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Die Kunst des Lachens

Ein philosophischer Streifzug durch die Geschichte des Lachens, gewidmet dem Menschen, der die Welt zu beherrschen sucht und dabei nicht einmal sich selbst zu beherrschen versteht.

von Wilhelm Schmid , erschienen in 21/2013

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© Foto: www.mvmpapercuts.com

Was ist das Lachen? Das ist schwer zu sagen. Nicht immer ist es bewusst hervorzurufen. Im Regelfall ist es zufällig und unerklärlich, es entzieht sich konsequent dem ernsten Zugriff der Vernunft. Eine Theorie des Lachens gibt es nicht und hat es nie gegeben, und das ist sogar gut so: Wäre das Lachen zu definieren, schriebe man es fest, und es bliebe einem im Halse stecken. Plötzlich bricht es heraus, mit oder ohne Grund. Es zeichnet eine Struktur von Linien ins Gesicht, die vorher nicht zu sehen waren, die sich aber mit der Zeit eingraben und so charakteristisch für einen Menschen werden wie seine Unterschrift. Irgendwo kocht es vielleicht schon unter der Oberfläche, und dann explodiert es wie ein Vulkan. Seismografische Messungen nehmen vielleicht im Voraus schon ein leichtes Beben wahr, aber sichere Voraussagen kann man nicht machen.
Der Weg, den das Lachen nimmt, ist unvorhersehbar: Es kann sogar kehrtmachen und sich gegen den Lachenden selbst wenden – ein Rohrkrepierer, etwa wenn es »im Halse steckenbleibt«. In jedem Fall ist es ein innerer Krampf, wie er schon oft von verwunderten und entsetzten Beobachtern beschrieben wurde; ein Krampf, der die Gesichtszüge zu Grimassen verzerrt und von unartikulierten Geräuschen begleitet wird. Selbst die Gehirnwindungen werden von einem Krampf befallen: Sie verschlingen sich auf heillose Art und Weise ineinander, aus der sie ohne Muskelkater nicht mehr herauskommen. Die wohlgestaltete, ebenmäßige Symmetrie des Gesichts wird bis zum äußersten gespannt, und schließlich zerreißt sie; der Mund, der doch sonst die nuanciertesten Zeichen formuliert und ein Ort des Ausdrucks und der Bedeutung ist – dieser Mund öffnet sich weit und entlässt ein einziges schallendes, rhythmisch wiederholtes Geräusch, völlig disproportio­niert und irregulär: Das Lachen weiß selten das rechte Maß zu wahren, es ist per se ein Exzess.
Immer steckt im Lachen die Gefahr, zur Epidemie zu werden, ja sogar zur Pandemie, denn es kennt keine Grenzen, es ist sogar multikulturell und international. Deswegen fürchten die Mächtigen das Gelächter mehr als einen militärischen Feind. Es ist nicht zu fassen, so wenig, wie es zu begreifen ist. Es ist die perfekte Subversion, die selbst von einer totalitären Herrschaft nicht zunichtegemacht werden kann. Es ist die gefürchtete Transversale, die alle Machtverhältnisse durchschneidet. Gegen das Lachen kann niemand ernsthaft etwas sagen: Das macht seine subversive Macht aus.
Aber Lachen ist nicht gleich Lachen, es gibt vielmehr eine Unzahl von Variationen davon für den Gourmet, je nachdem, mit welch anderem Affekt es sich vermischt: mit Zorn, Freude, Liebe, Hass, Neid usw. Das Lachen ist keineswegs identisch mit der Freude, wie man zunächst zu meinen geneigt ist; dies ist vielmehr seine harmlose Variante. Es kann ebenso mit der Verzweiflung verbunden sein. Es gibt das Lachen, das mit Sarkasmus durchsetzt ist und das man oft das »böse Lachen« nennt. Lachen kann eine Gemeinschaft, ja eine Komplizenschaft zwischen Individuen begründen: Im Lachen finden die Freunde zueinander und erkennen sich. Umgekehrt kann das Band zerschnitten werden, wenn der eine über den anderen lacht, statt mit ihm.

Im Lachen explodiert die Wahrheit
Das Lachen ist ein Bestandteil jeder Kultur. In der Geschichte des Lachens würde man auf die Kultur der Renaissance stoßen, in der der Witz als Waffe wiederentdeckt wird. Petrarca unternimmt Witzsammlungen nach dem Vorbild Plutarchs. In den Novellen erscheinen Possen und Späße von einer Rohheit und Bosheit, die kaum noch zu übertreffen sind. Man hätte es in dieser Geschichte mit Don Quijote und Sancho Pansa zu tun, mit Rabelais und François Villon, auch mit Molière, der die Arbeit der Aufklärung mit Konvulsionen belebt hat, die sie wohl besser beförderte als manche theoretische Abhandlung. Balzac nicht zu vergessen, der sein ganzes Werk der »Comédie humaine« widmete; und Baudelaire, der überzeugt war, es gäbe keine Komik mehr, dächte man sich den Menschen aus der Schöpfung weg. Im 20. Jahrhundert lebt das Medium des Films mit dem Lachen erst so richtig auf mit Buster Keaton und Charlie Chaplin, die sich darauf verstehen, regelrechte Lachsalven freizusetzen. Auch Karl Valentin weiß sich dieses Mediums zu bedienen, wenn er ein ums andere Mal das Sprengpotenzial, das im banalen Alltag zu finden ist, erprobt:
Valentin kommt in die Apotheke. Ob er denn kein Rezept habe, fragt ihn die Apothekerin. «Nein!« »Was fehlt Ihnen denn eigentlich?« »Nun ja, das Rezept fehlt mir.« »Nein, ich meine, sind Sie krank?« »Wie kommen Sie denn auf so eine Idee? Schau ich krank aus?« »Nein, ich meine, gehört die Medizin für Sie oder für eine andere Person?« »Nein, für mein Kind.« »Also, das Kind ist krank. Was fehlt denn dem Kind?« »Dem Kind fehlt die Mutter.« »Ach so, das Kind hat eine Stiefmutter.« »Jaja, leider, die Mutter ist nur stief statt richtig, und deshalb muss sich das Kind erkältet haben.« »Hustet das Kind? Vielleicht hat es Schmerzen?« »Möglich, aber es ist schwer. Das Kind sagt nicht, wo es ihm weh tut. Die Stiefmutter und ich geben uns größte Mühe. Heut hab ich zu dem Kind gesagt, wenn du schön sagst, wo es dir weh tut, kriegst du später mal ein schönes Motorrad.« »Und?« »Das Kind sagt es nicht, es ist so verstockt.« »Wie alt ist denn das Kind?« »Sechs Monate alt.«
Im Lachen über Situationen wie diese explodiert eine Wahrheit, die man, zu voreilig, schon zu kennen glaubte. Die ganze Bewegung des Dadaismus ist ein einziges Lachen in diesem Sinn. »Schrankenlose Freiheit für HH« heißt es in einem dadaistischen Werk von 1919. HH, das ist einerseits das Kürzel für die Dadasophin Hannah Höch, andererseits das Haha des Gelächters – beide treten an gegen die Verfestigungen der Gesellschaft. Die Dadaisten konnten dem ersten Weltkrieg nur noch ein sarkastisches Gelächter hinterherwerfen: »Wir sahen damals die irrsinnigen Endprodukte der herrschenden Gesellschaftsordnung«, sagt George Grosz 1925, »und brachen in Gelächter aus«. Es war das Gelächter der Verzweiflung – das Einzige, was auf die Katastrophe antworten kann. Hinter dem Lachen lauert das Entsetzen.
Das Lachen steht in einer gewissen Gegnerschaft zum Pathos des Erhabenen. Das radikal Andere bricht auf. Man verabschiedet sich von einer festen Ordnung und Konvention und widerruft, was eben noch gegolten hatte. »Mir tut das amerikanische Lachen wohl«, sagte Nietzsche einmal, »diese Art von derben Seeleuten wie Mark Twain. Ich habe über nichts Deutsches mehr lachen können.« Nietzsche beklagt auch das »große Missverständnis der Heiterkeit«, das darin bestehe, von der Heiterkeit auf ein fröhliches Leben zu schließen, das in Wahrheit doch eines voller Verzweiflung, voller Probleme und Leiden sei. Der Ausbruch des Lachens ist ja nichts anderes als das Ausbrechen aus diesem Gefängnis seiner selbst, um wieder frei zu atmen und sich neu zu organisieren.
In der modernen Psychopathologie und Medizin wird das Lachen als ein »subkortikales« Phänomen verdächtigt, das heißt als etwas, das der primitiven, irrationalen Instinktschicht nahe ist. Aber diejenigen, die glauben, das Lachen könne nicht denken, sind sehr simple Gemüter, vielleicht auch ein wenig schwerfällige: Denn das Lachen denkt schneller, als das rein aufs Denken fixierte Subjekt dies für möglich halten würde. Das Lachen ist ein Medium der Erkenntnis, das alle Gegenstände blitzartig durchdringt. Wenn ihm die Vernunft abgestritten wird, dann nur deswegen, weil es eine andere Vernunft sichtbar werden lässt – eine lachende Vernunft, die sich über die Gewohnheiten, Normen und Konventionen, die den Begriff der »Vernunft« allein für sich beanspruchen, lustig macht. Aristoteles, der frühe große Denker des Lachens, wusste um diese andere Vernunft. Wenn das Lachen zwerchfellerschütternd wirke, so meinte er, dann zeige sich dabei sehr deutlich, dass es sowohl die höheren als auch die niederen Vermögen des Menschen in sich vereine: Denn das Zwerchfell ist der Übergang, die Schwelle zwischen den oberen und unteren Regionen des Menschen; es ist der Sitz der Klugheit, Ort der Begegnung von Denken und Fühlen, Quelle des physischen Lebens. In der Tat setzen sich die Zuckungen des Zwerchfells nach unten wie nach oben fort: nach unten in die Verdauungsorgane, nach oben in die einsamen Höhen des Geistes.
Über den Verlust jenes Teils der »Poetik«, in dem Aristoteles von der Komödie und der Komik – mithin vom Lachen – handelte, wird die Menschheit wohl noch bis ans Ende ihrer Tage weinen. Glücklicherweise erweist sich Aristoteles auch in den überlieferten Schriften als der erste abendländische Denker des Lachens. Das Lachen ist für ihn sogar das, was die Differenz des Menschen zum Tier ausmacht: Der Mensch ist das lachende Tier. Dass die Erörterung des Lachens in der »Poetik« auf die Theorie der Tragödie folgte, hatte seinen guten Sinn: Durch das Lachen nämlich heilt der Mensch sich von der Tragik des Lebens, von Schmerz und Leid. Wie die Tragödie hat auch die Komödie eine Katharsis, eine Reinigung zum Ziel, die allerdings mit Hilfe des Gelächters geschieht. Eigenartigerweise ist die szenische Ausgangssituation in beiden Fällen eine tragische, und in beiden Fällen tränen die Augen. In keinem Fall geht es um die Aufhebung oder Überwindung der Tragik, sondern um das Leben und den Umgang damit.

Das große Gelächter, das die wahre Philosophie ist
Darin besteht die wahre Weisheit, die der Philosophie ihren Begriff gibt: in der Neigung zum Lachen. Das Lachen tönt aus dem Horizont der Möglichkeiten und prustet über die kleine Welt, die sich für die einzig mögliche hält, während sie schon morgen von gestern sein wird. Kein Zweifel, dass das Lachen mit der Aufklärung verwandt ist, denn es stellt die Zusammenhänge in ein gleißendes Licht vor aller Welt. Das Lachen ist autark im wirklichen Sinn, es genügt vollkommen sich selbst. Daher konzentriert sich in ihm die wahre Philosophie. Wirklich zu philosophieren, so schon Pascal, bedeute, sich über die Philosophie lustigzumachen, über die Philosophie nämlich, die »den Grund« zu finden hofft. Das große Gelächter, das die wahre Philosophie ist und das im Fass des Kynikers Diogenes seine Heimat hat, wo es scheppernd an den Wänden widerhallt – dieses Gelächter soll nun endlich zu Wort kommen. Der auf die Spitze getriebene Kynismus ist das Lachen über eine Philosophie, die ein Fass ohne Boden ist. Hören wir, was diesbezüglich im Freiburger Narrenblatt von 1954, zur Zeit der »Faßnacht«, der Fastnacht, fast Nacht, über die Philosophie eines gewissen Professors Maxim Feldweger zu lesen war – Ähnlichkeiten mit dem Philosophen Martin Heidegger sind natürlich rein zufällig. So einen Spott konnte sich wohl nur sein Bruder Fritz erlauben. In Anlehnung an den Jargon von »Feldweger« entfaltet er eine regelrechte Fassphilosophie, fast Philosophie, ein Denken in närrischer Zeit:
»Das Fassende des Faßbaren ist die Nacht. Sie faßt, indem sie übernachtet. So ge-faßt, nachtet das Faß in der Nacht. Sein Wesen ist die Ge-faßtheit in der Nacht. – Was faßt – was nachtet? – Dasein nachtet fast. Übernächtig west es in der Umnachtung durch das Faß, so zwar, dass das Faß-bare im Ge-faßt-werden durch die Nacht das Anwesen des Fasses hütet. Die Nacht ist das Faß des Seins. Der Mensch ist der Entberger und Hüter des Fasses. Dies ist seine Verfassung. So zwar entbirgt sich dem Dasein als sein Existenzial des Über-die-Welt-hinaus-Seins das Ge-faß. Das Fassende des Fasses aber ist die Leere, nicht die Leere das Faß. Sie fügen einander wechselweise in ihr Faßbares. Im Erscheinen des Fasses als solchem aber bleibt das Faß selbst aus. Es hat sein Bleibendes in der Nacht. Die Nacht übergießt das Faß mit seinem Bleiben. Aus dem Geschenk dieses Gusses west die Faß-nacht. Es ist unfaßbar.«
Unfassbar, wie die Abgründigkeit, die sich partout nicht auf­heben lässt, im Lachen über »Sein«, Leben und Welt plötzlich doch wieder als lebbar erscheint, während man eben noch verzweifeln zu müssen meinte. Solche Ressourcen zu erschließen, ist eine Frage der Haltung, die die eine von Natur aus mitbekommen hat, der an­dere willentlich sich aneignet. Ihre gesteigerte Form ist die Bereitschaft, sich selbst zum bevorzugten Gegenstand des ­Lachens zu ma­chen. Wenn es eine Haltung der Weisheit gibt, dann ist es diese. •


Wilhelm Schmid (60) ist freier Philosoph und außerplanmäßiger Professor für Philosophie an der Universität Erfurt. 2012 erhielt er den Philosophie­preis für besondere Verdienste bei der Vermittlung von Philosophie.

Lächeln mit Wilhelm Schmid:
Soeben bei Suhrkamp erschienen: »Dem Leben Sinn geben«. Auch sehr ­erbaulich: »Glück« und »Unglücklich sein« von Wilhelm Schmid im Insel-Verlag.

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