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Lachen’s doch ned so blöd!

In einem Berliner Galeriecafé begegnete Oya-Herausgeber Johannes Heimrath dem von ihm hochgeschätzten Kabarettisten und Melancholiker Matthias Egersdörfer.

von Johannes Heimrath , Matthias Egersdörfer , erschienen in 21/2013

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© Foto: StephanMinx

Matthias, du rüffelst dein Publikum manchmal: »Da lacht man doch nicht! Wieso lachen Sie?« Und wer sich die Welt so anschaut, dem kann das Lachen ja wirklich nur vergehen. Mich befällt dabei oft eine seltsame Mischung aus Melancholie, Trauer, Humor der Verzweiflung und Sarkasmus, zum Beispiel wenn ich in Vorpommern die aussterbenden Dörfer sehe und weiß, dass dieses Aussterben systemischgewollt ist.


Diese Gefühlsmelange ist mir sehr vertraut. Besonders deutlich war das letzten Sommer auf einer Reise durch Franken mit meinem Freund Jürgen Roth – der Autor ist und zum Beispiel mit Hans Well die CD »Stoibers Vermächtnis« gemacht hat –, als wir Stoff für unser Buch »Gebrauchsanweisung für Franken« gesammelt haben. Da war diese Mischung aus Traurigkeit und Melancholie und gleichzeitig großer Freude. Auch Hass war dabei …

Hass? – Worauf?

Wir waren auf dem Hof von Jürgens Verwandtschaft. Der Bauer hat uns sein Büro gezeigt. Was der da auf seinem Tisch liegen hatte, finde ich immer noch unbegreiflich. Über alles muss er Rechenschaft ablegen, seine Felder werden per Satellit fotografiert, jede Kuh hat eine Plakette im Ohr. Er darf sie nicht selbst schlachten – in Hinblick auf die weit über hundert Jahre alte Tradition auf diesem Hof kompletter Irrsinn!

Auf der Bühne regst du dich dann über so etwas auf.

In den meisten Geschichten ist ein wahrer Kern, ein Quentchen Wahrheit. Dieser Kern wird für das Bühnenstück ausgestaltet und übertrieben. Im privaten Leben muss man mich schon sehr ärgern, bevor ich zu brüllen anfange.

Wie bist du zu deiner Kunst gekommen? Du verfügst ja über viele Ausdrucksformen. Interessanterweise sitzen wir gerade in einer Galerie. Maler zu werden, war ja auch eine Option in deiner Biografie.

Ich war schon ziemlich alt, über 30, als ich angefangen habe, Kunst zu studieren. Ein Professor hat mich damals gefragt, ob ich eine besondere Begabung hätte. Das wüsste ich nicht, war meine Antwort. Er hat mich nicht genommen. Ein anderer Professor, Peter Angermann, schien so eine Begabung in mir zu sehen und hat mich studieren lassen. Im ersten Semester an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg habe ich ein Kabarett-Programm aufgelegt. Früher war ich immer schon in Theatergruppen und Bands unterwegs. Leider haben sie sich immer aufgelöst, wenn es anfing, interessant zu werden. Deshalb kam es zu dem Soloprogramm. Ich habe mich damit professionalisiert, denn mit der Malerei war kein Geld zu verdienen.

Wie muss ich mir die Theatergruppen vorstellen, in ­denen du gespielt hast? Um welche Themen ging es da?

Verschiedene Off-Theater-Produktionen, mit denen wir in Franken, aber auch in Berlin gespielt haben. Der Dichter Ernst Jandl zum Beispiel hat mich sehr fasziniert. In seiner Tradition habe ich einige Lautgedichte geschrieben. Mit zwei Freundinnen aus dem Theater haben wir versucht, das aufzunehmen. Aber es hörte sich nicht gut an, uns fehlte die Präzision. Dann habe ich angefangen, Volkslied-Schlager zu schreiben und mit einem Freund zusammen auch die Musik dazu. Das war die Geburtsstunde der Band »Fast zu Fürth«. Mit Musik und Lyrik etwas zu erzählen, was einen selbst beschäftigt, das ist für mich wichtig. Auch H. C. Artmann war eine wichtige Inspiration für meine Arbeit.

Oh, da haben wir etwas gemeinsam! Mein Musikerfreund Michael Korth und ich haben 1975 Gedichte aus H. C.s »Botanisiertrommel« vertont und viele Jahre mit ihm zusammengearbeitet. Dichter wie Thomas Bernhard und H. C. Artmann hatten ja diese ganz eigene Art, aus der österreichischen bürgerlichen Mentalität auszubrechen. Wenn ich H. C. mal gefragt habe, was er eigentlich sagen möchte, kam immer eine tiefe Melancholie zum Vorschein. Diese alpenländische Schriftstellerei und Lyrik hat so etwas Verlorenes.

Ganz bestimmt. Die Melancholie und Traurigkeit dieser Österreicher sind mir sehr nah. Ich kam auf H. C. durch einen Freund, der ihn sehr verehrt hat. Er hat mir immer seine Texte zu lesen gegeben. Allerdings dachte er, H. C. sei schon gestorben. Aber dann, das war ungefähr 1994, erfuhren wir, dass er in Stuttgart eine Lesung hält. Wir sind begeistert dorthin gefahren, und ich habe all meinen Mut zusammengenommen und ihn nach der Vorstellung mit zittriger Stimme gefragt, ob er bei uns im Kuhstall lesen würde. Unser Freundeskreis hatte damals in der Fränkischen Schweiz einen Stall ausgebaut, wo wir Künstler ausgestellt und Theater gespielt haben. Auf die Frage, was er denn als Honorar nehmen würde, meinte H. C.: »Wenn ich dich so anschaue, dann hast du eh kein Geld.« Er kam tatsächlich in unsere Scheune und fand es großartig. Das war ein paar Jahre, bevor er den Büchner-Preis bekommen hat.

In Stuttgart hatten wir einmal eine ­extrem seltsame Aufführung mit H. C.: Michael Korth und ich sollten unsere mittelalterliche Musik machen und Bellman-Lieder singen, H. C. sollte dazwischen seine Gedichte lesen. Als H. C. erst kurz vor Beginn auf die Bühne kam, war sein grauer Anzug voll Blut, seine Lippe war dick geschwollen. »Mi hod a Wei’ bissn!«, rief er. Auf einer Veranstaltung in Wien am Abend zuvor hatte er eine Dame küssen wollen, die das nicht nett fand und ihm die Unterlippe fast ganz abgebissen hatte. Mit der genähten Wunde war er nun praktisch nicht zu verstehen. S, f, p und w – das war alles eins. Wir hatten viel Spaß auf der Bühne, aber es gab die schlechteste Kritik unserer Karriere. »Im Mittelalter hätte man solche Barden mit einem Runken Brot von der Burg gejagt«, stand in der Zeitung.

Ich habe H. C. für seine unglaubliche Poesie geliebt. Die Zartheit, die in manchen seiner Verse liegt, ist unübertroffen. H. C. hat oft den Biedermann in seinen Gedichten verarbeitet – eine Rolle, die du auch einnimmst, wenn deine Bühnenfigur zum Beispiel erzählt, wie sie bei einem Glas Bier aus dem Küchenfenster den »Hausrotschwänzle« zuschaut – was will man mehr?
Ja, es braucht gar nicht viel. Nächsten Dienstag zum Beispiel haben wir uns zum Herrentag in der Fränkischen Schweiz verabredet und werden uns einen Tag lang dem Bier und den Gesprächen widmen.

Hast du ein Netzwerk von Freunden, von ­denen du sagen kannst, »das sind wir«?

Die Keimzelle war der Kulturverein rund um den ehemaligen Kuhstall. Die Bücher, die wir lesen, die Kunst, die uns gefällt – das wollten wir dort zeigen. Die Kerntruppe existiert noch immer. Das sind uralte Freundschaften, in denen es ganz klar ist, dass man sich hilft, wenn es einem schlecht geht. Wir leben aber nicht zusammen, sondern treffen uns punktuell. Ich lebe mit meiner Frau in Fürth, andere Freunde leben ebenfalls dort oder in Nürnberg. Wieder andere sind in Berlin oder Frankfurt.
Wenn ihr euch eine Welt vorstellt, in der ihr gerne leben würdet, wie sähe sie aus?
Schwierig zu sagen. Ich fühle mich immer mehr als alter Sack, jetzt bin ich 43. Wenn ich mir so die heutige Humor-Landschaft anschaue, dann denke ich: Mit den meisten kann ich gar nichts anfangen. Meine Heroen sind nicht die der Zeitgenossen.
Viele Dinge aus der Vergangenheit finde ich schön. Zum Beispiel eine fränkische Metzgerei, in der das traditionelle Wissen von Generation zu Generation weitergereicht wurde. Jemand hat mal gesagt, ich sei ein konservativer Anarchist, das trifft es ganz gut. Ich liebe diese Metzgereien, wo depressive Metzgersfrauen einem guten Schinken abschneiden. Ich will nicht zum Discounter auf die grüne Wiese fahren und abgepackten Schinken kaufen müssen. Der Kapitalismus hat hier maximal zugeschlagen – so wie in der Landwirtschaft.

Ich staune, wie du das auf der Bühne in deine Figur übersetzt. Die ist ja eine Mischung aus Biedermann, unappetitlichem Proll, Wutbürger und Träumer. Statt Kabarett zu spielen, könntest du auch Aktivist sein und Bürgerinitiativen gründen.

Ich war mal im BUND und wurde angehalten, Aktionen zu generieren, damit es für den Verein gute Presse gibt. Das ging mir auf die Eier. Auch in der Kirche war ich aktiv, hab mich aber dort abgewendet und bin in die Kunst geflüchtet. Mit Leuten, die sich in einer Hierarchie hocharbeiten und Befehle nach unten geben, konnte ich noch nie etwas anfangen. Kennst du die Nummer mit den Spinnen unter der Autobahn? Die Szene fängt damit an, dass ich nachts mit dem Fahrrad fahre und diese Spinnen an der Straßenlampe sehe. Das Licht der Lampen lockt die Mücken und Falter an. Mit Jürgen Roth zusammen habe ich diese Szene weiterkonstruiert, um das auf eine kritische Ebene zu holen – gemünzt auf das Thema Getreidespekulation. Am Schluss musste ich es in meine Sprache bringen, damit die Geschichte dazu passt, wie der Typ auf der Bühne eben so redet.

Bekommst du Respons auf solche kritischen Nummern?

Neulich hat mir ein Pfarrer auf eine Kirchen-Nummer hin geschrieben. Bei dem Programm mit meiner Bühnenpartnerin höre ich öfter, dass die Leute ins Nachdenken kommen.

»Carmen« steht da ja neben dir und erträgt klaglos all deine Widerwärtigkeiten. Ich kann mir vorstellen, dass viele Leute diese Nummer gar nicht verstehen. Wer verbirgt sich hinter der Carmen-Figur?

Claudia Schulz spielt die Carmen. Sie ist Regisseurin und führt in vielen meiner Stücke Regie. Betrachtet man die Carmen-Szenen mit Verstand, stelle ich mich als diesen widerwärtigen Typen dar; ich bin nicht der feixende Gewinner. »Mai Ling« von Gerhard Polt sowie die Freundin-Figur von Mario Barth dienten als Inspiration. Ich dachte: Eigentlich müsste bei so einem Stück die Frau mit auf der Bühne sein. Wie fühlt sich das an, wenn das Opfer danebensteht? Was wird im Kabarett oft an Verächtlichkeit über Frauen ausgeschüttet oder über Menschen, die es in dieser Gesellschaft nicht so gut haben – aber so gut wie nie müssen die Zuschauer ertragen, dass das Opfer auf der Bühne das alles über sich ergehen lässt.

Das hat den Effekt, dass du als Zuschauer tiefe Abscheu empfindest: So etwas will ich nie wieder erleben. Schon gar nicht in der Wirklichkeit. Mir sind sofort Situationen bei uns in den Dörfern eingefallen, wo ich erleben musste, dass Männer exakt so mit ihren Frauen umgehen.

Die Nummer mit Carmen war vor fast acht Jahren eine meiner ersten. Damals war ich noch unbekannt, und meine Programme funktionierten in der Heimat nicht sonderlich gut, vermutlich weil das Publikum diese Typen, die ich spiele, zu gut kennt. Freunde aus der Comedy-Szene haben mir geraten, ich solle mich für ein paar Preise bewerben. Siegesgewiss sind wir nach München gefahren, wo wir die Nummer mit Carmen gespielt haben. Die Jury war danach kalkweiß im Gesicht. Wir haben nicht gewonnen. Als ich später wieder nach München eingeladen wurde, hieß es: »Aber die Frau lässt du daheim!« Das war ihnen zu heftig. Ein Jahr später habe ich dann in Hamburg den Comedy Pokal gewonnen. Erst danach wurde ich auch in Nürnberg bekannter.

Hat deine Figur eigentlich einen Namen?

Naja, sie heißt Matthias Egersdörfer. Ich habe es versäumt, mir einen Künstlernamen auszudenken. Entstanden ist sie, als jemand in einem Workshop sagte: »Wenn du Dialekt sprichst, stimmt alles. Dann brauchst du nur zu agieren und dir keine Gedanken mehr zu machen.« Auf der Bühne spreche ich mehr Dialekt als jetzt.

Der Bezug zu deiner Heimat scheint dir sehr wichtig zu sein. Ich denke an die Szene in der Nummer »Einkaufen« mit dem kleinen Buben im Metzgerladen. Der Arme wird auf eine Art zum Danke-­Sagen angehalten, die reine Folter ist. Diese Situation steht so lebens­echt und bildlich vor mir – meine Kindheit fand nämlich auch in einer Kleinstadt statt, allerdings im Unterallgäu.

Wenn ich mir solche Verstrickungen, solches Leid und solche Freuden anschaue, dann kann ich daraus Geschichten erzählen, die überall verstanden werden. Es gab aber mal eine Phase, in der ich gemerkt habe, dass ich den Leuten auf dem Land zu derb bin. Vielleicht bin ich ihnen zu nahe.

Wenn du so eine Szene wie in »Einkaufen« spielst – wieviel Selbsttherapie ist dabei?

Wenn ich das dreihundert Mal erzähle, weiß ich nicht mehr, was stimmt und was erfunden ist – irgendwie löst sich das Ganze auf. Kinder sprechen manchmal ein Wort so oft, dass es keinen Sinn mehr ergibt. Irgendwann löst sich vielleicht auch der Schmerz, wenn ich nicht mehr weiß, was gespielt und was erlebt ist.

Du wiederholst das Erlebnis ja nicht nur, du musst es auf der Bühne erneut Wirklichkeit werden lassen, sonst wirkt es nicht.

Was wirkt, ist immer schwierig vorherzusehen. Mir fällt es in letzter Zeit schwer, zu entscheiden, ob ich eine neu geschriebene Nummer aufführen kann oder nicht. Das Manuskript gebe ich meiner Frau zu lesen, und im besten Fall sagt sie: »Wenn du es machst, wird es schon lustig sein.« Wenn ich selbst denke, etwas sei lustig, klappt es vor dem Publikum meist überhaupt nicht.

Eine philosophische Frage: Was ist für dich Humor?

Ich musste als Kind für meinen Vater ab und an Bier aus dem Keller holen. Weil ich in der Dunkelheit Angst hatte, hab ich mir dabei immer Geschichten ausgedacht und mich abgelenkt. Auf dem Weg in den Keller ist der Humor entstanden, als Strategie gegen die Angst. – Ich sehe Humor schon auch als Strategie, wenn es finster und dunkel wird – nicht, um sich abzulenken, sondern um den Blick ins Dunkle auszuhalten, es zu bestehen. Dass man mit einer Schrecklichkeit spielen kann, über sie lachen kann, schafft die Möglichkeit, sie anzuschauen, sich damit in Beziehung zu setzen, denn man steckt als Publikum selbst nicht mittendrin.

Dieser Beziehungsraum – schau mal, du bist auch nicht anders – ist vielleicht der Unterschied zwischen bloßer Unterhaltung und einem Humor, der dich berühren und verändern kann.

Josef Hader sagt, er möchte keine Leute angehen, die nicht im Saal sitzen. Ich vermeide Witze über die da oben in Brüssel oder Berlin, die bösen Schaden anrichten, denn die sind nicht im Publikum. Ich glaube, das Problem sind wir schon alle miteinander, und das möchte ich an so einem Abend vermitteln.

Ein gutes Schlusswort! Hab Dank für das schöne Gespräch.•

 


Matthias Egersdörfer (43) studierte Germanistik, Theaterwissenschaft, Philosophie und Bildende Kunst. Heute ist er freier Kabarettist und Comedian mit ­Meldeadresse im mittelfränkischen Fürth.
Lust auf grausig schön verzweifeltes Gelächter?
Auf YouTube z. B. nach »Egersdörfer Spinnen« und »Egersdörfer Einkaufen« suchen. ­Ansonsten: www.egers.de. Das Buch »Gebrauchsanweisung für Franken« von Matthias Egersdörfer und Jürgen Roth erscheint im August 2013 als Piper Taschenbuch.

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