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Hat Gesualdo gelacht?

Humor und Melancholie – wie geht das zusammen?

von Johannes Heimrath , erschienen in 21/2013

»Weshalb«, so ein dem Aristoteles untergeschobenes Traktat über medizinische Probleme, »sind die Genies der Philosophie und der ­Politik, der Dichtung und der anderen Küns­te allesamt Melancholiker?«

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© Foto: www.oweiss.com

 

Die »schwarze Galle«, μελαγ-χολία – Melancholie –, symbolisiert in der Vier-Säfte-Lehre des antiken Arztes Galenos das reife Alter zwischen Jugend und Vergreisung. Melancholie – nicht Depression! – ist eine Gemütsverfassung, von der man erwarten darf, dass sich Weisheit mit Kraft, Ingenium mit Verwirklichung, Vision mit Empathie paaren. Man darf erwarten, dass das kindlich-jugendliche Streben nach einem Bleiben des Seienden dem Sinn für die Schönheit des sich ewig Wandelnden Platz macht, dass das infantil-technokratische Aufbäumen gegen das stete Vergehen des Gewordenen dahinschmilzt wie der »Sommerschnee«, den, in den schottischen Highlands zu dreizehn tonnenschweren Bällen gerollt, Andy Goldsworthy zur Sommersonnenwende 2000 in London installiert hat, um die Stadtmenschen mit der Vergänglichkeit zu konfrontieren. Das Spektrum deren fotografisch dokumentierten Reaktio­nen erregt allergrößte Heiterkeit. Höchste Kunst eines Erzmelancholikers.
Ein anderer Schwarzgalliker sitzt auf einem Stein – die Beine überkreuz, Ellbogen auf dem Knie, Gesicht in der Hand – und brütet darüber, wie man in dieser Welt leben solle: Walter von der Vogelweide. 1227 schreibt er: »Wo sind bloß meine Jahre hin? Hab ich mein Leben geträumt, oder ist es wahr? Die Wirklichkeit – gab es sie überhaupt? Ich habs verpennt und weiß es nicht mal …« Und dann kommen bittersüße Einsichten eines ­Weisen, der sich in einer Welt fremd fühlt, in der den jungen Leuten das Lachen vergangen ist.
Ganz schlimm: Carlo Gesualdo. Einige der schönsten Musiken des Abendlands komponierte er, nachdem er im Jahr 1590 seine rasend geliebte Frau in derartigem Zorn erstochen hatte, dass die 27 Schwerthiebe durch Leib und Bett bis in den Boden gedrungen waren. Sie hatte ihn mit einem anderen Edelmann betrogen. Manche halten Gesualdo für einen Masochisten, da er sich später mehrmals am Tag auspeitschen ließ. Das sehe ich anders: Seine Musik beweist, dass er den Schmerz über den Verrat von Freude und Lust, den Bruch von Vertrauen und Vertrautheit – Empfindungen, denen sich Melancholiker zurückhaltender als anders konstituierte Menschen hingeben, dafür aber umso endgültiger, ja, wie die Mordtat schrecklich zeigt, »tödlicher« – nie mehr loswurde. Wer so tief in den Klang des Universums hört, dass er ihn, von allen Zeiten losgelöst, in fünf Singstimmen bannen kann – nicht vorher, nicht nachher übertroffen –, braucht offenbar starke Mittel, um die Ganzheit von Seele und Leib wiederherzustellen, und sei es wenigstens im Schmerz. Gesualdo muss gelacht haben, viel, kraftvoll und voller Lebensfreude, in der Zeit vor der Katastrophe.
Die Melancholie ist kein abendländisches Phänomen. Aus den Texten des großen Daoisten Zhuangzi fließt schwarzgalliger Humor, etwa wenn er –  Zeitgenosse des Aristoteles – von zwei Pilgern erzählt, die einen Hang hinaufsteigen, den zahllose Baumstümpfe als abgeholzten Wald ausweisen. An einem uralten, verkrüppelten Baum halten sie an. Fragt der eine den anderen, warum ausgerechnet dieser verwachsene Krummling als einziger weit und breit die Kahlschläge überlebt haben mag. »Er war zu nichts nütze«, meint der andere.
Ist das nicht wunderbar? Von allen anderen Spielarten scheint der Humor des Melancholikers – da ich ein Mann bin, will ich mir über Melancholikerinnen, die es selbstverständlich gibt, Sappho oder Hildegard von Bingen etwa, Frida Kahlo vielleicht, kein Urteil anmaßen – am tiefsten zu wurzeln, nämlich in jenem tiefen Brunnen der Erinnerung, an dessen Grund die Bilder von allen Anfängen liegen, das Verstehen aller Beginne, die Idee allen Keimens und Werdens. Mehr als jedes andere Gemüt weiß das melancholische, dass, was aus jener Tiefe hervorwächst und sich lebensfroh im hellen Licht der Sonne ausfaltet, schon verloren ist, noch bevor sich die Zellen prallgesogen haben. Zerbrechlich erscheint dem Melancholiker das Leben; die Beobachtung seliger Momente von Pflanzen-, Tier- und Menschenkindern sind ihm kostbarste Augenblicke, übergossen mit hellster Heiterkeit. Der Tod ist dem Melancholiker ein inniger Freund. Seine Freude rührt aus dem Einverstandensein mit dem Vergehen, sein Glück aus der Endlichkeit der stofflichen Formen, und Lachen überkommt ihn angesichts des vergeblichen Wimmelns all derer, die sich für wichtiger nehmen als das fallende Herbstblatt, das sich reif gemacht hat für das Edaphon.
Sich ihrer selbst bewusste Melancholiker erkennen sich gegenseitig an ihrem Humor, der immer auch nach erfahrener Einsamkeit klingt. Sie begegnen einander in Beispielmomenten an Beispieltagen, die das Vollkommene einmal so sattmachend zeigen, dass einem nach nichts weiterem mehr gelüstet. Nach geteiltem Gelächter müssen sie sich nicht wiedersehen.
Habe ich mich nun geoutet? – Vorsorglich will ich feststellen, dass das eingangs zitierte Urteil nicht vice versa zu nehmen ist: Nicht jeder Melancholiker ist schon allein seiner schwarzen Galle wegen zu ­Großem berufen … 
 

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