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Permakultur am Kilimandscharo

Traditionelle Landwirtschaft und Permakultur begegnen sich

von Bernhard Grubers , erschienen in 02/2010

E ine Studienreise durch Tansania führte die beiden Österreicher Franz Hörmannseder und Bernhard Gruber auf den Hof der ­Familie Masawe. Dort arbeiteten sie mit und besuchten die noch verbliebenen Reste der traditionellen Waldgärten der Chagas in der Kilimandscharo-Region.

In der Mitte des massiven Tischs steht ein Tablett mit einem Krug Wasser und einigen Trinkgläsern, daneben eine Schale mit grünen Bananen, Avocados und zwei großen Papayas. Am Nebentisch ist ein kleines Buffet mit gekochten Speisen aufgebaut. Der aromatische Geruch breitet sich über den Tisch aus. »Karibu Sana« – wir werden höflich eingeladen, uns zu bedienen.

Aloisi und Agnes Masawe haben es mit viel Fleiß und Offenheit zu einem bescheidenen Wohlstand gebracht. Sie gehören zu den Chaga, der drittgrößten Gruppe indigener Bewohner in Tansania, die für ihre kreativen landwirtschaftlichen Methoden bekannt sind. Aloisi hatte im Alter von vierzehn Jahren seine Lehre als Fleischer abgebrochen und schlug sich stattdessen bis nach Nairobi in Kenia durch, um die Highschool zu besuchen. Fehlendes Schulgeld ließ ihn wieder nach Tansania zurückkehren, wo er in einem kleinen Laden arbeitete. Er konnte später die Highschool nebenbei absolvieren und auch ein Stück Land kaufen. Die Teilnahme an einem von Kanada aus finanzierten Imkerei-Projekt sollte wegweisend für seine Zukunft werden. Heute ist Aloisi Imker mit Leib und Seele und fühlt sich dem organischen Landbau verbunden. Aus ganz Tansania kommen Leute zu ihm und lassen sich in Bienenhaltung und Honiggewinnung unterrichten. Eine kleine, stachellose Bienenart, die er von zwei alten Männern aus der Region bekam, ist seine Spezialität. Sie kann ohne Probleme in der Nähe von Mensch und Tier gehalten werden, und so stehen die Stöcke auch im Innenhof unter den Dachvorsprüngen.

Die Masawes bewirtschaften zwei Hek-tar Land und gelten damit schon fast als Großgrundbesitzer im Gebiet von Umbwe Onana. Ein durchschnittlicher Bauernhof am Kilimandscharo verfügt nur über etwa einen Hektar. Was früher im hoch produktiven System des Waldgartens für ein gutes Auskommen einer großen Familie reichte, wird heute allzu oft durch den monokulturellen Anbau von »Cash Crops« wie Kaffee und Mais beinahe unmöglich.

Die Ebenen eines Waldgartens
Das auch als »Homegarden« bekannte traditionelle Bewirtschaftungssystem ist ähnlich wie ein natürlicher Wald in Pflanzenschichten aufgebaut: Hier bilden beispielsweise Erdnüsse und Kartoffeln die Knollenschicht, Buschbohnen und manchmal auch Kürbisse die Krautschicht. In der nächsten Ebene, der Strauchschicht, wachsen Kaffeestauden, zwischendurch Mais und kleinere stickstoffsammelnde Bäume, ebenso wie Zitrusfrüchte, Granatapfel und Zimtbaum. Eine weitere Ebene bilden Bananen, Mango und Papaya, gefolgt von der Kronenschicht mit Bäumen wie Avocado und verschiedenen als Bauholz verwendeten Stickstoffsammlern. An Wasserkanälen findet man Zuckerrohr und Kressearten. Teilweise bis in die Kronenschicht rankt der Ölkürbis, auf den niedrigeren Bäumen klettern Passionsfrucht und Kajote.

Dieses System liefert rund ums Jahr Lebensmittel, Futter für die Tiere, Medizin, Bauholz und Energieholz. Der Anbau in Terrassen und der ständige Bewuchs durch Dauerkultur schützt zudem die dünne Humusschicht vor Erosion. Solche Art der Bewirtschaftung steht im Vergleich zum Monokulturanbau, der mit der Einführung von Steuern durch die damaligen Kolonialmächte seinen Einzug im Land hielt, klar im Vorteil.

Neben der Bodenerosion entwickelt sich heute auch die Wasserversorgung problematisch: In der Trockenzeit wird das Wasser knapp, da immer mehr wasserspeichernder Wald am Kilimandscharo gerodet wird. In der Regenzeit kann der Boden die Wassermassen nicht aufnehmen. Es kommt zu Überschwemmungen bis hin zu Murenabgängen, und die ganze Straße wird zum Wasserkanal. Doch in der Permakultur ist das Problem immer die Lösung. Es gilt, die Wassermassen auf die Felder zu bringen, ohne dass diese dadurch in Mitleidenschaft geraten. Mit waagrechten Wasserrückhaltegräben kann dabei sehr gut Abhilfe geschaffen werden.

Ein Wasserrückhaltegraben entsteht
Auf einem neuen Feld auf Aloisis Farm wollten wir einen solchen Wasserrückhaltegraben, »Swale« genannt, anlegen. Probeweise markierten wir mehrere Konturlinien möglicher Grabenverläufe im Feld. Da der künftige Graben nicht nur oberflächliches Hangwasser zum Versickern bringen soll, entschieden wir uns für eine Verlauf, bei dem auch Regenwasser von der Straße auf das Feld eingeleitet werden kann.
Mit immer wieder neuen fleißigen Helfern schafften wir es innerhalb eines Tages, den gut 50 Meter langen Graben fertigzustellen. Tags darauf sollte sogleich der Regen folgen. Wir konnten klar die Funktion eines Swales erkennen: Wasser wird vor Ort zum Versickern gebracht.

Funktionierende Wasserrückhaltegräben entdeckten wir bei unserer Reise durchs Land auch in einem Permakultur-Projekt in Kinesi. Diese wurden im Jahr 2007 angelegt, als der Permakultur-Designer Geoff Lawton einen Zertifikatskurs vor Ort abhielt. Die Dämme der Swales sind auch hier mit ausdauernden Früchten und Stickstoffsammlern bepflanzt. Die vor zwei Jahren teilweise aus dem Kern aufgezogenen Pflanzen haben sich sehr gut entwickelt – wie auch die Verbreitung der Permakultur, die hier nun bereits in der Grundschulbildung verankert wurde.

Wir verbrachten über eine Woche auf Aloisis Farm. Auf unserer Reise durch das Landesinnere sahen wir viel Not, Bauernhöfe, die wegen Trockenheit aufgegeben wurden, kranke und hungernde Menschen. Doch wir sahen bei unserem Besuch der Permakultur-Projekte auch die Hoffnungen und Möglichkeiten der Menschen.

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