enkeltauglich leben

Vom Reden und Schweigen

Stefan Sylla und der Oya-Hütekreis erforschten sich selbst.

von Stefan Sylla, erschienen in Ausgabe #61/2020

© Foto: Panicha Kongkrapan

Auf dem alten Sofa sitze ich vor der Kamera meines Laptops. Wir – sechs Mitglieder des Hütekreises – treffen uns über zwei Monate hinweg in wöchentlichen Videokonferenzen, um die Idee des Hütekreises tiefer zu ergründen. Was ist der Kreis eigentlich? Was stellen wir uns darunter vor, was hat er mit uns zu tun, wie steht er mit Oya in Verbindung? Heute ist das erste Treffen. Noch ziemlich am Anfang unseres Gesprächs tritt plötzlich Stille ein. Niemand sagt etwas zu der in den Raum gestellten Frage. Ich starre auf den Bildschirm und weiß nicht, wo ich hinschauen soll. Da sind diese sechs Fensterrahmen, auf denen man uns alle vor Web-Cams sitzen sehen kann. Auf meinem eigenen Fenster sehe ich selber dabei zu, wie ich versuche, entspannt und locker zu wirken, obwohl ich es nicht bin. Wieso sagt keiner was? Ist das hier gerade peinlich? Mein Kopf befiehlt: »Schnell, Stefan, lass dir was einfallen, um die Stille zu brechen!« Ich fahre mir mit der Hand durch die Haare und überprüfe auf dem Monitor, ob ich auch entspannt genug ausschaue. Noch jemand bewegt sich, vielleicht macht er gerade dasselbe durch wie ich? Der Blick auf die in zwei Reihen angeordneten sechs Fenster auf dem Bildschirm läßt mich an sechs Menschen denken, die auf den Balkons ihrer Plattenbau-Wohnungen sitzen. Seltsamerweise hat diese Vorstellung etwas Entspannendes. Wieso auch nicht schweigen? Einfach mal hinsetzen und in die Stille lauschen! Ich lehne mich etwas mehr in die freundlich nachgebenden Sprungfedern des Sofas zurück. Nach gefühlten fünf Minuten ergreift schließlich einer von uns das Wort.

Diese Begebenheit war charakteristisch für alles, was danach in unseren Runden geschah. Neben spannenden und wichtigen Inhalten – wie etwa der Frage, ob der Hütekreis als Commons gedacht werden könnte – waren es vor allem solche intimen Momente, die diese Gesprächsrunden so wertvoll machten. Da war dieses Gefühl, an etwas Neuem, Unbekannten mitzuwirken, der Mut, Ungewohntes sagen zu können, Tiefen zu hören; da warsanftes Anstoßen, aber auch empathische Anteilnahme an Gesagtem und – vor allem –Respekt füreinander.All das erzeugte einen ganz besonderen Raum des Miteinanders. So sprachen oder schwiegen wir also, und es fielen Ausdrücke wie »heilende Wirkung«, »dabeisein dürfen«, »(sich) angenommen fühlen«. Es war ein Gespräch, bei dem, während über Inhalte gesprochen wurde, gleichzeitig auch Seelenpflege und gegenseitige Fürsorge geschah. Eine Atmosphäre, in der man sich selbst sein durfte, sich wahrgenommen und gehört fühlte. Ein Ort der Stärkung.

Gegen Ende unseres Gesprächsrunden-Zyklus hörte ich im Radio die Vorstellung des Buchs »Unter dem Nordlicht« mit Geschichten indigener Gemeinschaften Kanadas. Der Autor, Manuel Menrath, der viel Zeit vor Ort verbracht hatte, berichtete im Interview über ein für ihn zentrales Erlebnis: Man habe abends oft im Kreis zusammengesessen, und es sei dabei immer wieder vorgekommen, dass man einfach schwieg. Dass dieses Schweigen auch eine Qualität sein kann und von den dort lebenden Menschen als wichtiger Bestandteil des Miteinanders erachtet wird, war für Manuel Menrath eine wichtige Erfahrung.

Ich spüre eine innere Wärme bei dem Gedanken, dass wir in den Gesprächsrunden womöglich nicht auf dem Holzweg sind, sondern uns vielleicht auf eine neue Form der Indigenität zubewegen – auch, wenn uns Aspekte davon im Moment mitunter noch schwerfallen. Was uns viel Überwindung kostet, ist vielen indigen lebenden Menschen wohl bis heute noch tief vertraut.

Was ist der Oya-Hütekreis?

Der Hütekreis von Oya ähnelt dem Mitgliederkreis einer solidarischen Landwirtschaft. Statt einem Hof bei den Finanzen und bei der Ernte zu helfen, unterstützen die Hütenden die Zeitschrift mit selbst gewählten finanziellen Beiträgen, Artikeln, Recherchen oder Fotos. Seit dem ersten Hoffest 2019 tauscht sich ein Kreis von Hütenden regelmäßig aus und versucht, den Geist von Oya in das jeweils eigene Leben zu integrieren. Wer auch mithüten möchte, schreibt an hueten (ät) oya-online.de