt? Oder sind sie nur naiv-romantischer Anthropomorphismus?

Froschgelächter und Ameisenglück?
Ich stelle diese Fragen den Menschen in meiner Umgebung und bekomme den ultimativen Video-Tipp: Eine Dohle schleppt einen Dosendeckel auf den First eines beschneiten Dachs, stellt sich drauf und schlittert runter. Und nochmal. Und nochmal. Ein Spaßvogel! Aber lacht sie dabei? Eher nicht. Das Lachen scheint eine ­Sache sozialer Säugetiere zu sein, ergibt meine kurze Recherche. Bei Affen klingt es wie ein Hecheln, und Bonobos und Schimpansen begleiten es mit Lauten, sowohl beim Ein- als auch beim Ausatmen. Auch beim Menschen ist das Lachen eine Folge schneller Atembewegungen, ausgelöst durch sich kontrahierende Muskeln, die einen Nervenreiz im Gehirn ausgleichen. Menschen erzeugen dabei nur beim Ausatmen einen stimmhaften Laut. Menschenaffen können sogar bewusst das Lachen anderer imitieren, um Vertrauen zu heischen. Schimpansenkinder haben sich vor den Augen von Forscherinnen auch schon Späße auf Kosten etwas ungeschickterer Orang-Utan-Kinder erlaubt. Ob bestimmte Hechelgeräusche, die Hunde beim Spiel von sich geben, als Lachen bezeichnet werden können, darüber streitet die Wissenschaft. Alles ganz interessant – aber nicht die Antwort, die ich suche.
Über dem See hängt die Mittagsschwüle, kein Lüftchen regt sich. Da, vom gegenüberliegenden Ufer, kommt der Einsatz des Froschchors. Hunderte von Schallblasen ratschen simultan drauflos. Nur zwei Minuten, dann verklingt es. Warum genau jetzt? Warum so kurz? Ob die Frösche im warmen Wasser zwischen den gelben Lilien ein kollektives Mittagsglück übermannt bzw. überfroscht hat, so dass sie nicht anders konnten? Diese Idee ist kaum weniger hypothetisch als die Annahme, Fritzchen Frosch habe einen guten Witz erzählt.
Es bleibt wohl ein Ding der Unmöglichkeit, Kreaturen, die mir evolutionär ferner sind als Säugetiere, nachvollziehen zu wollen, sage ich mir. Doch das muss ich am nächsten Tag wieder über den Haufen werfen, denn es kommt ein überlebensgroßes Insekt zu Besuch. Es trägt einen schwarzgestreiften Anzug, spitze, schwarze Schuhe und einen schwarzen Zylinder. Aus dem Bart zwirbeln sich zwei lange Antennen: Der Fluxus-Künstler und Entomologe Inox Kapell sagt von sich selbst, er sei ein als Mensch inkarniertes Insekt, denn er fühle sich diesen Wesen näher als allen anderen Kreaturen. Auf einem Rundgang über unser Gelände finden wir zwei blauglänzende Ölkäfer. Inox lässt sie über seine Hände krabbeln und zinnoberrote Ölspuren hinterlassen. Er lächelt ein seliges Insektenlächeln. »Können Ameisen lachen?«, frage ich ihn später per Mail. Er antwortet:
»Wenn ich Ameisen sehe, wie sie emsig den Hochzeitsflug der Königinnen und Könige vorbereiten, dann sehe ich sie lachen beim Tanzen und Kreiseln und Feiern.
Auch bei den Bienen kann ich ›Lachen‹ sehen, wenn sie dem Staat neue Kunde bringen von Nahrungsplätzen, aber auch, wenn sie sich necken und füttern und miteinander spielen, und vor dem großen Schwärmen seh’ ich sie lachen.
Auch wenn Schwebfliegen so miteinander kreisen, dann wieder stehen in der Luft, schnell manövrierend Bewegungen vollziehen, die nicht mal ein Hubschrauber schafft, dann sehe ich sie miteinander lachen. So wie ich die Ameisen trauern sehe, wenn Arbeiterinnen gefallen sind im Krieg und Kampf, so sehe ich sie auch sich freuen und lachen.
Als einmal Emus Hirtus (ein goldbehaarter Kurzflügler) direkt auf meinem Finger landete und sich dort schwungvoll aufrichtete – mich anschaute – sich dann wieder im Kreise drehte und seine Flügel einzog unter die kurzen Vorderflügel und dabei seinen Kopf neckisch bewegte – da wusste, ich, er lacht mich an.«
In den nächsten Tagen bemerke ich: Wenn ich lache, fühle ich mich den Kuckucken, Fröschen und Ölkäfern näher als in jeder anderen Situation. Warum? Warum überhaupt diese Obsession, nach dieser Nähe zu suchen? Rainer Hagencord, der als Theologe und Verhaltensbiologe das »Institut für theologische Zoologie« betreibt, antwortet mir mit dem Anfang der achten Elegie von Rainer Maria Rilke: »Mit allen Augen sieht die Kreatur das Offene.«
»Das Offene«, erklärt Rainer, »damit bin ich auf einer Spur in ein Feld hinein, die nicht mehr zwischen der Freude hier und der Trauer dort unterscheidet, sondern in eine Präsenz hineingeht. Rilke setzt in dieser Elegie das Tier neben das Kind, die Liebenden und die Sterbenden. Sie alle haben dieses offene Sehen, diese Präsenz.«
In der Unmittelbarkeit eines Lachens liegt vielleicht etwas von dieser Qualität. Die Präsenz des »Offenen« könnte gemeint sein, wenn es im Neuen Testament heißt, wir sollten von den Vögeln des Himmels und von den Lilien auf dem Felde lernen, meint Rainer. »Die Dohle am Wegrand oder der Dompfaff, den ich heute gesehen habe, bringen etwas zum Klingen, das sich nicht mit dem Verstand kategorisieren lässt. Ich hüte mich vor Anthropomorphisierung, aber es ist eine wichtige Spur, dem zu folgen, was Tiere in mir anrühren.«

Wissenschaft der Zärtlichkeit
Ich folge dieser Spur und staune, als ich ihre Fährte ausgerechnet beim ­Lesen eines wissenschaftlichen Werks wieder aufnehmen kann. Robert R. Provine ist Neuro- und Sozialwissenschaftler und hat mit seinen Studenten für sein Buch »Laughter. A Scientific Investigation« in Tausenden von Situationen lachende Menschen untersucht und befragt. Dabei stellte sich heraus, dass der Lacher über einen Witz vergleichsweise selten ist. Weitaus häufiger kommt das Lachen in allen erdenklichen sozialen Situationen vor, in denen es ganz normal und gar nicht sonderlich komisch zugeht. Verkabelten Probanden eine Comedy-Show im Fernsehen zu zeigen, war die mit Abstand unsicherste Methode, Lachsalven zu erzeugen. Einen hundertprozentigen Erfolg brachte nur eines: Zwei, die sich mögen und sich gegenseitig kitzeln.
»Kitzeln ist nicht nur eine Fußnote zur Geschichte des Lachens, sondern genau das Herz der Sache«, schreibt Provine. Affen lieben es, Fangen zu spielen und sich dabei zu kitzeln, auch als Erwachsene. Er zitiert eine Arbeit von Frans Plooij: Babyschimpansen laden ihre Mütter mit einem leichten Biss zum Spiel ein. Daraufhin kitzeln die Mütter die Babys, und die lachen so lange, bis es ihnen zuviel wird, so dass die Mutter immer weiß, wann es genug ist. Mit einem »Spielgesicht«, dem Beißen und ihrem Lachen choreografieren die Babys den Tanz zwischen Mutter und Kind. Oft wird behauptet, das Lachen sei aus einer Drohgebärde entstanden. Aber nein – es fließt aus dem Quellgrund der Zärtlichkeit zwischen uns Menschenaffen. Kitzeln könnte die Wurzel allen Spielens sein, meint Provine. Humor wäre damit ein intellektuelles Sahnehäubchen der Evolution auf einem viel größeren, bedeutsameren Kuchen. Kitzeliges Verhalten – also eine amüsiert-erregte Abwehr einer fremden, aber wohlwollenden Berühung, vor der »tier« keine Angst hat, sondern es im lustvollen Spiel wiederholt – zeigten Affen, Eichhörnchen, Hunde, Katzen, Ratten und viele andere Tiere, schreibt Provine. Die dem zugrundeliegenden sensorischen Fähigkeiten reichten vermutlich bis in die Welt der Insekten hinein.
Ich lege das Buch beiseite und laufe an den See. Unter meinen Füßen kitzelt das Gras. Die Natur dort draußen, all diese rätselhaften, unverständlichen Wesen, sie rücken so dicht an mich heran wie selten zuvor. Sie alle wollen sich nicht nur gegenseitig fressen, sie wollen sich auch berühren, sich spüren, liebevoll und spielerisch. Irgendwann in der Evolution haben sie angefangen, dabei vor Vergnügen zu quietschen, zu hecheln – und zu lachen. Das Lachen hat seinen Ursprung im Raum zwischen Körpern, nicht irgendwo in einem Bewusstsein, das so etwas wie Komik versteht. »Kuckuckuck!« In den Zweigen lacht aus lila Lunge mein Kuckuck ins Blau des Abendhimmels, den jetzt die Spur der Fledermaus aufreißt. Für ein paar Sekunden ist es da, das Offene aus Rilkes achter Elegie. Die Zellen all der vielen Körper um mich herum scheinen weit geöffnet. Sie warten auf die nächste Berührung. Vielleicht bringt sie einen Schmerz, vielleicht ein Lachen.•

 

Mehr über das Lachen, Spielen und Fühlen:
Marc Bekoff, Jessica Pierce: Vom Mitgefühl der Tiere. Kosmos Verlag, 2011 • Robert R. Provine: Laughter. A Scientific Investigation. Penguin Books, 2000 • Andreas Weber: Mehr Matsch! Kinder brauchen Natur. Ullstein, 2011

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